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Wie man eine 100-Millionen-Dollar-Strafe als Sieg abfeiert

Der Gerichtsprozess zwischen Faketoshi Craig Wright und Ira Kleiman ging mit dem Urteil einer Jury zu Ende. Craig wird von den meisten Anklagen freigesprochen, muss aber eine Strafe von 100 Millionen Dollar bezahlen. Ist das nun ein Sieg für Craig oder für die Gegenseite? Und beweist das Urteil, so oder so, dass Craig doch Satoshi ist?

Was in einer Nachricht steht, hängt oft mehr davon ab, wer die Nachricht schreibt als was tatsächlich geschah. Mehr als deutlich wird das, wenn man sich anschaut, wer was zum Prozess von Craig Wright berichtet.

Craig Wright, der australische Pseudo-Satoshi und Kapitän der eher dahinschlingernden Kryptowährung Bitcoin SV (BSV), steht seit bald zwei Jahren in Miami vor Gericht. Der Bruder von Dave Kleiman, Craigs angeblicher Partner bei der Gründung von Bitcoin, verklagt diesen auf ungefähr 550.000 Bitcoin – die Hälfte der Satoshi zugeschriebenen 1,1 Millionen Bitcoins – die dieser seinem verstorbenen Bruder vorenthalten habe.

Craig streitet, kurz gesagt, mit dem rachsüchtigen Geist von jemandem, den er posthum in seine Scharade eingespannt hat, um einen milliardenschweren Bitcoin-Schatz, den Craig gar nicht besitzt. Nun hat das Urteil einer Jury diesen Geisterprozess entschieden, und ein sich über Jahre mühsam dahinziehendes Verfahren geht zu Ende.

Jimmy Nguyen, bekannt als Craigs Rechte Hand und Babysitter bei öffentlichen Auftritten, nennt das Urteil einen „WIN“. Ein „bemerkenswert gutes Ergebnis“ stimmt Craig Wright bei. Er sei noch niemals in seinem Leben so erleichtert gewesen. Sein Anwalt, Andres Rivero, redet gar von einem „vollständigen Sieg“, von „einem der am lautesten hallenden Siege in der Geschichte amerikanischer Gerichtsverfahren. Wir haben sie fertig gemacht … es ist eine vollkommene Niederlage für die andere Seite.“

https://twitter.com/KyleWRoche/status/1468007530634829826

Die Gegenseite, der Anwalt Kyle Roche, der Daves Bruder Ira vertreten hat, bezichtigt Rivero der Lüge. „Ganz wie sein Klient scheint sich Andres wohler damit zu fühlen, zu lügen, als sich der Wahrheit zu stellen.“ Offenbar hat der Gerichtsprozess das Bedürfnis der beiden Parteien, sich zu streiten, noch nicht befriedigt.

Aber wer von beiden hat recht – wenn man das überhaupt sagen kann?

Keine Partnerschaft, aber Aneignung von geistigem Eigentum

Es ging um eine enorme Menge Geld. Um, so Andres Rivero, „600 Milliarden Dollar plus Strafzahlungen“. So viel wollte Ira Kleimann offenbar, weil Craig Wright, der hier als Erfinder von Bitcoin auftrat, diese Summe in Bitcoins seinem Bruder unterschlagen hatte. Seit Beginn des Prozesses ging es darum, in welchem Verhältnis die beiden (angeblich) standen, und indirekt darum, ob Craig Wright wirklich Satoshi ist, wie er behauptet.

Der Prozess ging hin und her. Irrsinnige Mengen an Daten wurden geprüft, Argumente und Behauptungen ausgetauscht, zahlreiche Zeugen und Experten vorgeladen. Nun hat eine Jury entschieden. Wie CoinGeek – das Haus- und Hof-Magazin von Craig Wright – erklärt, hat die Jury in sechs von sieben Fällen Craig für unschuldig erklärt. Iras Klage sei größtenteils ungültig, weil keine nachweisbare Geschäftsbeziehung zwischen Dave und Craig bestanden habe.

Für schuldig gilt Craig nur wegen „Umwandlung“ (Conversion) – wohl weil er ein geistiges Eigentum verwendete, auf das Dave Kleimans Firma W&K Information Defense Research ein Patent hielt. Oder so. Der tatsächliche Fall ist nicht ganz einfach verständlich.

Insgesamt kam die Jury wohl zum Schluss, so CoinGeek, „dass es keine Partnerschaft zwischen Dr. Wright und Dave Kleiman gegeben, aber dass Dr. Wright sich Dave Kleimans Eigentum ohne dessen Einverständnis angeeignet habe.“ Für dieses Vergehen muss Craig Wright 100 Millionen Dollar Schadenersatz an W&K Information Defense Research bezahlen.

„Wir sind immens stolz, dass unser Klient, W&K Information Defense Research LLC, 100.000.000 Dollar gewonnen hat, weil Craig Wright sich unrechtmäßig mit Bitcoin verbundene Assets von W&K angeeignet hatte,“ erklären die klagenden Anwälte Kyle Roche und Andrew Brenner, „Vor vielen Jahren hat Craig Wright der Kleiman-Familie erzählt, dass er und Dave Kleiman geistiges Eigentum auf Basis von Bitcoin entwickelt haben. Trotz dieses Eingeständnisses hat sich Wright geweigert, den Kleimans einen fairen Anteil an dem zu geben, was Dave geholfen hat, zu erschaffen …“

Noch mehr Schulden bei der Ex

Auf den ersten Blick wirkt es schräg, eine Strafe von 100 Millionen Dollar einen „Sieg“ zu nennen, selbst dann, wenn es eigentlich um zahlreiche Milliarden ging; auch das Erstreiten dieser Strafe durch die Kläger dürfte man kaum eine „vollständige Niederlage“ nennen können. Weder Ira Kleiman noch seine Anwälte dürften tatsächlich ernsthaft geglaubt haben, die Maximalforderung durchzuboxen, die vermutlich eher als Drohkulisse benutzt wurde, um eine schon an sich gigantische Strafe – die 100 Millionen – klein erscheinen zu lassen.

Falls Ira Kleiman die Strafe als Sieg ansieht, enthält sie aber einen Wehrmutstropfen: Angeblich ist W&K Information Defense Research – schreibt CoinGee – zu 75 Prozent (oder zu zwei Dritteln) im Besitz von Craig Wrights Ex-Frau Lynn Wright (oder mit Craig verbundenen Firmen), während die Familie Kleiman nur 25 Prozent oder ein Drittel hält. Damit schrumpft der Gewinn von Ira Kleiman bereits zusammen, während Craig nun, wie er es sagt, nur noch mehr Geld an seine Ex-Frau bezahlen muss. Allerdings scheint dieser Umstand insgesamt noch nicht ganz klar zu sein, und die Details der Aufteilung unterscheiden sich je nach Aussage und Publikation (sie sind etwa bei Coindesk anders als bei Coingeek).

Mit Sicherheit kam Craig Wright mit weniger Schaden davon, als möglich gewesen wäre. Aber ob das einen Sieg ausmacht? Immerhin ist es Ira Kleiman und seinen Anwälten gelungen, Craig eine Strafe von 100 Millionen Dollar aufzubürden, was selbst dann noch viel Geld ist, wenn die Klageseite davon nur ein Drittel erhält. Der Sache nach wäre das vermutlich eher ein Sieg.

Die Nakamoto-Frage

In seltsamer Parallelität zu Geld und den juristischen Argumenten stand bei dem ganzen Prozess eine andere Frage: Ist Craig Wright Satoshi Nakamoto, wie es seine immer kleiner werdende Schar an Anhängern behauptet? Oder ist er ein Hochstapler und Lügner, so, wie es 99,99 Prozent der Krypto-Szene meinen?

Soweit ich es beobachtet habe, haben die Anwälte von Ira Kleiman stellenweise scharf auf diese Frage geschossen. Sie haben unter Zuhilfenahme der Bitcoin-Szene Lücken und Löcher in Craigs Satoshi-Geschichte gefunden und ihre Finger in diese gebohrt. Vielleicht haben sie damals gehofft, Craig werde sich, wenn man ihn nur genügend bedränge, auf einen lukrativen Vergleich einlassen, um zu verhindern, dass seine Scharade vor Gericht demaskiert wird.

Doch dies geschah nicht, trotz stellenweise vernichtender Enthüllungen von Fälschungen durch Craigs Seite und lächerlichen Wissenslücken, etwa zu den Satoshi-Coins, trotz blanker Widersprüche, nicht eingetroffener Behauptungen und nackter Lügen. Wer glaubt, dass Craig Satoshi ist, lässt sich durch so etwas nicht mehr einschüchtern – das wurde alles rauf und runter diskutiert – und wer es nicht glaubt, braucht dafür weder einen Gerichtsprozess noch weitere Beweise. Manchmal ist es vollkommen unbedeutend, ob ein Wissen durch ein Gericht als offiziös gemacht wird oder nicht.

Ohnehin: Vor Gericht ging es niemals darum. Es konnte und durfte nicht darum gehen, ob Craig Satoshi ist. Denn das war die Basis der Klage. Dies gab dem ganzen Prozess eine Art von Postmodernität, besser, als sich Schriftsteller und Philosophen ausdenken können, eine Art ironischen Höhepunkt der gesamten Bitcoin-Saga: Craig versucht sich zu bereichern, indem er sich als angeblichen Satoshi ausgibt, und dann steigt sein angeblicher Partner, Dave Kleiman, aus dem Grab und bringt ihn vor Gericht. Craigs eigene Erfindung verklagt ihn!

Für Craig wäre es ein leichter Ausweg aus der Klage gewesen, zuzugeben, ein Schwindler zu sein, während Iras Anwälte fürchten mussten, an ihrem eigenen Ast zu sägen, wenn sie Craig zu sehr des Lügens und Dokumentenfälschens überführten.

Die Jury zollte dieser Situation vermutlich Respekt. Wenn sie die meisten Anklagepunkte abschmetterte, dann schmetterte sie auch die übliche Craig-Satoshi-Geschichte ab. Um Craig zu verurteilen, hätte sie seiner Geschichte glauben müssen. Und diese war noch nie so unglaubwürdig geworden wie während dieses Prozesses. Eine Aussage widerrief die andere, Lüge baute auf Lüge, Schwindel ersetzte Schwindel, ein Dokument nach dem anderen erwies sich als gefälscht. Nach der Voruntersuchung nannte einer der Richter Craigs Geschichte „ein verwobenes Netz von Lügen.“

Für Craigs Anhänger ist aber klar: Ihr Satoshi hat den Prozess gewonnen. Dies beweist nicht zuletzt eben die Strafe von 100 Millionen Dollar. Sie beweist, dass Craig Satoshi ist. Denn Realität ist eben immer eine Sache des Standpunktes.

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