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Algo-Stablecoins am Ende?

Bildrechte bei Aaron Koenig, für Bitcoinblog.de zur Verfügung gestellt. Gilt für alle hier verwendeten Bilder.

Der dramatische Kursverlust des Terra USD ist ein Rückschlag für algorithmische Stablecoins – doch es gibt eine solide Bitcoin-basierte Alternative.

Von Aaron Koenig

Der Zusammenbruch des UST-Stablecoins und des damit zusammenhängenden Luna Coins ist das wohl bisher spektakulärste Ereignis des Jahres. Sämtliche Cryptocoins wurden davon negativ beeinflusst. Auch der dominierende Stable Coin Tether (USDT) verlor zwischenzeitlich seine Parität zum US-Dollar und gilt vielen als nächstes Opfer des Crypto-Blutbads.

Im Unterschied zum Tether ist (oder war) Terra-Lunas UST nicht durch die entsprechende Menge US-Dollars auf Bankkonten gedeckt (ob dem wirklich so ist, sei mal dahingestellt). Seine Parität zum Dollar wird durch Cryptocoins erzielt, die seinen Wert absichern sollen. Das sind beim UST einerseits der Luna-Coin, sowie eine erhebliche Menge an Bitcoin als „Notanker“. Wer seine Bitcoins als Sicherheit zur Verfügung stellte, bekam angeblich Zinsen von mehr als 18% darauf.

Entscheidend für die Stabilität der so genannten algorithmischen Stablecoins sind – wie der Name vermuten lässt – Algorithmen. Sie werfen automatisch soviel der dahinterstehenden Coins auf den Markt, oder kaufen sie wieder auf, dass sich der Stablecoin stets ungefähr in der Größenordnung eines US-Dollars bewegt – ein  ausgeklügelter Mechanismus, der aber nicht immer so stabil ist, wie man es von einem Stablecoin erwarten sollte.

Der DAI auf Abwegen

Der erste dieser so genannten algoritmischen Stablecoins war der DAI von Maker DAO. Der DAI war ursprünglich durch Ether gedeckt. Im März 2020, als im Zuge der Coronakrise
sämtliche Cryptowährungen heftig abstürzten, brach das DAI-System jedoch zusammen. Es wurde der Notfall ausgerufen und die DAI-Plattform abgestellt. Für einige Tage kamen diejenigen, die Ether in DAIs Smart Contract eingezahlt hatten, nicht mehr an ihr Geld.

Dann führte Maker DAO einen radikalen Systemwechsel durch, in Folge dessen der DAI nicht mehr nur durch Ether gedeckt ist, sondern durch einen Korb an Coins. Darunter sind allerdings auch Tether und andere Dollar-gedeckte Stablecoins wie Coinbase’s USDC. Der DAI ist daher kein echter algorithmischer Stablecoin mehr, sondern durch fast die Hälfte indirekt durch US-Dollars gedeckt.

Eine solche Abhängigkeit von staatlichen Fiatwährungen steht natürlich im Widerspruch zur eigentlichen Philosophie dezentralen, staatsfreien Geldes. Genau diese Abhängigkeit sollte ja durch die Erfindung von Algo-Stablecoins abgeschafft werden, die ganz ohne Dollars oder Euros auf Bankkonten auskommen. Nachdem der DAI sich aus der Liga der algorithmischen, Fiat-unabhängigen Stablecoins verabschiedet hatte, legten viele ihre Hoffnungen in den UST. Bedeutet sein Kollaps also das Ende der algorithmische Stablecoins?

Nicht ganz, denn es gibt durchaus Stablecoins, deren Algorithmen die bisherigen Cryptokrisen schadlos überstanden haben. An erster Stelle ist hier der Dollar-on-Chain der Firma Money-on-Chain aus Argentinien zu nennen. Er beruht auf der Rootstock-Technologie, die all das ermöglicht, was man von Ethereum kennt, jedoch auf Basis von Bitcoin.

Die Alternative aus Argentinien

Rootstock (kurz auch RSK genannt) ist eine Sidechain, die mit der Bitcoin-Blockchain durch einen sogenannten Two-Way Peg verbunden ist. Rootstock verwendet bewusst die gleiche Programmiersprache und die gleiche Virtual Machine wie Ethereum. Dies hat den Vorteil, dass der Code eines für Ethereum entwickelten Smart Contracts leicht wiederverwendet werden kann. Man könnte Rootstock als einen Fork von Ethereum bezeichnen, allerdings ohne dessen Nachteile und abgesichert durch das mit Abstand rechenstärkste Netzwerk, das von Bitcoin.

Rootstock hat seine eigene Währung namens Smart Bitcoin, der im Verhältnis 1:1 an den Bitcoin gekoppelt ist. Diese Verbindung zwischen Bitcoin und Smart Bitcoin basiert auf einem Prozess, der Merged Mining genannt wird. Miner können Smart Bitcoins generieren, während sie gleichzeitig Bitcoins schürfen. Zu diesem Zweck hat Rootstock Partnerschaften mit einigen der größten Bitcoin-Mining-Pools geschlossen. Ein großer Vorteil dieses Verfahrens: Die Miner verdienen ihr Geld bereits durch die Block Rewards und die Transaktionsgebühren von Bitcoin. Sie nutzen die selbe Infrastruktur für das Schürfen von Bitcoins und Smart Bitcoins, so dass ihre Kosten für den zusätzlichen Aufwand marginal sind. Daher können die Gas Fees auf Rootstock sehr viel niedriger sein als bei Ethereum – und sie werden es auch dann bleiben, wenn die Menge an RSK-Transaktionen weiter steigt.

Bereits seit Dezember 2019 gibt es den Dollar-on-Chain (DoC), der zu hundert Prozent durch Bitcoin gedeckt ist. Der DoC ist an den Wert des US-Dollars gekoppelt, doch Dollars auf Bankkonten sind dabei nirgendwo zu finden, auch nicht indirekt wie beim DAI. Der Dollar ist lediglich eine Recheneinheit, die verwendet wird, weil wir mit ihm vertraut sind. Menschen sind eben Gewohnheitstiere – nach die Einführung des Euro haben bekanntlich viele die Preise noch für einige Zeit in die gewohnten Währungen umgerechnet, in D-Mark, Francs oder Pesetas.

Dollar-on-Chain und BitPro

Im Unterschied zum UST ist der Collateral, also die als Sicherheit hinterlegte Menge an Bitcoin, beim Dollar-on-Chain (DoC) sehr hoch, im Schnitt betrug das Verhältnis 1:8. Das bedeutet: wenn DoCs im Wert von einem Bitcoin ausgegeben werden, sind dafür acht Bitcoins in einem Smart Contract hinterlegt, um sie abzusichern. Diese Bitcoins sind kein dubioser „Notanker“ im Besitz eines Unternehmens wie im Fall Terra, sie gehören weiterhin ihren ursprünglichen Eigentümern, die sie jederzeit wieder zurückerhalten können.

Wer seine Bitcoins als Sicherheit zur Verfügung stellt, erhält als Gegenwert einen BitPro genannten Token, der ein passives Einkommen generiert. Im Wesentlichen wird dieses Einkommen durch einen weiteren sehr viel stärker gehebelten Token des Systems generiert, der sich an risikobereite Trader richtet, der BTCx. Die Einnahmen aus dem  BTCx werden zum Großteil an die BitPro-Holder ausbezahlt. Dieser Anreiz ist wichtig, denn wohl kaum jemand würde seine Bitcoins einfach so ins System investieren. Die hohe Überkollateralisierung des DoCs, die für seine Stabilität so wichtig ist, wird erst durch die die Profitabilität des BitPro-Token möglich.

Der BitPro hat im Vergleich zu Bitcoin stets zugelegt.

Der BitPro arbeitet mit einem Hebel von ca. 1,1 bis 1,25 auf den Bitcoin. Das heisst: wenn der Bitcoin-Preis steigt, steigt der BitPro noch mehr. Bei einem Hebel von 1,2 würde sich der Wert des BitPro zum Beispiel um 120 Dollar erhöhen, wenn der Bitcoin um 100 Dollar steigt. Das bedeutet natürlich auch, dass bei einem Rückgang des Bitcoin-Kurses um 100 Dollar der BitPro um 120 Dollar fällt. Der BitPro ist daher eine gute Investition für bullische Zeiten, weniger für einen „Krypto-Winter“, in dem die Preise niedrig sind. Seit DoC und BitPro im Dezember 2019 auf dem Rootstock Mainnet veröffentlicht wurden, hatten wir es jedoch meistens mit steigenden Bitcoin-Preisen zu tun. BitPro-Besitzer konnten sich seitdem über einen jährlichen Gewinn von 23,6% im Vergleich zum Hodln ihrer Bitcoins freuen – nicht schlecht für eine relativ risikoarme Investition!

Stablecoins im Stresstest

Durch die hohe Kollateralisierung des Dollar-on-Chains ist ein Totalausfall wie bei Luna sehr unwahrscheinlich. Laut Money-on-Chain-Gründer Max Carjuzaa müsste der Bitcoin um mehr als 75% abstürzen, um das System in Gefahr zu bringen. Der Absturz aller Cryptocoins im März 2020 war ein guter Stresstest für Money-on-Chain. Während der DAI seine
Notabschaltung hinnehmen musste, funktionierte das MoC-Protokoll ohne Probleme weiter. Auch den großen Cryptocrash der letzten Wochen hat Money-on-Chain locker überstanden — „Business as usual“, sagt Carjuzaa.

Im Mai 22 hat sich die hinterelegte Menge an Bitcoin stark erhöht

Die Menge der in Money-on-Chain investieren Bitcoins haben sich in der Krise sogar rasant erhöht, von rund 1000 Bitcoin Anfang Mai auf aktuell über 1500 Bitcoin. Das heisst: rund 4 Millionen ausgegebene DoCs sind durch Bitcoins im Wert von ca. 45 Millionen US-Dollar gedeckt, die Überkollaterlisierung liegt also mittlerweile bei rund 1:11.

45 Millionen US-Dollar sind immer noch eine recht überschaubare Summe im Vergleich zu bekannteren Stablecoins, aber die Dynamik ist interessant. Offensichtlich haben sich durch den Luna-Crash mehr Investoren die Mühe gemacht, nach Alternativen zu suchen. Dollar-on-Chain und BitPro waren bisher in der Cryptowelt relativ unbekannt, was vor allem daran liegt, dass die Gründer ihre Priorität weniger auf das Marketing, als auf die Entwicklung eines zuverlässig funktionierenden Protokolls gelegt haben. Ich nehme an, dass sich der Bekanntsheitgrad von Money-on-Chain in Zukunft deutlich erhöhen wird, denn es gibt zur Zeit keinen besseren Stablecoin als den DoC, und kaum ein solideres Crypto-Investment als den BitPro.

Der Euro-on-Chain

In Zukunft wird Money-on-Chain noch weitere Stablecoins herausgeben, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren, etwa Euro-on-Chain, Yuan-on-Chain oder Rubel-on-Chain.
Damit sich dezentrales, staatsfreies Geld wirklich durchsetzt, sind funktionierende Stablecoins unerlässlich. Die Volatilität von Bitcoin ist zwar gut für Trader und stellen kein
wirkliches Problem für langfristig denkende Hodler dar. Geschäftsleute hingegen benötigen für ihre Preisgebung und Buchhaltung eine wertstabile Recheneinheit. Diese Funktion kann im Euro-Raum der Euro-on-Chain übernehmen.

Um Bitcoin und Euro-on-Chain (EoC) in Deutschland als offizielles Zahlungsmittel einzuführen wäre es keineswegs nötig, die Menschen zur Annahme von Bitcoin oder EoC zu
zwingen, denn das würde dem freiheitlichen Geist von Bitcoin widersprechen. Es reicht vollkommen, Steuern auf diese beiden Währungen abzuschaffen, und die Zahlung von
Steuern und Gebühren darin zuzulassen. Beides ist auf nationaler Ebene durchaus machbar. Es ist wahrscheinlich, dass andere Staaten des Euro-Raums dem Beispiel Deutschlands folgen werden. Die Hyperbitcoinisierung wäre dann nur noch eine Frage der Zeit.

Aaron Koenig ist Unternehmer und Autor. Mit seiner Firma Bitfilm versorgt er die Bitcoin-Branche mit Videos, mit Moonstock – The Crypto Art Gallery widmet er Bitcoin-Pionieren eine NFT-Gallerie.

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