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Wie Bitcoin versehentlich NFTs bekommen hat

Dieses Bild ist auf der Bitcoin-Blockchain in Block 774.370.

Weil es im Taproot-Protokoll keine Begrenzung für die Witness-Daten gibt, wird es möglich, einigermaßen große Dateien auf der Bitcoin-Blockchain zu speichern. Das Ordinals-Protokoll macht davon Gebrauch, um einzelne Satoshis zu Sammlerstücken aufzuwerten. Die nun eingeführten Bitcoin-NFTs führen zu hitzigen Diskussionen in der Community.

Bitcoin hat mal wieder einen kleinen Skandal: Jemand hat einen Trick gefunden, um Dateien auf die Blockchain zu laden und damit NFTs zu schaffen. Der Trick nutzt eine Lücke im Taproot-Protokoll aus – und spaltet die Szene: Die einen laden Bilder auf die Blockchain und freuen sich über ihre NFTs, während die anderen fluchen und überlegen, wie sie Bitcoin vor diesem Unfug beschützen können.

Aber beginnen wir ein Stückchen weiter vorne.

Es gibt schon seit langem eine Debatte darüber, ob es möglich sein darf, Bitcoin als Datenspeicher zu nutzen. Grundsätzlich tendieren die Entwickler dazu, dass Bitcoin ein reines Zahlungssystem ist und kein dezentraler Cloudspeicher. Doch weil es immer einen Weg gibt, Daten auf die Blockchain zu bringen, wenn man unbedingt will, haben sie 2014 mit OP_Return erlaubt, auf „sanfte“ Weise bis zu 80 Bytes an eine Transaktion anzuhängen. Dies wurde von verschiedenen Protokollen rege genutzt, etwa Omni, Counterparty und Veriblock, flaute dann aber ab etwa 2019 deutlich ab, vermutlich, weil Ethereum und andere Blockchains besser passten.

Soweit, so gut. Wir haben Blockchains für Token, die zur Basis von tausenden und abertausenden Token und NFTs wurden, und wir haben Bitcoin, eine simple, stabile und eiserne Blockchain, die genau das kann, was Satoshi geplant hat: Geld überweisen.

Satoshis für Numismatiker

Das änderte sich vor einigen Tagen, als das Ordinals-Protokoll live ging und sogenannte Inscriptions erlaubte. Seitdem laden Bitcoiner Bilder auf die Blockchain – am liebsten diverse Varianten von Bitcoin-Illustrationen – und NFTs landen auf Bitcoin.

Die Theorie von Ordinals ist durchaus interessant und originell. Sie macht Satoshis (Sats), nicht Bitcoin, „zur atomaren, nativen Währung des Bitcoin-Netzwerks.“ Ein Satoshi ist die kleinste Einheit von Bitcoin, 0,00000001 BTC, derzeit 0,02 Cent. Ordinals betrachtet jeden Satoshi als Einzelstück von numismatischem Wert. Denn Satoshis sind zwar an sich fungibel, aber sie sind nicht gleich. Es gibt verschiedene Seltenheitsgrade, die einen Satoshi auszeichnen:

Gewöhnlich: Jeder Sat, der nicht der erste seines Blocks ist
Ungewöhnlich: Der erste Sat jedes Blocks
Selten: Der erste Sat jeder Difficulty Adjustment Periode
Episch: Der erste Sat jeder Halving-Epoche
Legendär: Der erste Sat jedes Zyklus
Mythisch: Der erste Sat des Genesis-Blocks

Bitcoin hat seine verschiedenen Zyklen: Blöcke (alle zehn Minuten), Difficulty Perioden (alle 2016 Blöcke), Halving-Äras (alle 210.000 Blöcke). Ordinals definiert zudem Zyklen, wenn Halving und Difficulty-Anpassung zusammenfallen, was jedes sechste Halving passieren sollte (alle 24 Jahre). Der mythische Genesis-Sat ist der erste Satoshi, der jemals erzeugt wurde. Er liegt für alle Zeiten im Genesis-Block fest und ist unerreichbar.

Wenn ein Satoshi nun am Anfang eines solches Zyklus steht, wird er besonders. Alle anderen Satoshis sind gewöhnlich.

Satoshis beschriften – Artefakte schaffen

Doch Ordinals erlaubt auch, ordinäre Satoshis aufzuwerten oder seltene zu veredeln. Durch „Inscroptions“ kann man sie an Daten wie eine Bilddatei knüpfen. Man kann sie quasi beschriften:

„Satoshis können mit beliebigen Daten beschriftet werden, wodurch Bitcoin-native digitale Artefakte entstehen. Die Beschriftung funktioniert, indem man den Satoshi mit einer Transaktion versendet, die den Content onchain onchain zeigt. Dieser Content ist untrennbar mit dem Satoshi verbunden und macht ihn so zu einem unveränderbaren digitalen Artefakt, das man nachverfolgen, transferieren, horten, kaufen, verkaufen, verlieren und wiederentdecken kann.“ Inscriptions schaffen, anders ausgedrückt, einen NFT.

Anders als viele NFTs verlinken die Inscriptions nicht zu einer Bilddatei, die beispielsweise auf dem Interplanetary File System (IPFS) liegt, sondern laden die gesamte Datei auf die Blockchain. Das ist gut, weil die Daten so ebenso verewigt werden wie die Transaktion. Es sollte aber eigentlich gar nicht möglich sein, da bei Bitoin der OP_Return-Anhang auf 80 Byte begrenzt ist, was bestenfalls winzige Pixelbilder erlaubt. Doch eine Art Lücke im Taproot-Protokoll, das vor etwa einem Jahr eingeführt wurde, erlaubt es, sehr viel größere Daten hochzuladen.

Ein „Hack“ von Taproot

Technisch ist das Verfahren ziemlich interessant. Die Bilder werden in „taproot script-path spend scripts“ gespeichert. Taproot-Scripte haben, erlärt die Ordinals-Dokumentation, „sehr wenige Begrenzungen ihres Inhalts, und erhalten zusätzlich einen Witness-Discount, was das Speichern von Inscriptions relativ ökonomisch macht.“ Das hört sich kompliziert an, ist aber, auf einer groben Ebene, gar nicht so schwierig zu verstehen.

So wie P2SH-Transaktionen definieren Taproot-Transaktionen (P2TR) bestimmte Bedingungen, unter denen ein Output ausgegeben werden kann. Diese Bedingungen werden als Hash – bzw. als Root Hash eines Hashbaums – deklariert: als eine sehr kurze Zeichenfolge, die es erlaubt, zu prüfen, ob eine später enthüllte Information die Bedingungen erfüllt. Wenn man nun eine Transaktion bildet, die den Output ausgibt, muss man in dieser Transaktion jene Information preisgeben, quasi das Geheimnis oder Script, welche den Hash ergibt.

Kurz: Die erste Transaktion bildet einen Output, den man nur ausgeben kann, wenn man mit der Nachfolgetransaktion ein Geheimnis enthüllt. Dieses Geheimnis wird die „Witness-Data“ genannt, da es das Recht bezeugt, den Output auszugeben. Bei P2SH ist dieses Geheimnis ein Script, bei P2TR steckt dahinter ein Hashbaum, der vielfältigere Geheimnisse erlaubt. Da es bei Taproot keine Begrenzung der Witness-Data gibt, kann man nun fast beliebig große Dateien einpflegen. Die Grenze ist lediglich das (harte) Limit der Blocksize von 4 Megabyte bzw. das von Bitcoin Core gesetzte (weiche) Limit von 400 Kilobyte für eine Transaktion.

Dazu kommt noch, dass SegWit einen Discount auf die Witness-Data eingeführt hat. Bei der Berechnung der Gebühren zählen die Witness-Daten nur mit einem Viertel der Größe. So wurde es also möglich,relativ günstig interessante Illustrationen zu Bitcoin hochzuladen, CryptoPunks und Bored Apes auf Bitcoin zu bringen, oder auch die Etherrocks zu Bitcoin-Rocks umzubranden.

Kann man das nicht verbieten?

Neben diesem spaßigen, numismatich interessanen Aspekt haben die Inscriptions aber auch einige ernstere Aspekte, die in der Szene rege Diskussionen angestoßen haben.

Manche empfinden Ordinals als Angriff auf Bitcoin. Bitcoin ist für monetäre Transaktionen da. Inscriptions rauben diesen den Platz auf der Blockchain und müllen dieselbe mit sinnlosen Daten zu, welche die Full Nodes speichern müssen. Sie tragen zudem das Risiko, illegale Daten auf die Blockchain zu bringen, was die juristische Stellung eines Full Nodes verschlechtern kann. Die NFTs machen Bitcoin nicht besser, sondern schlechter, weshalb manche Bitcoin-OGs sie am liebsten unterbinden wollen.

Bitcoin Knots Entwickler Luke Dashjr fragt daher kurzerhand, ob schon jemand an einem „Spam Filter“ für „diesen Müll“ arbeite.

Denn Ordinals sei nicht Bitcoin, sondern ein Angriff auf Bitcoin:

Blockstream-CEO Adam Back empfiehlt, die Daten auf andere Weise zu speichern, etwa im IPFS oder mit OpenTimestamps. Er meint auch, dass es nur fair wäre, wenn die Miner diesen „Mist“ zensieren.

Daraufhin entbrannte die übliche Debatte, ob es Zensur auf Bitcoin geben darf, da ja alles, was einen gültige Transaktion sei, legitim sei.  Selbst wenn sie Luke Dahjr und Adam Back nicht gefällt. Andererseits könnten die Bitcoin-Entwickler die Regeln per Softfork ändern, um bestimmte Arten von Transaktionen zu verhindern, was eine Art von Zensur wäre, aber vielleicht auch nicht.

Dem Vernehmen nach freuen sich manche Miner darüber, dass sich mit den NFTs neue Einnahmequellen erschließen. Denn die Bitcoin-Blöcke sind in letzter Zeit selten wirklich voll, so dass der Gebührendruck äußerst gering ist und die Einnahmen durch Transaktionsgebühren fallen. Dies funktioniert gerade noch, doch für die Zukunft, wenn sich der Blockreward noch ein oder zweimal halbiert, werden die Miner zunehmen darauf angewiesen sein, dass die Blockchain benutzt wird. Daher sorgen die Bitcoin-NFTs, so seltsam es sich anhört, indirekt für die nachhaltige Sicherheit der Blockchain.

Die Debatte ist, zugegeben, nicht einfach zu entscheiden. Es gibt Gründe, die Bitcoin-Blockchain nicht als Lager für Bilddateien zu verwenden – und es gibt Gründe, dies interessant zu finden und dagegen zu sein, zensierend einzuschreiten. Aber eine solche Debatte ist ohnehin müßig, denn bis auf weiteres wird Bitcoin mit den NFTs von Ordinals leben müssen.

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