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„Nichts als eine weitere Briefkastenfirma, um von russischen Oligarchen und Kriegsverbrechern zu profitieren.“

Ist Binance-Gründer Changpeng Zhao wirklich ein Vampir? Am besten ihr fragt ChatGPT.

Die große Krypto-Börse Binance verlässt Russland angeblich „vollständig“, indem es den Betrieb an eine andere Firma verkauft. Doch es bleiben starke Zweifel, ob die Börse das ernst meint – oder ob sie sich weiterhin am Sanktionsbruch bereichern will.

Die angeblich weltweit größte Krypto-Börse Binance ist bekannt für ihren eigenartigen Umgang mit der Regulierung. Auf der Oberfläche gibt sie gerne vor, den Auflagen Folge zu leisten – doch intern hilft sie Kunden proaktiv, diese zu umgehen.

Ein ähnliches Muster zeichnet sich beim Umgang mit Sanktionen ab. Offiziell verlässt Binance den russischen Markt „vollständig“, indem sie lautt Pressemitteilung Ende September „sein gesamtes russisches Geschäft an CommEX verkauft.“ Das „offboarding“ werde bis zu einem Jahr dauern, um einen fließenden Übergang zu gewährleisten.

Man habe erkannt, erklärt Noah Perman, Chief-Compliance-Officer, „dass der Betrieb in Russland nicht kompatibel mit der regulatorischen Strategie von Binance ist.“ Man werde sich daher auf die mehr als 100 weiteren Länder fokussieren, in denen man operiere. Man gebe zwar keine Details über den Verkauf bekannt, doch es sei wichtig, wiederholt die Pressemitteilung, „dass Binance damit Russland vollständig verlässt.“

Soso.

„Schlicht eine weitere Briefkastenfirma“

Der Deal ist, um es vorsichtig auszudrücken, etwas fragwürdig. „Eines der Probleme ist,“ erklärt der Analyst Adam Cochran, „dass CommEX nicht wirklich existiert.“ Bis Anfang der 2000er war CommEX eine Kreditkartenfirma. Danach stand die Domain zum Verkauf, bis sie am 21. September erworben wurde.

Registriert ist CommEX auf den Seychellen. Es läuft auf „Binance Cloud“, und die User können sich mit ihrem Binance-Account einloggen, nach dem „Binance Connect“-Protokoll.

Binance Cloud ist eine Art Whitelabel-Börse, die es anderen Parteien erlaubt, die Binance-Technologie für die eigene Börse zu verwenden, wobei aber nur die Basis-Dienstleistungen enthalten sind. Zusätzlich erlaubt Binance Cloud es, die Liquidität von Binance mit zu nutzen. Allerdings wurde sie im Jahr 2022 abgeschafft. Dasselbe trifft auf Binance Connect zu. Das, was CommEX ist, dürfte es also gar nicht geben.

Die große Krypto-Börse Binance verlässt Russland angeblich „vollständig“, indem es den Betrieb an eine andere Firma verkauft. Doch es bleiben starke Zweifel, ob die Börse das ernst meint – oder ob sie sich weiterhin am Sanktionsbruch bereichern will. Dennoch hat CommEX bereits am ersten Tag ein Handelsvolumen von rund einer Million Dollar beim Währungspaar BTC/USDT und eine gesunde Liquidität im Orderbuch. Auf dem P2P-Marktplatz handeln große Anbieter Rubel gegen Bitcoin – die sich schon elf Tage vor dem Start der Börse angemeldet haben.

„Also, da ist diese neue, unbekannte Börse, die angeblich durch führende Kapitalgeber unterstützt wird, aber keine davon nennt,“ kommentiert Cochran, „die an ihrem ersten Tag des Betriebs die russischen Assets von Binance kauft, zufällig auf Binance Cloud läuft (die nicht mehr existiert) und ihre Trades gegen die Liquidität auf Binance schließt …“ Kurzum: CommEX nicht nur mit Binance verbunden – sondern „schlicht eine weitere Briefkastenfirma von Binance.“

Danach stellt Adam Cochran eine Frage, die ihn tief in ein wildes Labyrinth führt: „Warum ist CZ [Binance-Boss Changpeng Zhao] so versessen darauf, dass dieser Zahlungsstrom lebendig bleibt, dass er eine weitere Briefkastenfirma gründet?“ Immerhin riskiert Binance mit dieser offensichtlichen Scharade, den Konflikt mit westlichen Banken und Aufsehern noch zu verschärfen.

Was geschah Ende Juni auf Binance?

Cochran umkreist eine mögliche Antwort mit mehreren Charts und Hinweisen, die für sich genommen frei im Raum schweben, zusammen aber ein unheimliches Bild ergeben. Ich habe selten eine so gelungene Interpretation politischer Ereignisse durch Charts gesehen.

Zuerst verweist er auf einen Chart Ende Juni, als es einen plötzlichen Anstieg des Preises gab, der mit einem starken Delta, also einer großen Differenz zwischen Kauf- und Verkaufgeboten, bei den den Handelspaaren BTC/USD sowie BTC/RUB auf Binance einherging. Ein Delta deutet oft auf eine tatsächliche Nachfrage hin als Ursache eines Kursanstiegs.

Um dieselbe Zeit, am 23. Juni, hatte CZ einen merkwürdigen Tweet abgesetzt: „1, 2, 3 …“. Danach gab es aber keine News zu Binance, wie man erwartet hatte, weshalb der Tweet die Szene verwirrt zurückließ. Bis heute weiß niemand, was der Binance-Chef damit gemeint hat.

Wenige Stunden nach CZs Tweet geschah aber etwas anderes: Zuerst schnellte das Rubel-Volumen auf Binance in die Höhe – und dann brach der Söldnerführer und Massenmörder Jewgenij Prigoschin sein Lager in der Ukraine ab und marschiere nach Moskau, angeblich, um Diktator Wladimir Putin zu stürzen.

Gibt es einen Zusammenhang? Welche Verbindung besteht zwischen Binance und Prigoschins Mördertruppe Wagner?

Die nigerianische Naira als Tor zu Afrika

Adam Cochran bringt ein weiteres Währungspaar ins Spiel: Bitcoin gegen Nigerianische Naira (NGN). Wenn man die Deltas zwischen diesem Paar und BTC/RUB auf Binance vergleicht, falle auf, dass seit 2022 etwa alle zwei Wochen eine Spitze gibt. „Etwa alle 15 Tage bewegt sich Geld von RUB zu BTC zu NGN“.

Dieses Muster setzt sich bis Anfang Juni 2023 fort. Bekanntlich operieren Wagner-Truppen in Afrika, etwa in Libyen, Mali, Mosambik, dem Sudan oder Kongo. Die Naira ist neben dem südafrikanischen Rand die gebräuchlichste Währung in Afrika. Sie wird in vielen Ländern des Kontinents akzeptiert und ist leicht gegen andere lokale Währungen zu wechseln, ohne aber denselben Bankauflagen zu unterliegen wie der Rand.

Das Verschieben von Rubel über Bitcoin in Naira könnte also eine Methode sein, um die Wagner-Söldner trotz der Finanzsanktionen zu bezahlen. Anfang Juni wurden viele Söldner von Afrika zurück nach Russland geholt, um in der Ukraine zu morden. Danach bricht das Muster ab. Stattdessen „erreichte das Volumen zwischen NGN und BTC eine Spitze auf Binance; es eskalierte schließlich, als die Wagner-Kräfte stattdessen nach Moskau marschierten.“ Man könnte das so deuten, als ziehe Prigoschin Geld aus Afrika ab.

Heute, nach dem Scheitern des Putsches und der mutmaßlichen Ermordung Jewgenij Prigoschins, morden Wagner-Kräfte wieder im Osten der Ukraine, allerdings nun unter russischer Flagge. Andere dagegen operieren weiter in Afrika, wo sie, heißt es, Diktatoren gegen ihr Volk unterstützen und Rohstoffe abgreifen.

Anleitung zum Regelbruch

Anfang des Jahres, erklärt Cochran, „hat die Regierung von Nigeria eine Warnung vor Binance ausgesprochen.“ Die Börse erklärte daraufhin, nicht länger in dem Land zu operieren, betrieb aber so Cochran, Briefkastenfirmen, durch welche Binance seine Liquidität auf einen P2P-Markt umleitet.

Angeblich gab es sogar eigene Abteilungen im Kundensupport von Binance, „die User in sanktionierten Regionen direkt dabei unterstützt, KYC-Limits zu unterlaufen.“ Diese Praxis „nahmen auch Einwohner Russlands und der Krim in Anspruch“.

Am 23. August wurde Prigoschins Flugzeug abgeschossen, woraufhin Geldströme wieder zurück in die Naira flossen. Am 6. September traten die beiden Binance-Manager Gleb Kostarev und Vladimir Smerkis zurück und wurden laut Cochran rasch durch Olga Gonscharova ersetzt, eine ehemalige Direktorin der russischen Zentralbank. Diese hatte bereits im Januar 2022 bei Binance angeheuert, um, berichtet Reuters, „systemische Interaktionen mit russischen Behörden“ pflegen.

„… von russischen Oligarchen und Kriegsverbrechern profitieren“

Die Datenpunkte, die Cochran aufzählt, sind teils nicht eindeutig, teils auch spekulativ, etwa was die Stellung von Olga Gonscharova angeht. Aber sie erzählen eine faszinierende Geschichte, die Trading-Charts und politische Ereignisse verbinden.

Insgesamt ergibt sich das Bild, dass Binance ein Geschäftsmodell daraus gemacht hat, mit seinen P2P-Märkten die Geldtransfers von Afrika, wo Wagner-Söldner in verschiedenen Regionen Gewalt ausüben, nach Russland zu organisieren. Dies läuft über Nigerianische Naira, Bitcoin, Rubel und USDT.

„CommEX,“ schlussfolgert Cochran, „ist nichts als eine weitere Briefkastenfirma von Binance, um von russischen Oligarchen und Kriegsverbrechern zu profitieren.“ Binance wäre demnach ein Schlüsselknoten eines globalen Netzwerks, das sich von Oligarchen in Moskau über die Krim bis ins Herz Afrikas erstreckt, um Geld zu waschen und den Betrieb von Söldnerbanden zu finanzieren.

Die Vorgeschichte

Das ganze hat eine Vorgeschichte, die nur zum Teil bekannt ist. Nachdem Russland vor nun mehr als eineinhalb Jahren begonnen hat, grenzübergreifend Massenmord zu begehen, wurden russischen Banken mit Sanktionen überzogen. Auch Kryptobörsen wurden in die Pflicht genommen, den Handel mit russischen Bürgern entweder komplett einzustellen oder scharf zu begrenzen.

Im ersten Schritt mussten Börsen die Accounts von russischen Usern auf 10.000 Euro limitieren. Mit der Verschärfung der Sanktionen im Herbst 2022 wurde es Krypto-Unternehmen generell verboten, Geschäfte mit Bürgern Russlands zu machen. Wegen der Sanktionen war es zudem unmöglich, aus Russland Geld durch Visa und Mastercard einzuzahlen.

Laut einem Coindesk-Bericht vom April sind solche Einzahlungen auf Binance mittlerweile wieder möglich, während russische User berichten, dass auch das Limit von 10.000 Euro gefallen ist. Während Russland also Tag für Tag Massenmord auf fremdem Territorium begeht, hat Binance klammheimlich sämtliche Sanktionen aufgehoben.

Im August berichteten Medien zudem, dass der P2P-Handel von Binance auch mehrere im Februar von der EU und im Mai durch die USA sanktionierte russische Banken zuließ, darunter Tinkoff und Rosbank, über die Russen Rubel gegen USDT tauschen konnten. Nachdem das US-Justizministerium Druck ausübte, strich Binance diese Banken – angeblich. Denn tatsächlich wurden sie durch „grüne“ und „gelbe“ Karten repräsentiert.

Es hat bei Binance offenbar Tradition, sich als helfende Hand bei der Umgehung von Sanktionen anzubiedern.

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