Nach dem Kanton Zürich und den Städten Basel und Lugano hat nun auch St. Gallen eine digitale Anleihe um 100 Millionen Franken herausgegeben die mit der „Großhandels-CBDC“ der Schweizer Nationalbank beglichen wird.
Die Schweizer Stadt St. Gallen hat eine 100 Millionen Franken schwere digitale Anleihe ausgegeben. Besonders macht sie, dass sie zum Pilotprojektes einer „Großhandels-CBDC“ der Schweizer Nationalbank gehört: einem digitalen Franken auf Blockchain-Basis – aber nicht fürs Volks, sondern exklusiv für die Finanzwirtschaft.
Wie im Kanton Zürich und in der Stadt Lugano beträgt die Summe der St. Gallener Anleihe 100 Millionen Schweizer Franken. Die Stadt Basel lag mit 105 Millionen geringfügig darüber.
Abgewickelt wird die Anleihe über die Plattform SDX, die „SIX Digital Exchange“. Die laut eigener Angabe „weltweit führende Finanzmarkt-Infrastruktur für Digital Assets“ ist ein Kind der Schweizer Bankenindustrie. Sie dient ihr als Infrastruktur-Plattform, um mit digitalen Assets, Smart Contracts und Token zu experimentieren.
Dabei hat sich im November etwas verändert, das technisch eher trivial, aber ökonomisch und rechtlich ein Sprung ist. Bis November hat SIX die digitalen Anleihen durch tokenisierte Schweizer Franken ausgeglichen, die sie selbst geschaffen hat. Sie hat, ähnlich wie die Anbieter von Stablecoins, die tokenisierten Franken durch Einlagen bei einer Bank gedeckt, in ihre Fall bei der Schweizer Zentralbank.
Seit November dagegen laufen die Geschäfte dagegen über die sogenannte Großhandels-CBDC. Diese ist zwar auch ein Token auf SDX, das durch Einlagen bei der Zentralbank gedeckt wird. Anstelle von SDX gibt aber nun die Zentralbank selbst das Token heraus. Damit wird es zur „Central Bank Digital Currency“, zur CBDC.
Anders als allgemeine CBDCs, wie sie derzeit in China ausgerollt und in der EU diskutiert werden, ist eine Großhandels-CBDC lediglich für den Zahlungsausgleich zwischen Finanzinstitutionen bestimmt. Sie erhebt nicht den Anspruch, zum öffentlichen Zahlungsmittel zu werden, noch nicht einmal für Investoren oder den Außenhandel, sondern soll allein die Prozesse im Finanzwesen verschlanken.
Die technische Plattform, die SDX – und damit auch der digitale Franken – nutzt, ist die Corda Enterprise Blockchain von R3. Genauer haben wir Corda in diesem Artikel über eine digitale Anleihe der Weltbank beschrieben. Es ist eine plausibel konstruierte blockchain-artige Datenbank, die technisch für das Finanzwesen zugeschnitten ist, aber auf privaten, abgeschlossenen Nodes läuft. R3 ist seit 2015 die Antwort der Banken auf Bitcoin, und Corda ist seine bisher erfolgreichste Frucht.
Auch die Französische Nationalbank lässt sich auf Corda ein. Zusammen mit R3, der Schweizer Nationalbank, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und mehrerer privatwirtschaftlicher Akteure, darunter SDX, testet sie einen „Atomic Swap“ zwischen einem digitalen Euro und einem digitalen Franken, also einen Wechsel, der in Echtzeit und ohne Mittelsmann abläuft.
Die „Großhandels-CBDC“ ist also kein rein helvetisches Projekt, sondern scheint europa- und möglicherweise weltweit attraktiv zu sein. Während die EZB sich weiterhin nicht recht entscheiden will, ob und wie sie einen CBDC auflegt, schaffen die Privatwirtschaft und Nationalbanken bereits Fakten.
Eine solche digitale Währung hat nicht das Geringste mit den Idealen von Bitcoin gemein; selbst die zentralisiertesten Coins und Token im Ökosystem sind im Vergleich mit ihr Paradiese an Transparenz, Autonomie und Freiheit. Corda ist eine durch und durch zentralisierte, für die Öffentlichkeit abgeschlossene Blockchain oder blockchainartige verteilte Technologie, die einige technische Vorteile abgreifen mag, aber sie von allen demokratisierenden und emanzipatorischen Potenzialen entkernt.
Für die Finanzwirtschaft hat sie dennoch ihren Reiz. Die DLT-Infrastruktur von SDX erlaubt es, Prozesse und Zahlungsabwicklungen zu beschleunigen und Mittelsmänner auszuschalten. Sie verspricht geringere Kosten, kürzere Abwicklungsdauern und eine erhöhte Liquidität – nicht nur für digitale Anleihen, mit denen Städte und Kantone Geld einhoken, sondern prinzipiell für alle Arten von Anlagen und Wertpapieren, einschließlich Aktien und Kryptowährungen.
Kurzum: Es handelt sich um eine Evolution der bestehenden Finanztechnologie, nicht mehr und nicht weniger. Profitieren werden von ihr zunächst die Finanzinstitute, und in zweiter Instanz auch Anleger, Investoren und Bürger.

