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IWF untersucht grenzübergreifende Bitcoin-Zahlungsströme

Bild aus dem Blog des IMF.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat ein 43-seitiges Paper veröffentlicht, in dem er die Rolle von Bitcoin in grenzübergreifenden Transaktionen untersucht. Neben einigen interessanten Ergebnissen besticht es vor allem durch die Methodik – und zeugt von einem veränderten Blick des IWFs auf Bitcoin.

Das Paper „A Primer on Bitcoin Cross-Border Flows: Measurement and Drivers“ erfüllt nicht wirklich die Klischees, die man vom IWF und seinem Verhältnis zu Bitcoin gerne pflegt. Es ist nicht feindselig und negativ, sondern neutral und vorbehaltlos geschrieben; drei Ökonomen, die für den IWF seit langem an vielen Themen forschen, versuchen in dem relativ technisch gehaltenen Paper mehr über grenzübergreifende Bitcoin-Zahlungen herauszufinden.

Die kniffelige Methodik

Die Fragestellung ist nicht eben einfach, betonen die Autoren: Zwar ist der Zugang zum Bitcoin-Netzwerk und allen Transaktionsdaten auf der Blockchain öffentlich, doch wegen des hohen Grades der Pseudonymität sind die individuellen User und damit die Lokalität der Zahlungen nicht ohne weiteres zu ermitteln.

Um Licht ins Dunkel zu bringen, kombinieren die Forscher drei Ansätze:

  1. Sie ermitteln aus den Onchain-Daten die Zahlungsströme zwischen Börsen. Dabei hilft die Webseite Wallet Explorer, die viele Bitcoin-Adressen von Börsen listet. So konnten die Forscher 1,6 Millionen Transaktionen 80 Börsen zu ordnen. Diese Daten verbinden sie mit anderen Daten zu den Standorten der Börsen.
  2. Sie nutzen Daten des Blockchain-Analysten Chainalysis zu grenzübergreifenden Onchain-Zahlungen. Diese Daten reichen von März 2019 bis März 2023.
  3. Die greifen auf ein Datenset von Transaktionen der internationalen P2P-Börse LocalBitcoins zu. Das Datenset umfasst 40 Millionen Transaktionen in 136 Währungen von März 2017 bis Februar 2023. Aus einer anderen Studie übernehmen sie einen probabilistischen Algorithmus, der in diesem Datenset die grenzübergreigfenden Transaktionen identifiziert.

Diese drei Ansätze ergänzen sich gegenseitig, erklären die Forscher, da sie verschiedene Arten von Strömen und Marktteilnehmern erfassen. So sind beispielsweise die untersuchten Onchain-Transaktionen mit durchschnittlich 13,34 Bitcoin sehr viel größer als die Transaktionen von LocalBitcoins mit lediglich 0,0178 Bitcoin. Offensichtlich erfüllen sie gänzlich andere Zwecke.

Keine der drei Methoden ist uneingeschränkt glaubwürdig, jede hat ihre Vor- und Nachteile. Insgesamt erhoffen sich die Forscher von ihnen aber ein brauchbares Gesamtbild.

Grundsätzliche Ergebnisse

Eine der Kernmetriken der Studie sind die eingehenden Bitcoin-Ströme als Anteil des Bruttosozialprodukts (BIP) eines Landes. Je höher, desto größer ihre relative Bedeutung. Auffällig ist, dass dieser Wert in Ländern in Lateinamerika (wie Argentinien oder Venezuela) sowie in manchen afrikanischen, asiatischen und europäischen Ländern besonders hoch ausfällt.

Die Top-Länder sind, je nach Datensatz, Venezuela, die Republik Moldau, die Ukraine, Georgien, Weißrussland, Nigeria, Kenia und Kolumbien. Am geringsten ist der Anteil von Bitcoin-Strömen in Ländern mit einem traditionell starken Finanzwesen, etwa der USA, Schweiz, Japan, Kanada oder Hongkong.

Das Ziel der Forscher ist es jedoch nicht allein, die grenzübergreifenden Bitcoin-Zahlungsströme zu messen, sondern auch, sie mit anderen Kapitalströmen zu vergleichen. Was macht Bitcoin-Ströme speziell?

Dazu vergleichen sie die Bitcoin-Ströme mit den Portfolioströmen nach EPFR Global (EPFR) und dem Institute of International Finance (IIF)- Beide messen die globalen Zuströme in Investmentfonds mit unterschiedlichen Methoden.

Dabei fällt auf, dass die Bitcoin-Ströme gerade dort am größten sind, wo andere Kapitalströme gering bleiben, während umgekehrt Länder mit relativ großen anderen Kapitalströmen nur geringe Bitcoin-Ströme haben. Daraus leiten die Forscher ab, dass Bitcoin bisher noch keine existierenden Kapitalströme ersetzt, sondern eher dort zum Zug kommt, wo diese ausfallen.

Feine, aber wichtige Unterschiede

Anschließend greifen die Forscher auf eine etwas schwer verständliche Vergleichsmetrik zurück: den „broad Dollar“.

Etablierte Kapitalströme nach EPFR und IIF verhalten sich in dieser Beziehung wie erwartet: Wenn die Risikoaversion steigt und der Dollar stärker wird, gehen die Portfolio-Kapitalströme zurück. Eigentlich wenig überraschend.

Diese Korrelation findet man – wenn auch schwächwer – in den Daten von Chainalysis, nicht aber in denen von LocalBitcoins. Das deutet darauf hin, dass grenzübergreifende Zahlungen von LocalBitcoins weniger in das Muster von Investments fallen, wie Onchain-Zahlungen zu Börsen, sondern eher Remittance-Zahlungen von Gastarbeitern oder der Umgehung von Kapitalkontrollen dienen.

Dieser Unterschied dürfte die inhaltlich interessanteste Erkenntnis des Papers sein. Für die Forscher geht es insgesamt eher um die methodische Grundlagenforschung – sie arbeiten ein Verfahren aus, um grenzübergreifende Bitcoin-Zahlungen zu identifizieren und mit anderen grenzübergreifenden Zahlungsströmen zu vergleichen.

Bitcoin ist für den IWF damit weniger ein Ärgernis, wie man es eigentlich gewohnt ist – sondern ein relevanter und untersuchenswerter Faktor im globalen Finanz-Gefüge. Und vielleicht ist dieser Perspektivenwandel die spannendste Erkenntnis aus dem Paper.

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