Nach langer Zeit ist es mal wieder soweit: Ein Unternehmen, das nicht der Krypto-Branche entsprungen ist, stellt seine Kapitalreserve auf Bitcoin um und investiert öffentlichkeitswirksam eine beträchtliche Summe. Aber was ist Semler Scientific für ein Unternehmen – und was sind die Motive?
Seit das Softwareunternehmen MicroStrategy begonnen hat, Bitcoin zum primären Wertspeicher seiner Kapitalreserven zu machen, wartet die Szene gespannt darauf, wer folgt.
Zwar folgte mit Tesla rasch ein Mammut-Konzern. Doch danach blieb es relativ still, manche kleine, wenig bedeutende Unternehmen kauften Bitcoins, die meisten nur in geringem Umfang, eher als symbolische Geste denn als Strategie, und nur wenige gingen damit an die Öffentlichkeit. Daher geschah relativ wenig, außer, dass MicroStreategy-CEO Michael Saylor mit großer Besessenheit Bitcoin bewirbt und mehr und mehr Coins für die Firma kauft.
Nun haben wir mit Semler Scientific wieder ein einigermaßen relevantes Unternehmen, das in bemerkenswertem Umfang in Bitcoin investiert. Der Medizingerätehersteller hat im Prinzip nur ein Produkt, den QuantoFlo PAD: ein Messgerät, das mit angeblich hoher Präzision die Blutzirkulation in den Extremitäten misst. So lassen sich arterielle Erkrankungen wie die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) frühzeitig erkennen.
Die pAVK ist, sollte man wissen, eine als unterdiagnostiziert geltende Folge von Arterienverkalkungen. Im harmlosen Fall verursacht sie Beinschmerzen, die bekannten „Schaufensterbeine“, im schlimmsten Fall kommt es zum nekrösen Raucherbein, das man im Endstadium nur noch amputieren kann. Weltweit sind hunderte Millionen Menschen betroffen, allein in Deutschland rund 4,5 Millionen. Da frühe Diagnosen Glieder retten, hat Semler ein international gefragtes Produkt, das relativ mühelos stabile Einnahmen erwirtschaftet.
Ähnlich wie MicroStrategy steht Semler daher vor dem Luxusproblem, hübsche Cash-Reserven zu haben, aber wenig Ideen, was man damit machen kann. Aufsichtsrat und Management haben „eine substanzielle Zeit“ damit verbracht, nach sinnvollen Investments, darunter auch Übernahmen anderer Unternehmen, zu suchen – ohne etwas wirklich attraktives zu finden: „Nachdem wir verschiedene Alternativen studiert haben, haben wir entschieden, dass das Halten von Bitcoin die beste Anwendung für unser überschüssiges Geld ist,“ sagt der Aufsichtsratsvorsitzende Eric Semler. Also kaufte Semler 581 Bitcoins für insgesamt 40 Millionen Dollar und machte Bitcoin zum primären Asset seiner Kapitalreserven.
Semler ist überzeugt, „dass Bitcoin ein zuverlässiger Wertspeicher und ein überzeugendes Investment ist.“ Er hält Bitcoin für einen „vernünftigen Inflationsschutz und sicheren Hafen bei globaler Instabilität“, der zudem mehr Potenzial für Profite hat als Gold. Ausschlaggebend für diese Überzeugung waren offenbar die ETFs, die Anfang des Jahres zugelassen wurden. Diese zeigten „die wachsende globale Akzeptanz und Institutionalisierung von Bitcoin.“
Anders als bei MicroStrategy, wo die Geschäfte jenseits von Bitcoin weitgehend in den Hintergrund getreten sind, soll der Fokus bei Semler, erklärt CEO Doug Murphy-Chutorian, weiterhin darauf liegen, den Kunden zu dienen und ein wachsendes und profitables Unternehmen der Gesundheitsbranche zu bleiben. Man werde weiterhin danach streben, die Verkäufe von QuantoFlo zu stärken.
Richtig spannend klingt dies aber nicht. Das erste Gerät hat Semler bereits 2011 vertrieben; 2018 feierte es eine Million Tests mit QuantoFlo. Seitdem passiert nicht allzu viel. Die Firma führt einige digitale Produkte ein, etwa SemlerAnalytics, die das Gerät für die Kliniken und Ärzte besser verwendbar machen sollen, bleibt aber insgesamt eine Ein-Produkt-Firma mit wenigen dominanten Großkunden, die den Hauptteil des Umsatzes stellen.
Diese Situation spiegelt sich auch im Verlauf des Aktienkurses wieder, der ein wenig an den Kurs eines typischen Shitcoins erinnert. Die Aktie ging 2014 mit etwa 5 Dollar live, stagnierte bis 2017 und stieg ab da an entschieden an, um Ende 2021 ein Allzeithoch von rund 150 Dollar zu erreichen. Danach ging es wieder abwärts, auf nun knapp 30 Dollar.
Semler-Aktienkurs seit 2014 nach TradingView
Die teilweise heftigen Einbrüche, zuletzt im Januar um rund 30 Prozent, riefen bei manchen Analysten Verwirrung hervor. Denn der Cashflow passt, das Unternehmen konnte im vergangenen Jahr Umsatz und Gewinn deutlich steigern und häufte damit Cashreserven an. Vermutlich fehlte den Anlegern ein Grund, auf einen Anstieg zu hoffen, da Semler wenig Ambitionen zeigt, etwa neue Geräte zu entwickeln.
Die Entscheidung, in Bitcoin einzusteigen, war für manche nun ein Befreiungsschlag. Der Preis sprang um hübsche 40 Prozent in wenigen Tagen, was der schönste Anstieg seit langem ist. Doch im großen Ganzen bleibt er kaum sichtbar, die Aktie hat noch nicht einmal den Wert von Anfang 2024 wieder erreicht und im Vergleich zur Spitze von 2021 noch immer rund 70 Prozent verloren.
Der Semler-Aktienkurs der letzten 5 Tage, ebenfalls nach TradingView.
Der Vergleich des Kurses mit dem von Shitcoins ist vielleicht gar nicht so schlecht. Bei einer Marktkapitulation von etwa 150 Millionen Dollar machen 581 Bitcoin einen signifikanten Anteil des Unternehmens-Vermögens aus, was den Kurs zwangsläufig in Abhängigkeit zu Bitcoin bringt, nicht viel anders als ein Shitcoin, der mit Bitcoin steigt und, in noch stärkerem Ausmaß, fällt. Man könnte schon darüber spekulieren, ob Unternehmen, die ihr Glück und Unglück an Bitcoin binden, eine neue Art von Altcoin bilden.

