Bitcoin und Sozialismus? Wirklich? Wer gedacht hat, dass das gar nicht zusammengehen kann und darf, der irrt sich. Denn die Blockchain trifft sich hervorragend mit dem alten und ewigen Ziel aller Linken: der Reduktion der finanziellen Ungleichheit. Ein Paper von Dmitri Kosten erklärt, weshalb der Wandel durch den Bitcoin mit der Abschaffung der Sklaverei und dem Übergang von Feudalismus zu Kapitalismus zu vergleichen ist. Der Titel: „Bitcoin Manifesto: Crypto-Socialism – What’s next?„
Sehr oft bemerkt man, dass Linke und Liberale dieselben Ziele haben, sich jedoch durch die Wahl der Mittel weltanschaulichen Lagern anschließen, die nicht gegensätzlicher sein könnten. Der klassische Linke möchte sämtliche Aufgaben dem Staat übergeben, der es schon richten soll, indem er die raffgierige Privatwirtschaft reguliert und besteuert; der klassische Liberale hingegen hält den Staat für eine der Ausgeburten der Hölle, der durch immer mehr Gesetze die Freiheit und durch Korruption und Misswirtschaft die Wirtschaft ruiniert. Beide Seiten vertreten jedoch oft die gleichlautende Überzeugung, dass man ein besseres System braucht, das mit der gravierenden sozialen Ungleichheit dieser Tage aufräumt.
Der Bitcoin als ein Geld, dass sich sowohl in Schöpfung als auch Überweisung dem kontrollierenden Einfluss des Staates entzieht, wirkt natürlich auf Liberale wesentlich sympathischer als auf Linke. Dennoch schreibt Dmitri Kosten aus New York von einem „Krypto-Sozialismus“ durch den Bitcoin – und er hat Argumente, die sowohl Linke als auch Liberale überzeugen können. Ist es nicht das Ziel beider Schulen, den Funktionseliten die politische und finanzielle Macht zu nehmen, sie dem einfachen Volk zurückzugeben und dezentralere Strukturen (Basisdemokratie, Kolchose, Markt) zu schaffen?
„Die größte Leistung und Werthaftigkeit der Blockchain- und Bitcointechnologie ist ihre Fähigkeit, die Macht von Regierung und Finanzen den Leuten durch peer-to-peer-Technologie zu geben. Sie verschieben die Macht von zentralisierten Authoritäten zu einem Netzwerk – die Macht der Masse. Als der Feudalismus zum Kapitalismus transformiert wurde, erhielten die Massen die Macht der Regierung,“ erzählt Kasten – und erwähnt, was diese Transformation vergessen hat: „Die Macht der Finanzen blieb jedoch zentralisiert.“
Die Blockchain ermöglicht, zum ersten Mal überhaupt, dass das Projekt der Demokratisierung vollendet wird – indem sie die Macht über die Finanzen dezentralisiert. Möglicherweise wird dies der Beginn einer Transformation vom Kapitalismus zu einer anderen Ordnung sein. Kosten fragt, ob diese neue Ordnung der Kryptosozialismus sein wird.
Aber steigen wir einen Moment von den Wolkentürmen hinunter und fragen, etwa pragmatischer: Woran hakt es im derzeitigen Finanzsystem – und was kann der Bitcoin bzw. die Blockchain daran ändern? Kosten arbeitet sich in seinem Paper durch die verschiedenen ungelösten Baustellen des modernen Finanzkapitalismus, der, um den Sloterdijk zu zitieren, wie ein Boot ist, das auf hoher See repariert wird [1].
Die Geldschöpfung nach oben
Der vielleicht größte Fehler des gegenwärtigen Systems ist für Kosten seine Fähigkeit, Fiat-Geld zu drucken, als wäre es Luft. Nach der volkswirtschaftlichen Theorie hat das frisch gedruckte Geld die Neigung, durch die wirtschaftlichen Ebenen zu sickern. Also von der Zentralbank zu den Banken, von dort zu den Investmentfonds, vielleicht zu Unternehmern und Baulöwen, und, ganz am Ende, zum gemeinen Bürger.
Dies bevorteiligt Akteure, die nahe am Zentrum der Geldschöpfung stehen – und diskriminiert diejenigen, die weiter davon entfernt sind. Was diese „Besteuerung durch Inflation“ anrichtet, kann man relativ einfach erkennen, indem man den Verlauf von Dax und Euro-Kaufkraft seit 2008 vergleicht. Während sich der Euro-Wert der im Dax indizierten Aktien seit Mitte 2007 ungefähr verdoppelt hat, ist die Kaufkraft des Euro selbst um beinah 10 Prozent gesunken und die festen Zinsen auf Euro-Anlagen sind kollabiert. Auch wenn die Geldschöpfung durch die EZB noch keine starke Inflation ausgelöst hat, da die Kapitalschwemme von den Finanzmärkten aufgesaugt wird, schmilzt die Kaufkraft des gemeinen Bürgers durch die Inflation dahin – während diejenigen, die genügend Asche haben, um in Aktien zu investieren, ihr Vermögen erheblich steigern konnten. Umverteilung at its best.
Dezentale Kryptowährungen könnten diesen Spuk austreiben. Denn wo es keinen König gibt, gibt es auch niemanden, der profitiert, weil er am Tisch des Königs speist. „Wenn die Geldschöpfung zu dezentralen Kryptowährungs-Netzwerken übergeht, wird die hierarchische Ordnung des Zugangs zu Geld durch das Prinzip von Mesh-Netzwerken ersetzt, was die Prinzipien von sozialer und demokratischer Ko-Existenz auf ein neues Level hebt.“
Abschöpfung durch Finanzdienstleistungen
Die zentralisierten, auf Vertrauen basierenden Finanzsysteme machen verschiedene Dienstleistungen nötig, wie die Überweisung von Geld, die finanzielle Risikoprüfung und mehr. Diese Dienstleistungen sind allerdings oft teuer – beispielsweise internationale Transaktionen – und werden von den zentralistischen Institutionen oft ausgenutzt, wie man etwa beim LIBOR-Skandal, bei ungedeckten Leerverkäufen und den vielen anderen Skandalen rund um die Finanzinstitutionen beobachten kann. Die Institutionen schöpfen Werte aus dem System ab, was als eine der wichtigsten Ursachen wirtschaftlicher Ungleichheit gilt.
Die Einfachheit und Erlaubnisfreiheit von dezentralen Geldmodellen werden diesen künstlichen Zugriff der Banken auf die Werte unterbinden. „Denn das Design von vertrauenslosen und dezentralen Systemen verbindet den Handel und das Settlement wieder in einer Transaktion, was solche systemischen Missbräuche automatisch verhindert.“ Über die Zeit, meint Kosten, werden die Marktkräfte die ökonomischen Werte fairer unter den Marktteilnehmern verteilen.
Too-Big-To-Fail: Verluste werden sozialisiert
Der unlimitierte Zugang zu Fiat-Geld sowie die Too-Big-To-Fail-Politik seit der Finanzkrise haben zu systematischen moralischen Risiken im Finanzwesen geführt. Banken haben weiterhin genügend Kapital, um große Risiken einzugehen, und wenn sie damit scheitern, werden die Verluste kurzerhand sozialisiert und dem Steuerzahler aufs Auge gedrückt – nicht jedoch die Gewinne im Falle des Erfolgs. Dass auch dies die ökonomische Ungleichheit verstärkt und zugleich die volkswirtschaftlichen Risiken erhöht, erklärt sich von selbst.
Mit Kryptowährungen wie dem Bitcoin wird es kein Bail-Out mehr geben. Schließlich existiert in einem dezentralen Netzwerk keine Authorität, welche die Reserven einer Bank auffüllen kann, falls es zu einem Bank Run oder verheerenden Verlusten kommt. In einer Welt der Kryptowährungen gelten für Banken dieselben Regeln wie für alle anderen Wirtschaftsakteure: Wenn sie sich pleite gewirtschaftet haben, sind sie pleite.
Das Elend des gegenwärtigen Systems
Kosten folgert, dass das gegenwärtigen zentralistische System der Geldschöpfung alle Mechanismen bereithält, um die totale Kontrolle über die Umverteilung von Ressourcen, unabhängig von den Bedingungen des Marktes, zu erhalten. „Der unbegrenzte Zugang zu Fiat schafft eine Umgebung, in der signifikante Arbeits- und Materialressourcen willkürlich umverteilt werden können. Krieg und Forschung können finanziert werden ohne Rücksicht auf Angebot und Nachfrage. Es schafft auch eine Umgebung, um verschwenderisch mit endlichen natürlichen Ressourcen umzugehen. Die Gefahr, dass sich die gegenwärtige Erschöpfung der Ressourcen beschleunigt, während unsere Technologie noch nicht weit genug entwickelt ist, um diese vollständig zu nutzen, trägt eine Rechnung in die nicht so weit entfernte Zukunft.“
Die Transformation vom Feudalismus in den Kapitalismus
Kosten denkt vermutlich marxistisch, wenn er an die Transformation des Feudalismus in den Kapitalismus erinnert. Im Feudalismus waren sowohl Arbeiter als auch Finanzen der Besitz des Königs bzw. seiner Pächter, der Herzöge, Barone, Kurfürsten, Fürstbischöfe, Grafen und so weiter. Im Zuge der Transformation zum Kapitalismus wurden Arbeitskräfte von der Scholle freigesetzt, es bildeten sich selbstregierte Viertel, Städte und schließlich Regionen. Die freie Arbeitskraft, die nur ihrem Träger gehörte, die steigende Nachfragen durch die Fabriken, die Abschaffung der Sklaverei bildeten wichtige Schritte auf dem Weg in die kapitalistische Gesellschaft.
Das Problem mit dem öffentlichen Sektor
Während im Feudalismus der Fürst der Besitzer des „öffentlichen Sektors“, also der Schulen, Universitäten, Straßen, Wälder, Kranken- bzw. Sterbehäuser war, ist dies im Kapitalismus ein gewählter Volksvertreter. Der vorübergehende Zugriff auf diese Ressourcen stellt jedoch weiterhin ein Element der Verlockung dar. Das gewählte Individuum wird in eine Position versetzt, in der er in der Lage ist, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern, indem er seine Verantwortung über öffentliche Güter misbraucht. Je höher die politische Ebene, je wertvoller die Güter, desto größer ist die Verlockung.
Die Gesellschaft reagiert auf dieses Problem, indem sie weitere Schichten der Gesetze aufsetzt und diese durch weitere Schichten der Rechtsdurchsetzung stützt. Egal wie komplex die Gesetze und wie effektiv deren Duchsetzung organisiert sind – das gewünschte Resultat bleibt aus. Korruption ist wie Paradontitis – sie ist niemals ganz zu besiegen, weder in Ägypten noch in Deutschland. Wenn sie einmal ausgebrochen ist, kann man bestenfalls die Symptome behandeln. Gleichzeitig expandiert das System der Regierung weiter und wird teilweise sogar zu einer Last. Manche Ökonomen sagen, dass die Kosten der Regierung ihre Vorteile bereits überwiegen.
Die Transparenz, die dem Design der Blockchain innewohnt, verhindert von sich aus zahlreiche Spielarten der Korruption. Wenn man etwa Landrechte, Titel oder auch Steuereinnahmen über die Blockchain verwalten würde, hätte jeder zu jeder Zeit Einsicht, was welcher Politiker oder Beamte mit den ihm vom Steuerzahler anvertrauen Finanzmitteln macht.
Dezentralisierung als Lösung
Das System der zentralen Finanz-Mittelsmänner ist unfair und unnötig teuer. Ein dezentrales Finanzsystem hingegen ist kosteneffektiver und sozial fairer.
Für Kosten besteht ein dezentrales Finanzsystem aus „Decentralized Autonomous Organizations“ (DAO), also aus Organisationen, die weder einen Standort noch vertraglich gebundene Mitarbeiter haben, sondern aus spontan und freiwillig zusammenkommenden Mitgliedern bestehen, die etwa im Falle des Bitcoins ihre Rechenleistung aus eigenem Anreiz gegen bestimmte Belohnungen spenden. Solche DAOs können das Management im Finanzwesen übernehmen, ohne von der Korruption verführt zu werden.
Die wichtigsten Werte von zentralistischen Systemen sind Vertrauen und Verlässlichkeit. Eine der wichtigsten Funktionen von Regierungen ist es, Verträge und Bodenrechte durchzusetzen. Das System ist teuer und ineffizient, aber es WAR lange Zeit die einzige mögliche Option. DAOs und Kryptowährungen und die Blockchain bieten nun eine bessere Alternative – programmierbares Vertrauen durch dezentrale Netzwerke. „Ein großer Teil der Rolle von Regierungen und andere zentralen Authoritäten laufen damit Gefahr, automatisiert zu werden.“
Die Revolution hat wohl bereits begonnen …
—
[1] Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, 2015. Eigentlich ein wirklich schreckliches, urkonservatives Buch, das jede Form des sozialen Wandels ablehnt, aber immerhin einige Denkanstöße gibt, an denen man sich kratzen kann.

