Mike Hearn verkündet seinen Abschied und erklärt den Bitcoin für ein gescheitertes Experiment – während Bitcoin Classic, der alternative Client, der Bitcoin auf 2 MB hardforken will, den Support von mehr als 70% der Hashpower bekommt, was de facto einer Machtübernahme entspricht. Der Markt findet beides gruselig, der Kurs verliert bis zu 70 Euro. Wir erklären euch, was los war – und warum.
Das mit dem Wochenende ist für Bitcoin-Blogger so eine Sache. Am Samstag zum Beispiel gab es nicht nur eine, sondern gleich zwei Bomben, die in Bitcoin-Land eingeschlagen sind.
Die erste war Mike Hearn, der von Core ausgestoßene Entwickler von Bitcoin XT, immer gut für klare, eindeutige Worte. Hearn verkündete über ein Blog, dass er draußen sei. Endgültig. Er habe alle seine Bitcoins verkauft, da er Bitcoin für ein gescheitertes Experiment halte. Vielleicht gehe es kurzfristig noch mal hoch, aber langfristig sehe er kein Wachstumspotenzial. Wie meistens, wenn man etwas von Mike Hearn liest, fühlt man sich genötigt, mit ihm zusammen die Zähne zusammenbeissen und seine Gegner anzuzischen: Ihr perfiden Trottel! Warum habt ihr nicht auf ihn gehört?
Mike Hearn spricht auf einer Konferenz. Bild ist ein Screenshot aus einem Video.
Kurz danach hat die New York Times einen Artikel über Hearn gebracht. Motto: Einer der frühesten Bitcoin-Entwickler erklärt das Projekt für gescheitert. Da, mochte sich der Leser also denken, ist auch beim letzten Fanatiker der Groschen gefallen. Bitcoin ist vorbei. Also ging der Bitcoin-Kurs auf Talfahrt.
Natürlich ist Bitcoin jetzt nicht „over und aus“, um das mal gleich klarzustellen. Und natürlich finden wir alle, dass jeder, der unsere Ratschläge ablehnt, zu dumm zum Atmen ist und es verdient, umgehend zu sterben. Das ist nur menschlich. Diesen Wunsch jedoch als Tatsache auszugeben und an die ganze Welt zu verkaufen, ist kindisch.
In Hearns Bitcoin-Todesanzeige geht es – natürlich – um die Blockgröße. Bitcoin wird von einer Handvoll chinesischen Minern kontrolliert, die dank der Großen Firewall gar nicht anders können, als Blöcke kleinzuhalten, während es in der Entwicklung eine Machtergreifung von hinterhältigen, egomanischen Subjekten gab, die es ablehnen, dass Bitcoin wächst, da Wachstum auf Kosten der Dezentralität geht. Hearns Vorstoß Bitcoin XT – der den Bitcoin durch eine Hardfork hätte retten können – wurde von DDoS-Angriffen und Zensur zerstört. Daher, das Potenzial: gering; die Zukunft: keine; und die Wachstumschancen: minimal. Schnell raus da!
So die Story von Hearn.
Muss ich euch wirklich erklären, dass Hearn vielleicht in der Tendenz nicht ganz ohne Substanz ist, aber im Detail und im Konkreten konsequent die Wirklichkeit verzerrt? In China gibt es vier bis fünf den Markt beherrschende Pools, ja, aber die Miner sind weiter recht dezentral und können Pools jederzeit verlassen. XT ist nicht wegen der Zensur und DDoS gescheitert, sondern weil niemand Mike Hearn als Chef wollte und BIP101 den allermeisten zu aggressiv daherkommt. Und so weiter.
Hearns Text ist keine Analyse, sondern eine Schmähschrift. Macht er das, um zu zerstören, was er nicht kontrollieren kann? Oder macht er es für seinen neuen Arbeitgeber R3CEV, jenes Startup, das die private Blockchain der Banken schaffen will und immer wieder predigt, dass eine offene, dezentrale Blockchain zum Scheitern verurteilt ist?
Man weiß es nicht. Ich nehme an, dass sich Mike Hearn einfach verhält, wie sich Mike Hearn verhalten muss: Eingeschnappt, wenn es nicht nach seinem Kopf geht. Der Kurs war ohnehin schon in Bärenlaune, Mike’s Abrechnung mit dem Bitcoin hat gereicht, um ihn weiter einknicken zu lassen. Aber das war noch längst nicht alles. Die echte, wirkliche News kommt erst noch:
Bitcoin Classic bekommt Support von 72% der Hashrate
Ironischerweise hat die zweite große News des Tages eigentlich Mike Hearn widerlegt – denn sie beweist, dass Bitcoin nicht auf Gedeih und Verderb von einer Gruppe von Entwicklern abhängig ist und dass die chinesischen Pools die Blockgröße durchaus erhöhen wollen.
Bitcoin Classic, der neue alternative Client, der Bitcoin auf 2MB hardforken will, weil es dafür einen Konsens gibt, findet rasend schnell Unterstützung im Ökosystem: Coinbase, Bitstamp, blockchain.info, coinify, xap und OkCoin sind bereits dabei, unter den Minern sind es Antpool, BW.com, Haobtc, Genesis, Avalon, BitFury und, seit Samstag: KnC und F2Pool. Damit, und das ist die entscheidende Nachricht: sind 72% der Hashrate auf der Seite von Bitcoin Classic.
Damit steigt die Chance, dass die Hard Fork getriggert wird und dass sie erfolgreich verläuft. Denn die Fork würde zunächst Bitcoin in Corecoin und Classiccoin spalten, doch der Coin, der eindeutig mehr Hashrate hat, würde den anderen voraussichtlich sehr schnell fressen. Und dies wäre wohl Classiccoin. Dennoch hat eine Hard Fork einen ungewissen Ausgang, weshalb der Markt erneut beunruhigt reagierte. Der Kurs brach weiter ein und fiel sogar kurzzeitig auf unter 330 Euro.
Wie kam es überhaupt dazu? Wie konnte Bitcoin Classic, das es noch keine zwei Wochen gibt und das noch keinen Code veröffentlicht hat, so schnell so viel Support im Ökosystem erhaschen, dass es bereits jetzt für einen Thronsturz reichen könnte? Die Antwort kann nur darin liegen, dass die Wirtschaft das Vertrauen in Cores Fähigkeit verloren hat, hinsichtlich der Skalierbarkeit die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich denke, der Kern der Sache ist, dass Core vergessen hat, dass das Bitcoin-Protokoll nicht nur Technologie, sondern auch Wirtschaft und Politik ist.
„Konsens“ ist für Core ausschließlich der Konsens der Entwickler. Als Core Segregated Witness als Lösung des Skalierens präsentierte, hieß es, dies sei die technologisch beste und sicherste Möglichkeit. Mag sein (darf aber auch bezweifelt werden). Aber klar ist jetzt, dass es die politisch schlechteste und gefährlichste Lösung war, nach 1,5 Jahren der Diskussion um die Blockgröße diese nicht wenigsten auf 2 MB anzuheben. Core scheint außerstande, die nicht-technischen Dimensionen des Bitcoins adäquat zu honorieren und beharrt darauf, ein techno-politisches Problem durch eine technische Methode zu lösen, die brandgefährlich ist, da sie Wirtschaft und Usern noch den winzigsten Kompromiss verweigert und damit in die unkontrollierte Hardfork führt.
Die Reaktion aus dem Umfeld von Core auf den Aufstieg von Classic sind vielsagend: Es wird immer wieder wiederholt, dass die Roadmap mit Segregated Witness die technologisch beste Lösung sei, wobei dies etwas zirkulär damit begründet wird, dass die Roadmap den Konsens der Experten hat. Dass für den „Konsens“ dabei nur Experten relevant sind, die Code schreiben, und zwar nur für Bitcoin Core und nicht für Börsen, und unter den Coreentwicklern nur diejenigen, die die Roadmap unterstützen, macht die Argumentation nicht eben besser. Core hat die besten Lösungen, weil die besten Lösungen von Core kommen.
Es scheint Core nicht klar zu sein, dass es Gründe gibt, weshalb die ökonomische Mehrheit sie am Samstag mehr oder weniger formal abgewählt hat. Core scheint nicht zu realisieren, dass Bitcoin einen Konsens-Mechanismus hat, der es einer Mehrheit aus Minern und Wirtschaft erlaubt, Entwickler abzusetzen, wenn der Verdacht aufkommt, dass diese sich verrannt haben.
Dies bedeutet nun freilich nicht, dass alle, die einen Beitrag zu Core leisten, von Classic und von den Minern und von den Unternehmen abgesägt werden und unerwünscht oder disrespektiert sind. Es geht lediglich um die Entscheidung wie und wann man auf 2 MB skaliert, und um den Einfluss den die Führung des derzeitigen Core-Teams auf die Politik des Bitcoins genommen hat.
Diese Entscheidung wurde nun getroffen. Nicht von Core, sondern von den Minern. Wir werden sehen, ob Core dies akzeptieren kann.

