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Bitccoin: Ein geldpolitischer Gegenentwurf

Vor kurzem ist das Wachstum der Bitcoin-Geldmenge mit 3,9 Prozent unter das der Euro-Geldmenge gefallen. Bitcoin repräsentiert damit eine alternative Geldpolitik, die sich eher am Goldstandard als an der Europäischen Zentralbank orientiert. Gewährleistet wird diese Geldpolitik nicht durch Politik, sondern durch ein dezentral durchgesetztes Protokoll.

Die große These des Bitcoins ist nahe mit der großen These des Goldstandards verwandt. Sie besagt, dass ein gutes Geld durch ein knappes Gut gedeckt sein soll. Bitcoin ist nicht direkt durch ein knappes Gut gedeckt, wie die Währungen zu Zeiten des Goldstandards – er ist selbst ein knappes Gut.

Bitcoins entstehen durch die Miner. Wir wollen hier gar nicht genauer darauf eingehen, was die Miner dabei tun und warum sie das tun. Worauf es hier ankommt, ist, dass die Miner nur alle zehn Minuten eine bestimmte Menge Bitcoins finden. Die genaue Summe halbiert sich etwa alle vier Jahre. Am Anfang waren es noch 50 Bitcoins, dann 25, heute sind es nur noch 12,5, bis es irgendwann im Jahr 2140 oder so Null erreicht. Oder fast null – so wie man niemals eine Mauer erreicht, wenn man die Länge seiner Schritte nach jedem Schritt halbiert.

Die Geldmenge des Bitcoins folgt also einer degressiven Kurve, die ein wenig an die Berechnung des Einkommenssteuersatzes erinnert und irgendwann vollkommen abflacht.

Die Anzahl Bitcoins in Jahren nach dem Genesis Block (2009). Da die Miner in den vergangenen Jahren extrem hochgerüstet haben, sind wir mittlerweile bereits etwa in Jahr 8-9 gelandet.

Anzahl Bitcoins je Reward-Ära. Jede Reward-Ära dauert etwa 4 Jahre. An ihrem Ende halbiert sich die Menge an Bitcoins, die von den Minern gefunden wird. In der zehnten Reward-Ära – die voraussichtlich Mitte der 2040er Jahre beginnt – wird die Generierung neuer Bitcoins nahezu gegen Null tendieren.

Die Geldmenge, das Wirtschaftswachstum und die Inflation

Während in den ersten Jahren die Geldmenge des Bitcoins mit kräftigen Raten wie 100 bzw. 50 bzw. 33 bzw. 25 Prozent gewachsen ist, hat die Geldschöpfung heute bereits eine viel niedrigere Rate erreicht. Es gibt derzeit beinah 16 Millionen Bitcoins, und je Jahr kommen alle zehn Minuten 12,5 Bitcoins, also insgesamt:

12,5 * 6 * 24 * 365 = 657.000 Bitcoins hinzu.

Das entspricht einem Wachstum der Geldmenge von 3,9 Prozent.

Das Wachstum der Geldmenge bei Bitcoin je Jahr. Die Balken sind das absolute Wachstum in Bitcoins – das über jeweils vier Jahre konstant bleibt – und die Linie stellt das relative Wachstum in Prozent dar.

Diese Grafik zeigt ebenfalls das absolute sowie das relative Wachstum, allerdings nicht in Jahren, sondern gemäß der Reward Ära. Bereits ab der sechsten Reward-Ära sinkt das Wachstum auf weniger als 3,5 Prozent je Ära, was weniger als einem Prozent je Jahr entspricht. Eintreten wird die sechste Reward-Ära vermutlich in den frühen 2030er Jahren.

Wer jetzt meint, die derzeitigen Rate, mit der die Geldmenge des Bitcoins wächst, also die 3,9 Prozent, sei hoch im Vergleich zum Euro, ist im Irrtum. Denn er geht davon aus, dass Inflation mit dem Wachstum der Geldmenge gleichzusetzen sei, und daher die Geldmenge in der Eurozone mit der Inflationsrate von 1-3 Prozent wächst. Entspricht dem gesunden Menschenverstand, ergibt auch Sinn – aber ist in der modernen Finanzwirtschaft grundfalsch.

So wächst die Geldmenge des Euro seit 2014 um rund 10 Prozent (bzw. 5 Prozent, je nachdem, welches Instrument man verwendet). Die Inflationsquote hingegen – also die Teuerung – liegt laut Angaben der EZB weiterhin unter 1 Prozent. Es mag sein, dass die „echte Inflation“ höher liegt – aber sicher nicht in der Höhe des Wachstums der Geldmenge.

Wachstum der Geldmenge M1 des Euro sowohl absolute (Balken) als auch relativ (Linie). M1 meint den Bestand der Geldscheine sowie flüssiger Mittel auf Bankkonten.

Warum Geldmenge und Inflation in der Eurozone den Kontakt verloren haben, ist ein Rätsel, das den Zentralbankern vermutlich schlaflose Nächte bereitet. Denn obwohl die Zentralbank versucht, die Inflation duch die Erhöhung der Geldmenge anzutreiben, schafft sie es nicht, die gewünschten Inflationsrate von europaweit 2 Prozent zu erzwingen.

Bei Bitcoin fällt der Unterschied zwischen Geldmengenwachstum und Inflation noch schärfer aus. Während die Geldmenge bis vor kurzem noch mit mehr als 10 Prozent gewachsen ist, ist Bitcoin bisher nicht nur nicht inflationär, sondern hochgradig deflationär: die Kaufkraft der Geldeinheiten steigt so sehr, dass man sie nur in logarithmischer Form in ein Diagramm bringt.

Diese Grafik zeigt die Anzahl Bitcons (Säulen) sowie den Preis (Kurve, logarithmisch skaliert), jeweils zu Beginn eines Jahres. Der extreme Höhepunkt Ende 2013 täuscht darüber hinweg, dass die durchschnittlichen Preise des Bitcoins kontinuierlich gestiegen sind.

Anders als beim Euro ist dieses Auseinandergleiten von Geldmenge und Inflation recht einfach erklärt: Das Wirtschaftssystem, in dem Bitcoin als Währung verwendet wird, ist um ein Vielfaches schneller gewachsen als die Geldmenge.

Unsicherheit beim Euro

Beim Euro greift diese Erkärung nicht. Denn das Wirtschaftswachstum beträgt hier lediglich 1-2 Prozent. Es steht seit 2014 offenbar in keinem direkten Kontakt mehr mit dem Wachstum der Geldmenge.

Zwischen 2009 und 2014 war dies anders. In dieser Zeit kam das Wachstum der Geldmenge M3 – die neben Bargeld und direkt verfügbarem Giralgeld auch Schuldverschreibungen und Geldmarktpapiere umfasst – mit rund 1 Prozent je Jahr nahezu zum Erliegen. Es lag recht nahe an der tatsächlichen Wirtschaftsleistung, die in dieser Zeit zum Teil negativ war und meist zwischen 0 und 1 Prozent lag.

Der leichte Anstieg des Wirtschaftswachstums, der seit 2014 zu verzeichnen ist, wird hingegen mit einem unerhört hohen Wachstum der Geldmenge erkauft. Seit 2014 wächst diese nämlich um rund 5 Prozent im Jahr (M1 wächst sogar mit 10 Prozent).

Wachstum der Geldmenge M3 des Euro, sowohl absolut als auch relativ.

Dieses von der EZB induzierte Geldmengenwachstum mag sich einmal in galoppierenden Verbraucherpreisen rächen, oder auch nicht. Als behaglich lässt sich die Situation aber, so oder so, nur schwer bezeichnen. Die Geldmenge wurde zum Werkzeug der Europäischen Zentralbank, um politisch formulierte geldpolitische Ziele mit experimentellen Methoden durchzuboxen. Gegen den Markt, vielleicht auf Kosten des Verbrauchers.

Diese Unsicherheit und Ungewissheit unterscheidet den Euro vom Bitcoin. Beim Euro beeinflussen Gremien, die wir nicht kennen und die nicht wirklich demokratisch berufen worden sind, die Geldmenge. Wir wissen schlicht nicht, wie hoch die Geldmenge in einigen Jahren sein wird, da sie von individuellen Persönlichkeiten und politischen Strukturen in der EU abhängig ist. Vielleicht wird ein neuer EZB-Präsident beschließen, dass die Geldmenge nicht nur mit 10 Prozent wachsen soll, sondern mit 30. Die Zukunft ist ungewiss.

Bei Bitcoin hingegen wissen wir schon heute, wie sich die Geldmenge entwickeln wird. Die „kontrollierte Geldschöpfung“ ist ins Protokoll geschrieben. Sie macht es möglich, dass wir bereits heute ausrechnen können, wie viele Bitcoins zu einem bestimmten Zeitpunkt der Zukunft existieren werden, und sie gewährleistet, dass die Schöpfung der Geldmenge nicht durch die Willkür Einzelner verändert wird. Die Zukunft steht schon jetz fest. Man kann sie planen.

Aber wer garantiert, dass niemand den Algorithmus ändert?

Wer entscheidet über die Geldschöpfung bei Bitcoin? Die Antwort auf diese Frage ist für die meisten Menschen schwer zu verstehen.

Dies liegt daran, dass unsere Gehirne es nicht gewohnt sind, über dezentrale Organisationen wie den Bitcoin nachzudenken. Wir gehen instinktiv davon aus, dass alles, was ist, ein Zentrum hat, und dass in diesem Zentrum jemand sitzt, der den Masterkey hat. Irgendjemand kann es ändern, oder? So wie bei der Zentralbank Mario Draghi, Gremien und andere EU-Bürokraten entscheiden, welchen Zinssatz die europäische Wirtschaft braucht – so kann doch auch beim Bitcoin irgendein Programmierer entscheiden, mit welcher Quote Bitcoins erzeugt werden, oder?

Nein. In einem dezentralen Netzwerk gibt es kein solches Zentrum. Es gibt lediglich ein Protokoll, in dem der Algorithmus steht, der die Schöpfung von Bitcoins definiert. Sobald jemand einen Bitcoin-Client herunterlädt, unterschreibt er quasi dieses Protokoll. Anschließend wird er nur noch Transaktionen gemäß den Regeln dieses Protokolls verbreiten und nur noch Updates seiner Blockchain akzeptieren, die den Regeln folgen.

Sobald sich ein anderer Knoten im Netzwerk, oder ein Miner, oder eine Gang von Minern und Knoten, dafür entscheidet, gegen die Regeln des Algorithmus zu verstoßen, beispielsweise indem er sich für einen gefundenen Block 50 anstatt 12,5 Bitcoins gutschreibt, wird der Rest des Netzwerks ihn nicht mehr erkennen. Das Bitcoin-Netzwerk ist blind für Blöcke, die gegen die Regeln verstoßen.

Falls überhaupt, dann ist die Änderung der Regeln nur durch einen gewaltigen Konsens möglich. Um die Geldschöpfung des Bitcoins zu ändern, müsste man die Miner, die Knoten, die Entwickler und die Börsen überzeugen. Erst wenn diese einstimmig dafür sind, dass die Anzahl der auszuschüttenden Bitcoins zu erhöhen ist – beispielsweise weil jedem klar ist, dass ansonsten die Sicherheit des Netzwerkes nicht aufrechtzuerhalten ist – ist es möglich. Ansonsten nicht.

Während also in der EU verschiedene Gremien über die Geldschöpfung entscheiden, ist diese beim Bitcoin wie ein Grundgesetzt verankert und kann nur durch einen netzwerkweiten Konsens geändert werden. Ob dies zwingend besser ist – wie die meisten Bitcoiner meinen – ist eine andere Frage. Fakt ist jedoch, dass Bitcoin damit eine andere Geldpolitik präsentiert, und dass es offenbar einen Bedarf danach gibt.

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