Nachdem die Zustimmung der Bitcoin-Miner zum Protokoll-Update Segregated Witness seit Anfang Dezember stagniert, möchte Litecoin-Entwickler Charlie Lee den Altcoin als Testbecken nutzen. In der Bitcoin-Szene zieht derweil das SegWit-Marketing an.
Seit rund einem Jahr wartet die Bitcoin-Community auf das Protokoll-Update Segregated Witness, von welchem eine Reihe von wundervollen Updates versprochen wurden, die von der Lösung einiger lästiger Probleme bis zur Bereitstellung von mehr Kapazität reichen. Seit dem 15. November dürfen die Miner darüber abstimmen, ob SegWit aktiviert wird. Anstatt der für eine Aktivierung notwendigen 95 Prozent stagniert SegWit allerdings seit rund 2 Monaten bei etwa 25 Prozent.
Die Gründe hierfür sind vielfältig. Einer könnte sein, dass SegWit neben den zahlreichen, sehr oft und sehr deutlich erwähnten Vorteilen auch einige eher seltener erwähnte Nachteile hat. Ein anderer Grund – und vermutlich der wichtigste – ist, dass einige Core Entwickler vor rund einem Jahr ein Abkommen mit den chinesischen Minern abgeschlossen haben, in welchem relativ unzweideutig vereinbart wurde, dass die Entwickler eine Blocksize-Hardfork liefern und die Miner dafür SegWit aktivieren. Die Miner haben keinen Zweifel daran gelassen, dass eine Hardfork (bzw. die Veröffentlichung von Code, der eine Hardfork einleitet) für sie Bedingung für die Aktivierung von SegWit ist. Dass die beteiligten Core-Entwickler nun das Abkommen einseitig für ungültig erklären, dürfte nicht eben die Bereitschaft der Miner erhöht haben, SegWit zu aktivieren.
Daher stagniert die Signalisierung pro SegWit. Unmittelbar nach dem Start der Abstimmung haben BitFury, BTCC, BitClub und Slush begonnen, ihre Zustimmung zu signalisieren. Die großen Pools, AntPool, F2Pool, HaoBTC, BW, ViaBTC scheinen hingegen keinerlei Interesse daran zu haben, den SegWit-Entwicklern entgegenzukommen. Sie enthalten sich der Stimme, womit SegWit auf eine Zustimmungsrate von lediglich 15-35 Prozent kommt. Die Folge ist, dass Bitcoin stagniert. Es gibt keine Blocksize-Hardfork, aber auch keine SegWit-Softfork. Die Kapazität bleibt bis auf weiteres bei 1 MB, und das ist offenbar zuwenig, um zu verhindern, dass es zu regelmäßigem Stau auf der Blockchain kommt.
Litecoin als Vorkoster
Um die Miner zu überzeugen, doch noch SegWit zu aktivieren, hat Litecoin-Entwickler Charlie Lee das Upgrade nun in Litecoin implementiert und eine Abstimmung für den Altcoin gestartet. Die Aktivierungsschwelle wurde dabei auf 75 Prozent gesenkt. Zwar gibt es bei Litecoin aufgrund des eher geringen Transaktionsvolumens keinen wirklichen Bedarf für die meisten Vorteile von SegWit, doch der „kleine Bruder von Bitcoin“ könnte damit ein großes Zeichen setzen: Er könnte einerseits als Testbecken für Bitcoin herhalten, so dass man sieht, ob das SegWit-Upgrade reibungslos läuft, und er könnte sich einerseits als die flexiblere Version von Bitcoin emanzipieren.
Nachdem die Abstimmung am 2. Februar begonnen hat, scheint sich die Begeisterung der Miner, Litecoin zum Testfahrzeug für Bitcoin zu verwenden, jedoch noch in Grenzen zu halten. Bisher tragen weniger als 5 Prozent der gefundenen Blöcke das Signal zur Aktivierung. Allerdings ist die erste Runde der Abstimmung noch nicht vorbei, weshalb man von einer effektiven Zustimmung von 10-30 Prozent ausgehen darf.
Wang Chun, der Administrator von F2Pool, einem Miningpool, der mehr als 40 Prozent der Litecoin-Hashrate und rund 15 Prozent der Bitcoin-Hashrate stellt, sagte, dass er plane, den Pool für SegWit zu aktualisieren, aber dass dies nicht in den nächsten Wochen geschehen werde. Die Chancen stehen gut für SegWit, aber man braucht noch etwas Geduld. Für Bitcoin, so Wang, habe der Pool in absehbarer Zeit hingegen nicht die Absicht, SegWit zu aktivieren.
Surreales SegWit-Marketing
Als Reaktion auf den schleppenden Support für SegWit hat das Marketing für das Upgrade teilweise surreale Züge angenommen Auf dem vom Magazin Coindesk veranstalteten Blockchain-Branchentreffen Construct 2017 vertraten etwa viele Vortragende die Ansicht, dass jeder Fortschritt von Bitcoin „vollständig von SegWit abhängt.“ Ferdinando M. Ametrano von der Politecnico di Milano sagte, „aus technischer Perspektive ist SegWit entscheidend für die Evolution von Bitcoin“; Lightning-Entwickler Joseph Poon erklärte, dass man das Lightning-Netzwerk zwar auch ohne SegWit bauen könnte, aber eben nicht so gut („It sucks“); und Core-Entwickler Cory Fields meinte, „SegWit ist so ein klarer und offensichtlicher Gewinn. Ich habe bisher noch kein Gegenargument gehört“. Jegliche Ablehnung von SegWit sei rein politisch motiviert. Die technischen Gründe, die womöglich gegen SegWit sprechen könnten, werden dabei ebenso konsequent ausgeblendet wie die Ursachen der politischen Ablehnung des Upgrades. Stattdessen wird nackte Dumm- oder Bosheit suggeriert.
Ein ähnliches Lied war wohl auf dem Satoshi Roundtable zu hören. Dieses einmal jährlich stattfindende Treffen von wichtigen Persönlichkeiten im Bitcoin-Ökosystem findet unter den Chatham House Rules statt, was bedeutet, dass es den Teilnehmern nicht erlaubt ist, nach außen die Namen anderer Teilnehmer zu nennen. Daher sind Berichte über den Roundtable, der dieses Jahr in Cancun, Mexiko, ausgetragen wurde, eher rar und vage. Sie verraten nie, wer was gesagt hat.
Dennoch wurde deutlich, dass die Skalierbarkeit und, vor allem, SegWit ein heißes Thema waren – und dass sich auch hier die Teilnehmer auf die bequeme Perspektive geeinigt haben, dass SegWit in jeder Beziehung klasse ist, aber nur wegen der Bockigkeit der Miner noch nicht aktiviert wurde.
So schreibt Brian Hoffman von OpenBazaar: „99 Prozent der Leute in dem Raum waren sich einig, dass SegWit eine gute Sache ist und aktiviert werden sollte. Es scheint wirklich ein Problem zwischen den Leuten zu sein, das den Konsens davon abhält, sich weiter zu entwickeln.“ Der Trader Tuur Demester sieht die wahrscheinlichste Erklärung immerhin darin, „dass die chinesischen Miner sich nicht ausreichend gewürdigt und vielleicht sogar verletzt fühlen von der Art, wie sie von der westlichen Bitcoin community behandelt werden.“ Lösungen könnten in intensiverer Kommunikation oder einem Rebranding von SegWit unter einem anderen, den Chinesen mehr schmeichelnden Namen liegen.
Frustrierter Pirat
Einzig der Ober-Pirat Rick Falkvinge, der die schwedische und weltweit erste Piratenpartei gegründet hat, sah das Problem nicht ausschließlich bei den Minern. Er schreibt: „Es gab viele Stunden der Diskussionen, in denen Leute danach gerufen haben, ‚SegWit jetzt endlich zu aktivieren‘, einfach und simpel, mit dem Ausdruck der Frustration mit den chinesischen Minern, die ‚den Fortschritt blockieren‘, indem sie SegWit nicht aktivieren, obwohl ’sie es tun sollten‘.“ Weniger als mit den Minern ist Falkvinge mit den entsprechenden Personen frustriert: „Für mich war es wirklich, wirklich eine frustrierende Erfahrung, in einem Raum mit Leuten zu sitzen, die ansonsten hyperintelligent sind, und denen von den chinesischen Minern vor etwa einem Jahr sehr deutlich gesagt wurde, was sie wollen (eine Hardfork, die die Blocksize für die gegenwärtig benutzten Transaktion auf mindestens 2 MB erhöht), und heute, heute fragen dieselben Leute frustriert, warum die chinesischen Minern SegWit nicht aktivieren, obwohl diese Miner in hellem, leuchtenden Klartext vor einem Jahr gesagt haben, was sie wollen, und dass das nicht SegWit ist.“
Nach Ausssage von allen Beteiligten scheint die Situation also festgefahren zu sein. Es gibt offenbar kein Bewusstsein dafür, dass SegWit Teil eines Abkommens ist und eine Gegenleistung noch aussteht, und es scheint ebenso wenig eine Bereitschaft der Miner zu geben, SegWit trotz des Abkommens zu aktivieren bzw. die Argumente zu akzeptieren, mit denen einige Entwickler das Abkommen für gescheitert erklärt haben. Möglicherweise kann die Aktivierung von SegWit auf Litecoin diese festgefahrene Situation lösen. Zumindest ein bißchen …
