Bitcoin erreicht mit 2.500 Euro ein neues Allzeithoch. Was normalerweise Anlass zu bedingungslosem Jubel wäre, wird nun von einer leichten Sorge überschattet: Werden andere Altcoins Bitcoin überholen? Kommt es zum „Flippening“, dem Wechsel an der Spitze der Kryptowährungen? Wir schauen uns an, ob die Sorge wirklich relevant ist …
Fangen wir mit der guten, der wundervollen Nachricht an: Auf Bitcoin.de werden derzeit Bitcoins für rund 2.550 Euro gehandelt. Dieser verrückte Preis übertrifft alles, was selbst die kühnsten Optimisten erhofft haben. Als ich im September 2016 eine Umfrage zum Preis in einem Jahr gemacht habe, habe ich notiert, dass die Leser außergewöhnlich optimistisch sind – weil viele erwartet haben, dass Bitcoin in einem Jahr mehr als 500 Euro wert sein würde.
Der Kurs im 1-Jahres-Chart auf Bitcoin.de
So kann es gehen. Bitcoin als Investment schneidet erneut überragend ab, und es hätte wohl niemand vermutet, dass der Tag so schnell kommen würde, an dem man mit einem einzigen Bitcoin einen gebrauchten Kleinwagen oder eine Ikea-Küche kaufen kann. Kann man auf diese Nachrichten anders reagieren als mit einem Jubelschrei, der bis in den Nachbarort zu hören ist?
Ja. Offenbar kann man. In der Kryptoszene findet man immer mehr Leute, die entweder von Bitcoin aus leicht neidisch auf manchen Altcoin blicken – oder von den Altcoins etwas mitleidig auf Bitcoin. Denn während die Profite mit Bitcoin im 3-stelligen Prozentbereich liegen, trumpfen zahlreiche Altcoins mit Gewinnen im 4-stelligen Prozentbereich auf. Schon beginnen manche daher vom „Flippening“ zu reden – dem Ereignis, in dem sich die Münze umdreht und nicht mehr Bitcoin der Motor der Kryptowährungen ist, sondern eine andere Währung.
Kann das passieren? Wir schauen uns mal an, was sich im Ranking der Kryptowährungen auf den Plätzen nach Bitcoin tut – und welcher Coin das Potenzial hat, Bitcoin vom Thron zu stoßen.
Wie Altcoins die Bitcoin-Profite in den Schatten stellen
Wenn es eine Webseite gibt, auf die man nicht verzichten kann, wenn man über das Flippening nachdenkt, dann ist das Coinmarketcap.com. Diese Seite unterhält API-Verbindungen zu zahlreichen Börsen und dokumentiert den Kursverlauf aller Kryptowährungen, die auf diesen gehandelt werden. Indem die Seite den Preis mit der Anzahl der Coins multipliziert, erhält sie die „Marktkapitalisierung“, also den Gesamtwert einer Kryptowährung.
Die Webseite Coinmarketcap.com
Heute haben wir erstmal eine gesamte Marktkapitalisierung von mehr als 100 Milliarden Dollar erreicht. Diese Summe bezeichnet den Wert aller Kryptowährungen zusammen. Dieser Wert ist im Lauf der letzten Monate wie vom Affen gestochen nach oben geschossen. Im Januar 2016 betrug er etwa 7 Milliarden Dollar, im Januar 2017 etwa 15 Milliarden und noch im April rund 28 Milliarden. Ende April begann der Wert plötzlich absurd steil zu steigen.
Warum passiert das? Eine Erklärung ist schwer zu finden. Möglicherweise ist es eine Blase. Das Geld sucht nach einem Ort, um unterzukommen, und findet diesen in Bitcoin, der Krypto-Leitwährung, in Ethereum, der spannenden neuen Kryptowährung, oder in Litecoin, Dash oder Ripple, alternativen Kryptowährungen, die nach rund 4 Jahren Lebenszeit immerhin eine gewisse Stabilität versprechen.
Das vielleicht interessanteste an dieser Blase ist jedoch, auf welche Kryptowährungen sie sich verteilt. Alle früheren Blasen – etwa im Herbst 2013 – bestanden fast ausschließlich aus Bitcoin. Als im Winter 2013 plötzlich Litecoin, Peercoin und andere Altcoins in die Höhe schossen, war dies ein klares Zeichen dafür, dass die Blase ihren Höhepunkt erreicht hatte. Heute hingegen sind die vielen Altcoins ein immer größerer Teil der Blase, ohne dass es Anzeichen dafür gibt, dass diese bereits auf ihrem Höhepunkt angelangt ist.
Bitcoins Dominanz auf den Kryptomärkten ist in Gefahr
Ein Chart, der immer mehr Beachtung findet, ist dabei der „Bitcoin Dominanz Index“. Diese Kurve zeigt den Anteil an, den Bitcoin am gesamten Kryptowährungs-Markt hat. Und etwa zur selben Zeit, als das gesamte Volumen der Kryptowährungen senkrecht in die Höhe schoss, setzte dieser Wert zu einem nicht minder senkrechten Sturz nach unten an.
Bis März 2017 fiel der Bitcoin-Dominanz-Index nur zu sehr wenigen Gelegenheiten auf weniger als 80 Prozent, und selbst dann niemals auf weniger als 75 Prozent. Ab März jedoch ging es abwärts: 72 Prozent (18. März), 65 Prozent (2. April), 57 Prozent (5. Mai). Am 16. Mai geschah schließlich das Undenkbare: Der Anteil von Bitcoin am gesamten Kryptomarkt sank auf weniger als die Hälfte – und bleibt seitdem zwischen 45 und 49 Prozent.
Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie dieser Trend weitergeht. Bitcoin fällt unter 40 Prozent, landet bei 30, stürzt vielleicht sogar in den 20-nochwas-Bereich … während andere Kryptowährungen weiter aufholen, vielleicht sogar eines Tages gleichauf mit Bitcoin werden und dann, wenn es so weitergeht wie bisher, Bitcoin überholen …
Vielfalt oder Flippening?
Es wäre denkbar, dass die Kryptomärkte der Zukunft bunter und vielfältiger werden. Dass es undenkbar wird, dass eine einzelne Währung mehr als 20-30 Prozent am gesamten Markt hält, und wir eine Vielzahl von Währungen haben, die alle für ihren Zweck eingesetzt werden – für besonders private und besonders transparente Transaktionen, fürs Mikropayment, für Smart Contracts und so weiter – und dass diese Währungen weiterhin um den digitalen Goldstandard Bitcoin kreisen. Dies wäre ein Szenario, das Last von Bitcoin nimmt, ohne dessen Stellung als Leitwährung anzugreifen.
Man könnte aber auch argumentieren, dass es nur eine große Kryptowährung geben kann, da bei Geld der Netzwerkeffekt greift, so wie bei Facebook, und da es ja die Idee einer Internetwährung ist, das World Wide Web zur Währungsunion zu machen. Dementsprechend meinen manche, dass ein weiteres Sinken der Bitcoin-Dominanz nicht zu einer kunterbunten Vielfalt von Kryptowährungen führen wird – sondern dazu, dass eine andere Kryptowährung Bitcoin die Krone stiehlt und zur neuen Leitwährung wird. Dieses Ereignis wird das „Flippening“ genannt.
Wird Ethereum der neue Platzhirsch?
Die Währung, die sich wie keine andere für das „Flippening“ qualifiziert, ist Ethereum. Die erst 2015 gestartete Blockchain mit der turing-vollständigen Skriptsprache hat seit Anfang 2016 einen Aufstieg hingelegt, der selbst in den verrückten Kryptomärkten seinesgleichen sucht. Im Januar 2016 noch etwa 1 Dollar wert, im Lauf des Jahres 2016 auf 10-15 Dollar gestiegen, im März 2017 noch 15,80 Dollar, im April bei 50 Dollar, im Mai bei 100, und heute bei 250 Dollar. Peng.
Ethereum wurde mittlerweile zur de Fakto Leitwährung für die Ausgabe von ICOs, wie jüngst die BAT von Brave. Auf vielen Altcoin-Börsen ist Ethereum eine zweite Leitwährung für den Handel mit anderen Altcoins, und Shapeshifts CEO Eric Vorhees erklärte vor kurzem, dass die digitale Wechselstube mittlerweile einen Teil ihrer Einkünfte in Ether hält. Dank der vielen Möglichkeiten, die die Smart Contracts auf der Ethereum-Blockchain bieten, wird diese mehr und mehr zum Magnet für neue Entwickler. Und mit beinah 200.000 Transaktionen am Tag wird Ethereum schon fast genauso viel genutzt wie Bitcoin.
Tägliche Ethereum-Transaktionen laut Etherscan.io
Während die Bitcoin-Entwickler vor allem durch Zaudern und Schrecken vor dem eigenen Erfolg auffallen – man könnte manchmal meinen, sie wünschen sich in eine Zeit zurück, als noch kaum jemand Bitcoin benutzt hat – sind die Ethereum-Entwickler hungrig nach Erfolg und laden ohne Bedenken alles, was möglich ist, auf die Blockchain auf. Zudem hat Bitcoin noch immer mit dem Ruf als Währung der zwielichtigen Gesellen, der Hacker und Drogendealer, zu kämpfen und ist daher für viele Banken weiterhin ein rotes Tuch – während Ethereum im Ruf steht, die möglicherweise weiße Kryptowährung zu sein und dementsprechend beliebt bei Banken ist, die sich seit langem Blockchain ohne Bitcoin wünschen.
Die Überzeugung, Teil der Zukunft zu sein, ist stark in der Ethereum-Community. Gedeckt wird dies durch eine Marktkapitalisierung von 23 Milliarden Dollar, was so viel ist, wie Bitcoin Anfang Mai auf die Waage brachte und heute die Hälfte von Bitcoins Gewicht ausmacht. Es kann relativ schnell gehen, dass Ethereum diesen letzten Abstand aufholt – worauf die Community von Ethereum so sehr wartet, dass es sogar eine Webseite gibt, die anzeigt, wie weit es mit dem Flippening ist.
Aber … noch ist Ethereum nicht bereit
Allerdings ist es aus einer Reihe von Gründen nicht ganz so einfach, wie sich die Ethereum-Community die Sache mit dem Flippening vorstellt. Erstens wäre da der Name. Nicht nur weil Bitcoin ein viel griffigerer Name für digitales Geld ist als Ethereum. Sondern auch, weil es viel einfacher auszusprechen ist. Jeder weiß, wie man „Bitcoin“ sagt. Aber „Ethereum“? Die Aussprache ist für Deutsche sowohl Zungenbrecher als auch Mysterium: „Eteerium“, „Itierium“, „Issierium“, „Iffierium“ – wie spricht man das nun aus?
Zweitens ist Ethereum noch längst nicht so weit entwickelt wie Bitcoin. Es gibt keine bzw. so gut wie keine Ethereum-ATMs, keine bzw. so gut wie keine Wallets für mobile Geräte, keine bzw. so gut wie keine Light-Wallets, viel weniger Börsen, keinen bzw. so gut wie keinen OTC-Handel wie LocalBitcoins, keine bzw. so gut wie keine Akzeptanz im Handel und so weiter. Ethereum ist eine spannende Plattform für Smart Contracts und Token-Crowdsales für die Projektfinanzierung, ohne Zweifel – aber bis es als digitales Bargeld mit Bitcoin gleichziehen kann, hat es noch einen sehr weiten Weg vor sich. Die Geldwerdung passiert nicht über Nacht, sondern ist ein langer und steiniger Weg.
Drittens muss Ethereum erst noch beweisen, dass es so skalieren kann, wie es verspricht. Denn Ethereum ladet nicht nur Transaktionen auf die Blockchain, so wie Bitcoin, sondern auch selbstausführende Verträge und Token, also, anders gesagt, Code. Dies führt dazu, dass 200.000 Ethereum-Transaktionen vermutlich schon jetzt sehr viel mehr Platz brauchen, als 300.000 Bitcoin-Transaktionen, während das Versprechen von Ethereum, alles auf die Blockchain zu bringen, was möglich ist – Spiele, Verträge, Börsen, Prediction-Markets etc. – dazu führen wird, dass monetäre Transaktionen wie bei Bitcoin nur einen kleinen Teil der Blockchain-Aktivität ausmachen. Um also zur Plattform derselben wirtschaftlichen Aktivität wie Bitcoin zu werden, benötigt Ethereum sehr viel mehr Kapazität. Und während klar ist, dass die Entwickler willig sind, diese bereit zu stellen, gibt es noch keinen klaren Hinweis, dass ihnen dies gelingen wird, ohne dass die Blockchain unter der Datenlast zersplittert.
Die Tendenz der Charts steuert also relativ zielstrebig auf ein „Flippening“ von Bitcoin zu Ethereum zu. Die „harten Fakten“ hingegen werfen deutliche Zweifel auf, dass dies in absehbarer Zukunft tatsächlich geschehen kann.

