Klingt technisch, ist aber eine Revolution: Die Holder der Token der Uniswap-DAO, UNI, sollen künftig von Gebühren auf den Währungswechsel bei Uniswap, der größten dezentralen Börse, profitieren. Dies würde UNI zu einer ganz neuen Klasse von Token machen – und der Markt liebt es schon jetzt.
Es war wie immer nicht das, was man rechts und links erwartet hatte, sondern was sich unterm Dickicht verborgen hielt. Am Kryptomarkt können Entwicklungen, die für Außenstehende nach belanglosen, esoterischen Details aussehen und die man gar nicht anders als in Fachbegriffen ausdrücken kann, für Stürme sorgen. Sie können über Nacht Milliarden an Dollar bewegen und den Anstoß zu noch viel mehr geben.
Ende letzter Woche konnte man dies wieder begutachten. Das unscheinbare, aber wirkmächtige Detail war ein Vorschlag in der Uniswap-DAO mit dem Titel: „Activate Uniswap Protocol Governance„. Es wird auf Deutsch nicht weniger blass: „Aktiviere die Protokoll-Regierung in Uniswap.“
Erwin Koen, als „Gov Lead“ sozusagen Vorsitzender der Uniswap Foundation, dem Zentrum der Dezentralen Autonomen Organisation (DAO), hat den Vorschlag eingereicht. Er nannte es die „größte Woche der Uniswap Protokoll-Governance seit … immer“.
🧵 Biggest week in Uniswap Protocol Governance… ever?
I just proposed a large-scale upgrade to the system. Specifically, I believe we should upgrade the protocol so that its fee mechanism rewards UNI token holders that have staked and delegated their tokens. 🦄
— Erin Koen (@eek637) February 23, 2024
Der Markt mag’s offenbar: Der Preis des $UNI-Token reagierte euphorisch, er stieg vergangenen Freitag von 7 Dollar auf über 10 Dollar, zwischenzeitlich sogar auf 13 Dollar, und er liegt jetzt bei 10,70 Dollar. Das ist ein Jahreshochwert, den es zuletzt Anfang 2022 gegeben hatte.
Ein Vorschlag, der Milliarden wert ist
$UNI, sollte man wissen, ist das Token von Uniswap, der DAO, die die dezentrale Börse Uniswap regiert. Uniwap ist die größte dezentrale Börse, mit einem Handelsvolumen von rund einer Milliarde Dollar in den vergangenen 24 Stunden gehört sie auch zu den größten Krypto-Börsen überhaupt.
Man kann sich die DAO wie einen Aufsichtsrat vorstellen, dessen Zustimmung die Geschäftsführung bei richtungsweisenden Entscheidungen einholen muss. Es geht dabei vor allem um Änderungen im Protokoll und den Smart Contracts, die das Skelett der dezentralen Börse bilden, an die die „Liquidity Provider“ das Gewebe heften.
Das Token dieser DAO, $UNI, sprang in der vergangenen Woche also um rund 40 Prozent. Es war der Top-Gainer, also die am stärksten steigende Kryptowährung der vergangenen sieben Tage; die Marktkapitalisierung sprang von 4,2 auf etwa 6,4 Milliarden Dollar. Offenbar bewertete der Markt den Vorschlag spontan mit zwei Milliarden Dollar.
Aber nicht nur das. Auch andere DeFi-Protokolle wie SushiSwap, DYDX oder Compound verbuchten ansehnliche Gewinne. 20 oder 30 Prozent sind keine Seltenheit. Auch Ethereum stieg in den letzten sieben Tagen deutlich gegenüber Bitcoin und anderen großen Kryptowährungen. Dies könnte mit dem Uniswap-Vorschlag zusammenhängen.
Worum geht es also? Was steckt hinter dem Vorschlag mit diesem blassen und unprätentiösen Titel? Und warum ist er noch viel mehr als die Summe seiner Teile?
Anreize gegen die Wahlmüdigkeit
Der Vorschlag „Aktiviere die Uniswap-Protokoll-Governance“ scheint auf den ersten Blick unscheinbar zu sein. Aber er hat weitreichende Auswirkungen. Er verlangt, „die Governance im Uniswap-Protokoll zu aktivieren“, was bedeutet, dass die Community, die über Änderungen im Protokoll entscheidet, also der Aufsichtsrat, eine größere und aktivere Rolle spielen soll – sie wird „aktiviert.“
Der Vorschlag adressiert damit ein weit verbreitetes Problem in DAOs: die Wahlmüdigkeit. Viele Nutzer schätzen es, wenn ihre Token stabil bleiben oder an Wert gewinnen, so wie man es von Aktien kennt; aber sich aktiv an der Governance zu beteiligen – Vorschläge lesen, diskutieren und prüfen, sie gar zu verändern oder selbst einzureichen – das ist weniger beliebt. Selbst die Delegation von Stimmen an Vertreter, die das für einen machen, scheint zu viel verlangt!
Denn das ist die ernüchternde Wirklichkeit der DAO: Weniger als 10% der zirkulierenden Uni-Token werden für Abstimmungen genutzt, und selbst unter den Delegierten enthalten sich viele einer Stimme. Eine solche Wahlmüdigkeit macht DAOs schwach. Sie erschwert es auf der einen Seite, Entscheidungen zu treffen, und senkt auf der anderen Seite die notwendige Quote so tief, dass die DAOs auf wenige aktive Akteure zentralisieren und angreifbar werden.
Der Uniswap-Vorschlag zielt darauf ab, dieses Problem zu lösen. Präziser gesagt: Er möchte die Delegation von UNI-Stimmen durch Protokollgebühren belohnen. „Wir sind überzeugt, dass es dem Wachstum und Erfolg des Protokolls dienlich sein wird, wenn Uniswap-Token-Inhaber einen Anreiz erhalten, Delegierte zu wählen. Wenn der Vorschlag erfolgreich ist, erwarten wir den Eintritt neuer Delegierter und mehr Dynamik unter ihnen.“
Die Besitzer der Uniswap-Token können also durch aktive Teilnahme an der DAO Einnahmen aus den Protokollgebühren erhalten. Die $UNI-Token haben einen „Cashflow“; sie erwirtschaften eine Rendite, indem sie Geld aus dem laufenden Betrieb erhalten, um eine Art Direktorat oder Aufsichtsrat zu bezahlen. Oder auch nur einen Aktionär. Die Begriffe verschwimmen an dieser Stelle, weil das Token eine ganz neue Art von Finanzprodukt wird.
Aber einer muss die Zeche zahlen
Grob gesagt wird das UNI-Token zu etwas ähnlichem wie einer Aktie oder Anleihe aufgewertet. Mit dem Unterschied eben, dass ein Smart Contract die Dividende aus dem laufenden Betrieb abführt, und dass damit der ganze Mechanismus der Umlage digitalisiert wird und somit automatisiert und modulierbar. Man kann die Dividendenzahlung auf unzählige Weisen modifizieren und gamifizieren. Der Stakeholder wird aktiver, als er es im klassischen Finanzwesen je sein konnte.
So fantastisch dies klingen mag – es gibt es immer jemanden, der die Zeche zahlt. In diesem Fall sind das die Nutzer von Uniswap. Die eigentlichen Protokollgebühren, die bei jedem Wechsel von einem Coin in einen anderen anfallen, fließen bisher in vollem Umfang ans Fleisch der DAO – die Liquiditätsanbieter (LP), die die entsprechenden Coins in einen Liquiditätspool geben, aus dem heraus der Wechsel ermöglicht wird. Diese Gebühren liegen zwischen 0,05 und einem Prozent. Der neue Vorschlag erlaubt es, je nach Währungspaar davon ein Zehntel bis ein Drittel aufzuschlagen, und diesen Betrag an die Uniswap-DAO abzuführen.
Es ist ein wenig wie eine Mehrwertsteuer, die aufgeschlagen wird, wenn eine Partei einer anderen eine Leistung erbringt – die Liquiditätsprovider an die User – und an eine dritte Partei, Governance – eine Regierung! – umverteilt wird. Man könnte auch sagen, es ist wie die Gebühr eines Plattformbetreibers wie Amazon.
In finanztechnisch unkartierte Gewässer einsegeln
Eine solche Mehrwertsteuer oder Plattformgebühr (was ist eine Mehrwertsteuer schon anderes?) macht den Handel auf Uniswap natürlich geringfügig teurer. Er könnte dazu führen, dass Nutzer auf andere Plattformen abwandern, die kein solches Modell haben, dass das Handelsvolumen sinkt, die Liquiditätsprovider weniger Einnahmen haben, schließlich zu anderen Plattformen wechseln und die Liquidität auf Uniswap austrocknet.
Den bisherigen Eindrücken zufolge stößt der Vorschlag in der Community, sowohl in den Foren der DAO als auch in sozialen Medien, auf viel mehr Begeisterung als Skepsis. Die Freude darüber, in finanztechnisch unkartierte Gewässer einzusegeln, überwiegt die nüchterne Betrachtung möglicher Nachteile. Und ohnehin – ein fähiger Aufsichtsrat, der den Anreiz hat, auch wirklich zu arbeiten, anstatt seine Pfründe einzustreichen, könnte Uniswap ja tatsächlich zu einer besseren Börse machen, die trotz höherer Gebühren mehr User und Liquidität anzieht.
Vielleicht noch wichtiger: Der sekundäre Effekt juristischer Natur
Eher juristischer Natur ist dagegen ein sekundärer Effekt, der weit über Uniswap hinausgehen könnte. Es geht nicht allein um die schon faszinierende Summe seiner Teile – den Cash Flow, die Neuerfindung der Anleihe in Smart Contracts, ihre Tokenisierung und Gamifizierung – sondern vielmehr darum, dass Uniswap, das in den USA ansässig ist, es unmittelbar vor den Augen der Börsenaufsicht SEC tut – und offenbar tun darf.
Normalerweise reagiert die SEC scharf, wenn etwas wie eine Aktie aussieht: Sie klagt, bevor sie Fragen stellt; die Uniswap Foundation wäre nicht legal geblieben, wenn sie das nicht wüsste.
Das legt also nahe, dass sich juristisch etwas geändert hat. Hat ein Unternehmen einen Prozess gegen die SEC gewonnen? Gibt es eine Nachricht, die noch nicht öffentlich wurde und das regulatorische Spielfeld verändert hat? Manche schätzen, dass Coinbase einen Einspruch gewonnen hat, aber darüber ist, wie gesagt, noch nichts bekannt.
Es ist in jedem Fall ein starkes Zeichen: eine Aufforderung an andere, es Uniswap gleichzutun und es zu wagen, sich ein wenig mehr wie eine Aktie, Anleihe oder andere Wertpapiere zu verhalten, und den Mut zu haben, damit zu experimentieren. Dies könnte das Tor für eine neue Welle an dezentralen Finanzprodukten öffnen – und der Markt giert offenbar danach.

