Der Blockchain-Analyst Arkham Intelligence stellt seine „Intel Exchange“ vor um „die Blockchain zu deanonymisieren.“ Was für die meisten wie eine Dystopie klingt, betrachtet Arkham als Verwirklichung der Blockchain-Utopie.
Arkham ist ein schauderhaftes Wort. In Lovecrafts Cthulu-Mythos bezeichnet es eine fiktive Stadt, in der eine uralte, böse Magie vorherrscht, und im Batman-Universum ist es der Name einer Nervenheilanstalt, einem Ort, der noch düsterer ist als das düstere Gotham City. Arkham steht dafür, dafür dass die Welt finster ist, solange keiner ein Licht entzündet.
Das macht Arkham zum treffenden Namen von Arkham Intelligence, einer Plattform für Blockchain-Analysen, Motto: „Deanonymizing the Blockchain“. Mit einer neuen Plattform sorgt Arkham derzeit für etwas Aufregung in der Szene: mit dem „Arkham Intel Exchange“.
Die Kernidee ist eine Art Börse, auf der Onchain-Analysen gehandelt werden, etwa welche Identität hinter welcher Wallet steckt: „Ein Marktplatz, der Leute verbindet, die Daten über beliebige Krypto-Adressen kaufen oder verkaufen wollen.“ Der „Arkham Intel Exchange“ soll einerseits talentierten Analysten die Gelegenheit verschaffen, ihre Fähigkeiten zu monetarisieren, und andererseits den wachsenden Bedarf nach Onchain-Daten auf skalierbare Weise befriedigen.
Der Käufer von Daten postet dafür ein Bounty für eine bestimmte Onchain-Adresse und hinterlegt die Belohnung auf einer anderen Adresse, ich vermute einer Multisig-Adresse, auf die Arkham treuhänderisch einen Teilzugriff hat. Blockchain Analysten können dann die Daten abgeben und die Belohnung kassieren. Für die ersten 90 Tage stehen die Daten exklusiv dem Käufer zur Verfügung, danach gehen sie in die allgemeine Plattform von Arkham ein.
Arkham nennt die Plattform „Intel-to-Earn“, aber ebenso passend wäre „Doxx-to-Earn“. Der Ansatz ist perfide, weil er Anreize für genau das setzt, das eigentlich niemals passieren sollte: Die öffentliche Verbindung von Blockchain-Adresse und echter Identität. Wie soll man verhindern, dass pleite gegangene Börsen die Daten ihrer User verhökern? Wer verhindert, dass DeFi-Apps, in die sich Leute mit ihren Wallets einloggen, die zwangsläufig anfallenden Daten verkaufen? Dass Hacker sich dumm und dämlich verdienen, indem sie User mit Daten doxxen, die sie abgegriffen haben?
Arkham Intelligence arbeitet mit seiner Plattform einer dystopischen Zukunft in die Hände, in der alle finanziellen Transaktionen vollkommen transparent sind. Sie kehrt das, was Satoshi beabsichtigte, nämlich Privatsphäre für Transaktionen, in das Gegenteil um – in einen hypertransparenten Alptraum, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt, sobald einmal eine Adresse mit dem echten Namen verknüpft ist.
Aber für Arkham ist genau das vielmehr Utopie als Dystopie. In seinem „Codex“ erklärt das Startup erfreulich offen seine Motivation und Weltsicht.
„Die Krypto-Welt ist von Dunkelheit bedeckt,“ erklärt eine Art Präambel: „Dunkelheit schafft Furcht und Unsicherheit, und diese töten Zuversicht und Wachstum. Die Lösung ist es, ein Licht zu entzünden, und das ist, was Arkham macht: wir schaffen die vollkommene Krypto-Aufklärung, indem wir die Blockchain deanonymisieren.“ Nicht einzelne Akteure oder Kriminelle, wohlgemerkt, sondern: die Blockchain. Also jeden.
Auch in der Frühzeit des Internets, fährt der Codex fort, war jeder pseudonym. Heute dagegen nutzen Leute mehr und mehr ihre echte Identität online. Dasselbe geschieht mit Blockchain-Identitäten, und am Ende „wird jedermanns Blockchain-Identität mit seiner echten Identität verbunden sein.“ Dies klingt abschreckend, ist aber demokratisierend.
Denn im traditionellen Finanzwesen haben nur Institutionen Zugriff auf Daten, Banken, Broker, Börsen. Sie können überwachen – die User nicht. Bei Blockchains dagegen sind alle Daten für jedermann einsehbar, was die Überwachung schon mal demokratisiert. Doch ohne die Werkzeuge von Blockchain-Analysten bleiben die Daten oft wertlos. „Die existierenden Tools sind teuer und dienen nur einer Minderheit,“ schreibt Arkham, so, wie Chainalysis eine Daten für sich behält oder an Börsen und Behörden verpachtet, „aber am Ende,“ frohlockt der Codex, „werden sie durch Tools ersetzt werden, auf die jeder zugreifen kann.“ Erst dann, wenn nicht nur die Blockchain, sondern auch die Analysen öffentlich sind, ist die Überwachung vollständig demokratisiert.
Krypto, ist sich Arkham sicher, wird ein essenzieller Teil des globalen Finanzsystems werden, denn „es ist effizienter, zuverlässiger und robuster“. Sobald man einmal Krypto benutzt hat, gibt es keinen Weg mehr zurück. Wer will noch IBAN-Nummern eintippen, wenn er mal eine Wallet benutzt hat? Wer den Spießrutenlauf zu Kredit und Geldmarktkonto durchlaufen, wenn er es mit zwei Klicks onchain haben kann?
Die Blockchain-Analyse wird in diesem Zuge dieselbe Entwicklung wie Smartphones nehmen. So wie diese heute von Milliardären und Flüchtlingen benutzt werden, werde „Crypto Intelligence“, in Zukunft von allen verwendet werden, weil sie nützlich sei.
Arkham nimmt damit ein Extrem in einem Tauziehen von zwei Weltanschauungen in der Krypto-Szene ein. Die eine Seite, im Extrem vor allem durch Monero manifestiert, verlangt nach Dunkelheit und Privatsphäre, die andere, hier vertreten durch Arkham Intelligence, maximale Tranparenz. Während für die eine Seite die hohe Transparenz der Blockchains ein Bug ist, ist sie für die andere das größte Feature.
Was dem einen eine Utopie ist, ist dem anderen eben eine Dystopie. Und umgekehrt.

