Sekundäre Finanzsanktionen hemmen den Rohstoffhandel zwischen Russland und China. Immer mehr Händler nutzen daher den Stablecoin Tether – und modernisieren nebenbei ihr Zahlungssystem.
Da russische Rohstoffunternehmen und ihre chinesischen Handelspartner zunehmend Probleme haben, Banküberweisungen auszuführen, wickeln sie Zahlungen immer häufiger mit dem Stablecoin USDT (Tether) ab.
Der kanadische Nachrichtendienst BNN Bloomberg berichtet auf Basis von anonymen, hochrangigen Mitarbeitern, von zwei russische Metallproduzenten. Diese unterliegen zwar keinen Sanktionen, haben aber dennoch begonnen, Tether zu benutzen, wenn sie Metalle nach China liefern oder von dort Maschinen importieren.
Die Grenzen der Finanzsanktionen
In dieser Meldung offenbaren sich sowohl Effektivität als auch Begrenztheit der Finanzsanktionen. Zahlreiche russische Unternehmen, die Rohstoffe handeln, wie Stahl, Nickel oder Holz, haben Probleme, Geld für ihre Lieferungen zu empfangen oder Rohmaterialien und Geräte zu kaufen – selbst dann, wenn sie selbst keinen Sanktionen unterliegen, und selbst dann, wenn ihre Handelspartner in einem Land wie China operieren, wo westliche Finanzsanktionen nicht gelten.
Der Grund liegt in den sekundären Sanktionen durch die USA. Diese drohen, chinesische Banken vom Dollarsystem abzukoppeln, wenn sie Zahlungen für sanktionierte Unternehmen abwickeln. Vermutlich ist es für chinesische Banken einfacher und unverfänglicher, pauschal russische Kunden abzulehnen, anstatt im Einzelfall zu prüfen, welche Transaktionen erlaubt sind und welche nicht.
Stablecoins kommen da wie gerufen. Nicht nur kommen sie ohne Banken aus – und damit ohne direkte oder indirekte Sanktionen –, die Überweisungen dauern nur wenige Sekunden und kosten kaum Gebühren. Stablecoins sind nicht nur ein Instrument, um Sanktionen zu umgehen – chinesische und russische Unternehmen modernisieren mit ihnen quasi aus Versehen ihre Zahlungssysteme.
Nicht nur sanktionsfest – sondern auch effizienter
Darum erklärt Ivan Kotzov, ein in Dubai lebender russischer Mathematiker, der mit Resolv Labs mit Stablecoins arbeitet, dass es mittlerweile gebräuchlich sei, in Ländern, die Probleme mit der Dollar-Liquidität oder Kapitalkontrollen haben, Stablecoins zu verwenden, nicht nur im Rohstoffhandel.
Die russische Zentralbank unterstützt die Praxis, wenn auch mit Vorbehalt. Im November hat Gouverneurin Elvira Nabiullina der Duma erklärt, dass sie Experimente mit Kryptozahlungen im internationalen Zahlungsverkehr unterstützt. Sie beschränkt die Akzeptanz aber auf den grenzübergreifenden Handel und erlaubt keine Werbung dafür.
Diese Meldung bestärkt, was das Wall Street Journal bereits am 1. April berichtete, nämlich dass russische Schmuggler zunehmend Tether benutzen, um Sanktionen auf Waffen und Drohnenteile zu umgehen. Stablecoins seien „unverzichtbar für die russische Kriegsmaschine“ geworden.
Die Sanktionen greifen also stärker, als von manchen erwartet, insbesondere sekundäre Sanktionen werden für russische Unternehmen global zum Wettbewerbsnachteil. Doch je größer der Schmerz, den sie bereiten, desto eher wenden sich Unternehmen Stablecoins zu, vor allem den Tether-Dollar, die mittlerweile das Mittel der Wahl wurden, um Sanktionen und Kapitalkontrollen zu umgehen.
Der Preis, den BRICS-Staaten wie China und Russland dafür bezahlen, ist, dass sie nicht wie gewünscht vom Dollar loskommen, sondern sich noch stärker in dessen Abhängigkeit verstricken. Krypto schwächt den Dollar nicht – es stärkt ihn. Gleichzeitig zwingen die Sanktionen Russland und China, effizientere Zahlungssysteme zu verwenden, die denen, die man in Europa und den USA benutzt, um Jahre voraus sind. Die Illusion, dass Sanktionen im Zeitalter von Kryptowährungen noch greifen, könnte sich bitter für den Westen rächen.

