Nach Bitcoin hat nun auch Ethereum eine Sidechain: OMG. Und wie bei Bitcoin sind die Tether-Dollar einer der ersten großen Nutzer der Sidechain. Zeigt sich daran die Reife einer Blockchain?
Es mag strittig sein, ob die Tether-Dollar tatsächlich in vollem oder auch nur ausreichendem Umfang gedeckt sind. Weniger strittig dürfte sein, dass deren Herausgeber eine pragmatische technische Herangehensweise pflegen, die sie in den modernsten Blockchain-Technologien oft genug zu Early Adoptern machen. Nachdem Tether schon Mitte 2019 als eines der ersten Unternehmen die Liquid-Sidechain von Blockstream benutzt hat, wendet sich die Firma nun der OMG-Sidechain von Ethereum zu.
Die genauen technischen Hintergründe sind schwierig zu umreissen. Das Konzept der Plasma-Sidechains sollte eigentlich Ethereum mit verschiedenen anderen Blockchains verbinden, um das Netzwerk so zu skalieren. Das ursprüngliche Konzept wurde von Ethereum-Mitgründer Vitalik Buterin und Lightning-Miterfinder Joseph Poon verfasst und etwas später unter dem Titel „Plasma Cash“ verbessert. Allerdings meinen Beobachter, dass die Ethereum-Community Plasma Cash in einem halbfertigen Zustand fallen gelassen habe, um sich einem anderen Konzept namens Optimistic Rollup zuzuwenden. Dies ließ OMG, eine geplante Sidechain, die ursprünglich unter dem Titel „OmiseGo“ Token verkauft hatte, etwas alleine dastehen, um Plasma-basierte Sidechains zu entwickeln.
Am 1. Juni jedoch ging die OMG Sidechain dennoch live. Sie basiert auf dem „Proof of Authority“ Konsens-Mechanismus, bei dem die Blockchain durch die Reputation der beteiligten Nodes zu einem Konsens gelangt. Das dürfte dem ähneln, was Ripple macht oder IOTA plant. Mit dem Start der Sidechain geht nun einher, dass die Tether-Dollar auf diese migrieren können. Die Börse Bitfinex wird die Sidechain sofort für Ein- und Auszahlungen verwenden, Gespräche mit anderen Börsen seien bereits im Gange.
Die Skalierung von Blockchains wie von Bitcoin und Ethereum wird damit noch ein Stückchen komplizierter. Neben Lightning und Liquid gibt es nun mit OMG auch eine „L2“ für Ethereum. Klar hingegen ist, weshalb Tether diesen Weg geht: Weil die Gebühren auf Ethereum nun ebenfalls zu teuer geworden sind, um rasche Bestätigungen zu garantieren.
Steigende Gebühren bei Bitcoin und Ethereum
Sowohl bei Bitcoin als auch bei Ethereum ist es langfristig der Plan, dass sich die Blockchains vornehmlich durch Transaktionsgebühren sichern. Der Reward der Miner durch die Coinbase-Transaktion gilt als „Subvention“; nachhaltig wird ein Netzwerk erst wirtschaften, wenn die Miner diese nicht mehr brauchen. Bei Bitcoin wird diese Subvention Stück für Stück auslaufen, während es bei Ethereum geplant ist, sie mit einem niedrigen Satz, etwa ein Prozent im Jahr, für alle Zeiten fortzuführen.
Sowohl Bitcoin als auch Ethereum erreichen derzeit einen Zustand, in dem die Transaktionsgebühren einen immer höheren Anteil an der Belohnung der Miner einnehmen. Die beiden Netzwerke kommen dahin jedoch durch vollkommen andere Weisen. Bei Bitcoin werden simple Geldsendungen durch die Gebühren immer teurer. Zu diesem Zeitpunkt kostet es etwa 2 Euro, eine normale Transaktion in den nächsten Block zu bekommen. Je nachdem, wie viele Inputs die Transaktion verbraucht, kann es auch sehr viel teurer werden.
Bei Ethereum dagegen kostet eine normale Transaktion weiterhin weniger als 20 Cent. Dies jedoch sowie die damit einhergehende Unkalkulierbarkeit der Transaktionsdauer machen die Ethereum-Blockchain offenbar bereits jetzt nicht länger praktisch für Tether-Transaktionen. Vor allem aber sorgen die oft „Gas“-intensiven Smart Contracts dafür, dass vereinzelte Transaktionen, etwa von Token oder Wechsel, rasch ziemlich teuer werden. Man bezahlt schneller 5 Euro dafür, um etwas zu machen, das man kaum versteht, als es einem recht sein kann.
Gebühren bei BTC und ETH im Vergleich
Ethereum produzierte in den letzten Woche tägliche Transaktionsgebühren von 1.500 bis 2.000 Ether. Das entspricht etwa 330.000 bis 440.000 Euro.
Transaktionsgebühren bei Ethereum nach EtherScan
Während die Größe der Blöcke weitgehend stabil geblieben ist, erreicht das verbrauchte „Gas“ mit 61 Milliarden am Tag neue Höhepunkte.
Der täglichen Gasverbrauch bei Ethereum. Gas ist eine Einheit für Rechenoperationen bei Ethereum und stellt die Gebühren dar. Chart ebenfalls nach Etherscan.
Bei einer Schöpfung von täglich etwa 13.600 Ether machen die Transaktionsgebühren bei Ethereum mittlerweile 11-14 Prozent der Einnahmen der Miner aus.
Bei Bitcoin hingegen erreichen die Transaktionsgebühren in der letzten Woche typischerweise 70 bis 100 Bitcoin, was mit 630.000 bis 890000 Euro etwas mehr als das Doppelte bei Ethereum ausmacht.
Tägliche Transaktionsgebühren nach Blockchain.info
Da die Miner am Tag in der Regel rund 900 Bitcoin an Einnahmen aus der Coinbase-Transaktion erhalten, machen die Gebühren bei Bitcoin somit 9-11 Prozent aus. Das ist etwas weniger als bei Ethereum, allerdings gibt es bei Bitcoin auch extremere Spitzen, die die täglich vereinnahmten Transaktionsgebühren auch mal auf knapp 200 Bitcoin schießen lassen, was schon mal mehr als 20 Prozent der Miner-Subvention ist.
Reifende Blockchains
Wenn man die Gebühreneinnahmen einer Blockchain als eine Art Gradmesser für deren Reife hernimmt, sind Ethereum und Bitcoin auf diesem Wege beinah gleichweit gekommen. Bei beiden Blockchains hat die Nachfrage nach Transaktionen die Kapazität überschritten, weshalb die Gebühren weiter steigen. Für beide Blockchains führt dies zu Einbußen der Nutzbarkeit, vor allem bei kleineren Transaktionen, was die Entwicklung von alternativen Lösungen wie Sidechains oder Offchain-Netzwerken antreibt.
Während Bitcoin bisher bei den alternativen Lösungen weit vor Ethereum voraus war – dort gab es sie praktisch nicht – könnte nun mit der ersten Plasma Sidechain auch für Ethereum das Zeitalter der weiteren Schichten beginnen.
Bitcoin hat sich den Status als die wichtigste Blockchain für Werttransaktionen erhalten. Es scheint Menschen auch Gebühren von fünf oder mehr Dollar wert zu sein, die Blockchain von Bitcoin anstatt anderer Blockchains zu benutzen. Bei Ethereum spielen direkte Werttransaktionen nur eine untergeordnete Rolle, die Verbreitung im Handel ist extrem gering. Dafür sorgen die zahlreichen Transaktionen von Token, DeFis und anderen Smart Contracts dafür, dass die Miner immer mehr Gebühren einnehmen.
Für den zukünftigen Ausblick fallen noch weitere Unterschiede zwischen Bitcoin und Ethereum auf. Während es bei Bitcoin kaum Aussichten gibt, dass das Blocksize-Limit jemals angehoben wird, ist es bei Ethereum durchaus denkbar, dass die Miner im Verein mit den Entwicklern das Gas-Limit erhöhen. Und während bei Bitcoin das grundständige Design in Stein gehauen zu sein scheint und jegliche echte Skalierbarkeit auf „zweite Ebenen“ wie Sidechains oder Lightning verschoben wird, plant Ethereum die grundständige Blockchain selbst mit Ethereum 2.0 durch neue Konsensverfahren und langfristig auch Sharding erheblich zu verbessern.
Damit scheinen also zwei verschiedene Modelle mit ihren jeweiligen Strategien darum zu konkurrieren, dasselbe Problem zu lösen. Für die User bedeutet das so oder so, dass sie mehr haben.

