Die New York Times hat einen Artikel über „die wahren Kosten“ des Bitcoin-Minings geschrieben, und der Artikel gilt der Szene in weiten Teilen als „Hit Piece“ – als Angriff. Dabei baut er auf intensiven Recherchen auf und legt einen Finger in eine Wunde, die nicht dadurch heilt, dass man auf den Finger einhackt.
Dreh- und Angelpunkt des Artikels der New York Times ist, dass die USA zum wichtigsten Mining-Standort der Welt wurden nachdem China das Mining verboten hatte. In den USA entstanden Mining-Unternehmen, die gerne Aktien herausgaben, um Betrieb und Ausbau der Mining-Farmen zu finanzieren. Und das ist ein guter Anlass, sehr genau hinzuschauen, welche ökonomische Rolle die Miner spielen.
Emissionen wie 3,5 Millionen Autos
Die Times hat in einer bemerkenswerten Recherche eine Übersicht über das Mining-Geschehen und den damit verbundenen Stromverbrauch erarbeitet. So hat die Zeitung 34 große Mining-Farmen identifiziert, was hier meint, dass jede von ihnen mindestens so viel Strom verbraucht wie 30.000 Haushalte. Diese Farmen stehen in Texas, Nebraska, North Dakota, Georgia und anderen Bundesstaaten. Sie konsumieren zusammen 3,9 Gigawatt Strom – so viel wie drei Millionen Haushalte in ihrer Umgebung.
Die CO2-Emissionen dieser Miner entsprechen laut Times der von 3,5 Millionen Benzin-Autos. Die Mining-Unternehmen geben sich zwar gerne umweltfreundlich und grün, doch laut dem Magazin ist dies vor allem Fassade. Ihr Bedarf nach Strom ist so unermesslich, dass er nicht durch erneuerbare Energien gedeckt werden kann. 85 Prozent des Stroms, den die Miner nutzen, entstehe aus den fossilen Brennstoffen Kohle und Gas. Diese Schätzung steht in starkem Widerspruch zu anderen Werten. Sie zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, hier verlässliche Daten zu haben.
Diese reine Deskription des Zustandes ist aber nur die Einleitung. Im Kern nimmt sich der Artikel nämlich einen Narrativ vor, den Bitcoiner, auch wir, gerne verbreiten – und lässt ihn an der Wirklichkeit schmerzhaft zerbrechen.
Theorien über den ökologischen Nutzen des Minings
Der hohe Stromverbrauch des Bitcoin-Minings ist nicht wegzudiskutieren. Um ihn zu rechtfertigen sagen Bitcoiner gerne, das Mining als strategischer Stromverbraucher könne helfen, die allgemeine Stromversorgung zu dekarbonisieren, indem es Anreize setzt, neue, nachhaltige Stromquellen anzuzapfen.
Darüber hinaus könne das Mining, da es beliebig an- und abschaltbar ist, helfen, Stromnetzwerke zu stabilisieren und stärkere Schwankungen abzufedern, wie sie etwa bei einem Überschuss regenerativer Energien entstehen.
Es gibt einige Hinweise, dass dies nicht nur Theorie ist: So wollen etwa El Salvador und Kenia geothermische Energien erschließen, um Bitcoins zu minen. Das Mining finanziert hier den Ausbau grüner Energien. In Texas haben Regierung und Miner ein Abkommen geschlossen, dass diese die Geräte abschalten, wenn der Strom knapp wird, etwa während eines winterlichen Schneesturms.
Doch genau dieses Abkommen, das weithin als Erfolgsgeschichte präsentiert wurde, greift die Times entschieden an.
Gut gemeint und schlecht gemacht
In Texas bietet der Electric Reliability Council of Texas (ERCOT) ein Programm an, um die Stromversorgung in dem Staat zu stabilisieren. Er bezahlt Großverbraucher dafür, dass sie bereit sind, in Zeiten der Stromknappheit ihren Verbrauch einstellen. Diese Regel scheint wie gemacht zu sein für Miner.
Die Times erzählt, wie Anfang 2021 der Wintersturm Uri über das Land zog. Die Zeitung nennt eine Mining-Farm, die dafür, dass sie während des Sturms aufhörte, zu minen, je Stunde 17.500 Dollar erhielt. Während der vier Tage, in denen die Asics kalt blieben, kassierte der Miner rund 18 Millionen Dollar – fürs Nichtstun. Schneestürme, heißt es hinter vorgehaltener Hand, sind eine Goldgrube für Bitcoin-Miner in Texas.
Andere Miner nutzen die Stromversorgung auch in anderen Bundesstaaten aus, um Profite zu machen. Sie kaufen große Margen günstig ein, und wenn dann der Strom knapp wird, verkaufen sie sie viel teurer weiter. Sie agieren in der Tat 0als strategische Verbraucher – aber nicht im Sinne des Gemeinwohls, sondern nur für ihre eigene Bilanz.
Indem die Mining-Unternehmen als flexible Akteure die Strommärkte ausbeuten, erhöhen sie die Kosten für andere Verbraucher, die nicht so flexibel sind, etwa Fabriken und Krankenhäuser, aber auch ganz normale Haushalte. Diese bezahlen in der Folge mehr für ihren Strom. Laut Analysen sind sie wegen der Miner um ganzen Bundesstaat um fünf Prozent, in einigen Bezirken auch um zehn oder mehr Prozent gestiegen.
Die Miner, so der Rundumschlag des Artikels, schaden dem Klima durch ihre Emissionen, und belasten dafür den Verbraucher, der nun mehr für den Strom bezahlt.
Das alte Lied wird neu vertont
Vieles von dem, erkennt die Times, trifft nicht nur aufs Bitcoin-Mining zu. Auch andere Branchen sind energieintensiv – etwa die Metallverarbeitung oder chemische Produktion –, nehmen so viel Strom ab, dass er für andere Verbraucher teurer wird, und schaden durch Emissionen und andere Abfälle Umwelt und Klima.
Viele Branchen und Unternehmen haben auch Abkommen mit Regierungen, die am Ende nicht ganz so vorteilhaft für die Allgemeinheit ausfallen wie versprochen. Auch das ist kein Alleinstellungsmerkmal der Miner.
Über weite Strecken hin liest sich der Artikel der Times daher wie eine Anklage allein dafür, dass eine Branche sich erdreistet, Strom zu verbrauchen, um Profite zu machen. Also wie eine Anklage gegen den Kapitalismus selbst.
Daher stellt das Magazin an einer Stelle auch klar, warum es einen Unterschied zwischen Bitcoin-Minern und Stahlwerken, Kuhweiden oder Plastikherstellern sieht: Bitcoin Miner „schaffen signifikant weniger Jobs, stellen oft nur ein paar Dutzend Leute an, wenn die Farm aufgestellt ist, und entzünden weniger Wirtschaftswachstum.“
Es geht also auch um die Frage, welche Branche in Massen Strom verbrauchen und dem Klima schaden darf und welche nicht. Wenn man Regenwälder abholzt, um Klopapier zu pressen, wenn man den Amazonas rodet, um darauf Rinderherden so weit das Auge reicht Methangas emittieren zu lassen, und wenn man Aluminiumblech für Getränkedosen schmilzt, weil sie so schön kaltgeben – dann ist das OK. Aber eben nicht, wenn man Bitcoins schürft.
Mit dieser Unterscheidung kehrt die alte Idee der Planwirtschaft wieder, dass nicht der Markt urteilen soll, welche Profite sinnvoll sind, sondern ein Zentralplaner. Es geht damit auch um das alte Vorurteil, auf das man am Boden fast jeder Kritik am Stromverbrauch von Bitcoin stößt: die Behauptung, Bitcoin sei zu nichts nutze, und der Stromverbrauch, der bei anderen Dingen völlig unkontrovers ist, nichts als eine kolossale Verschwendung sei, wenn es um Bitcoin geht.
Es ist Zeit. Dringend.
Nichtsdestoweniger ist die Kritik der Times ernst zu nehmen. Sie könnte zeigen, dass die Geduld in den USA mit den Minern schneller erschöpft ist als befürchtet.
Die Miner haben in den USA mit dem Narrativ geworben, einen sinnvollen Beitrag zur Energiewende und zum Stromnetz leisten zu können. Es war schon die Rede davon, dass Bitcoin als Elektrocoin den in die Jahre gekommenen Petro-Dollar ersetzen kann. Ein Paper des Zahlungsdienstleisters Square zeigte, wie Bitcoin-Mining als strategischer Großverbraucher in der Lage sein kann, den Ausbau der Erneuerbaren voranzutreiben, ja: ein essenzieller Teil der Energiewende zu sein, die ohne Bitcoin-Miner zum Scheitern verurteilt ist.
Projekte wie die Erschließung geothermischer Energien speziell fürs Mining, in El Salvador und Ghana, haben Hoffnung gemacht, dass Bitcoin diese Versprechen einlösen wird, eine Studie zur Windkraft in Thüringen, dass dies auch notwendig sein wird.
Doch die Recherchen der Times ernüchtern nun. Hätten Miner riesige Windparks errichtet, die Wüsten mit Photovoltaik gepflastert oder die Verlegung von Stromtrassen gefördert – wir hätten es vermutlich erfahren. In der Theorie kann Mining eine enorm fruchtbare Rolle bei der Erschließung neuer Energiequellen spielen – doch in der Praxis scheint dies in so geringem Umfang zu geschehen, dass die Kosten, die das Mining verursacht, diese Vorteile weit in den Schatten stellen.
Mining kann theoretisch zum Pluspunkt der Energiewende werden und Bitcoin ein „Net Positive Money„. Doch in der Praxis ist Bitcoin-Mining unterm Strich „Net Negative“, und die Systemkonkurrenz zu Proof of Stake setzt das Mining unter einen erheblichen Rechtfertigungsdruck.
Sollten die Miner sich nicht ins Zeug legen, diese Versprechungen endlich in ernsthaftem Umfang einzulösen, könnte sich die Zukunft des Minings in den USA rasch verdüstern. Sollte sich den Emissionen, die Miner verursachen, und den Stromkosten, die sie anderen Verbrauchern aufbürden, nicht bald ein konstruktiver Beitrag gegenüberstellen, droht ein Verbot – in einzelnen Staaten oder auf Bundesebene –, welches den nächsten Exodus der Miner um den Globus einleiten könnte. Womöglich zu noch schmutzigeren Energiequellen.

