Coinbase führt verschärfte KYC-Regeln für Transaktionen ein. Die Börse setzt damit die Travel Rule um. Ist dies ein Ausblick auf einen neuen globalen Standard?
Manche niederländische User der global aktiven Kryptobörse Coinbase dürften sich in den vergangenen Wochen schockiert die Augen gerieben haben.
This is insane pic.twitter.com/LC9mmbHjHF
— Rodo (@0xRodo) June 23, 2022
Ab dem 27. Juni gelten für sie nämlich neue Regeln, wenn sie Coins von der Börse hinaus überweisen. Gemäß der Regulatorik des Landes müsse man, erklärt Coinbase, „nach dem Namen und der physischen Adresse des Senders sowie nach dem Zweck der Überweisung“ fragen.
In manchen Fällen müsse die Börse zudem verlangen, dass der User eine Coinbase-Wallet mit dem Account verbindet, so dass er nur noch Coins an diese Wallet senden kann. Damit wäre der Kreislauf geschlossen, und Coinbase hätte immer Auge und Hand auf den Kryptowährungen der User, so, wie man es aus dem Banksystem kennt.
Coinbase completely done for. Cooked. Toast. It’s over. Requiring full name, purpose, and physical addresses for withdrawals. Every wallet will be DOXXED. Complete surveillance. Yikes. pic.twitter.com/033m1dYwkx
— Autism Capital 🧩 (@AutismCapital) June 23, 2022
Schon zuvor hat Coinbase ab dem 1. April 2022 ähnliche Regeln für Kanada, Japan und Singapur eingeführt. User müssen dort bei ausgehenden Transaktionen angeben, welche Art von Wallet der Empfänger benutzt – ein eigenes oder das eines Dienstleisters – und sie müssen Informationen zu diesem angeben, etwa seinen Namen und seine physische Adresse. In Kanada greift die Regel immerhin erst ab einem Wert von 1.000 Kanadischen Dollar.
Coinbase beugt sich damit der Travel Rule der Financial Action Task Force (FATF). Diese besagt, dass Finanz-Dienstleister verschiedene Informationen zu Sendern und Empfängern erheben udn empfangen müssen. Für Transaktionen von Börse zu Börse kann dies durch eine Art Nachrichtensystem umgesetzt werden. Hierfür hat Coinbase mit anderen Krypto-Unternehmen die „Travel Rule Universal Solution Technology (TRUST)“ entwickelt. Dieses soll es Krypto-Dienstleistern erlauben, der Travel-Rule auf sichere und minimal-invasive Weise gerecht zu werden.
Die Frage, wie dabei mit echten Wallets umzugehen ist – also Wallets, durch die User unabhängig von Dienstleistern ihre Schlüssel und Coins verwalten – hängt seit langem wie ein Damoklesschwert über der Branche. Nachdem die FATF sich besorgt darüber zeigte, dass solche Wallets zunehmend verwendet werden, wurden die verschiedensten nationalen Vorschläge ausgebreitet, wie diese zu behandeln sind, von Deutschland über Südkorea und Japan nach Estland. Auch die Europäische Union ringt nach einer tragfähigen Antwort, während die Branche verschiedene Lösungen nicht ohne Kontroversen diskutiert.
Die Niederlande hat die Travel Rule zwar noch nicht offiziell umgesetzt. Doch die Niederländische Nationalbank, die die Anbieter reguliert, ist seit einigen Jahren dafür bekannt, einen besonders harten Kurs gegen Bitcoin zu fahren. Es wird daher vermutet, dass Coinbase proaktiv darauf reagiert, indem es die bisher strengste Variante der Travel-Rule umsetzt: Es gibt keine Schwellenwerte, und die Informationen, die abgefragt werden, gehen im Umfang über die in Japan, Singapur und Kanada hinaus.
Only the Netherlands for now, but expect this to expand.
Don't blame Coinbase – they know its antithetical to most crypto users, and would not do this voluntarily.#TravelRule enforcement will be an ugly battleground. LEA wants to surveil all parties in all transactions. https://t.co/psVeEcTmTG
— Ser Jeff Garzik (@jgarzik) June 24, 2022
Man kann nun befürchten, dass die Niederlande erst der Anfang ist. Die Travel Rule ist offenbar unvermeidbar, weshalb der Krypto-Pionier Jeff Garzik warnt, dass sich die Praxis auch auf andere Jurisdiktionen ausdehnen wird.
Die Schöpferin der Travel-Rule, die FATF, drängt darauf. Auf einer Tagung der Mitglieder in Berlin am 17. Juni unter der Leitung des deutschen Juristen Marcus Pleyer klagt das transnationale Organ, dass es zwar Fortschritte bei der Umsetzung der Travel Rule gebe, diese aber noch nicht alle Länder erreicht habe. Die langsame Einführung der Travel Rule in vielen Ländern „öffnet eine signifikante Lücke, was den Sektor anfällig für den Missbrauch durch Kriminelle macht.“ Daher fordert die FATF die Gesetzgeber auf, die Travel-Rule schleunigst um- und durchzusetzen.

