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Die Freiheit stirbt auf der Reise – zuerst in Südkorea

Goldene Statue von König Sejong im Zentrum der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Bild von tomscoffin via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Südkorea setzt die Travel-Regel der FATF durch. Für Kryptouser wird das fürchterliche Folgen haben: Ab März 2022 dürfen Börsen keine Coins und Token an private Wallets auszahlen. Das ist offensichtlich ein gewaltiger Rückfall in das dunkle Zeitalter des Bankwesens – aber einer, der auch seine Profiteure hat.

In Korea wird am 25. März kommendes Jahr der „Specific Financial Transaction Information Act“ in Kraft treten. Dieses Gesetz verpflichtet alle Börsen des Landes dazu, die Travel-Regel der Financial Action Task Force (FATF) einzuführen.

Die FATF ist ein demokratisch nur sehr indirekt legitimiertes überstaatliches Organ zur Bekämpfung der Geldwäsche, und die Travel-Rule ist ihre kaum verhüllte Kriegserklärung gegen Bitcoin und Kryptowährungen. Laut dieser perfiden Regel soll es bei keiner Art der elektronischen Überweisung noch Privatsphäre geben. Der Sender hat dem Empfänger mitzuteilen, wer was an wen sendet, inklusive privater Daten bis hin zur Anschrift. Transaktionen, bei denen dies nicht möglich ist, soll es einfach nicht mehr geben.

Für Korea bedeutet das schlichterdings: Transaktionen sollen künftig nur noch zwischen Börsen möglich sein. Denn nur zwischen diesen ist es möglich, die Travel-Rule vollständig umzusetzen. Die Regel wurde für eine Welt der Banken und Börsen gemacht, die sich mit dem Geld auch Informationen zusenden und diese prüfen können. Private Wallets können das nicht. Sie passen nicht in das Bild, das die FATF – und bald auch Korea – von der Welt hat.

Die Travel-Rule wurde schlicht nicht dafür gemacht, mit selbstverwaltetem elektronischem Geld zu koexistieren, und die FATF wusste das genau, als sie sie „empfahl“. Schließlich hat das Organ schon im Frühjahr befürchtet, dass „P2P“-Transaktionen eine Zukunft ohne Mittelsmänner ermöglich, „was potenziell die Effektivität der FATF-Empfehlungen beeinträchtigt.“

Die Travel-Regel ist eine sogenannte „Empfehlung“ der FATF. Das Organ spricht sie als „Empfehlung“ aus und prüft dann später, ob die Staaten die Empfehlung umgesetzt haben. Staaten, die sich weigern, mit der Empfehlung konform zu gehen, drohen, auf den grauen oder schwarzen Listen der FATF zu landen, wo sie sich in Gesellschaft von anerkannten Schurkenstaaten wie Nordkorea oder dem Iran widerfinden. Weil das keiner will – noch nicht mal der Iran – sickern FATF-Regel langsam,  aber stetig in die nationalen Jurisdiktionen, wobei diesen ein gewisser Gestaltungsraum bleibt, wann und wie scharf sie sie umsetzen.

Deutschland hat die Travel-Regel bereits in ein Gesetz gegossen. Dieses wird zwar (den wenigen) deutschen Krypto-Unternehmen noch größere Wettbewerbsnachteile einbrocken, lässt aber immerhin die Möglichkeit am Leben, private Wallets zu benutzen. Mit dem Gesetz in Südkorea sollen private Wallets wohl komplett ausgemerzt werden. „Krypto“ soll eine Veranstaltung zwischen Mittelsmännern werden. Es soll so werden wie Banken. So, als würde man Autos nur erlauben, wenn sie von Pferden gezogen werden, und Emails nur, wenn man sie ausdruckt.

Insgesamt gibt es in dem Land derzeit 14 Unternehmen, für die die Travel-Regel gelten wird, vor allem Börsen. Einige davon tun sich nun zusammen, um gemeinsam ein System zu etablieren, durch das sie die Travel-Rule einhalten können. Das System hat den Arbeitstitel „CODE“ und wurde von den Börsen Bithumb, Coinone und Korbit entwickelt.

Soweit ich es verstehe, soll das System so funktionieren: Die User geben weiterhin wie gewohnt eine Adresse ein, wenn sie Geld von einer Börse auszahlen. Anschließend findet ein Informationsaustausch zwischen den beteiligten Börsen statt, und erst wenn dieser erfolgreich ist – also bestätigt wurde, dass die Adresse einer Börse gehört – wird die Transaktion ausgeführt. Parallel zur Transaktion erhält die empfangende Börse Name, Adresse, Nationalität und einen Identitätsbeweis des Senders.

Als wäre das nicht schon dramatisch genug, entdecken wir bei „CODE“ noch einen alten Bekannten: R3. Denn CODE verwendet R3s Blockchain Corda, eine zentralisierte, private Blockchain, um die Informationen zu übertragen. Man muss dazu wissen, dass R3 seit vielen Jahren irgendwie im Krypto-Business steckt. Das Startup startete mit dem vollmundigen Versprechen, die „Blockchain der Banken“ zu schaffen, was aber, trotz exzellenter Entwickler, großartigen Partnern und großzügigen Investments, bisher ein ziemlicher Rohrkrepierer war. Dank der Travel-Rule bekommen die Email-Ausdrucker von R3 nun doch noch die Chance, zum Profiteur der Unfreiheit zu werden.

Die größte Börse von Südkorea, Upbit, hält sich bisher noch von dem System fern. Sie wollte eigentlich auch bei CODE teilnehmen, ist aber mitten in der Entwicklung ausgestiegen, um eine eigene Lösung zu schaffen, „VerifyVASP“.

In Europa arbeiten einige Schweizer Unternehmen rund um das „Krypto-Valley“ Zug ebenfalls an einer eigenen Lösung, „Open VASP„. Eventuell kann man hoffen, dass die Travel-Rule global daran versandet, dass es zuviele parallele Standards gibt. Oder dass der mangelnde Standard sie zumindest verzögert oder zum Papiertiger macht.

Für die Koreaner scheint es aber schon jetzt beschlossene Sache zu sein, dass Börsen nicht länger Coins und Token an private Adressen auszahlen können. Das ganze wird nicht nur massive Datenschutzprobleme aufwerfen und die Souveränität der User faktisch begraben – es wird auch und vor allem sämtliche DeFi-Plattformen in ihrer jetzigen Form unmöglich machen.

Denn die private Wallet ist bei allen DeFi- (und NFT-) Anwendungen die Basis. Man loggt sich mit ihr ein, um Token zu tauschen, auf NFTs zu bieten oder Einlagen zu verzinsen. Indem Südkorea das unmöglich macht, schneidert sich das Land selbst von der fortschrittlichsten Finanztechnologie der Gegenwart ab.

Vermutlich steht dahinter die falsche Hoffnung aller Email-Ausdrucker und Autos-vor-Pferde-Spanner, man könne Fortschritt aufhalten.

Über Christoph Bergmann (2284 Artikel)
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1 Kommentar zu Die Freiheit stirbt auf der Reise – zuerst in Südkorea

  1. großartig zusammen gefasst, danke. Und als ob all dies nicht schon grotesk genug wäre: Regulatoren und Medien – Protagonisten dieser Clown Welt – zelebrieren ihre steinzeitliche Repression bzw. Inquisition geradezu als monumentalen Fortschritt, speziell auch hierzulande… Circus Roncalli 2.0 goes parabolic:)

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