Bitrefill ist die wichtigste Anlaufstelle, um mit Kryptowährungen Gutscheinkarten zu kaufen. Sie analysiert nun, womit die User in den letzten Jahren bezahlt haben. Für uns ist das spannend – und birgt einige Überraschungen.
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Sich zu irren ist ein wesentlichen Schritt zur Erkenntnis. Wer nicht wagt, etwas Falsches zu denken, wird niemals das Richtige denken. Schädlich wird der Irrtum erst, wenn man an sich in ihm verbeisst.
Den Luxus, an einem bequemen Irrtum festzuhalten, können sich die wenigsten Unternehmen leisten. Denn der freie Markt ist das vermutlich effizienteste Instrument aller Zeiten, das Unternehmen dafür abstraft, wenn sie darauf bestehen, im Irrtum zu bleiben.
Und damit wären wir bei Bitrefill.
Auf dem Holzweg
Bitrefill ist eine Plattform, auf der man Gutscheinkarten gegen Kryptowährungen verkauft. Sie war einst eines der am stärksten dem Bitcoin-Maximalismus verpflichteten Unternehmen auf dem Markt.
Bitrefill wehrte sich lange vehement dagegen, andere Kryptowährungen aufzunehmen, so sehr es die User auch wünschten, war eine der ersten, die das Lightning-Netzwerk integrierte, stellte mit Thor sogar ein Tool bereit, um die Payment-Channels zu managen, und warb auf dem Blog ununterbrochen für Lightning.
Mittlerweile hat das Unternehmen jedoch erkannt, dass es damit, trotz der bleibenden Liebe zu Bitcoin, auf dem Holzweg war. Mitarbeiter von Bitrefill äußern sich zunehmend kritisch zu Lightning, während die Plattform beginnt, andere Kryptowährungen aufzunehmen.
In einem Thread auf Twitter (heute X) stellt Matt Ahlborg, Marktforscher für Bitrefill, nun vor, wie sich welche Zahlungsmethoden im Lauf der letzten viereinhalb Jahre entwickelt haben. Selten gab es eine so umfangreiche Analyse einer kommerziellen Krypto-Plattform über das Zahlungsverhalten der Kunden.
Und in ihr liegt mehr als nur eine Überraschung.
Ethereum macht das meiste Volumen
Zunächst einmal zeigt Ahlborg das absolute Volumen aller Zahlungsmittel. Es ist im Vergleich zu Januar 2020 massiv gestiegen; es hat sich grob geschätzt verzehnfacht. Bitrefill konnte den Aufschwung, den die Rally 2021 brachte, nicht nur halten, sondern auch weiter ausbauen.
Es ist nicht zu übersehen, dass das Bitcoin-Volumen seit Januar 2021 stagniert. Auch die Nutzung von Lightning hat zwar leicht zugenommen, bleibt aber immer noch schwach. Das Wachstums des Volumens speist sich ausschließlich durch andere Coins.
Am stärksten schneidet unter diesen Ethereum (ETH) ab. Im Januar 2020 machte es nur einen Bruchteil des Volumens aus, heute stellt es von allen Zahlungsarten das höchste. Das ist erstaunlich, da ETH eigentlich nicht im Ruf steht, ein nachgefragtes Zahlungsmittel zu sein.
Erfolgreich sind auch die Stablecoins USDC und USDT. Bitrefill empfängt sie onchain auf Ethereum, auf der Polygon Sidechain und auf Tron. Zusammen dürften sie sogar noch mehr Volumen machen als Ethereum.
Eine Rolle spielen schließlich sogenannte „Legacy Coins“ wie Dash, Dogecoin und Litecoin. Sie bleiben aktiv, jedoch ohne erheblich zu wachsen. Ähnlich sieht es bei Binance Pay aus, einem in Dollar nominierten Service von Binance.
Lightning, ohne dass die User davon wissen
Ein wenig anders sieht der Chart aus, wenn man die Zahl der monatlich aktiven User betrachtet: Hier stagniert Bitcoin nicht nur, sondern geht sogar zurück, während Lightning bereits mehr User verzeichnet als Bitcoin.
Die Unterschiede zwischen den beiden Charts sind leicht erklärt: Die durchschnittlichen Volumina zwischen den Zahlungsmitteln unterscheiden sich. Sie fallen bei Ethereum am höchsten, bei Lightning und Binance Pay am geringsten aus.
Der starke Anstieg der Lightning-User hat jedoch einen Grund, der viele enttäuschen dürfte: Er liegt zum allergrößten Teil an der Kooperation von Bitrefill mit der argentinischen App Belo. In ihr halten die User Peso und kaufen direkt in der App in Dollar nominierte Gutscheine. Die Zahlung wird im Hintergrund über Lightning abgewickelt.
90 Prozent des Lightning-Wachstums, erklärt Ahlborg, speist sich durch die Belo-Integration. Die User selbst haben dabei mit Lightning nichts zu tun. Beim Rest der User wächst die Anzahl sehr viel langsamer; Ahlborg geht davon aus, „dass weniger als die Hälfte aus Wallets kommt, in denen die User ihre Schlüssel selbst kontrollieren.“
„Großartige Zahlungsmittel“
Den enormen Bedeutungsverlust von Bitcoin für Bitrefill zeigen die relativen Charts von Volumen und aktiver User.
Ahlborg führt diesen Bedeutungsverlust von Bitcoin vor allem auf zwei Gründe zurück: Erstens haben die Hypes um Ordinals, BRC-20 und Runes sowie der scharfe Anstieg des Kurses die Gebühren vorübergehend explodieren lassen. Zweitens musste Bitrefill Ende 2023 aufhören, unbestätigte Transaktionen zu akzeptieren, weil „weil die Miner ihr Verhalten geändert haben“. Beides machte Bitcoin-Zahlungen wesentlich unattraktiver.
Erfolgreicher macht sich das Ethereum. Bereits 28 Prozent aller Zahlungen laufen über Ethereum, und sie haben im Durchschnitt das höchste Volumen. Ahlborg erklärt dies dadurch, dass im Ökosystem auf Ethereum sehr viel Geld gemacht wird, durch Token, ICOs, NFTs, DeFi, und die User dieses Geld dann mit dem Basis-Token ETH ausgeben.
Interessant sind auch die „Legacycoins“ Litecoin, Dogecoin und Dash. Das sind alte Coins, die schon lange auf dem Markt sind und „zwar wenig Hype erfahren, jedoch über die Zeit substanzielle Netzwerkeffekte gesammelt haben“ und auf den meisten Börsen und Wallets verfügbar sind. Sie dienen als „großartige Zahlungsmittel, die andere Methoden ersetzen, etwa wenn die Gebühren auf Bitcoin zu teuer werden.“
Insbesondere Litecoin zeigt einen kontinuierlichen Aufwärtstrend und wurde noch nie so oft verwendet wie heute, sowohl in absoluten als auch in proportionalen Zahlen. Doch wichtiger sind zwei andere Trend der letzten Jahre.
„Wachsende Übergangsschmerzen“
Die markantesten Entwicklungen unter den Zahlungsoptionen sind Stablecoins und „L2“, was bei Bitrefill die Sidechain Polygon meint.
Seit Bitrefill die Stablecoins USDT (Tether) und USDC (Circle) eingeführt hat, nahm ihr Volumen erheblich zu. Mittlerweile dürften sie das am meisten verwendete Zahlungsmittel der Kunden sein. Dabei ist USDT deutlich angesagter als USDC, vor allem auf der Blockchain Tron.
Allerdings sind die Gebühren auf Tron seit Anfang 2023 massiv gestiegen, von etwa 35 Cent auf 1,50 Dollar, wodurch die Tron-USDT einige Anteile verloren haben. Am stärksten steigt dagegen die Polygon-Sidechain, die erst im Frühjahr 2023 integriert wurde, aber schon jetzt mehr Stablecoin-Zahlungen abwickelt als die Ethereum-Mainchain selbst.
Dabei ist 2024 das erste Jahr, in dem der gesamte Anteil der Bitrefill-User, die Stablecoins verwenden, stagniert hat. Ahlborg führt dies auch auf „wachsende Übergangsschmerzen“ zurück, „in denen User auf veränderte Gebühren, die Beliebtheit der Protokolle und die regulatorische Umgebung reagieren“.
Die wichtige Entwicklung, über die kaum einer spricht
Das ist wohl das, was für Ahlborg die spannendste Erkenntnis ist, über die im Allgemeinen zu wenig geredet wird: Sowohl Ethereum, Bitcoin als auch Tron operieren am Limit. Die Gebühren liegen, bemerkt Ahlborg, fast durchgehend über einem Dollar. Dies führt zu einer Fragmentierung der Zahlungsmittel und macht es unheimlich wichtig, an der Kompatibilität und Interoperabilität zu arbeiten.
Die Chart von Bitrefill zeigen eines in aller Deutlichkeit: Das Unternehmen konnte sein Zahlungsvolumen seit 2021 nur skalieren, indem es weitere Zahlungsoptionen integrierte. Der Bedarf der User ist da, aber er spaltet sich in immer weitere Kanäle auf.
Daher dürfte Bitrefill in Zukunft weitere Zahlungsmittel einführen. Der Fokus könnte dabei vor allem auf „Layer-2“-Lösungen für Bitcoin, Ethereum und Dollar-Stablecoins liegen, etwa mit Rollups wie Arbiturm und Optimism, die sowohl ETH als auch Dollar-Stablecoins und tokenisierte Bitcoins (WBTC) prozessieren.
Darüber hinaus könnte Bitrefill die Interoperabilität befördern, entweder durch eigene Dienstleistungen, analog zu Thor, oder durch die Integration von „Bridges“, die es erlauben, eine Transaktion von einer auf die andere Blockchain zu führen, oder gleich „Crosschain-Aggregatoren“, die solche Bridges in ein Produkt zusammenführen, so wie LI.FI.
Starke regionale Unterschiede
Als Bonus geht Ahlborg noch auf die geografische Verteilung ein. Er präsentiert eine Weltkarte, die die Zahlungsmethoden als Tortendiagramm je nach Kontinent zeigt.
Nordamerika und Europa ähneln sich dabei stark: Hier wie dort ist das „Ethereum-Ökosystem“ (einschließlich der Stablecoins und Polygon) am stärksten, gefolgt von Bitcoin, während sich Binance Pay, Tron und Legacy Coins den Rest teilen. In Amerika ist dabei eine etwas stärkere Präferenz für Bitcoin zu erkennen.
Binance Pay dominiert mit vielen Usern und geringem Volumen die Märkte in Asien, Afrika und dem mittleren Osten. In Australien ist das Ethereum-Ökosystem besonders stark, während Bitcoin in Asien und dem mittleren Osten nur noch eine Nischenrolle ausfüllt.
Das Diagramm in Südamerika hingegen, erklärt Matalberg, ist etwas verzerrt: Die „Bitcoinisierung“ in El Salvador sowie die Integration in Belo haben lassen Bitcoin stärker aussehen, als es ist. Ohne sie wäre Binance Pay auch in Südamerika das stärkste Zahlungsmittel.

