Bitcoin sei gescheitert, konstatiert ein Autor auf Heise zum zehnten Geburtstag unserer Kryptowährung. Das ist natürlich falsch – aber einiges, was er an Kritik vorträgt, ist durchaus berechtigt: Aus dem Versprechen, die Mittelsmänner aus dem Online-Handel zu entfernen, wurde bislang nicht so viel. Wir hoffen, dass sich das 2019 langsam ändert. Ein Kommentar zu einem Kommentar.
Beginnen wir mit dem Preis von Bitcoin. Heute steht er bei 3.500 Euro, und der Kursverlauf der letzten Wochen sieht eigentlich ganz nett aus.
Der Bitcoin-Kursverlauf der letzten 30 Tage bei Bitcoin.de
Charttechnisch erinnert die Lage an Januar 2015 (hier unsere Prognosen für 2015).
Wie heute hatte Bitcoin damals ein Jahr Bärenmarkt hinter sich, die Kurse waren das ganze Jahr über gesunken und im Januar bei etwa 200 Euro gelandet. Firmen gingen pleite, es gab Betrugsvorwürfe, Miner bekamen Probleme. Kennen wir alles von 2018.
2015 wurde dann zu einem Jahr der Seitwärtsbewegungen. Mal ging es rauf, mal runter, aber insgesamt nahm die Volatilität ab — bis es dann ab 2016 immer schneller wieder aufwärts ging. Wiederholt sich die Geschichte – noch einmal?
Exponentielle Kurssprünge
Bisher hat der Bitcoin-Preis in jeder „Reward-Ära“ eine Blase ausgebildet. Falls Sie den Begriff nicht kennen: Alle vier Jahre halbiert sich die Belohnung, die die Bitcoin-Miner je Block erhalten. Erst waren es 50 Bitcoins, dann 25, derzeit 12,5, und ab Mai 2020 werden es nur noch 6,25 Coins sein. Die Schöpfungsrate von Bitcoin wird gedrosselt. Man kann dies mit den Förderquoten der OPEC vergleichen.
Der Bitcoin-Preis seit 2011, exponentiell dargestellt. Die drei Spitzen der Blasen sind deutlich zu erkennen. Quelle: Blockchain.infoJede dieser Phasen hatte bisher ihre Blase: Die erste gipfelte bei 30 Dollar, die zweite bei 1250, und die dritte bei 20.000. Der Preis steigt nicht linear, sondern exponentiell. Folgt man dieser Logik, sollte Bitcoin in der nächsten Reward-Ära einen weiteren Sprung machen. Es könnte aber auch sein, dass sich nun etwas geändert hat. Wie alles auf der Welt steigt der Bitcoin-Preis nur solange exponentiell, bis er es nicht mehr macht.
Ein Autor des Technik-Magazins Heise.de meint nun, dass Bitcoin zum zehnten Jahrestag gescheitert sei. Schauen wir uns an, weshalb.
Keine Revolution im Handel
Fabian Scherschel ist an sich ein Fan von Bitcoin. Die Idee sei „einfach, aber genial: Mit einem verteilten Peer-to-Peer-Netzwerk die Macht der traditionellen Finanzinstitutionen brechen, Verkäufer und ihre Kunden auf digitalem Wege von der Plage der Mittelsmänner befreien und Banken durch Millionen von Gaming-Rechnern ersetzen.“ Wenn dies gelingt, hätte Bitcoin nicht weniger als „den Welthandel revolutioniert.“
Umso enttäuschter ist der Autor nun. „Die noch vor einigen Jahren vorausgesagte Revolution an den Ladenkassen ist ausgeblieben. Und der Onlinehandel läuft auch 2019 noch über Lastschrift, PayPal, Kreditkarte und Sofortüberweisung – mit Mittelsmännern, denen Käufer und Verkäufer vertrauen müssen. Also genau so, wie Nakamoto es eben nicht wollte.“
Womit Scherschel leider nicht unrecht hat. Bitcoin ist weiterhin ein Nischenzahlungsmittel. Es hilft nichts, sich hier etwas vorzumachen.
Der Unterschied zwischen 2015 und 2019
Und damit wären wir bei der Sache angelangt, die den Januar 2019 womöglich vom Januar 2015 unterscheidet.
Vor drei Jahren konnte Bitcoin auf ein Jahr zurückblicken, indem die Verbreitung im Zahlungswesen spürbar gestiegen ist. Allein im November und Dezember 2013 haben wir den Zeitschriftenverlag Time Warners, der Software-Gigant Microsoft und ein Reiseportal. Beim Cashbackservice Qipu war Bitcoin gleichauf mit PayPal, und Rumänien hat einen Service bekommen, um Rechnungen mit Bitcoins zu bezahlen.
Die Kryptowährung verließ das „Alpaka“-Zeitalter, in dem sie nur in Nischen-Shops angenommen worden war, und wurde immer weitflächiger als Zahlungsmittel anerkannt. In den Jahren 2014 und 2015 wurde es geradezu normal, dass man Domains, Hoster oder Spieleschlüssel mit Bitcoins bezahlen kann. BitPay, der große Zahlungsdienstleister, hat in dieser Zeit massiv expandiert.
Die Anzahl der täglichen Transaktionen stieg derweil deutlich an und überschritt bald das Niveau kurz vor der Blase. Man sieht dieses an der steilen Spitze, die der Hype Ende 2013 ausgelöst hat.
Anzahl der täglichen Transaktionen 2014-2015. Quelle: Ebenfalls blockchain.info
2018 sieht anders aus. Es gab so gut wie keine beeindruckende Akzeptanz im Online-Handel. Firmen wie Steam haben Anfang des Jahres sogar aufgehört, Bitcoins anzunehmen. Als Zahlungsmittel hat Bitcoin 2018 stagniert und ist vielleicht sogar zurückgegangen. Zwar breitet sich seit diesem Jahr das Lightning-Netzwerk aus, was von vielen als enorm positiv angesehen wird. Doch die reale Nutzung geht zurück.
Ein Beispiel findet man in der Statistik von Arnhem Bitcoinstad, der Bitcoin-freundlichsten Stadt der Welt, in der ungefähr 100 Läden Bitcoin akzeptieren. Hier ist man – mit Biegen und Brechen – wieder dort, wo man schon 2015 war.
Monatliche Zahlungen mit Bitcoin im Arnheimer Einzelhandel. Quelle: Arnhem Bitcoinstad
Vermutlich würden andere Statistiken ähnlich aussehen. Der globale Wert – die tägliche Anzahl an Transaktionen – bestätigt das. Sie steigt zwar seit Anfang 2018 recht entschlossen an – was ein verheißungsvolles Zeichen sein könnte — bleibt insgesamt aber weiterhin tiefer als das ganze Jahr 2017 über.
Tägliche Anzahl Transaktionen 2018 bis 2019. Quelle: erneut Blockchain.info
Bitcoin ist da. Die ganze Welt weiß davon. Immer mehr Menschen investieren in Krypto, große Börsen der Welt wollen Bitcoin zum Handel anbieten, die EU beschäftigt sich mit Bitcoins, und der deutsche Bundestag lädt Experten zu einer Anhörung ein. Es wird reguliert, gebildet, geschürft, getweetet – aber irgendwie kommt Bitcoin nicht so richtig im Alltag an. Der ganz normale Handel wird weiterhin von Banken, PayPal und Kreditkarten dominiert. Von der „Plage der Mittelsmänner“, wie Scherschel schreibt.
Woran liegt es? Und kann es Bitcoin gelingen, diesen Sprung in den kommenden ein, zwei Jahren zu nehmen? Oder werden wir am zwölften und fünfzehnten Geburtstag unserer Kryptowährung weiterhin darauf warten, dass die „Adoption“, die allgemeine Verbreitung, einsetzt, wie die Jünger einer Religion auf das goldene Zeitalter?
Die alte Frage, ob und wie Bitcoin skalieren kann …
Ab hier wird die Frage kompliziert. Sie spaltet sich in zahlreiche vage, kaum belegbare Thesen und Spekulationen, die insgesamt ein widersprüchliches Bild ergeben und von ideologischen Grabenkämpfen der Bitcoin-Szene umzingelt sind.
Scherschel sieht den Grund in der Technik. Bitcoin sei „ziemlich unpraktisch“: Zu langsam, und technisch nicht in der Lage, „das Volumen, das der Welthandel zu Stoßzeiten wie an Weihnachten produziert, auch nur ansatzweise verarbeiten zu können.“ Im Alltag von Verkäufern und Käufern sei Bitcoin „quasi nutzlos“.
Tatsächlich stößt das Bitcoin-Netzwerk regelmäßig an seine Kapazitätsgrenzen. Der MemPool der unbestätigten Transaktionen wurde niemals leer; die Gebühren liegen im Normalbetrieb bei etwa 5 Cent je Transaktion, springen zu Stoßzeiten aber regelmäßig auf 20 bis 50 Cent und lähmen das Transaktionswesen in Extremsituationen. Dies allein macht Bitcoin für den Handel unattraktiv und schließt eigentlich aus, dass es überhaupt zu einer weiteren Verbreitung kommen kann.
Man könnte darüber diskutieren, ob dies tatsächlich an der Technik liegt, die einfach nicht skaliert, oder daran, dass Bitcoin weiterhin ein enges Blocksize-Limit hat. Das ist eine alte Frage, um die herum es bei uns rund 50 Artikel gibt. Die eine Seite sagt, nein, Bitcoin kann nicht onchain – also so, wie man es kennt – skalieren, weil es dann nicht mehr dezentral ist, weshalb wir ein offchain-Netzwerk wie Lightning benutzen müssen. Andere Seite sagt dagegen, dass Bitcoin skalieren kann und skalieren muss, und dass Lightning nicht denselben Zweck erfüllen kann.
Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen – während die Grabenkämpfe zwischen beiden Seiten das, worum es eigentlich ging – Bitcoin in die Welt zu bringen – ein gutes Stück weit zurückgeschlagen.
Mit der Bitcoin Cash Fork – nun auch Bitcoin SV – wurde 2017 der Versuch unternommen, zu demonstrieren, dass Bitcoin sehr wohl onchain skaliert. Zwar gab es bei Stresstests Rekordblöcke – kürzlich hat Bitcoin SV einen Block mit 103 Megabyte gemined – der Beweis, dass dies dauerhaft machbar ist, bleibt aber bislang aus, da Bitcoin Cash so gut wie nicht verwendet wird. Es ist wie eine Geisterstadt mit 32 Wolkenkratzern.
Dass Bitcoin Cash es nicht geschafft hat, das Bezahlen mit Bitcoin auf sich zu konzentrieren, trotz der niedrigen Gebühren und trotz der breiten Akzeptanz durch BitPay, weist vielleicht auf etwas anderes hin: Es besteht kaum eine Nachfrage danach, mit Bitcoin zu bezahlen. Warum auch? Die etablierten Verfahren funktionieren für den Kunden wunderbar.
Es könnte daher sein, dass all das gar nicht so wichtig ist. Vielleicht geht es bei Bitcoin gar nicht darum, mit PayPal und anderen alltäglichen Zahlungsverfahren zu konkurrieren, sondern darum, eine unabhängige, freie Alternative bereitzustellen, für die Fälle, in denen die herkömmlichen Methoden scheitern.
2019 – das Jahr der Akzeptanz und Nutzer?
Vielleicht geht es aber doch darum: Vielleicht braucht Bitcoin die Akzeptanz im allgemeinen Zahlungsverkehr, um wirklich nützlich zu sein, nützlich gerade dort, wo er benötigt wird, und um aus der Ecke des Spekulationsgeldes herauszukommen. Was bringt ein Geld, das nicht auch von vielen anderen benutzt wird?
Wenn dem so wäre, könnte 2019 tatsächlich entscheidend werden. Bitcoin muss es schaffen, den bisherigen Kurs der steigenden Verbreitung und Akzeptanz fortzusetzen; er muss nicht nur für, wie Scherschel schreibt, „Cypherpunk-Nerds oder Kriminelle“ ein alltägliches Zahlungsmittel sein, sondern wirklich in der Allgemeinheit ankommen.
Aber ist das möglich? Technisch definitiv. Bitcoin (BTC) hat dank SegWit noch einen überschaubaren, aber doch sichtbaren Spielraum für mehr Kapazität. Die große Hoffnung ruht aber auf dem Lightning-Netzwerk, das Bitcoin theoretisch weit genug skalieren kann, um den gesamten Welthandel und mehr zu prozessieren. Es könnte klappen – aber die offene Frage bleibt, ob Lightning seine enorme inhärente Komplexität gut genug bändigt, um auch praktisch attraktiv zu sein. Bislang ist es davon noch ein Stück weit entfernt. In jedem Fall wird der Umstieg auf ein anderes System Zeit und Mühe kosten.
Falls es mit Lightning nicht klappt, aber eine Nachfrage nach Bitcoin als Zahlungsmittel besteht, stehen Bitcoin Cash und Bitcoin SV bereit, die Lücke zu schließen. Sie versprechen, onchain – und damit für den User deutlich einfacher – weit genug zu skalieren, um als weltweites Zahlungsmittel verwendet zu werden. Nachdem ein „Flippening“ der User aber schon 2018 nicht geklappt hat, bedeutet das auch für Bitcoin Cash / SV, dass es Zeit und Mühe kosten wird, die Welt zu überzeugen. Technisch bereit zu sein, reicht nicht aus.
Ob so oder so oder so, BTC oder BCH oder BSV – Bitcoin hat Zeit verloren. Umso wichtiger könnte es 2019 werden, wieder auf den Kurs der steigenden Verbreitung zu finden. Die „Adoption“ – die Verbreitung und Akzeptanz – könnte wieder zum wichtigsten Thema werden. Und das bedeutet: Die drei Bitcoins konkurrieren darum, mit nützlichen und userfreundlichsten Apps die Nutzer zu überzeugen. Davon könnten alle profitieren.
