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Bitcoin ist ein neuer Wertspeicher. Und nun?

Der Lauf der goldenen Jungs und Mädels. Bild von Phil Roeder via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Nicht mal alle Bitcoiner haben es erwartet. Doch es kam, wie es kam: Bitcoin wurde zu einem neuen Wertspeicher. Was aber folgt daraus – für Individuen und Kollektive?

Darüber, was einen Wertspeicher ausmacht, wurde schon viel diskutiert. Oft hieß, ein guter Wertspeicher brauche einen „intrinisischen Wert“ – also einen Nutzen über das Speichern von Werten hinaus – oder einen „Cashflow“, wie einen Zins oder eine Dividende.

Nach 16 Jahren Bitcoin wissen wir: Ein Wertspeicher braucht nichts davon. Es reicht, wenn ein ausreichend breiter globaler Konsens besteht, dass ein knappes Gut ein Wertspeicher ist. Dann speichern Menschen ihre Werte darin – und es wird ein Wertspeicher.

Man kann dazu hundert Einwände in Stellung bringen, kann Dutzende Theorien aufmarschieren lassen, die all das widerlegen sollen. Oft kommen solche Einwände von Bitcoinern selbst, die der Meinung waren, Bitcoin müsse erst als Zahlungsmittel in die Masse kommen, bevor er zum Wertspeicher werden kann.

Aber die Wirklichkeit spricht eine klare Sprache, und man sollte nicht seine Wahrnehmung an die Theorie anpassen sondern die Theorie an das, was wahrzunehmen ist: Bitcoin ist ein Wertspeicher. Punkt.

Der Konsens wird breiter und tiefer

Für eine lange Zeit war Bitcoins Status als Wertspeicher noch wackelig. Es waren überwiegend experimentierfreudige Investoren, die ihn als solchen akzeptierten, mehr aus Idealismus denn aus Realismus, nicht, weil Bitcoin bereits ein Wertspeicher war, sondern weil sie wünschten, dass er zu einem wird:

Etwa Kritiker des Fiat-Systems, Informatiker, die das Whitepaper gelesen und verstanden hatten, Cypherpunks, die sich von Bitcoin Privatsphäre versprachen, und Libertäre, die in Bitcoin ein Instrument gegen den Staat erkannten.

Mittlerweile ist Bitcoin in der Investment-Masse angekommen. Jeder kennt den Begriff, immer mehr Anleger halten über ETFs oder andere Instrumente Bitcoin in ihrem Portfolio, und immer mehr Banken bieten ihn wie selbstverständlich als Investment an.

Vor allem aber beginnen immer mehr Unternehmen, Bitcoin als primäre Reserve zu verwenden, allen voran MicroStrategy aus den USA, aber auch Metaplanet aus Japan, die Blockchain Group aus Frankreich und viele mehr. Es wird schwierig, den Überblick zu behalten.

Dazu stoßen nach und nach auch Staaten. El Salvador, Abu Dhabi, indirekt Norwegen und die Schweizer Nationalbank, die USA, die eine Bitcoin-Reserve planen, einzelne Bundesstaaten, die gesetzliche Hindernisse aus dem Weg räumen, Bhutan, das einen Großteil der selbst geschürften Bitcoins behält, und weitere.

Der globale Konsens, dass Bitcoin ein Wertspeicher ist, wird breiter und breiter, tiefer und tiefer. Mittlerweile dürfte der Prozess nicht mehr aufzuhalten sein, wie eine Lawine, wenn sie erst genügend Masse angesammelt hat. Bitcoin wurde zu einem digitalen Gold, und die Welt nutzt es, um Werte zu sparen.

Technisch könnte Bitcoin scheitern

In sozialer Hinsicht hat Bitcoin bereits gewonnen. Die Welt hat akzeptiert, dass man Werte in einem an sich völlig nutzlosen digitalen Coin speichern kann, solange dieser knapp ist und Bitcoin heißt. Sobald es eine solche Überzeugung gibt, ist sie kaum mehr umzustoßen.

Scheitern könnte Bitcoin jedoch in technischer Hinsicht. Denn ein zentraler Teil des Glaubens daran, dass Bitcoin ein Wertspeicher ist, besteht darin, dass man an die Technologie glaubt. Wenn diese versagt, scheitert auch der Glaube an den Wertspeicher.

Es gibt mehrere Szenarien dieses Scheiterns :

  • Die Entwickler könnten einen Fehler in den Code bringen, der, wenn er einmal tief genug fest steckt, nicht mehr revidierbar ist.
  • Quantencomputer könnten schneller als erwartet ECDSA-Kryptographie brechen, und die Bitcoin-Community schafft es nicht, sich auf ein alternatives, quantensicheres System zu einigen.
  • Die Gebühren steigen nicht stark genug, um die Hashrate stabil zu halten. Wenn eine Masse an Mining-Geräten unkontrolliert wertlos wird, entsteht ein Markt für 51-Prozent-Angriffe.

Vermutlich könnte man noch mehr potenzielle Angriffe und Schwachstellen aufzählen. Jede von ihnen ist aber äußerst unwahrscheinlich; Grund genug, nicht alles auf Bitcoin zu setzen, aber nicht im geringsten ein Grund, Bitcoin als Wertspeicher abzutun.

Bitcoin für Individuen

Wenn man einmal akzeptiert hat, dass Bitcoin ein neuer Wertspeicher geworden ist, dann sollte man fragen, was es bedeutet – für einen selbst, für unsere Gesellschaft, für die Welt.

Für Sie, als Individuum und Privatperson, ist Bitcoin vor allem eine Chance: Eine neue Technologie, um Werte zu speichern, gibt Ihnen eine weitere Option, eben das zu tun – Werte zu speichern. Schätzungsweise einige hundert Millionen Individuen auf der Welt haben dies bereits begriffen und speichern erfolgreich Werte mit Bitcoin.

Sie können das in Ihrem Aktienportfolio machen, indem Sie ETFs oder ETNs kaufen, wenn es Ihnen nur um die Werte geht. Geht es ums Speichern selbst, sollten Sie Bitcoins in einer Wallet aufbewahren. Die Webseite bitcoin.org hat einen guten, deutschsprachigen Wallet-Guide, der Ihre erste Anlaufstelle sein sollte.

Wenn Sie es genauer wissen wollen, sollten Sie sich einige Minuten mit Theorie und Praxis des Speicherns von Bitcoin beschäftigen. Wenn Sie verstehen, wie man Bitcoins speichert – dieses geniale Prinzip, Werte in eine galaktische Zufälligkeit zu stampfen -, dürften sie auch begreifen, warum Bitcoin eine so durchschlagende neue Technologie ist, um Werte zu speichern.

Die Gefahr, Bitcoin zu ignorieren

Während die individuellen Schlussfolgerungen dafür, dass die Welt einen neuen Wertspeicher hat, relativ einfach zu ziehen sind, wird es bei den kollektiven Folgen kniffeliger und kontroverser.

Denn während ein Individuum für sich selbst verantwortlich handelt, handeln Kollektive per Definition für andere. Wenn ein Individuum Werte verliert, ist das sein Problem, doch wenn das Kollektiv „Bundesrepublik Deutschland“ Geld verbrennt, wird es zum Problem von uns allen.

Grundsätzlich gilt bei allen neuen Technologien, dass man nicht nur einen Gewinn versäumt, wenn man sie ignoriert, sondern auch etwas verliert. Wenn das eigene Kollektiv eine neue Technologie ignoriert, um Werte zu speichern, aber andere Kollektive sie annehmen – dann speichern die anderen Werte besser und die eigenen Werte schrumpfen.

Das ist das allererste, was man sich bewusst man muss: Ein Kollektiv, das versäumt, sich auf Bitcoin einzulassen, läuft Gefahr, Werte zu vernichten und damit Wohlstand zu verlieren.

Was ein Kollektiv tun sollte

Jedes Mitglied eines Kollektivs sollte daher von denen, die es politisch vertreten, erwarten, sich auf neue Technologien einzulassen. Die Gesetzgeber sollten den Bürgern und Unternehmen keine Steine in den Weg legen, damit diese einen neuen Wertspeicher verwenden. Wenn es Hürden gibt, sollte man diese abbauen, beispielsweise in Vorschriften zur unternehmerischen Bilanzierung von Werten.

Ferner sollten die Gesetzgeber gewährleisten, dass innerhalb eines Kollektivs die Ökonomie und Industrie floriert, die sich um einen Wertspeicher wie Bitcoin herum bildet: Handelsplattformen, ETF-Betreiber, Verwahrer, Zahlungsdienstleister, Wallets, Miner. Ein Kollektiv, dem solche Institutionen fehlen, wäre wie ein frühneuzeitlicher Staat ohne eigene Münzpresse.

Oft reicht es, keine neuen Hindernisse einzuführen, um ein solches Ökosystem zum Erblühen zu bringen. Manchmal muss man bestehende Hindernisse abbauen, und in manchen Fällen wäre es vielleicht nötig, den Aufbau durch Subventionen und andere Förderungen anzutreiben. Gerade beim Mining würde eine gezielte Förderung dem Klimaschutz in die Hände spielen.

Schließlich wäre es auch angebracht, auf der Ebene des Kollektivs selbst – also der öffentlichen Institutionen – den Wertspeicher anzuerkennen. Kommunen, Städte, Bundesländer, Institutionen, Kranken-, Renten- und Pensionskassen halten und verwalten Kapitalreserven. Sie sollten, wie private Akteure, jede Technologie nutzen, um diese Werte zu speichern.

Sollte es gesetzliche Hindernisse geben, damit etwa eine Kommune Bitcoins in ihr Portfolio aufnimmt, müssen diese abgebaut werden. So können sie sich zumindest selbst entscheiden, ob und zu welchem Anteil sie Bitcoins aufnehmen. Unter Umständen könnte aber auch geboten sein, einen kleinen Mindestanteil – beispielsweise 0,5 oder 1 Prozent – gesetzlich vorzuschreiben.

Graswurzel im wahrsten Sinne des Wortes

Die Individuen haben längst begriffen, was es bedeutet, wenn es einen neuen Wertspeicher gibt: Es ist eine Chance, Werte besser zu speichern. Hunderte Millionen haben sich entschieden, einen Teil ihres Vermögens durch Bitcoin zu erhalten und zu vermehren – und zwar mit großem Erfolg.

Sehr viel schwerer tun sich Unternehmen damit. Während es für Unternehmen der Branche normal ist, auch Bitcoins zu halten, hat erst MicroStrategy Bitcoin als Kapitalreserve für Unternehmen außerhalb der Branche ins Spiel gebracht. Es gibt seitdem zwar eine Vielzahl an Nachahmern – doch insgesamt dürften weit weniger als 0,001 Prozent aller Unternehmen Bitcoins im Portfolio halten.

Wenn wir schließlich zu öffentlichen Institutionen kommen, schwindet die Rate weiter. Nicht eine der global etwa 50.000 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern hat Bitcoins in ihrer Kasse, keine Kommunen, keine öffentlichen Institutionen, keine Bundesländer, Provinzen, Oblaste, Staaten.

Die Annahme des neuen Wertspeichers Bitcoin ist eine Graswurzelbewegung im wahrsten Sinne des Wortes. Sie beginnt unten, bei den Individuen, und erreicht die Ebenen der Kollektivierung desto langsamer, je höher sie stehen. Damit verteilt Bitcoin Kapital und Wohlstand von oben nach unten, von den Kollektiven zu den Individuen – und das ist nicht nur deswegen gut, weil es zu Bitcoins libertärer, freiheitlicher Mission passt.


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7 Kommentare zu Bitcoin ist ein neuer Wertspeicher. Und nun?

  1. BTC ist nicht nur ein Wertspeicher, sondern der einzige mir bekannte, der die Werte nicht nur kostenlos für den Nutzer speichert, sondern auch noch ermöglicht unbegrenzte Mengen selbst zu verwalten und jederzeit – auch über Grenzen – mit sich zu führen. M.E. die USP von BTC.

  2. Hallo lieber Blog Besitzer ich hab den Inhalt mit link auf meiner neuen Social Media App gepostet
    Wenn du selber dein Material da verbreiten willst gerne auf

    Peerapp.de

    Ist echt cool da mal reinzuschauen was würdest du eigentlich für ein Artikel und test über uns nehmen ?

  3. Wolfgang Lohmann // 28. Juni 2025 um 22:32 // Antworten

    Ein paar provokante Bemerkungen, vielleicht triggern sie etwas Diskussion :-).

    Ich etwas Schwierigkeiten mit diesem Wertspeicher- und Spar-Kult. Was für „Werte“ werden den „gespeichert“. Was genau wird den gespeichert und wogegen wird das gemessen? Und wer spart in Cash? Das wäre sehr deutsch ;-). Und was den Staat betrifft, der soll seine Mittel lieber effizient einsetzen. Horten sollte er sich nicht. Deutschland hat viel Schulden. Diesen Berg könnte man abbauen. (Ja, ist in EU nicht sinnvoll.)

    Etwa Kritiker des Fiat-Systems, Informatiker, die das Whitepaper gelesen und verstanden hatten, Cypherpunks, die sich von Bitcoin Privatsphäre versprachen, und Libertäre, die in Bitcoin ein Instrument gegen den Staat erkannten

    Wer das Whitepaper versteht, versteht, dass Bitcoin als *Cash*System für effiziente Transaktionen kam ;-). Nicht als Gold. (Ist im Text auch auch so geschrieben.) Cypherpunks haben schnell verstanden, dass Bitcoin nicht anonym genug ist. SegWit, Entfernug der Tx Malleabillity und Lightning hatten sicher auch diesen Hintergedanken. (Entwicklung ist prinzipiell ja legitim.)
    Es gibt auch Informatiker oder andere, die immer noch der ursprünglichen Idee folgen.

    Und: die Welt hat es akzeptiert? Wer ist die Welt? Wenn ich so herumhöre auf Reisen, oder im (großen, heterogenen) Bekanntenkreis, sieht es eher mäßig aus.

    Bitcoin-BTC „wurde“ nicht zu einem digitalen Gold. Es wurde dazu gemacht. Es wurde dafür geworben, weil dominante Gruppen von diesem Narrativ am meisten profitierten, aber eben nicht von den anderen Vorzügen, mit denen Bitcoin kam. Ich verstehe, dass „Schutz vor Inflation“ eine starke Story ist.

    Übrigens, der Coin ist auch ohne Preis nützlich. Will man nur nicht sehen/nicht haben. Die meisten reduzieren digitale Scarcity auf die Zahl im Umlauf befindlicher Satoshis. Aber an Satoshis gebundene digitale Objekte sind ebenfalls scarce. Darin steckt ein viel größerer Wert. („NEIN verdreck mir mein sound money nicht, aber alle anderen Blockchain sind ** und sollten sterben“ 😉 )

    Und ja, es gibt Fehler im Code: SegWit ;-).

    Was die Gebühren betrifft, finde ich es schon kurios, dass man auf ihr Steigen hoffen soll. Bitcoin kam, um hohe Gebühren zu bekämpfen. Naja, ich bin eben Bitcoin Fundamentalist 😉 Aber ich hab ja mein „Ur“coin

    Bei „Kollektiv“ wird es für mich etwas schwierig. Die Bezeichnung erinnert mich an unschöne Zeiten. Und auch schon deshalb, weil die Narrative in den ersten Jahren ganz anders waren. Und wenn das Enfant Terrible von der Rolle des Staates und der Regulierung sprach: Böse! ;-). Und jetzt wollen sie alle das große Kapital, die Banken und jetzt auch noch den Staat. (Ich bin ja pro vernünftige Regulierung).

    Im Übrigen gibts ja MiCAR. Aber in den Entwurfsphasen war es schwierig, gerade bei BTClern Unterstützung für diplomatische und sinnvolle Einflussnahme zu bekommen. Und wenn, dann „NIEMALS MIT i-bäh-nicht-BTC coins“. Kollektiv ist so eine Sache. BTCler formen gerne geschlossene. Ja, sie nehmen gerne Neue auf. Aber man muss oft schon sehr gleich ticken. Nicht grad kollektivisch im Sinne unserer Gesellschaft 😉

    Jedes Mitglied eines Kollektivs sollte daher von denen, die es politisch vertreten, erwarten, sich auf neue Technologien einzulassen.

    Vielleicht sollte mal die BTC Community anfangen, sich auf die neue Technologie Bitcoin einzulassen 😉 z.B. OP_CAT, OP_MUL, OP_PUSHDATA4 etc. Aber man will sie par tout nicht wieder einbauen. Oder IP2IP. Oder SPV (eingebaut, verfälscht durch SegWit, aber wird kritisch betrachtet).

    Ich bin dagegen, das langfristige Pensionsfonds BTC anlegen. Die Historie ist zu klein. 16 Jahre. Das ist nix. Schon gar nicht vorgeschrieben. Es gibt da einige coole neue Technologien. Ähm, „gab“. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt?

    Übrigens klingt Wertspeicher im Zusammenhang mit Kommunen, Städten seltsam. Irgendwie haben die meines Wissens eher negative Konten. Negativ in BTC? Was, wenn dessen Wert im Vergleich zu Euro steigt? Das scheint mir noch nicht zu Ende gedacht. Warum nur ist es BTClern so wichtig, dass alle anderen in BTC machen? Sind sie nicht zufrieden, dass ihre eigenen Werte gespeichert werden? Dieses Bitten und bewerben, am besten Verordnen („mind 1%“) passt auch nicht grad zu libertär. 😉

    Außerdem, als Aktionär möchte ich nicht, dass meine Firma in BTC was auch immer speichert. Oder meinetwegen nur einen sehr kleinen Teil. Wenn ich BTC haben wollte, kann ich mir das immer noch holen.

  4. Wer das Whitepaper versteht, versteht, dass Bitcoin als *Cash*System für effiziente Transaktionen kam ;-). Nicht als Gold.

    Lieber Wolfgang,
    ich nehme mal deinen Diskussionsanstoß auf, auch wenn dir meine Meinung dazu wohl weitestgehend schon bekannt ist 😉

    Woher bist du dir so sicher, dass Bitcoin im Whitepaper nicht als „digitaler Wertspeicher“, sondern ausschließlich als „Cash-System“ vorgesehen war?
    Die Tatsache, dass mit 21 Millionen eine Kappung der Bitcoinmenge eingeführt wurde, verbunden mit einer längerfristigen, schrittweisen Erreichung durch Mining, spricht doch eher für die These des „digitalen Goldes“. Die gleichzeitige Notwendigkeit als Cash-System ergibt sich dadurch, dass diese Werte ja nicht nur gespeichert, sondern auch irgendwie übertragen werden müssen. Ansonsten würden die Rewards ein Leben lang auf den Konten der Miner „vergammeln“.

    Bitcoin als reines Cash-System (ähnlich SEPA) bräuchte keine Kappung und hätte durch die stetigen Block Rewards auch weniger das Problem von potentiellen 51%-Attacken. Dass deshalb Bitcoin auch als staatlich unabhängiger Wertspeicher angesehen wird, ist für mich vollkommen legitim und deckt sich auch gut mit der initialen Bankenrettungs-Nachricht in der Coinbase-Transaktion („chancellor on brink of second bailout for banks“). Wenn Bitcoin in erster Linie als reine Konkurrenz zu SEPA, Visa oder Paypal angedacht gewesen wäre, hätte sich Satoshi auch auf eine eher typische Zahlungsdienstleister-Nachricht beziehen können.

    • Wolfgang Lohmann // 29. Juni 2025 um 17:10 // Antworten

      Lieber Kranich
      Auf Dich ist Verlass 🙂

      Woher bist du dir so sicher, dass Bitcoin im Whitepaper nicht als „digitaler Wertspeicher“, sondern ausschließlich als „Cash-System“ vorgesehen war?

      Ich bin mir (ziemlich) sicher. Aber ich *weiß* nicht. Natürlich ist alles Interpretation, die durch für mich durch Konsistenz mit Designentscheidungen an Glaubwürdigkeit gewinnt (und dennoch falsch oder aus anderen Gründen richtig sein könnte).

      Natürlich hat jedes Geld im verwendeten Kontext für eine jeweils bestimmte Zeitspanne die Eigenschaft, einen für (potenziell) Beteiligte relevanten Wert zu repräsentieren. Also ergibt sich die gleichzeitige Notwendigkeit von Speicherfunktion auch aus der Absicherung einer minimalen Nutzung.

      Das „Ausschließlich“ habe ich glaub ich nicht so gesagt, meine Aussage bezog sich auf die Referenz zu dem Whitepaper, weil Christoph darauf verwies. Ich habe mit dem Satz einfach seine Aussage auf den umgekehrten Fall angewendet. „Informatiker, die das Whitepaper gelesen und verstanden“
      Mit den Forumposts und Code gäbe es noch weitere Argumente (Eine Bemerkung siehe unten).

      (Die weiteren „*“ sind von mir.)

      WP: „Bitcoin“
      Nicht Gold, Digigold, Goldcoin, etc. Ein Coin mit Dateneigenschaften. Coin übrigens transferable, im Gegensatz zu Ansätzen wie Ethereum (accountbasiert). Wär leichter zu coden, aber der Punkt ist instant Settlement (weil Nachempfinden von coins.) und Parallelisierbarkeit. (Meine Interpretation)

      WP: „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic *Cash* System“
      Liest sich für mich wie ein System für Cash. Nicht Value, nicht Gold.

      WP: „A purely peer-to-peer *version of electronic cash* would allow…“

      WP: „Commerce on the Internet [..] While the system works well enough for most transactions,…“
      Verbesserung für E Commerce

      WP: „The cost of mediation increases transaction costs, limiting the
      minimum practical transaction size and cutting off the possibility *for small casual transactions*,[..]“
      Reduktion von Fees

      WP: „Merchants must be wary of their customers..[]“
      Normale Händer

      WP: „These costs and payment uncertainties can be avoided in person by using physical currency, but no mechanism exists to make payments over a communications channel“
      Nachempfinden physicalischer Currency.

      WP: „What is needed is an electronic *payment* system [..] allowing any two willing parties to *transact directly with each other* without the need for a trusted third party“
      Payment, Use steht im Vordergrund der Argumente.

      Die Tatsache, dass mit 21 Millionen eine Kappung der Bitcoinmenge eingeführt wurde,

      Ich sehe das als 1 von mehreren getroffenen Designentscheidungen. Nicht unwichtig, aber nicht als den Hauptzweck.

      verbunden mit einer längerfristigen, schrittweisen Erreichung durch Mining, spricht doch eher für die These des „digitalen Goldes“.

      WP: „[..] and provides *a way to initially distribute coins* into circulation, since there is no central authority to issue them.“
      Löst eben das Verteilungsproblem.

      WP: „The steady addition of a constant of amount of new coins is analogous to gold miners expending resources to add gold to circulation. In our case, it is CPU time and electricity that is expended.“
      Hier verweist er auf Gold. Ich lese das als Rechtfertigung für das Verfahren schrittweiser Distribution und Belohnung. Aber man kann es auch anders lesen. Zumal..:

      WP „[..] be completely inflation free.“
      .. in dem Zusammenhang die Betonung verstärkt.

      Bitcoin als reines Cash-System (ähnlich SEPA) bräuchte keine Kappung

      Bräuchte nicht. Zerstört ein Cash-System mMn aber auch nicht. (Wobei das Todd anders sieht).

      und hätte durch die stetigen Block Rewards auch weniger das Problem von potentiellen 51%-Attacken.

      Verstehe ich nicht. Ich sehe ohnehin kein Problem mit 51% Angriffen, wenn das Netzwerk etabliert ist (egal welche Variante).

      Dass deshalb Bitcoin auch als staatlich unabhängiger Wertspeicher angesehen wird, ist für mich vollkommen legitim und deckt sich auch gut mit der initialen Bankenrettungs-Nachricht in der Coinbase-Transaktion („chancellor on brink of second bailout for banks“).

      Legitim ja. Ich denke, das bestreite ich auch nicht.
      Die initiale Nachricht kritisiert, dass Banken *gerettet* werden. Nicht Banken an sich. Ein ökonomischer Akteur soll für eigene Fehler bestraft werden. (Meine Interpretation.) Es ist auch mit Blick auf Anreize für Verhalten zu sehen. Bitcoin führt Anreize ein, sich den Regeln entsprechend zu verhalten.

      Wenn Bitcoin in erster Linie als reine Konkurrenz zu SEPA, Visa oder Paypal angedacht gewesen wäre, hätte sich Satoshi auch auf eine eher typische Zahlungsdienstleister-Nachricht beziehen können.

      Ich denke, S 1 des Whitepaper ist (für mich) da klar (E Commerce?). Natürlich war so eine Zeitungsmitteilung ein Geschenk für eine Startnachricht. Egal, welche Sicht man auf dem Coin hat. Wer weiß schon, was drin gestanden wäre, hätte diese Nachricht nicht am 3. die Titelzeile geziert. 🙂 Und natürlich *weiß* ich nicht, was Satoshi tatsächlich (damals?) gedacht hat.

      WP: „Although it would be possible to handle coins individually, it would be unwieldy to make a separate transaction for every cent in a transfer.“
      Es geht in meiner Interpretation um das Ermöglichen kleiner Transaktionen. Ich muss auch heute immer wieder Bar bezahlen, weil kleine Händler oft 5€ ablehnen wegen Kosten von VISA und Friends. Und das ist schon günstiger geworden.

      PS: Zum „Ausschließlich“ noch mal. Genauer würde es den Rahmen sprengen. Aber für ein „Hodl-Coin“ ist die Frage der Skalierung eine andere als für ein „Fließgeld“. Die Zahl der Transaktionen für „casual transactions“ ist doch viel größer. Und große Blöcke, Merklebäume und SPV sind dafür geeignet.
      Für Hodler ist es auch nicht so notwendig, dass eine Transaktion ~2^64 Eingaben/Ausgaben haben dürfte. Die Ausdrucksstärke der Programme, die an den Münzen hängen konnten, die auch im Format mit Riesengrößen versehen sind, wären für reine „Goldtransaktionen“ auch eher unnötig. Also das, was den SmartContracts bei Ethereum entspricht, was man aber ausgebaut hat (insb. OP_CAT, oder math. Funktionen, mit denen man ZK Proofs berechnen konnte, oder OP_PUSHDATAx für das Ablegen größerer Datenpackete auf den internen Stack). Oder man könnte auf den Forumpost zur Vendingmaschine verweisen. Aber das spielt hier eher keine Rolle, weil es ja um das Whitepaper ging. Und auch nur um den Punkt, was wohl Informatiker und andere aus dem Whitepaper herauslesen.

      Viele Dinge können Geld sein. Meist verweist man dann auf 3 Funktionen, Medium of Exchange, Unit of Account, Store of Value. Ich finde es eben irritierend, dass man in der BTC Welt oft so darauf besteht, dass es um das Store of Value geht. Letztlich muss eine gewisse Balance vorliegen. Wenn nur noch gehodled wird, ist die Liquidität nicht mehr sinnvoll. Und Lightning? Naja, da sind wir ja wieder fast zurück, wo wir mal herkamen, wenn auch mit einem vermutlich beschränkten Basisasset.

      Und natürlich könnten auch Goldcoins als Cash herhalten :-).

      Danke für die Frage!

      • Vielen Dank für Deine ausführliche Zusammenstellung der Passagen aus dem Whitepaper. Schade, dass der Blog nun ein Ende finden wird, aber ich kann Christoph schon irgendwie verstehen. Für meinen letzten Kommentar nehme ich mir deshalb auch gerne noch mal etwas Zeit 🙂

        Also ergibt sich die gleichzeitige Notwendigkeit von Speicherfunktion auch aus der Absicherung einer minimalen Nutzung.

        Ja, das sehe ich auch so. Speicher- und Zahlungsfunktion (Cash) sind sozusagen zwei Seiten ein und der selben Medaille.
        In der Zeit des Tauschhandels, wurden i. d. R. nur jene Objekte getauscht, die einen „intrinsischen“ Wert besaßen. Einen hohen intrinsischen Wert hatten Metalle, weil man konnte Waffen und Werkzeuge damit herstellen. Als Wertspeicher eigneten sich allerdings lediglich Edelmetalle, da diese nicht wegrosten konnten (z.B. Gold oder Silber), aus denen dann die Kurantmünzen entstanden. Mit der Entstehung von Münzen ist sozusagen beides gleichzeitig entstanden, Zahlungs- und Speicherfunktion.

        Im Laufe der Jahre hat sich dann die Zahlungsfunktion weiterentwickelt, z.B. als goldhinterlegte Banknoten, später Fiatgeld oder im Zeitalter der Datenverarbeitung das Giralgeld. SEPA, Visa, Mastercard, Paypal & Co. haben die Zahlungsfunktion weiter optimiert und das Bezahlen wurde grenzüberschreitend wesentlich einfacher und schneller. Man könnte auch sagen, in diesem Bereich herrscht ein großer Konkurrenzdruck.

        Als in der Finanz- und Bankenkrise staatliche Akteure dann auf kreative Weise „verlorengegangene Werte“ versuchten zu kompensieren, durfte man sich berechtigterweise fragen, wie nachhaltig die Speicherfunktion im aktuellen Fiat-Zahlungssystem noch ist. In meiner Interpretation von Satoshis Whitepaper, wollte er mit Bitcoin ein Zahlungssystem anbieten, welches wieder über eine zuverlässige Wertspeicherfunktion verfügt, und das unabhängig von staatlichen Akteuren. Du hast deshalb meiner Meinung nach vollkommen recht, dass das Bitcoin-Whitepaper ein Zahlungssystem beschreibt (aber auf der Rückseite der Medaille eben auch einen Wertspeicher 😉 )

        Über die Jahre hat sich gezeigt, dass Bitcoin als Zahlungssystem auch tatsächlich zuverlässig funktioniert. Allerdings nicht so effizient, dass es mit SEPA, Visa & Co. „mithalten“ konnte. Noch dazu hat es als Zahlungssystem den Nachteil, dass die für die Lebenshaltung notwendige Kaufkraft in Dollar oder Euro gemessen wird, und die Volatilität von Bitcoin es daher als unpraktikabel erscheinen lässt.

        Aber nun zurück zu dem ursprünglichen Wertspeicher unseres Fiat-Systems, dem Gold. Spätestens mit dem Ende von Bretton-Woods war der Status von Gold zumindest „angeschlagen“. Flexible Wechselkurse und das Vertrauen in die jeweilige Volkswirtschaft, bzw. Notenbank, waren das Gebot der Stunde. Gold wurde fast überflüssig, bis es, evtl. auch wegen der Finanz- und Bankenkrise, zu Beginn des 21. Jhd. eine sehnsüchtige Art von Rennaisance erfuhr. Mit Gold als abstraktem Wertspeicher zu konkurrieren, stellte für das frühe Bitcoin zunächst eine Herausforderung dar. Jedoch war die Herausforderung ungleich kleiner, als beim Konkurrieren um einen Platz als Zahlungssystem. Dass sich für Bitcoin nun das Narrativ als „digitales Gold“ durchgesetzt hat, basiert nach meinem Empfinden nicht an der Grundanschauung irgendwelcher Core-Entwickler, sondern viel mehr daran, dass es die „lowest hanging fruit“ gewesen ist. BCH und BSV sind ebenfalls legitime Ansätze, aber konnten sich zu ihrer Zeit nicht gegen die Platzhirsche Mastercard & Co. durchsetzen. Die Präferenz des Krypto-Marktes hat sich in den letzten Jahren für BTC entschieden, und das gilt es ein Stück weit auch zu respektieren.

        Du interpretierst in deinem letzten Kommentar Satoshi unter anderem wie folgt:

        Ein ökonomischer Akteur soll für eigene Fehler bestraft werden.

        Nicht dass ich irgendeinem Krypto-Projekt Misserfolg wünsche, aber es kann nun mal nicht jeder Coin eine Marktkapitalisierung von mehreren Billionen Euro erreichen. Ebenfalls kann (sollte) man den ökonomischen Subjekten nicht vorschreiben, welche Art von digitalem Cash sie zum Bezahlen einzusetzen haben.

        „Digitales Gold“ muss zukünftig nicht das einzige Narrativ für Bitcoin bleiben. Es entwickelt sich seit einigen Jahren ein Wettbewerb der Skalierungsmöglichkeiten. Das ist positiv und wird Bitcoin letzten Endes noch stärker machen. Als Krypto-Gemeinde sollten wir deshalb darauf hoffen, dass der Wettbewerb um das Zahlungssystem der Zukunft (Cash) nicht wieder von SEPA & Co. gewonnen wird, sondern von einer quelloffenen und staatlich unabhängigen Lösung. Aktuell scheint sich der Wettbewerb für Stablecoins zu entscheiden, was es ebenfalls anzuerkennen gilt. Ob es dann jemals einem „echten“ Kryptocoin gelingen wird, die Stablecoins abzulösen, steht in den Sternen. Ich würde es mir zumindest wünschen und ich sehe in einem skalierten BTC den geeignetsten Kandidaten dafür 🙂

        Lieber Wolfgang, Dir und uns allen weiterhin eine spannende Zeit mit Bitcoin, Krypto & Co. Ich hoffe, dass Bitcoin seinen erfolgreichen Weg wird fortsetzen können (egal ob als BTC, BCH oder BSV ;-)).

        • Wolfgang Lohmann // 2. Juli 2025 um 15:14 // Antworten

          Vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Deine Kommentare (und die von Paul, und natürlich weiteren) werde ich vermissen.
          Vielleicht erwischen wir uns mal irgendwo zufällig auf einem Gründergrillen oä.

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