Imogen Heap ruft die Revolution der Musikindustrie durch die Blockchain aus

Pop!Tech 2008 - Live Performance by Imogen Heap. Bild von: Pop!Tech via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die britische Musikerin Imogen Heap möchte einen fairen Musikmarkt schaffen, in dem die Künstler und nicht die Mittelsmänner an der Musik verdienen. In der Blockchain und Kryptowährungen sieht sie dafür die idealen Werkzeuge. Das unter dem Arbeitstitel “Mycelia” laufende Projekt soll kommenden Monat damit beginnen, dass die Sängerin ihren neuen Song “Tiny Human” in die Blockchain einspielt.

Die Gegenwart ist grandios für die Musik und schrecklich für die Musiker. Während die Menschheit mehr Musik hört, als jemals zuvor, bekommen die Musiker immer weniger Geld. Falls die Leute in Zeiten der digitalen Allverfügbarkeit überhaupt noch für Musik zahlen, dann geht das Geld zuerst an Portale wie spotify oder iTunes, die sich ihren Anteil nehmen, von dort aus zu den Produzenten und Labels, die sich wieder ihren Anteil nehmen, und ein kleiner Rest, vielleicht 15 bis 20 Prozent, geht an die Künstler. Es gibt einfach zu viele Mittelsmänner.

Imogen Heap, eine britische Sängerin, Komponistin und Produzentin, ist offensichtlich richtig wütend auf die ganze Musikindustrie mit ihren Verflechtungen und Verträgen:

Es fühlt sich mittlerweile so an, als sei die ganze Industrie eine Sauerei, eine rostige, überlastete, müde Maschine. Sie verankert so viele alte, schiefe Verträge, die nicht mehr zeitgemäß sind, beruht auf Musikangeboten, die nur dazu dienen, die Gier der Shareholder zu befriedigen und die Musik in Buy-buy-buy-Events ersticken, sie setzt accounting-Regeln, die für jeden vorteilhaft sind, nur nicht für den Künstler, verwirrt mit Lizenzabrechnungen und verzögerten Zahlungen … es ist so gut wie unmöglich, herauszufinden, wer WIRKLICH was bekommt. Ich kam früher um den Schlaf, habe mir den Kopf über einem kleinen Ausdruck zerbrochen, mit dem ekelhaften Gebühl, dass ich meine Seele verkaufe, um zu tun, was ich liebe.

Heaps befindet sich schon länger auf Kriegsfuß mit der Musikindustrie. Sie hat vor einigen Jahren bereits ihr eigenes Plattenlabel Megaphonic Records gegründet. Der neue Plan der Künstlerin geht aber weit darüber hinaus: Sie möchte die Distribution und Monetarisierung von Musik neu erfinden. “Mycelia” soll den Musikern ihre vollen Rechte an ihren Werken geben und sie direkt mit ihren Fans verbinden. Der Name “Mycelia” kommt von Myzel, was das Geflecht der Pilze im Boden meint, das viel viel größer und weiter ist, als der Fruchtkörper, der gemeinsam als Pilz gilt. Die Lieder der Bands und Musiker sollen wie Sporen sein und zum “Genesis Song” aller weiteren Vermarktungen und Remixe werden.

Die Idee entstand, als Heap darüber nachdachte, wie sie ihr neues Album vermarkten würde. Sie begann zu träumen. Wäre es nicht ideal, wenn Musiker einfach eine einzige, authentifizierte Version von einem Song oder einem Album in ein Netzwerk hochladen – anstatt sie alle einzeln an verschiedene Dienstleister und Plattformen abzugeben? Könnten nicht in dieser Spore alle Rechte und Lizenzen liegen? Und wenn jemand dafür bezahlt, um diesen originären Song anzuhören oder über eine andere Plattform bereitzustellen – könnte der Musiker dann nicht direkt und ohne Umwege sein Geld bekommen?

Das alles erschien Heap als große Vision, die kaum zu verwirklichen ist. Als sie sich jedoch mit der Musikerin Zoë Keating unterhielt, erfuhr sie von der Blockchain.

“Ich begriff vor einigen Monaten, dass die Mechanismen, um einen Ort wie Mycelia zu erschaffen und zu erhalten, nun tatsächlich existieren – dank Blockchain und Kryptowährungen. Ich schaue zum ersten Mal ÜBERHAUPT richtig begeistert und positiv auf die Zukunft der Musik und der Musikindustrie […] der FLOW der Kreativität, Zusammenarbeit, des Storytelling und der Verbindung auf so vielen Ebenen wird alles im großen Maßstab ändern.”

Das Ding ist: Die Blockchain ist eine dezentrale, öffentliche, nicht-manipulierbare Datenbank. Sie gehört niemandem, sie speichert alles. Was einmal in ihr zertifiziert wurde, ist ewig und unveränderlich. Sie schaltet all die Notare und Juristen und Behörden aus, die eine Lizensierung mit sich bringt. Kryptowährungen dagegen sind programmierbares Geld, das ohne Hindernisse und Mittelsmänner durch das Netz fließt. Es schaltet die finanziellen Mittelsmänner, die Verkäufer, Plattformen, Banken aus. Wenn man beides verbindet – könnten dann nicht die Musiker ihre Werke so zertifizieren lassen, wie man eine Datei auf einem Cloudspeicher hochlädt, und könnten die Fans sie nicht dafür so bezahlen, wie man eine E-Mail sendet?

Um mehr zu erfahren, traf sich Heap mit Vinay Gupta von Ethereum. Das Ethereum-Projekt  hat eine vollständig programmierbare Blockchain geschaffen. Während die Bitcoin-Blockchain die Blockchain für Geld ist, ist Ethereum eine offene Blockchain. Es ist eine programmiersprache für dezentrale Anwendungen auf Basis einer Blockchain. Fast alles ist möglich: Nicht nur dezentral verifizierte Verträge, sondern auch dezentral ausgeführte Algorithmen, die beispielsweise einen Song abspielen, wenn eine Bezahlung, etwa in Bitcoin, angekommen ist. Es könnte möglich sein, ein Mycelia zu erschaffen, das niemandem gehört und niemandem gehören kann, aber für alle da ist – in dem jeder seine kreativen Werke, egal ob Musik oder Text oder Bild – abspeichern und lizensieren kann.

Die große Magie der Blockchain liegt darin, dass sie die Institutionen, die zur Verwaltung der Gesellschaft nötig sind – Register, Lizenzen, Bank- und Notarwesen – dezentralisiert. Sie entreisst sie der Kontrolle von zentralen Institutionen, die menschliche Arbeitskraft bündeln und monopolisieren, indem sie sie durch ein freies Netzwerk von Computern ersetzt. Das Internet hat sich rasend schnell und in die bestehenden Strukturen der Wirtschaft eingefressen. Mit der Blockchain schafft sich das Internet nun sein eigenes Wirtschaftssystem.

Mycelia existiert bislang nur als Idee, vielleicht sogar nur als Vision. Heap sucht nun nach Gleichgesinnten, nach Musikern und Hackern, um die Idee zu verwirklichen. Hilfreich ist sicher, dass Heap eine nicht unbekannte Künstlerin ist, die, wie sie sagt, an einem Punkt ihrer Karriere angelangt ist, an dem sie etwas risikieren kann. Ihr neuer Song, “Tiny Human”, soll die erste Spore von Mycelia werden. Sie wird ihn im kommenden Monat live veröffentlichen und dabei, wenn möglich, in die Blockchain einspielen. Sie nimmt ihn auf, stellt die Dateien auf ihrer Webseite zur Verfügung.

“Am ersten Abend werde ich den Song live aufnehmen. Einmal aufgenommen, ist er da, und die verschiedenen Plattformen und Datenbanken können damit machen, was sie wollen und mir zeigen, was sie können. Ich will, dass Hacker meine Songs nehmen, und dann damit machen, was sie wollen, sie sollen sie benutzen, wie sie wollen, um herauszuarbeiten, was wir tun können. Wir werden sehen, wo uns das hinführt, und vor dort aus weitergehen. Wir arbeiten zusammen, um eine offene Plattform für jeden zu bilden.”

Mycelia scheint noch weit in der Zukunft zu liegen. Aber es ist eine der Visionen, die direkt zum Kern des Bitcoins und der Blockchain führt.

 

Quellen:
http://www.ibtimes.co.uk/imogen-heap-plans-release-new-single-tiny-human-blockchain-hackathon-london-1515144
http://www.theguardian.com/music/2015/sep/06/imogen-heap-saviour-of-music-industry
http://www.forbes.com/sites/georgehoward/2015/07/28/imogen-heap-gets-specific-about-mycelia-a-fair-trade-music-business-inspired-by-blockchain/

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3 Comments on Imogen Heap ruft die Revolution der Musikindustrie durch die Blockchain aus

  1. Bei dem Namen kann sie gleich diesen Song veröffentlichen: “Mycelia in Wonderland”:

  2. Rockmusiker // 18. September 2015 at 8:44 // Reply

    Das Grundproblem ist weniger die Musikundustrie, als vielmehr die Unwilligkeit der Menschen, für Musik zu zahlen – oder sie alternativ einfach nicht zu nutzen. Das Problem wird bleiben, ob mit oder ohne Blockchain. Hier bedarf es einer neuen gesellschaftlichen Vereinbarung zwischen den Parteien und auch insgesamt. Denn nur weil man etwas (illegal) kostenlos mit wenig Aufwand bekommen kann, sollte man dies nicht tun, wenn man die Rechte Anderer verletzt. Bei physischen Produkten ist dies Konsens und wir sollten auch im nichtkörperlichen Bereich wie Musik und Filme wieder dahin kommen, dass es geächtet ist, die Produkte zu nutzen, ohne dafür den geforderten Preis zu zahlen. Egal, ob der Künstler direkt das Geld bekommt, oder ob er Beauftragte wie Label etc. dafür hat, die ihm Arbeit abnehmen.

  3. Ich denke die Menschen sind sehr wohl bereit für etwas zu bezahlen, das ihnen gefällt. Die Idee ist genial! Und das wird funktionieren. Ich kaufe einmal im Leben eine Lizenz für z. B. ein Lied und kann dieses zu jeder Zeit, an jedem Ort und auf jedem Gerät anhören. Der Preis hierfür wäre ein Bruchteil des aktuellen… Das Gleiche mit einem Buch, einem Film, Bilder, usw. usf. Kein hin- und herkopieren, keine Sicherungen, keine Speicherprobleme… Dafür bezahle ich gerne!

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