OpenBazaar – die ersten zwei Wochen

Seit zwei Woche ist OpenBazaar live. Wie kommt der erste dezentrale Marktplatz an? Welche Angebote gibt es? Und welche Weiterentwicklungen stehen an? Eine kurze Übersicht über das Fortschreiten eines der spannendsten Projekte der Kryptowelt.

OpenBazaar ist der Marktplatz für alle und für alles. Anstatt über eine zentrale Webseite läuft OpenBazaar über dezentrale Clients, die jeder selbst betreibt. Man lädt eine freie Software herunter, installiert, startet – und schon kann man Waren kaufen oder verkaufen. Man muss sich nicht anmelden, man muss niemandem um Erlaubnis fragen.

In der Theorie ist OpenBazaar eine Software, die die Welt verändert. Mit ihr können wir einen weltweiten, restriktionslosen Freihandel haben, der die Idee, Gebühren zu verlangen und Güter zu verbieten, absurd macht. Die Zukunft des E-Kommerzes kann sein, dass die Software für den eigenen Online-Shop zur Standardsoftware von Computern gehört. So wie der Taschenrechner oder Medienplayer.

Natürlich steht diese Vision von Freihandel 2.0 noch ganz am Anfang. Wollen die Leute wirklich so etwas benutzen, obwohl amazon schon ganz gut funktioniert? Ist die Freiheit durch Openbazaar den Preis wert, dass man nur mit Bitcoins bezahlen kann? Und ist OpenBazaar wie Tor – eine an sich wichtige Sache für jeden freiheitsliebenden Bürger, die aber vor allem von Kriminellen benutzt wird?

Wir haben uns rund 14 Tage nach dem Launch einige Statistiken angesehen, uns durch Angebote gewühlt und nachgehört, was sich die Entwickler noch vorgenommen haben.

Statistiken

Während OpenBazaar an sich nicht besonders gut darin ist, Statistiken anzuzeigen, wartet die OpenBazaar-Suchmaschine BazaarBay mit einigen Charts auf.

Die Knoten: Jeder, der die OpenBazaar-Software startet und ans Netz bringt, bildet einen Knoten. Insgesamt gibt es rund 19.000 Knoten, von denen 2.000 einen Shop eröffnet haben. Live ist davon jedoch nur ein kleiner Teil, in der Regel etwa 550 bis 800. Von diesen sind etwa 300-450 Händler. An den meisten Tagen treten mindestens 300 und maximal 1.800 neue Knoten dem Netzwerk bei.

Angebote: Die Zahl der verfügbaren Listings nimmt von Tag zu Tag zu. In den ersten Tagen waren rund 1.000 Angebote online, heute sind es bereits 3.550. Täglich kommen mehrere hundert neue Angebote hinzu. Insgesamt – also auch die Angebote mitgerechnet, die offline sind – sind es bereits 7.000.

Bewertungen: Der vielleicht wichtigste Wert für die Handelsaktivität sind die neuen Bewertungen. Hier ist ein leichter, aber noch unentschiedener Aufwärtstrend zu bemerken. Am Tag gibt es zwischen 5 und 15 neue Bewertungen, insgesamt gab es seit dem launch bereits 133 Bewertungen. Wievielen Käufen das nun entspricht, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Shops

Und was wird nun auf OpenBazaar gehandelt? Für den deutschen Raum ist die Präsenz von Händlern noch viel zu dünn, um verallgemeinernde Aussagen zu treffen. Da die Suchfunktion in OpenBazaar und auch bei BazaarBay noch keine Suche nach Ländern ermöglicht, musste ich nach “Germany” suchen. Das Ergebnis: Veraltete Steuersoftware, Steam-Keys, SIM-Karten, Raspberrys, ein Joystick, virtuelle Server, vegane Lebensmittel und, hmm, Nazi-Blackmetal. Also ein Flohmarkt mit einem Hang zu IT-Kram und rechtsextremer Musik.

Seit gestern ist auch die Seite duosear.ch online. Hier kann man die Angebote auf OpenBazaar filtern. Laut dieser Seite gibt es derzeit 8 Angebote, die von Deutschland aus geliefert werden. Wesentlich mehr gibt es aus der Schweiz, Frankreich, Belgien, Griechenland und Großbritannien. Auch chinesische Händler sind bereits dabei. So kann man etwa Verstärker, Seile oder Kissen direkt aus China bestellen. Insgesamt ist das Angebot schon jetzt recht breit. Elektronik, Schmuck, Werkzeuge, Poster, Uhren, Comics, Schuhe, Zigarretten, Cannabis, Magic Mushrooms. Illegale Angebote sind vorhanden, dominieren den Marktplatz aber nicht.

Im Slack-Kanal von OpenBazaar habe ich Kurzinterviews mit zwei Shop-Besitzern gemacht. Vintagefashionbazaar eine verkauft Mode, Mitchell  Silber-Wallets und Steam-Keys. Beide benutzen OpenBazaar, weil sie von der Plattform begeistert sind. Vintagefashionbazaar meint, er habe keine Lust mehr auf Ebay und die damit verbundenen Gebühren. Während der Modehändler von der GUI von OpenBazaar begeistert ist, aber noch keinen Verkauf hatte, berichtet Mitchell, dass bei ihm bereits drei Produkte gekauft wurden. Der Verkauf lief reibungslos.

Entwicklung

OpenBazaar läuft, ist aber noch ganz am Anfang. Es bildet sich ein Ökosystem, aber es ist noch längst nicht ausgereift, und die Software funktioniert, hat aber noch viel Luft nach oben.

Das vielleicht wichtigste Feature, an dem die Entwickler derzeit arbeiten, ist das”interplanetary file system”. Denn bisher hat OpenBazaar die große Schwäche, dass der Shop nur online ist, wenn man den OB-Server laufen lässt. Sprich: wenn ich den Computer ausmache, macht mein Laden Feierabend. So kommt es auch oft vor, dass man auf einen Shop zugreifen will, den man bei BazaarBay entdeckt hat, um dann festzustellen, dass dieser offline ist. Um seinen Shop aktuell ständig online zu halten, muss man ihn auf einen virtuellen Server oder Raspberry laden. Beides ist jedoch eher eine Option für Techies. Das Interplanetay File System soll diese Schwäche ausmerzen. Chris Pacia, einer der leitenden Entwickler, meint, es sei derzeit zu etwa 25 Prozent fertig implementiert.

Bis dies abgeschlossen ist, liegt der Ausbau der Privacy auf Eis. OpenBazaar läuft nicht über Tor, sondern sendet die unverschleierten IP-Adressen. D.h. die Privatsphäre ist derzeit noch gering, mehr als die Nutzung eines VPN ist nicht drin. Die Entwickler wollen zwar Tor oder I2P einbinden, aber Priorität hat zunächst die Nutzbarkeit. Dazu zählt neben dem Interplanetary File System auch der Ausbau der Suchfunktionalität.

Washington Sanchez, einer der leitenden Entwickler, erklärt: “Wir haben es nicht eilig, Tor und I2P zu unterstützen, weil wir fürchten, dass OpenBazaar dann sofort mit Drogen und anderen, schlimmeren Dingen geflutet wird … und das große Bild, der Grund, warum wir OpenBazaar entwickeln, ist, dass wir einen erlaubnisfreien Marktplatz erschaffen wollen, den jeder nutzt. Das Risiko, dass illegale Dinge den Marktplatz überschwemmen und verhindern, dass er im Mainsream ankommt, ist real.”

Währenddessen hat jedoch das Team von ZeroNet, ein Projekt, das Webseiten dezentral speichern will, bereits angekündigt, OpenBazaar als ZeroBazaar über Tor zu integrieren. Denn: “Ein freier Markt kann nicht existieren, wenn die IP sichtbar ist und Identitäten und Aktivitäten leicht mit persönlichen Infos verknüpft werden können.”

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10 Comments on OpenBazaar – die ersten zwei Wochen

  1. Wie oben zu sehen wird in solchen Handelsplattformen bereits rechtsextremes Material, usw. gehandelt bzw. angeboten und allein dies würde mich schon jetzt davon abhalten OpenBazaar als Handelsplattform verwenden zu wollen.

    Ich finde höchstmöglicher Anonymität nicht so gut wie es auf den ersten Blick aussieht, weil sie dazu führt, dass Menschen die Regeln bewusst verletzten können und gesellschaftliche Regeln keine Rolle mehr spielen. Es fehlt da schlichtweg das gesellschaftlich-erzieherische Feedback, d.h. die Konsequenzen des Handelns.

    Bereits Heute besteht ein massives Problem, dass Menschen im Web gemobbt und nur schwer belangt werden können.
    Würde man im Web lediglich mit seinem Klarnamen oder gar außerhalb des Web von Mensch zu Mensch kommunizieren, würde es diverses Mobbing in diesem Ausmaß nicht geben, weil man damit etwas zu verlieren hat, nämlich seinen Stand in der Gesellschaft.

    In einer anonymen nicht antastbaren Umgebung ist das Risiko beim Mobbing erwischt werden zu können quasi Null, so dass kein Verlust droht, somit man für sein Handeln auch keine Verantwortung mehr übernehmen bzw. fürchten muss.

    • Hallo Tony, ich fand es auch erschreckend, dort rechtsextreme Musik vorzufinden. Überrascht war ich allerdings nicht. Freiheit bedeutet immer auch die Freiheit, Dinge zu tun, die schlecht sind / der ALlgemeinheit schaden / Gefühle verletzen. Wer sagt, ich will Freiheit, darf sich darüber nicht beschweren.

      Mein liebstes Beispiel hierfür sind die Kleidungsvorschriften im 17. Jahrhundert. Damals war streng geregelt, welcher Beruf / welche Klasse sich wie anziehen durfte. Es gab tatsächlich Verurteilungen, weil sich Leute mit Silber geschmückt haben, obwohl sie es nicht durften. Als diese Kleiderordnungen im 18. Jahrhundert fielen, gab es sicherlich etliche Leute, die darin einen Angriff auf die Ständegesellschaft, auf Gottes Regeln für das menschliche Zusammenleben, sahen.

      Nicht viel anders war es mit der Druckerpresse. Sie gab Leuten die Freiheit, zu viel geringen Kosten Informationen zu verteilen, auch teilweise anonym, was zu einer endlosen Menge an Schandveröffentlichungen, an für diese Zeit ungehörige “Pornographie”, an Gotteslästerung und schließlich auch zu einem langjährigen Bauernaufstand führte, in dessen Verlauf Tausende von Menschen starben. Rückblickend würde aber keiner behaupten, dass es die Druckerpresse niemals hätte geben sollen.

      Freiheit wird missbraucht und es ist immer eine Abwägungssache. In Deutschland nehmen wir es hin, dass sich junge Leute ins Koma saufen, während es in den USA ausdrücklich erst ab 21 erlaubt ist. In den USA hingegen wird hingenommen, dass der verbreitete Waffenbesitzt gelegentlich zu Amokläufen führt …

      Eine Klarnamenspflicht im Web – wie auch immer das durchzusetzen wäre – finde ich extrem gefährlich. Die Freiheit, für etwas, das man sagt, nicht belangt, verurteilt, persönlich haftbar gemacht zu werden, gehört für mich zum Internet dazu. Einige Magazine haben mal damit experimentiert, nur noch Leute kommentieren zu lassen, die sich mit Facebook anmelden. Das Getrolle ging zurück, aber die Diskussionen wurden langweiliger, weil bereits diese minimale Verbindung mit der echten Identität ausgereicht hat, um die Leute dahin zu bewegen, nur noch das zu sagen, was gesellschaftlich angemessen ist.

      Der Preis, den die Abschaffung des Mobbings, des Verkaufs rechtsradikaler Musik, des Trollens, von Putins angeblicher Troll-Armee, von den Anti-Flüchtlings-Leuten etc. verlangt, ist ein enormer Konformitätsdruck – bzw. es macht das Internet zum verlängerten Arm des gesellschaftlichen Konformitätsdrucks anstatt, wie bisher, eine Fluchtmöglichkeit davon …

      • Gut geschrieben. Wobei ich aber anderer Meinung bin ist die Sache, dass man etwas im Web schreiben darf ohne dafür belangt werden zu können.

        Freiheit muss seine Grenzen dort haben wo sie andere Menschen schadet.

        Denn andernfalls könnte ich systematisch das Leben einzelner Menschen kaputt machen, z.B. indem ich Unwahrheiten über Personen verbreite und müsste keine Konsequenzen fürchten. Für mich unvorstellbar bzw. nicht hinnehmbar.

        Freiheit bedeutet für mich die Freiheit seine Meinung sagen zu dürfen, ohne dass Jemand diese Meinung einfach löschen oder manipulieren kann aber nicht etwas tun zu dürfen ohne dabei Verantwortung für sein Handeln übernehmen zu müssen.

  2. “Ich finde höchstmöglicher Anonymität nicht so gut wie es auf den ersten Blick aussieht, weil sie dazu führt, dass Menschen die Regeln bewusst verletzten können und gesellschaftliche Regeln keine Rolle mehr spielen. Es fehlt da schlichtweg das gesellschaftlich-erzieherische Feedback, d.h. die Konsequenzen des Handelns.”

    Stimmt. Wenn man so im Thema ist, übersieht man das oft. Mal sehen, was die nächsten Jahre bringen…

    • lordoliver // 27. April 2016 at 11:59 // Reply

      Ethische Probleme werden kommen, aber auch die kann man dezentral lösen.
      Es wird vermutlich so aussehen, dass der Ruf immer wichtiger wird. Völlig anonyme “Sockpuppets” werden immer einen schlechten Ruf haben und kein Hahn wird danach krähen, was diese Personen machen. Wir werden “anonym” anders definieren und Stattdessen Ruf auf Pseudonyme aufbauen. Man kann sich sozusagen anonym eine Identität aufbauen.

  3. Naja was ihr also fordert ist hochstmögliche Überwachung und da steh ich garnicht drauf.
    Das es immer ein paar Leute gibt die in der Anonymität aus der Reihe tanzen ist normal und muss eben akzeptiert werden bzw. gibt es ja selbst in der Anonymität Wege um das ganze in Grenzen zu halten.

    Aber wegen ein paar aus der Reihe Tänzern eine totale Überwachung zu fordern ist fatal, engstirnig und nicht weit gedacht.

    Das erzieherische Feedback wie Ihr es nennt sollte auf ganz anderen Wegen geschehen als durch eine total Überwachung.

    • Sarah ist cool 😀

    • Typische Schwarz-Weiß-Denke, dass man nur zwischen totaler Überwachung und totaler Anonymität wählen kann.
      In meinem Beitrag habe ich auch nirgendwo von höchstmöglicher Überwachung geschrieben.
      Im Gegenteil, als Bitcoiner früher Stunde und Linuxnutzer sollte ich mich ausreichend dafür qualifzieren für das Gegenteil von Überwachung zu stehen.
      Meiner Meinung nach ist die Pseudonymität die Bitcoin bereits mit sich bringt genau richtig, weil sie eine Überwachung ausreichend erschwert und eine Manipulation nahezu unmöglich macht.

  4. Nattydraddy // 24. April 2016 at 13:29 // Reply

  5. Nattydraddy // 24. April 2016 at 13:32 // Reply

    Also vonwegen es gibt nur NSBM und veralterte Software auf OpenBazar.

    Wobei ich Alkohol keinesweg unterstüten will.
    “Freiheit wird missbraucht und es ist immer eine Abwägungssache. In Deutschland nehmen wir es hin, dass sich junge Leute ins Koma saufen, während es in den USA ausdrücklich erst ab 21 erlaubt ist.”
    Kann man der Champangner auch erst ab 21 Jahren kaufen?

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