New York im digitalen Goldrausch

Aaron Koenig berichtet von den Konferenzen Consensus und Token Summit, die kurz nacheinander in New York stattfanden. Er erklärt, was es mit der Bitcoin-Pizza auf sich hat, erzählt die Hintergründe des SegWit2x-Kompromisses und beschreibt, wie die ICOs Startups und Banker in einen Goldrausch versetzen.

Die Consensus-Konferenz in New York ist die bisher größte Bitcoin- und Blockchain-Konferenz ihrer Art. Mehr als 2000 Teilnehmer aus über 20 Ländern sind für drei Tage im Marriott-Hotel am Times Square zusammengekommen, um über die neuesten Trends der Cryptowelt zu diskutieren und neue Geschäfte anzubahnen. Vier Stockwerke und zahlreiche Konferenzsäle des Hotels sind von der Konferenz gebucht, ein Sponsor-Stand reiht sich an den nächsten. Neben originären Cryptofirmen wie ShapeShift, Dash, BitGo oder Blockstream findet man hier auch Größen der alten Welt wie Deloitte, IBM, Microsoft oder die Citibank.

„Man sieht viele Anzüge und wenig Kapuzenpullis“, sagt James Prestwich von Storj. Seine Firma sammelt gerade über einen Verkauf von Storj-Tokens 30 Millionen Dollar von Investoren ein, um ihre Plattform für dezentrale Datenspeicherung weiter auszubauen. Fast jeder in der Branche scheint gerade an einem Initial Coin Offering zu arbeiten. Das ist viel einfacher als ein Börsengang: man bringt seinen eigenen digitalen Token heraus, über den Investoren am zukünftigen Erfolg des Unternehmens beteiligt sind. Bei den letzten ICOs wurden so in Minuten mehrstellige Millionenbeträge eingenommen. Zu sagen, dass in der Crypto-Branche Goldgräberstimmung herrscht, ist eine grobe Untertreibung. Der Dot-Com-Rausch der späten Neunziger ist nichts gegen das, was zur Zeit abgeht.

Was für ein Kontrast zu meiner allerersten Bitcoin-Konferenz im September 2012! Damals trafen sich rund 300 Bitcoin-Freaks in einem eher drittklassigen Hotel in London. Die meisten Vorträge waren technischer Natur, oder es ging um Crypto-Anarchismus. Vertreter großer Firmen sah man keine. Der einzige, der einen Anzug trug, war Max Kaiser, der unter dem Beifall der Menge über die Banken wetterte. Heute ist die Citi-Bank Hauptsponsor der Konferenz und keine Bank versäumt es, hier ihre „Blockchain-Experten“ auftreten zu lassen.

Bitcoin Pizza Party

Der erste Tag der Konferenz ist der 22. Mai, der Jahrestag des legendären Kaufs von zwei Pizzas für 10.000 Dollar. Viele Konferenzteilnehmer sind heute etwas übermüdet, denn in diesen Bitcoin Pizza Day wurde wild hineingefeiert. Im VNYL-Club auf der 3rd Avenue gab es Pizza bis der Arzt kam, coole Musik und Performances von Drag Queens und Gogo Girls, die als Pizzas verkleidet waren. Blockchain-Capital-Gründer Brock Pierce hatte all das innerhalb von nur 24 Stunden auf die Beine gestellt.

Ursprünglich war nur geplant, mit ein paar Freunden zu Mitternacht in einer Pizzeria in den Pizza Day hineinzufeiern. Doch Rodolfo Andragnes, der dazu einladen wollte, hatte nicht bedacht, dass in New York im Gegensatz zu seiner Heimatstadt Buenos Aires alle guten Restaurants schon weit vor Mitternacht schließen. Wir texteten und telefonierten wild herum, um doch noch eine offene Pizzeria in der angeblichen „City that never sleeps“ zu finden. Als Rodolfo schließlich mit Brock Pierce telefonierte, schlug der vor, die Party richtig groß werden zu lassen. Brock organisiert gern Parties, er kennt viele Leute und stellte ein unlimitiertes Budget zur Verfügung, um das Unmögliche möglich zu machen. Das Resultat war eine der besten Parties, die die Cryptoszene je gesehen hat.

Die Lösung der Blocksize-Debatte?

Eigentlich soll der darauf folgende Bitcoin Pizza Day mit einer spektakulären Neuigkeit beginnen, nämlich dem Ende der Blockgrößen-Debatte, die die Bitcoin-Community schon seit Jahren quält. Bitcoin-Investor Barry Silbert, dessen Firma Coindesk die Consensus-Konferenz organisiert, nutzte die Gelegenheit, dass alle, die in der Cryptowelt Rang und Namen haben, in dieser Woche in New York sind. Für den Vorabend der Konferenz lud er zu einem geheimen Treffen ein. Nur zwölf Leuten nahmen daran teil, doch sie hatten die Unterstützung von über 60 Bitcoin-Unternehmen, die von diesem Treffen wussten.

Der Kompromiss, der bei diesem Treffen am Sonntag Nachmittag erzielt werden sollte, ist jedoch am Montag noch nicht in trockenen Tüchern. Barry Silbert ist gar nicht glücklich darüber, dass er seine Konferenz nicht mit einem Paukenschlag beginnen kann, doch die Verhandlungen dauern noch an. Das Gerücht geht natürlich schon herum. Ich erfahre es von einem Vertreter von Roger Ver’s Bitcoin.com, für die wir einen Film produziert haben.

Am Montag Mittag kann ich dann mit Diego Gutiérrez Zaldivar aus Buenos Aires sprechen, der das Gerücht bestätigt. Er hat selbst an dem 12er Treffen teilgenommen und dabei ein vermittelnde Rolle zwischen den chinesischen Minern und den Vertretern der großen Bitcoin-Börsen und Payment-Anbietern gespielt. Aus seiner Firma Rootstock stammt der Kompromiss, nämlich eine Kombination von Segregated Witness mit einer Erweiterung der Blockgröße auf 2 Megabyte.

Diego Gutiérrez Zaldivar

Dieser Vorschlag von Rootstocks Chief Scientist Sergio Lerner wurde zwar von den Bitcoin-Core-Developern im Vorfeld heftig kritisiert, doch im persönlichen Gespräch kann Diego die zerstrittenen Parteien schließlich zusammenbringen. „Ich kenne die Core-Developer und auch die chinesischen Miner sehr gut“, erzählt Diego, der viel in China unterwegs ist und Chinesisch spricht. „Die Stimmung auf dem 12er-Treffen war erst ziemlich angespannt, einige der wichtigsten Parteien wollten den Kompromiss nicht mittragen. Es hat einige Vier-Augen-Gespräche gebraucht, bis sich schließlich alle auf eine Lösung einigen konnten.“

Der letztendlich doch von einer großen Mehrheit getragene Kompromiss sieht vor, zum 1. August SegWit zu aktivieren, die dafür notwendige Zustimmung von 95% der Mining Power auf 80% zu reduzieren, und sechs Monate später in einem Hard Fork die Blockgröße auf 2 Megabyte zu erhöhen. Am Dienstag Morgen geht die Nachricht darüber schließlich an die Presse. Wie es in der Natur eines Kompromisses liegt, ist niemand mit dieser Lösung hundertprozentig zufrieden, doch es ist die beste, auf die man sich einigen kann.

Smart Bitcoins, IDs und Portfolios

Diego ist mit den Verhandlungen so beschäftigt, dass er seinen eigentlichen Grund, nach New York zu kommen, kaum genießen kann. Seine Firma Rootstock startet zur Consensus die erste Lösung, mit der Smart Contracts, wie man sie von Ethereum kennt, auch auf der Bitcoin-Blockchain möglich werden. Rootstocks „Smart Bitcoins“ laufen über eine Sidechain, die an die Bitcoin-Blockchain angedockt ist. Es ist eine von zahlreichen spektakulären Ankündigungen auf dieser Konferenz. Die Rootstock-Entwickler können ihre Neuigkeit in der Mittagspause verkünden, dem wohl einzigen Zeitpunkt, an dem die Mehrheit der Teilnehmer an einem Ort, dem großen Broadway Ballroom zu erreichen ist.

Der andere Mittagspausen-Event am Dienstag Mittag gehört Vinny Lingham, der seine Blockchain-Identity-Plattform Civic vorstellt. Mit ihr sollen die sich immer aufs Neue wiederholenden Know-Your-Customer-Prozesse, zum Beispielung bei der Anmeldung von Bankkonten und Mobilfunkverträgen, der Vergangenheit angehören. Die Daten eines Kunden werden in verschlüsselter Form auf seinem Mobilgerät gespeichert. Wenn er sich identifizieren muss, werden nicht mehr die Daten ausgetauscht, sondern nur ein digitaler Schlüssel, mit dem der Nutzer seine Identität bestätigt. Das funktioniert wie bei einer Bitcoin-Überweisung mit dem Scannen eines QR-Codes.

Aaron Koenig. Die Rechte für das Bild liegen bei Aaron König. Das Bild beruht auf diesem 3D-Modell

Eine weiteres Highlight ist das neue Portfolio-Management-Tool Prism aus dem Hause Shapeshift. Mit Prism kann man auf sehr einfache Weise in verschiedene Cryptocoins investieren, ohne für jede eine eigene Wallet anzulegen und private Schlüssel zu speichern. Alles was man braucht, ist eine Ethereum Wallet und Ethers, die dann von Shapeshift in die jeweilige Zielwährung umgetauscht werden. Das Portfolio wird in Form eines Tortendiagramms dargestellt. Möchte man etwas ändern, zum Beispiel weniger Bitcoin und dafür mehr Dash halten, so kann man dies einfach über Schieberegler tun. Löst man sein Portfolio auf, so werden die Erlöse in Form von Ether zurücküberwiesen.

„Wir haben Prism zunächst auf Ethereum-Basis angelegt, weil es die einfachste Möglichkeit bietet, mit Smart Contracts zu arbeiten“, sagt Shapeshift-Gründer Erik Voorhees. „Aber wir werden uns natürlich Rootstock genau ansehen und Prism dann auf Bitcoin-Basis anbieten.“

Eine weitere mit Spannung erwartete Neuigkeit ist EOS, das neue Projekt von Dan Larimer, Gründer von BitShares und Steem. EOS ist eine Art Blockchain-basiertes Betriebssystem, das auf Ethereum aufsetzt. Mehr kann ich dazu nicht sagen, denn ich muss gestehen, dass ich Dans Vortrag verschlafen habe. Einerseits, weil er sehr technisch war, andererseits forderten die vielen Parties und der Jet Lag ihren Tribut.

Goße Konferenzen mit vielen parallelen Strängen finde ich schwierig. Zwar kann man viele alte Freunde wiedertreffen und neue Kontakte knüpfen. Man hat aber auch ständig das Gefühl, im falschen Raum einem langweiligen Panel zu lauschen und die spannendsten Dinge zu verpassen.

Token Summit

Sehr viel fokussierter und dadurch für mich ergiebiger ist der am Folgetag der Consensus laufende Token Summit. Bei diesem „Gipfeltreffen der digitalen Jetons“ dreht sich alles um Blockchain-basierte Tokens und die zur Zeit allseits beliebten Initial Coin Offerings. Die Sprecher sind zum Teil die selben wie auf der Consensus, doch es gibt nur einen Konferenz-Strang, auf den man sich konzentrieren kann. Den Token Summit hat William Mougayar von Virtual Capital Ventures aus Toronto organisiert. William ist Autor des Buches The Business Blockchain und moderiert die meisten Panels selbst. Am eindrucksvollsten für mich ist sein Fireside Chat mit Fred Wilson von Union Square Ventures, einem der wichtigsten Risikokapitalgeber überhaupt. Fred ist schon seit Jahren großer Blockchain-Fan und hat in einige Crypto-Start-Ups investiert.

Die zum ersten Mal stattfindende Veranstaltung ist ausverkauft. 300 Blockchain-Fans stehen auf der Warteliste, der große Hörsaal der Stern Business School platzt aus allen Nähten. Weitere Token Summits sind geplant, auch in Europa. Es ist interessant, wie schnell sich ein ausgeklügeltes Ökosystem rund um Token Sales und Initial Coin Offerings gebildet hat. Zahlreiche Plattformen, Beratungsfirmen und Full-Service-Agenturen wollen vom großen Kuchen der ICOs etwas abhaben. Kein Wunder, wenn Startups ohne etabliertes Geschäftsmodell innerhalb von wenigen Minuten Millionenbeträge einnehmen können. Viele der Panelisten sind der Meinung, dass dies nicht lange so weiter gehen kann. Zu viel Geld in einem zu frühen Stadium sei für Start-Ups gar nicht gesund. Dennoch sind alle zuversichtlich, dass das Modell Initial Coin Offering trotz einer eventuell platzenden Blase Zukunft hat.

Ich bin mit vielen neuen Kontakten und Ideen aus New York zurückgekehrt. Es war eine anstrengende, aber sehr inspirierende Woche. Der stetig steigende Bitcoin-Kurs hat gut dazu gepasst. To the Moon!

About Christoph Bergmann (1048 Articles)
Das Bitcoinblog wird von bitcoin.de gesponsort, ist inhaltlich aber unabhängig und gibt die Meinung des Redakteurs Christoph Bergmann wieder. Wenn Ihnen das Blog gefällt, freuen wir uns über Spenden an 1BvayiASVCmGmg4WUJmyRHoNevWWo5snqC. Jeder Satoshi wird dazu verwendet, um das Blog besser zu machen. Weitere Infos, wie Sie uns unterstützen können, finden Sie HIER. Gastbeiträge sind ebenfalls willkommen. Meinen öffentlichen PGP-Schlüssel sowie den Bitmessage-Schlüssel finden Sie HIER

5 Comments on New York im digitalen Goldrausch

  1. Name required // 8. June 2017 at 18:42 // Reply

    Gut paßt der Wahlspruch “To the Moon”, ist doch der Mooncoin in den letzten Tagen richtig durchgestartet und sogar bis auf Platz 50 bei coinmarketcap vorgeprescht.

  2. Interessant wie die Leute durch Jetlags und viele Parties an einem klarem Verstand gehindert werden. Das erinnert an ältere Geschäftsstrategien. Vom Japan-Hype der 1970er bis hin zum Neuen Markt wurde das immer wieder erfolgreich praktiziert. Aber die Leute lernen einfach nichts dazu.

    Falls man nicht programmieren kann (Computer mögen mich nämlich irgendwie nicht), ist die Herausgabe eines eigenen Tokens dann schwierig?
    Ranma

  3. Zwei Pizzas für 10.000 Dollar ? Das hört sich für mich stark nach der Pizzagate Affäre an.

  4. 10.000 btc nicht $!!!

  5. Longhammer // 9. June 2017 at 17:49 // Reply

    Send Dogecoin to the moon

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s