„Wir kennen uns und vertrauen uns, aber wir haben auch Mitarbeiter bzw. IT-Systeme, die Fehler machen. Wir wollen nicht, dass solche Fehler den Workflow und die Kundenzufriedenheit torpedieren.“

Hans-Joachim Jauch

Der Calvendo Verlag aus München benutzt die Blockchain, um die Produktion und Lieferkette besser zu organisieren. Nicht theoretisch, sondern in echt, und nicht als PR-Gag, sondern weil es sinnvoll ist.

Was haben koreanische Flugzeugpiloten und die Supply Chain eines Verlages gemeinsam? Weshalb verstehen die meisten Wirtschaftsmanager den Nutzen einer Blockchain falsch, und warum hat Ethereum zum Teil den Fokus verloren? Antworten auf diese Frage bringt ein Blick in den Münchner Calvendo Verlag, der vor einigen Monaten als erster deutscher Verlag eine Blockchain in seinen Publikations- und Produktionsprozess aufgenommen hat.

Aber fangen wir vorne an, dort, wo selten begonnen wird, wenn es um Blockchains geht: Bei dem konkreten Problem, das gelöst werden soll. Denn der Geschäftsführer Hans-Joachim Jauch hat nicht damit begonnen, ein Blockchain-Startup zu gründen, um mit einer Lösung ein Problem zu suchen – er hat die Blockchain angewandt, weil sie die beste Lösung für eine unternehmerische Herausforderung ist, die in der produzierenden Wirtschaft sehr verbreitet ist.

Kalender, vollautomatisiert um die Welt

Jauch hat langjährige Erfahrung im Verlagswesen und der IT. 2012 hat er Calvendo gegründet, einen Verlag, der Kalender für den Handel produziert. Über 20.000 Autoren und Fotografen aus rund 60 Ländern nutzen inzwischen den Publikationsservice. Sie gestalten eigenverantwortlich Kalender und andere Produkte, die dann von Calvendo an acht Standorten weltweit produziert und von den Druckereien an Händler sowie Endkunden in etwa 110 Länder verschickt werden. Jauch macht keinen Hehl daraus, dass es ihm mehr um Angebotsbreite als um erlesene Qualität geht: „Wir verkaufen viele Exemplare, aber von den meisten Einzeltiteln eher wenige. Daher drucken wir meist nur auf Bestellnachfrage aus dem Handel. Mit einem Verlagsangebot von jährlich über 90.000 lieferbaren Titeln können wir es uns nicht leisten, Lagerware vorzuproduzieren. Wir nutzen daher Print on demand und versuchen just in time auszuliefern,“ erklärt er.

Bei diesem Modell ist nichts entscheidender, als dass der Workflow zwischen Autoren, Verlag, Druckereien und Handel rund läuft. Kreative gestalten ihre Kalender auf der Web-Plattform von Calvendo, eine Experten-Jury prüft deren Einreichungen, erteilt gegebenenfalls eine Veröffentlichungsfreigabe und das IT-System macht den Rest, weitgehend vollautomatisiert: Vom Druck auf Anfrage bis zum Versand an die Händler. Damit keine Lieferprobleme auftauchen, ist es unheimlich wichtig, dass das System bei Calvendo und seinen Partnern möglichst fehlerfrei funktioniert und jeder Arbeits- und Versand-Schritt nachvollziehbar ist.

„Sobald ein neuer Kalender veröffentlicht wurde, schicken wir dessen Produktinformationen an über 3.000 Händler und diverse Kataloge. Wird davon ein Exemplar bestellt, braucht es jederzeit eine Statusübersicht, denn der Händler oder Endkunde will wissen, wann seine Ware ankommt. Haben Sie dafür keine verlässliche IT-basierte Produktions- und Logistik-Überwachung, steigt der Aufwand und mögliche Ärger exponentiell mit dem Angebot und der Vertriebsreichweite an. Wenn man zudem, wie wir, an verschiedenen Standorten produziert, ist es unmöglich, alles manuell zu steuern und zu überwachen.“

Es geht um die Psychologie

An sich könnte man all das natürlich auch ohne Blockchain machen. „Wir haben vor 2016 verschiedene Monitoring-Systeme aufgebaut, sind aber an das klassische Problem gestoßen: Derjenige, der Herr über die Datenbank ist, liefert die Daten, die er liefern will. In früheren Jahren hatten wir unbefriedigende Vertragserfüllungsquoten. Es kam vor, dass Partner Produktionsprobleme hatte und Lieferzeiten überschritten, uns das so aber nicht umgehend bzw. realitätsnah meldeten. Dann sagte unser System, dass alles ok ist, aber die Kunden sagten etwas anderes. Was dann?“

An dieser Stelle kommt die Blockchain ins Spiel. Natürlich kann eine Blockchain nicht verhindern, dass jemand falsche Daten in eine Datenbank liefert. Für viele ist das ein Grund, Blockchain-Technologie als Unfug abzutun. „Aber da ist ein Punkt, der bei Blockchains häufig übersehen wird: Wenn Sie ihrem Partner sagen, dass ein Hash der Info, die er abgibt, auf der Blockchain landet, und dort für immer stehen wird, steigt seine Motivation, ehrlich zu bleiben, rapide an.“

Es geht nicht darum, utopischerweise von Dritten fehlerfreie Arbeit zu fordern oder das menschliche Vertrauen aus dem System zu entfernen – sondern um die Vermeidung von Falsch- oder Fehlinformationen, die schwerwiegende Folgen haben können. „Bei normalen Datenbanken kann man es nachträglich ändern bzw. vertuschen. Mit einer Blockchain als zeitnahem Register mache ich dagegen aus Daten Fakten. Die Partner bemühen sich mehr, nichts Falsches auf die Kette zu schreiben und proaktiv Probleme zu benennen. Das ist ein wichtiger psychologischer Effekt. Und daraus entsteht in der Zusammenarbeit Effizienz, mehr Handlungsfähigkeit sowie ein technologiebasierter Vertrauensgewinn.“

Jauch erzählt eine Analogie aus dem Luftverkehr. In den 80er und 90er Jahren hatten koreanische Fluglinien besonders hohe Unfallquoten – trotz guter Technik. „Ein Grund war, dass die koreanische Kultur und Sprache gegenüber Höhergestellten wenig Spielraum lässt, um Widerspruch zu äußern. Auch wenn der Kopilot bemerkt hat, dass der Pilot etwas falsch machte, fiel es ihm kulturell sehr schwer, dies mitzuteilen. Die Folgen waren fatal.“

Abhilfe schaffte unter anderem eine simple Vorschrift: Die Koreaner führten im Cockpit Englisch ein, eine Sprache, die es viel leichter macht, respektvoll und trotzdem informativ gleichberechtigt zu kommunizieren. Die Geschichte veranschaulicht, dass reibungsfreie Prozesse nicht nur Technologie sind, sondern auch – vielleicht sogar vor allem – Kultur. Und die Blockchain hat für Jauch das Potenzial, eine erweiterte Kultur der Ehrlichkeit zwischen Geschäftspartnern zu etablieren, indem sie Transparenz schafft.

Nicht so dezentral, aber transparent

Mit einer Partnerdruckerei hat Calvendo Ende 2017 begonnen, die Blockchain für die Dokumentation der Produktions- und Lieferstatus einzuführen. Benutzt wird dabei nicht Bitcoin oder Ethereum, sondern die Hyperledger-Blockchain, ein reines Industrieprojekt von der Linux-Foundation sowie IBM. „Es kostet nichts, es gibt keinen Coin und keine Miner. Die Features und das Entwicklungsumfeld von Hyperledger Fabric sind für Work- und Supply-Chains produktiver.“ Jauch hatte auch Gespräche mit Ethereum-Entwicklern, da er sich 2016 für die Smart-Contract-Kryptowährung begeistern konnte. Aber er empfand die Entwickler damals als arrogant und zu teuer. Er meint, dass Ethereum in den vergangenen zwei Jahren durch die vielen ICOs „den Fokus verloren“ hatte.

Mit Hyperledger ging die Implementierung relativ einfach. „Wir haben den Code genommen, ein paar Wochen experimentell damit gearbeitet, dann ein passendes Frontend sowie die API aufgebaut und die eigene Blockchain an AWS-Instanzen an verschiedenen Standorten gehostet. Das System nennen wir ChainPrint.“ Alle Knoten der Blockchain sind unter Kontrolle von Calvendo. Diejenigen, die Daten liefern oder empfangen sollen, bekommen spezifische Schreib- oder Lesezugriffe via API. „Es erfüllt natürlich nicht die höheren Weihen der Dezentralität,“ räumt Jauch ein. Aber darauf komme es auch nicht an. Die Chain soll ihren Zweck innerhalb eines begrenzten, aber dezentralen Partnernetzwerks erfüllen.

Auch ohne maximale Dezentralität ist die Blockchain sehr schwer zu ändern. Selbst wenn Calvendo auf seinen AWS-Knoten beginnen würde, Daten zu manipulieren, würde dies in der Datenstruktur auffallen. Daher ist Jauch überzeugt, dass die Blockchain ausreichend Sicherheit bietet, um im Zweifel eine gerichtsgültige und rechtsverbindliche Information zu liefern. „Wir arbeiten nicht im Hochsicherheitsbereich. Es geht nicht um Bitcoin, sondern um eine Produktions- und Lieferkette in einer verteilten Umgebung. Wir kennen uns und vertrauen uns menschlich weitgehend, aber wir haben auch Mitarbeiter bzw. IT-Systeme, die Fehler machen. Wir wollen nicht, dass solche Fehler den Workflow und die Kundenzufriedenheit torpedieren.“

Der Effekt von ChainPrint sei überzeugend. Die Fehlerquote ist erheblich reduziert, „und wir wissen sehr viel früher, wenn es Fehler gibt, was uns handlungsaktiver und reaktionsschneller macht. Das bringt in der Produktion einen enormen Vorteil,“ erklärt Jauch.

Der Unternehmer hat auch schon versucht, ChainPrint anderen Firmen anzubieten. „Derzeit ist allerdings Eiszeit in Sachen Blockchain. Der Crypto-Crash und manche ICOs haben sehr viel Interesse und Vertrauen zerstört. Große Firmen haben zwar verstanden, was unser System kann, und sind mit uns weiter im Gespräch. Aber aktuell sind viele Manager zögerlich.“ Jauch, der seit 1993 im Internet aktiv ist, erinnert das daran, wie es nach dem Platzen der Dot.com-Blase war. Da haben sich zu viele Firmen vom Internet abgewendet und durch ihr Desinteresse Zukunftschancen verspielt. Es sind genau diese depressiven Phasen, in denen man wachsam sein muss und mit kühlem Kopf praktische Erfahrungen sammeln kann. „Jetzt entstehen im Blockchain-Segment die Gewinner.“

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10 Kommentare zu „Wir kennen uns und vertrauen uns, aber wir haben auch Mitarbeiter bzw. IT-Systeme, die Fehler machen. Wir wollen nicht, dass solche Fehler den Workflow und die Kundenzufriedenheit torpedieren.“

  1. Ein super Artikel, Danke !

  2. Sehr cool! Und zeigt, dass nicht alle Blockchain Projekte so wie Bitcoin unbedingt „censorship resistant“ sein müssen.

  3. Toller Bericht. Ich würde gerne mehr über Blockchain-Projekte aus der Praxis erfahren. Man hört immer nur vage Huldigungen, wie toll Blockchain sei. Man erfährt aber zu wenig, warum konkret irgendwelche Vorteile durch Blockchain erzielt wurden. Es ist für mich sehr schwer vorstellbar.

  4. > und dort für immer stehen wird

    vs

    > sondern die Hyperledger-Blockchain […] IBM […] Es kostet nichts, es gibt keinen Coin und keine Miner

    Merkste selber, ne?

    • Für diesen konkreten Anwendungsfall sehe ich da kein Problem. Es geht nicht um große Beträge, es geht eher um die Supply-Chain-Viability und die kann selbst eine Instanz aufrecht erhalten und diejenigen, die dieser folgen, können Änderungen feststellen. EOS ist da nicht weit entfernt und ich würde mich wundern, wenn die 21 Nodes über mehr als 2-4 Personen verteilt wären.
      Sowas braucht tatsächlich keine Sicherheit wie ein Bitcoin, Ethereum oder Monero. Allerdings auf eine kommerzielle Lösung aufzubauen, stößt bei mir böse auf, tut mir Leid. Ich kann da leider keinen positiven Aspekt mehr finden, eine Lösung auf MySQL oder von mir aus MongoDB oder ähnlichen wäre sinnvoller.

      • herzmeister // 19. Dezember 2018 um 9:44 //

        es geht nicht nur um sicherheit, sondern auch um ewigkeit.

        firmen und ihre projekte kommen und gehen. irgendwann ist kein geld mehr dafür da, ibm pivotet mal wieder, und diese tolle angeblich ewige datenbank wird eingestampft.

        und ob man wirklich noch selbst einen knoten hosten kann oder will (was sind die ressourcenanforderungen?), ist auch fraglich. wahrscheinlicher fällt das ganze dann wie ein kartenhaus zusammen weil die akteure dann auf verschiedene andere lösungen migrieren würden.

        wenn’s wirklich nur um timestamping geht, dann nimmt man einfach bitcoin. mit opentimestamps ist es auch einfach genug inzwischen und braucht keine $$$ ibm consultants. https://en.wikipedia.org/wiki/OpenTimestamps

      • Opentimestamps von Peter Todd ist zwar ein tolles Projekt, aber für eine Supply Chain, die „On Demand“ Produkte druckt, ist es ein erheblicher Overhead und bei vollen Blöcken ein Kostenfaktor, der jenseits der Marge liegen dürfte. Hier geht es nicht darum, Dinge „für die Ewigkeit“ zu speichern, sondern die Zuliefererkette zu überwachen und (vor allem psychologisch) zu signalisieren, wenn es einmal als „geliefert“ markiert wurde, ist dies unumkehrbar. Falls das Unternehmen pleite gehen sollte, braucht diese Daten tatsächlich niemand mehr.

      • herzmeister // 21. Dezember 2018 um 1:02 //

        rein psychologisch also, soso. da bräucht’s nen neuen begriff dafür. psychoware. placeboware. bzw das gute alte snakeoil halt.

        > Falls das Unternehmen pleite gehen sollte, braucht diese Daten tatsächlich niemand mehr.

        na dann hätt von haus aus nur ein server gereicht. ich wär zumindest von einem use case ausgegangen, wo die teilnehmer interesse haben an der integrität der daten der anderen teilnehmer. aber wenn es nicht mal *darum* geht… hauptsache „chain“ wa? https://twitter.com/bendavenport/status/1075824963498651649

        und btw und fwiw, opentimestamps zu benutzen kostet nix, nada, keine transaktionsgebühr, weil es bereits eine art zweischichtenlösung ist (war für diesen use case ungleich einfacher zu implementieren als lightning). ein sog. calendar server, den auch jeder betreiben kann, kann theoretisch unbegrenzt viele timestamps von unbegrenzt vielen benutzern in eine einzelne bitcoin-transaktion aggregieren, so dass anteilig praktisch keine kosten anfallen.

  5. Aber nach dem Artikel habe ich es verstanden, dass nicht die eigentliche Qualität der Blockchain – Kontrolle durch Konsens – genutzt wird, sondern vielmehr der psychologische Effekt: Einmal ein Eintrag in der Chain, immer ein Eintrag und für alle Teilnehmer des Systems einsehbar. Das ist natürlich toll, dass die Blockchain genutzt wird, aber so richtig ein Plädoyer für die Kernkompetenzen der Blockchain sehe ich darin nicht.

    Vielleicht habe ich es aber auch nur falsch verstanden.

  6. Martin Kirsch // 2. Januar 2019 um 13:43 // Antwort

    Hervorragender Bericht – Danke.

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