95 Prozent des Bitcoin-Handelsvolumens sind gefälscht – zum Glück!

Nur ein kleiner Teil des Bitcoin-Handelsvolumens auf Börsen ist echt. Bild von Bitwise, Quelle: SEC

Eine Untersuchung zeigt, dass der absolute Großteil des Bitcoin-Handelsvolumens auf Börsen gar nicht existiert. Dahinter steht ein überraschend simples Geschäftsmodell – und ein Markt, der gesünder ist, als man eigentlich gedacht hat.

Der Krypto-Vermögensverwalter Bitwise versucht, einen Bitcoin-ETF bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC durchzubringen. Bei der Präsentation vor der Behörde zeigt die Firma zunächst aber, wie sehr der Markt von Betrug durchwoben ist.

Die Vermögensverwalter haben sich die 81 Top-Bitcoin-Börsen nach Volumen gemäß Coinmarketcap angeschaut, die laut eigenen Aussagen zusammen Anfang März ein tägliches Handelsvolumen von rund sechs Milliarden Dollar gestemmt haben. Dabei haben Analysten versucht, zwischen gefälschtem und echtem Handelsvolumen zu unterscheiden. Das ist gar nicht so schwierig, wie man denkt. Denn der Handel auf einer echten Börse ist organisch: Rote und grüne Kerzen wechseln sich stochastisch ab, die Beträge der jeweiligen Trades sind vollkommen unterschiedlich, die Spread zwischen Bit und Ask ist bei großem Volumen extrem gering, und je nach Handelsaktivität gibt es simultan Volumenausschläge auf allen Börsen.

Die Größe der Trades auf echten Börsen.

Diese Mischung aus menschlicher Zufälligkeit und Reaktion auf die äußeren Märkte ist sehr schwer zu fälschen. So sind die grünen und roten Kerzen, die Beträge der Trades, die Zusammensetzung des Orderbuchs, die Abfolge von Kauf und Verkauf sowie die Höhe des Handelsvolumens viel zu regelmäßig. Man findet weder die simultanen Ausschläge noch die organische Vielfalt von Handelsbeträgen, die den menschgemachten Handel auszeichnen. Dagegen sind die Spreads zwischen Bids und Asks angesichts des Handelsvolumens oft viel zu groß.

Die Größe der Trades auf Börsen, die laut Bitwise ein gefälschtes Volumen haben.

Nach einer eingehenden Untersuchung der 81 Top-Börsen laut Coinmarketcap kommen die Analysten zu einem ernüchternden Schluss: Das Handelsvolumen ist nur auf zehn der Börsen organisch. Anstatt der berichteten sechs Milliarden betrug das globale tägliche Volumen Anfang März lediglich 273 Millionen Dollar.

Warum machen die Börsen das? Die Antwort ist überraschend einfach: Sie geben vor, groß und marktentscheidend zu sein, um die Macher von Altcoins und ICOs zu überzeugen, ihre Token listen zu lassen. Für diese Listung erheben sie dann hohe Gebühren, die oft im Millionenbereich liegen. „Bau‘ eine Börse und fake das Volumen“, könnte man sagen, „und du wirst reich, indem du tausend Shitcoins und -token listest.“ So einfach ist das.

Die gute Nachricht ist jedoch: Der Markt ist sehr gesund – gerade weil ein Großteil des Handelsvolumens nicht existiert. Wäre das Handelsvolumen tatsächlich so hoch wie berichtet, würden jeden Tag 8,6 Prozent aller Bitcoins gehandelt werden, was absolut kein gesundes Verhältnis wäre. Mit dem bereinigten Handelsvolumen hingegen werden nur 0,39 Prozent aller Bitcoins am Tag getauscht – was in der Menge recht nahe bei Gold mit 0,55 Prozent liegt. Für das Unterfangen, bei der SEC einen ETF durchzubringen, dürfte es auch eine hilfreiche Botschaft sein, dass Börsen mit Sitz in den USA einen sehr viel höheren Marktanteil haben als vermutet. Laut den scheinbaren Werten beträgt der Handelsanteil von US-Börsen ledigich ein Prozent, während die bereinigten Werte ihn auf 30 Prozent heben. Einen signifikanten Anteil davon stellen die Future-Börsen der CME und CBOE, zwei Institutionen, die für einen ETF von großer Bedeutung sein könnten, und die mittlerweile so viel Umsatz machen wie einige der größten Bitcoin-Börsen der Welt.

Wenn man die Börsen mit Fake-Volumen ausklammert, verhält sich der Bitcoin-Markt äußerst gesund: Die Preise steigen und fallen extrem synchron zwischen den großen Börsen, Kursabweichungen von mehr als einem Prozent bestehen nur selten länger als 100 Sekunden. Neun der zehn großen Börsen sind zudem als „Money Serving Business“ (MSB) bei der US-Finanzaufsicht FinCEN registriert, fünf von ihnen haben die noch strengere New Yorker BitLicense erworben. Damit ist der absolute Großteil des Bitcoin-Börsenmarktes hochgradig reguliert. Die meisten der Börsen mit echtem Volumen haben zudem Tools implementiert, um Marktmanipulation zu identifizieren und zu verhindern. Während der angebliche Bitcoin-Handel also weiterhin ein Wild-West-Kasino zu sein scheint, ist der wahre Bitcoin-Handel längst ein weißer Markt, der extrem resistent gegen Manipulation ist.

Die Entwicklung der vergangenen 18 Monate ist aus dieser Sicht als positiv zu bewerten. Die Kurs-Abweichungen zwischen den Börsen haben seit November 2017 konstant abgenommen. Im aggregierten Monatsdurchschnitt liegen sie derzeit bei weniger als einem Zehntel Prozent, was laut Bitwise unter anderem an dem Start der Futures an den Börsen von Chicago, dem Markteintritt institutioneller Investoren sowie der Professionalisierung des Margin-Tradings, durch das Trader mit geliehenem Geld auf das Sinken oder Steigen von Kursen setzen können, liegt.

Die Präsentation von Bitwise dürfte ein guter Schachzug sein, um die Gunst der SEC zu gewinnen. Zunächst zeigen sie sich als kritische Beobachter, um dann zu erklären, weshalb der Markt viel gesünder ist als die Öffentlichkeit vermutet. Der geplante ETF baut auf diesen Erkenntnissen auf: Er spiegelt mit ihm den Preis der Top-10-Börsen mit echtem Volumen alle 30 Minuten wieder, indem er einen gewichteten Durchschnitt des nach Volumen gewichteten Median-Preises von Intervallen von jeweils fünf Minuten errechnet. Damit haben sie eine wesentlich breitere Basis als die anderen vergangenen und aktuellen ETF-Vorschläge und sind somit resistenter gegen gezielte Manipulationsversuche.

Eventuell bestätigt der Auftritt von Bitwise einmal mehr die alte Regel, dass Bärenmärkte, in denen die Preise fallen, meist gesünder sind als Bullenmärkte, in denen die Kurse rapide steigen. Während in Bullenmärkten die Lust auf das schnelle Geld eine epidemische Spekulationswut und Betrugswelle lostritt, entstehen Gewinne in Bärenmärkten durch harte und mühsame Arbeit. Und diese ist es, die den Markt langfristig stärkt. Eventuell ist dies eine gute Grundlage, um den seit langem ersehnten Bitcoin-ETF endlich auf die Börsen zu bringen.

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5 Kommentare zu 95 Prozent des Bitcoin-Handelsvolumens sind gefälscht – zum Glück!

  1. an sich gute Untersuchung, allerdings:
    1) zb binance.je hat aktuell definitiv faketrades, weshalb ich nicht ausschließen würde, dass auch binance welche hat, auch wenn sie aufgrund des hohen echten Volumens nicht so auffallen.
    2) Diverse ungenannten kleinere Börsen, wie Coinmate, Cex und TheRockTrading sind legit und haben auch kein Fakevolumen. Diese hätten auch wenn sie relativ klein sind, dennoch erwähnt werden müssen, ansonsten kommt es schon irgendwie einer Werbeaktion für große Exchanges gleich. (Sie erwähnen zwar, dass sie kleinere exchanges nicht untersucht haben, aber dennoch…)

  2. Peter Mueller // 25. März 2019 um 16:57 // Antwort

    Ich warte auf die Meldung „95 Prozent des Bitcoin-Preises sind gefälscht – zum Glück“
    Eine Untersuchung zeigt, dass ein Bitcoin objektiv gar nicht 4000 USD Wert ist sondern nur 4,5% davon, also 180 USD – damit eröffnet sich ein Crypto Markt, der gesünder ist, als man eigentlich gedacht hat…

  3. Mm. Ob das so gut ist wenn die tatsächliche Marktlage von Angebot und Nachfrage nur 5‰ ausmacht und von Volumentrades dominiert wird? Das entkoppelt ja sozusagen von der Realität, das ist doch definitiv schlecht oder?

    • Cryptocoiner // 27. März 2019 um 20:25 // Antwort

      Faketrades sind keine „Volumentrades“, sondern gar keine Trades. Da passiert gar nichts, außer dass der Server die Nachricht ausgibt, es habe ein Handel stattgefunden. Nicht mal virtuelle Bitcoins müssen da verschoben werden.

  4. % natürlich. Hoppla.

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