Litcoin-Leaks: Ist Protokoll-Entwicklung überbewertet?

Silberne Skulptur. Bild von Emma Nibaru via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Ein Leak aus einem Chat der Litecoin-Foundation offenbart, dass die Litecoin-Entwicklung nahezu eingeschlafen ist. Aber ist das wirklich schlimm?

Gestern sorgte ein Leak aus einem Chat der Litecoin-Foundation für Aufregung. In diesem chatten vor allem Charlie Lee, der Gründer und Chefentwickler von Litecoin, mit Franklyn, einem Gründer und Direktor der Litecoin Foundation. Litecoin ist einer der ältesten Altcoins überhaupt. Der Coin ist in fast jeder Beziehung identisch mit Bitcoin, verwendet aber einen anderen Mining-Algorithmus und reduziert das Blockintervall auf 2,5 anstatt der 10 Minuten. Als „Silber zum Gold Bitcoin“ hat Litecoin einen festen Platz im Ökosystem der Kryptowährungen.

Der geleakte Chat beginnt damit, dass Frankly seine „extreme“ Enttäuschung darüber äußert, dass es trotz einer Ankündigung von Charlie Lee, Confidential Transactions (CT) in Litecoin zu integrieren, keinerlei Fortschritt auf diesem Gebiet gegeben hat. „Vor allem, da ich auf Bühnen stehe und jedem erzähle, dass es passiert und wir daran arbeiten.“ Confidential Transactions ist eine Methode, um den Betrag einer Transaktion durch Zero-Knowledge-Proofs zu verschleiern. Sie wird unter anderem von Monero verwendet. Mit ihr wollte Charlie Lee Litecoin nicht nur schneller, sondern auch privater als Bitcoin machen.

Lee antwortet darauf: „Die ehrliche Wahrheit ist, dass niemand Interesse daran hat, zur Litecoin-Protokoll-Entwicklung beizutragen. Zumindest niemand, der technisch kompetent ist.“ Das Problem liese sich nicht mit Geld lösen und bestehe seit den Anfängen von Litecoin. „Es waren immer nur ich, Warren und Trasher.“ Warren wurde, wie Franklyn feststellt, zum Gründungsmitglied von Blockstream und hat seitdem die Litecoin-Entwicklung verlassen. Charlie Lee fährt fort: „Ich habe auch versucht, jemanden als Leiter für das MW [MimbleWimble] Projekt zu finden, da ich es nicht sein will. Aber ich hatte keinen Erfolg.“

Charlie Lee betont zwar, dass es nicht immer um ihn gehen solle. „Es ist schließlich eine dezentrale Währung, oder?“ Doch Franklyn bleibt unzufrieden: „Das passiert, Leute. Ich bin der Direktor der Foundation, und wenn ich nicht sehe, das etwas passiert, dann läuft etwas schief … Wir können nicht nach Geld fragen, aber im privaten sagen, es gibt keinen Entwickler, den wir bezahlen können; Charlie kann nicht sagen, CT wird 2019 kommen, und dann sagen, es ist ihm egal, wenn Leute nach Updates fragen oder erwarten, dass es Fortschritte gibt. Was würde wohl passieren, wenn ich jetzt den Leuten öffentlich erzähle, dass es bei Litecoin keinerlei aktive Entwicklung gibt und dass ich vom Leitentwickler seit Monaten nichts gehört habe?“

Ja, was würden die Leute sagen? Es gibt in der Krypto-Szene eine Art Verherrlichung von Protokoll-Entwicklung und Innovation. Dementsprechend könnte man erwarten, dass angesichts der Leaks der Himmel auf Litecoin herabfällt. In der Litecoin-Szene auf Reddit scheint sich aber niemand daran so richtig zu stören. Und das nicht ganz ohne Grund. Ein zu Flüchen neigender Redditor schreibt:

„Leute, diese kleine Tratsch-Kolumne, die ihr Mösen posted, ist niedlich, aber als ich zum letzten Mal nachgeschaut habe, war Litecoin dezentral. Das bedeuted: Es ist verdammt noch mal egal, ob Charlie, Frankly, ihre Mütter, Väter Onkel oder verfluchten Brüder und Schwestern einen Scheiß darauf geben, Code einzureichen. Litecoin hat weiterhin eine bemerkenswerte Netzwerk-Hashrate, und zwar die zweitgrößte nach Bitcoin. Wenn wir in diesem Jahr keine Confidential Transactions bekommen, dann, na und? Wenn niemand Code schreibt … wen verdammt noch mal schert es?“

Anzahl täglicher Transaktionen von Bitcoin Cash (rot), Litecoin (blau) und Dogecoin (gelb). Quelle: bitinfocharts.com

Tatsächlich: Litecoin existiert seit 2012 oder 2013, und die Protokoll-Entwicklung bestand von Anfang an fast nur darin, neue Entwicklungen von Bitcoin zu kopieren. Nur in den wenigsten Fällen hat Litecoin eigene Innovation vorangetrieben. Dennoch ist Litecoin die fünftgrößte Kryptowährung, nur knapp hinter Bitcoin Cash, an manchen Tagen auch davor. Es gibt bei Litecoin konstant 20.000 bis 30.000 Transaktionen am Tag, dem Vernehmen nach wird der Coin für den Transfer von Börse zu Börse sowie im Darknet verwendet. Bitcoin Cash hat seit April ein paar mehr Transaktionen, was mit der Einführung von CashShuffle zusammenfällt, das vermutlich für einen großen Teil der Mehrtransaktionen verantwortlich ist.

Litecoin ist einer der stabilsten, am besten funktionierenden Coins im Kryptomarkt. Und all das ohne eine aktive Entwickler-Community, die das Protokoll verbessert. Kann es sein, dass Protokoll-Entwicklung überschätzt wird? Auch bei Dogecoin findet angeblich seit langem keine Protokoll-Entwicklung mehr statt; und dennoch wird auch dieser Coin seit Jahren auf stabilem Niveau benutzt. Kann es sein, dass ein gewisses Einfrieren des Protokolls aus mangelndem Interesse von Entwicklern sogar seine Vorteile haben kann?

Der Vergleich mit Bitcoin Cash (BCH) ist recht vielsagend. Sowohl Litecoin als auch BCH wollen eine Kryptowährung für alltägliche, leichte Zahlungen sein. Transaktionen sollen schneller und günstiger als bei Bitcoin sein, und die Blockchain soll weiter skalieren, weil sie eine größere Kapazität bietet. Sowohl im Ziel als auch im Angebot sind sich die beiden Währungen sehr ähnlich. Es gibt jedoch einen großen Unterschied bei der Entwicklung.

Bei BCH gibt es eine kleine, aber enorm engagierte Entwickler-Community. Diese hat anders als die Litecoin-Entwickler den Anspruch, den Bitcoin-Code weitläufig zu verändern – etwa durch eine neue Ordnung der Transaktionen in Blöcken (Confidential Transactions), durch neue Signatur-Methoden (Schnorr), durch andere Hashtrees (Patricia-Trees), ein neues Adress-Format (cashaddr), eine Methode des Präkonsens (Avalanche), neue Op_Codes (DSV) und vieles mehr. Und während die Litecoin-Entwickler recht monoton den Code von Core beinah 1:1 kopieren, übernehmen die BCH-Entwickler zwar die eine oder andere Entwicklung von Bitcoin Core, passen diese aber an den eigenen Coin an, etwa um Teile des SegWit-Upgrades ohne SegWit zu übernehmen.

Das Ergebnis ist nicht unbedingt prächtig für Bitcoin Cash: Während Litecoin einfach nur läuft und läuft und läuft, sorgen die Bitcoin-Cash-Entwickler regelmäßig für Bugs und Turbulenzen. Man denke an die Fork von Bitcoin SV, die vor allem durch Upgrades verursacht wurden, die ABC durchgeboxt hat, obwohl sie an sich so unnötig wie unbeliebt waren; an den SegWit-Bug, den sie dabei versehentlich mit eingeführt haben; und an diverse andere Bugs, die die BCH- bzw. ABC-Entwickler im Lauf der letzten 18 Monate (mit-)verursacht haben. Es gab ungefähr 4 bis 5 solcher Vorfälle – während Litecoin einfach nur funktioniert.

Gute, motivierte Entwickler können wertvoll für eine Kryptowährung sein – müssen es aber nicht. Es gibt Dutzende von Kryptowährungen, die von talentierten Entwicklern mit großen Zielen gebildet werden, beispielsweise IOTA, EOS, PivX, Stellar, Cardano, Zcash. Aber auf die tatsächliche Nutzung, als Geld, hat das nur einen geringen Effekt.  Eventuell mag der Markt eben ein Protokoll für eine Kryptowährung, das gut genug ist wie Litecoin, aber ansonsten stagniert, mehr als eines, das von ehrgeizigen Entwicklern totoptimiert wird.

Über Christoph Bergmann (1569 Beiträge)
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6 Kommentare zu Litcoin-Leaks: Ist Protokoll-Entwicklung überbewertet?

  1. Maik Richter // 13. August 2019 um 10:18 // Antwort

    Litecoin zehrt noch davon das es der erste Altcoin war und dementsprechend auf jeder noch so unbedeutenden Börse vertreten ist. Ohne Weiterentwicklung wird sich das irgendwann geben. Die Masse ist momentan immer noch dabei überhaupt das Konzept von Kryptogeld zu kapieren. Wenn das geschehen ist wird man schliesslich nach besseren Funktionen fragen. So war es auch beim Internet.

    • Nattydraddy // 13. August 2019 um 17:10 // Antwort

      Es muss eine Weiterentwicklung geben, damit die Software an die immer neu gegebenen Umständen angepasst ist.

      Was nicht funktioniert ist eine eierlegende Wollmilchsau erschaffen zu wollen. Im IT-Bereich ist man aber zum immer weitergehenden Entwicklungen gezwungen, ansonsten gilt das Projekt als eingeschlafen. Die heutige Aufmerksamskeitökomonie ist da gnadenlos.

    • Sehe ich sehr ähnlich.

      Eventuell mag der Markt eben ein Protokoll für eine Kryptowährung, das gut genug ist wie Litecoin, aber ansonsten stagniert, mehr als eines, das von ehrgeizigen Entwicklern totoptimiert wird.

      Meiner Meinung nach ist das blauäugig, denn aktuell mag es funktionieren und wird wie Christoph schon angemerkt hat dafür benutzt, um Coins von Exchange zu Exchange zu übertragen, weil Bitcoin durch absurde Gebühren dafür oft unbenutzbar ist und Litecoin als ältester Altcoin praktisch überall gelistet ist und auch einigermaßen Liquidität hat im Vergleich zu anderen Altcoins.

      Auch Charlie Lee möchte ja Weiterentwicklung, aber er ist wahrscheinlich selbst nicht im Stande dazu und findet wie er selbst anmerkt keine entsprechend kompetenten Leute, denn wie er weiter ausführt ist Geld nicht die Lösung. Wirklich fähige Köpfe sind eher durch Ideologie getrieben und es reicht nicht, ihnen eben monetär mehr zu geben als sie bisher haben, vor allem nicht dann, wenn sie ohnehin mit ihrem Verdienst bereits zufrieden sind. Diese suchen sich meistens Herausforderungen, die noch ungelöst sind und Litecoin als „Yet another Bitcoin Clone“ bündelt wenige Menschen, die sich tatsächlich mit der Technologie auseinandersetzen. Entweder man versucht es also bei Bitcoin selbst oder begeistert sich für eine alternative Technologie wie Ethereum, IOTA, Zcash, Decred oder Monero (Reihenfolge und selbst Nennung soll keine Sympathie darstellen). Bei letzterem kann ich mich ziemlich gut an Situationen erinnern, als bestimmte Entwicklungen wie z.B. das GUI Wallet vielen nicht schnell genug gehen konnten und das Funding war nie ein Thema, man muss die fähigen Leute dafür begeistern und das war bei Monero lange ein Problem bei der GUI, weil sich nur Nerds dafür begeistert haben und für diese war die CLI ausreichend und wird bis heute der GUI oder einem anderen Wallet vorgezogen. Kaum ein Vorschlag im Community Funding wird nicht finanziert, die allgemeine Spendenwallet wurde fast nie genutzt, die BTC wallet sogar noch nie, obwohl sich darauf mittlerweile ca. 30 BTC angesammelt haben (gelobt sei die Transparente Blockchain). Natürlich brauchen Entwickler ein Auskommen, aber Exzesse wie man sie teilweise im Kryptoumfeld sieht, sind dafür eher hinderlich und man schreckt gute Leute, die sich einbringen wollen eher damit ab.

      Fazit: Litecoin wird einige Zeit ein Schattendasein neben Bitcoin führen, da es durch die höhere Frequenz der Blöcke entsprechend mehr Transaktionen verarbeiten kann und damit zu geringeren Fees führt, aber mit steigender Nutzung werden auch dort Blöcke voll und man hat alle Probleme von Bitcoin geerbt, die man entweder nach und nach ausbessert oder eben behält, bis sie akut werden. Auch das Listing auf praktisch allen Exchanges hilft dem Überleben noch. Langfristig sehe ich aber kaum Aussichten, falls Charlie Lee nicht doch noch mit einer bahnbrechenden Idee einige wirklich fähige Leute von Bitcoin (oder einem anderen Projekt) für sich begeistern kann. Bitcoin kann es sich noch „leisten“, unveränderlich zu sein und selbst hier sollte man es imho nicht für gottgegeben halten (ich halte das für kein Feature sondern Pragmatismus nachdem man sich nach dem Blocksize Streit in diese Position manövriert hat), Litecoin ist aber nur einer von vielen Altcoins, dazu einer ohne eigene Innovation und hat keinerlei Community, die ihn wie Bitcoin stützen / verteidigen würde. Auch dass Charlie Lee selbst seine LTC bereits verkauft hat, ist nicht gerade vertrauensfördernd
      Aber: Heute erfüllt Litecoin zumindest seinen Zweck. Langfristig bietet es nichts, was Bitcoin nicht hätte und hebt sich selbst im Vergleich zu Bitcoin Cash, SV und den vielen anderen Projekten durch nichts ab, außer dass es als erster Altcoin praktisch überall gelistet wurde und gehandelt werden kann (was übrigens aktuell ein großer Vorteil ist).

      • natuerlich // 14. August 2019 um 13:14 //

        Der altbekannte Monolog von H. Janowitz

        LTC, XMR XMR XMR XMR XMR XMR XMR

        „Charlie Lee selbst seine LTC bereits verkauft hat, ist nicht gerade vertrauensfördernd“

        Ich finde die Aktion klasse, das ewige Preisgejammer, „Moon, Lambo“ ist somit vom Tisch und Lee fördert LTC nach wie vor! Hut ab Charlie!

        „hebt sich selbst im Vergleich zu Bitcoin Cash, SV und den vielen anderen Projekten durch nichts ab,“ Immerhin ist LTC der Platzhirsch bei der Scrypt Hashrate, wie sieht es beim BCH, BSV aus? Wie sieht es bei vermurksten Hardforks aus BCH, BSV? usw usw…..

        „erster Altcoin“ war LTC ebenfalls nicht…

  2. Ich sehe auch kein wirkliches Problem. Litecoin funktioniert gut, ist recht schnell, und im Vergleich zu anderen Coins sehr zentral. Es ist extrem schwierig Programmierer / Entwickler für bestimmte Bereiche zu finden. Grade was Privacy Protokolle anbelangt. Und im Falle von Litecoin muss auch alles passen, denn die Projektgruppe muss vor allem vertrauenswürdig sein.

    Und dann haben wir ein ganz anderes Problem, denn es gibt haufenweise Shitcoins welche aber ein sehr gutes Marketing oder Vernetzung haben und eigentlich besser ausfgestellten coins mit der gleichen Zielrichtung schlicht den Rang ablaufen.

    Schön das Christoph hier tatsächlich einmal PIVX erwähnt hat (zum ersten Mal überhaupt?). Top Entwickler am Start und bis zum Zerocoin-Protokoll-Leak neben Monero das einzige Projekt welches eine komplette Abkopplung transparenter Transaktionen / coins zu gänzlich abgetrennten privaten coins hatte (und das bei zudem ziemlich hoher Geschwindigkeit und einfacher Bedienung). Jetzt wo sicher ist, dass Zerocoin als grundlegendes Protokoll nicht zu retten ist, steht PIVX vor der Aufgabe eine neue privacy Methode einzuarbeiten, der Kurs ist im Keller. Lange Rede kurzer Sinn: Entwickler alleine reichen halt auch nicht immer.

    Dann lieber so wie bei Litecoin, man hat ein solide arbeitendes dezentrales Netzwerk und gut. Einzig über die voreilige Ankündigung von Lee das privacy 2019 definitiv käme kann gestritten werden.

  3. kann ja sein das es gewollt ist, um die google.ki’s zu veralbern, aber im Header fehlt offiziell ein ‚e‘
    litcoin vs. litecoin

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