OKEx-Gründer Star Xu verschwindet, und eine der größten Kryptobörsen der Welt setzt die Auszahlungen aus

"Silhouette" von Johnathan Nightingale via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Derzeit entfaltet sich eine mysteriöse Geschichte um die internationale Börse OKEx: Ihr Gründer Star Xu ist verschwunden, nachdem er mit der chinesischen Polizei zusammengearbeitet hat. Gleichzeitig setzt die Börse die Auszahlungen aus, angeblich, weil ein Besitzer der privaten Schlüssel abhanden gekommen sei. Doch die Aussagen werden widersprüchlich. Was passiert gerade?

Die große internationale Börse OKEx gab am 15. Oktober bekannt, die Auszahlungen auszusetzen. OKEx ist aus der chinesischen Börse OKCoin hervorgegangen und richtet sich an an internationale Trader. Mit einem Handelsvolumen von mehreren Milliarden Dollar am Tag gehört OKCoin zu einer der umsatzstärksten Kryptobörsen überhaupt.

Bemerkenswert ist aber vor allem der Grund für das Aussetzen der Auszahlungen, den die Börse in etwas kryptischen Sätzen mitteilt: „Einer der Besitzer unserer privaten Schlüssel kooperiert derzeit mit einem öffentlichen Sicherheitsbüro bei einer Ermittlung. Wir haben den Kontakt zu dem betreffenden Besitzer des privaten Schlüssels verloren. Daher kann die assoziierte Authorisierung nicht vervollständigt werden.“

Die Börse benutzt Multi-Sig-Adressen zur Verwahrung von Kryptowährungen. Das bedeutet, dass eine Transaktion mit mehreren Schlüssel signiert werden muss. Ein solches System gilt als besonders sicher. Nun sagt OKEx, einer der Besitzer der Schlüssel sei nicht mehr erreichbar, da er mit „öffentlichen Ermittlern“ zusammenarbeite. Daher kann die Börse die notwendige Signatur für Auszahlungen nicht generieren.

Das wäre natürlich viel zu merkwürdig, um wahr zu sein. Kann eine große, professionelle Börse tatsächlich das Risiko eingehen, sich von einer einzelnen Person so abhängig zu machen, dass deren Verschwinden quasi zur Auflösung aller Coins führt? Denn wenn die Kryptographie so funktioniert, wie sie es sollte, gibt es absolut keine Möglichkeit, die Coins ohne den fehlenden Schlüssel zu bergen.

Im Falle von OKEx wären das vermutlich Coins im Wert einiger Milliarden Dollar. Diese Coins wären auf der Blockchain für jeden sichtbar, aber so unerreichbar, als würden sie in einer fremden Galaxie kreisen. Wir hätten ein klassisches Beispiel dafür, dass Sicherheit und Sicherheit nicht dasselbe sind und dass mehr Sicherheit gegen Diebe zu weniger Sicherheit gegen Unfälle führen kann.

Aber es ist viel zu schwer vorstellbar. Wie sollte das denn operativ funktionieren? Sollte der nun verschwundene Schlüssel-Besitzer jede einzelne Auszahlung von OKEx eigenhändig signieren? Das wäre vollkommen unmöglich. Muss er nur einen Teil der Transaktionen signieren? Hat er ein Programm auf seinem Computer laufen, das Transaktionen automatisch signiert?

Aber wenn diese Erklärung so unwahrscheinlich ist – warum schürzt OKEx sie vor? Es gibt eigentlich keinen größeren Unfall als das. Was ist wirklich passiert?

Dramatischer wurde die Geschichte noch, als herauskam, um wen es sich mutmaßlich handelt: Xu Mingxing, auch bekannt als Star Xu, der Gründer von OKCoin und OKEx. Von ihm heißt es in einer Meldung des chinesischen Portals Caixin, er habe zuvor mit Ermittlern „im Bereich der öffentlichen Sicherheit“ zusammengearbeitet und sei vor damals mindestens einer Woche „von der Polizei weggebracht“ worden. Auch diese Meldung lässt mehr Fragen entstehen, als sie beantwortet. Wurde Star Xu verhaftet? Oder arbeitete er mit Ermittlern zusammen und wurde nun in eine Art Zeugenschutzprogramm gebracht, weil man um sein Leben fürchtet?

Mittlerweile sind rund 11 Tage vergangen. OKEx zahlt noch immer keine Kryptowährungen aus, aber es gibt einige Neuigkeiten, die allerdings auch kaum geeignet sind, mehr als neue Gerüchte anzufachen.

Zum einen hat OKEx den P2P-Handel, über den User mit verschiedenen Währungen Kryptowährungen kaufen können, wieder aktiviert. Colin Wu aus China kommentiert dies damit, dass dies indirekt zeige, „dass die Polizeiuntersuchung tatsächlich nichts damit zu tun hat, dass OKEx in Geldwäsche involviert ist, sondern es eher um ein persönliches Problem des Gründers geht.“ Würde die Polizei versuchen, eine aktive Geldwäsche zu unterbinden, dürfte OKEx kaum den P2P-Handel eröffnen. Dieser gilt als besonders anfällig für den Missbrauch durch Geldwäsche.

Gestern kommentierte Xu Kun von OKEx die Lage: Es gebe viele Gerüchte, „die die Sicht aller verwirren“. Die grundlegende Prämisse sei falsch, die Trader sollten „nicht blind zuhören“. Aber weitere Infos könne er auch nicht bekanntgeben. Auch Jiu Mei, ein Manager von OKCoin, sagte, so ein auf WeChat zirkulierender Artikel, es habe „nichts mit ihm zu tun“, nachdem er gefragt wurde, ob sich Xu Mingxing weigere, Auszahlungen zu bestätigen. „Mit höherer Gewalt können wir das Problem nicht lösen. Wir diskutieren aber einen Plan.“

Das, was auf der Webseite von OKEx stand, ist also vollkommen falsch? Es geht nicht um einen Besitzer der privaten Schlüssel? Oder war damit gar nicht Sun Xu gemeint? Und meint die höhere Gewalt die chinesische Regierung, aber Jiu Mei darf das nicht so sagen?

Der Artikel folgert daraus, dass es eher unwahrscheinlich sei, dass die Auszahlungen wegen dem Verschwinden von Sun Xu ausgesetzt sind. Vielmehr habe wohl „die Polizei die Auszahlungen zur Untersuchung eingefroren“. Es wäre also keine technische Unmöglichkeit, die Coins auszuzahlen, sondern ein juristisches Problem. Die Coins schweben nicht in einer anderen Galaxie, sondern sind unter polizeilichem Verschluss.

Das wiederum scheint Colin Wus Kommentar zu widersprechen, es gehe nicht um Geldwäsche durch OKEx. Zumindest vordergründig. Hintergründig könnte man an Gerüchten ansetzen, dass die Polizei wegen Geldwäsche durch eine Underground-Bank ermittelt , an der Xu Mingxing selbst beteiligt war. Damit würde es, wie Collin Wu vermutete, um ein persönliches Problem des Gründers gehen.

Aber warum muss man deswegen gleich alle Auszahlungen aussetzen? Der Artikel spekuliert, dass die betroffenen Gelder, die im Verdacht der Geldwäsche stehen, „innerhalb von OKEx zirkulieren.“ Daher müssten sämtliche Auszahlungen bis zum Abschluss der Ermittlungen eingefroren werden. Die Behauptung, dass es am fehlenden Schlüssel liegt, wäre demnach also eine Nebelkerze gewesen, weil OKEx die Wahrheit nicht sagen darf, wie es in Angelegenheiten der Geldwäsche oft so ist, aber das Aussetzen von Auszahlungen nun einmal eine Erklärung verlangt. Mit der kryptischen Formulierung und der Nähe zur Wahrheit – dem verschwundenen Gründer – könnte es sich um eine passende Ausrede gehandelt haben. Aber wer weiß?

Der Artikel endet mit einem nebulösen, aber doch treffenden Zitat von Colin Wu. Die Realität habe oft mehrere Aspekte, und in der normalen Welt ist die vernünftige Erklärung zu 99 Prozent die richtige. In der Kryptowelt könnte dagegen die unangemessene Erklärung, die nur zu 1 Prozent richtig ist, die gültige sein. Aber man wisse es nie. „Kurz gesagt, im Zusammenhang mit Chinas Vorgehen gegen Geldwäsche und Kryptowährung hängt das Damoklesschwert tatsächlich aus allen Blickwinkeln über der Branche.“

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5 Kommentare zu OKEx-Gründer Star Xu verschwindet, und eine der größten Kryptobörsen der Welt setzt die Auszahlungen aus

  1. Paul Janowitz // 3. November 2020 um 13:20 // Antworten

    Aktuellen Berichten zufolge ist nun Huobi dran und der CEO wird verhört. Es sieht also nicht nach einem Einzelfall aus, sondern einer Aktion gegen Kryptobörsen, möglich wäre auch ein Vorgehen gegen Tether und die Zeugenbefragungen könnten damit in Zusammenhang stehen, aber das ist (noch) reine Spekulation.

    • Zu Huobi habe ich bisher nur aufgeschnappt, dass das Fake News war.

      • Paul Janowitz // 3. November 2020 um 15:16 //

        Schwierig zu beurteilen, der einzige den ich da aus der Szene kenne ist Leo Weese den Du hier glaube ich auch schon interviewed hast, der hat das auch gepostet, ohne direkt Huobi zu nennen und noch eine Bekannte von Bitcoin HK. Was da in China und Hong Kong aktuell abläuft, ist ohnehin nicht ganz transparent, unverschlüsselt kann man mit denen kaum noch kommunizieren, aber zumindest das Internet in HK lässt verschlüsselte Verbindungen (noch) durch.

        Auffällig die letzten Tage waren Tether Bewegungen in hunderten Millionen von und zu Huobi die letzten Tage, über behördliche Maßnahmen wird man wohl noch weniger herausbekommen als in den „westlichen“ Demokratien wie Australien, deren Banken und die wiederum gegenüber Börsen scheinbar einen Bann von „Privacy Coins“ durchziehen, zu dem es keinerlei offiziellen (gesetzlichen) Gründe gibt. Ich befürchte, dass das in China nicht unbedingt transparenter ablaufen wird und auch wenn Miner von irgendeiner Zensur betroffen wären, würde man kaum etwas mitbekommen.

        Immerhin gibt es aber einen durchaus sichtbaren Trend hin zu dezentralen Börsen und die HFT-zentralisierten Margin Börsen sind mir eigentlich egal, auch wenn ein Crash derer erstmal viele vom Thema abschrecken dürfte. Deren Entwicklung war eigentlich absehbar, aber sie steht eigentlich für das, was Bitcoin nicht sein wollte. Ich kann die Cross-Chain Atomic Swap Protokolle kaum erwarten, denn damit werden dezentrale Börsen möglich, die über verschiedene Kanäle einen Zugang zu echten P2P Angeboten bieten, ohne sich nur auf ERC Token zu beschränken. Die kürzlich von der Monero Community finanzierte Implementierung sollte eigentlich alle freuen, denn sie fast komplett Bitcoin-seitig (selbst ohne Schnorr) und dürfte ziemlich einfach auf andere Coins, die kein Bitcoin-kompatibles Scripting haben, umsetzbar sein, wie Nano, IOTA, ARRR und so weiter… Auch neue, kleine Projekte werden damit möglich, die sich ohne ICO finanzierten Marktzugang zu Börsen durchaus einen Markt aufbauen können.

      • Hans Frosch // 4. November 2020 um 18:15 //

        „Ich kann die Cross-Chain Atomic Swap Protokolle kaum erwarten, denn damit werden dezentrale Börsen möglich, die über verschiedene Kanäle einen Zugang zu echten P2P Angeboten bieten, ohne sich nur auf ERC Token zu beschränken. Die kürzlich von der Monero Community finanzierte Implementierung sollte eigentlich alle freuen, denn sie fast komplett Bitcoin-seitig (selbst ohne Schnorr) und dürfte ziemlich einfach auf andere Coins, die kein Bitcoin-kompatibles Scripting haben, umsetzbar sein, wie Nano, IOTA, ARRR und so weiter… “

        Sehr interessant. Wie ist da ganz grob der zeitliche Horizont, bis man Monero dezentral gegen IOTA und umgekehrt tauschen kann?

      • Paul Janowitz // 10. November 2020 um 10:00 //

        Hallo Hans, sorry, ist untergegangen. Ich bin hier mittlerweile über ein WordPress Konto eingeloggt, um Antworten verfolgen zu können und das ist schon viel besser, als manuell immer zu prüfen (was bei meiner Kommentaranzahl unmöglich ist), aber leider noch nicht perfekt.

        Die Atomic Swaps zu Bitcoin sind für Q2 2021 anvisiert:
        https://ccs.getmonero.org/proposals/h4sh3d-atomic-swap-implementation.html

        Wie lange es dauern wird, bis andere Coins damit swappbar werden, liegt eher bei den jeweiligen Projekten, in der vorgestellten Implementierung ist Bitcoin die Base Currency, denn dort geschieht das ganze Scripting, Monero ist aufgrund seiner Privacy aktuell zumindest noch sehr eingeschränkt diesbezüglich, aber die vorgestellte Lösung macht es anderen Projekten, die das gleiche Schicksal tragen, z.B. IOTA, eben ziemlich einfach, das zu übernehmen. Auch wenn die Monero Community das gesponsort hat (nicht gerade wenig), wird es vollständig Open Source verfügbar und in allen anderen Projekten nutzbar sein. Decred hat schon angekündigt, eine dezentrale Börse, die auf Atomic Swaps basiert zu bauen, andere werden sicherlich folgen. Erstmal wird es dann wahrscheinlich nur möglich sein, Bitcoin oder Bitcoin-basierte Coins als Base Currency zu nehmen und von Monero zu IOTA wird ein Zwischenschritt notwendig sein, aber das sollte kein großer Abbruch sein, Gebühren dürften jeweils nichtig sein, da es eben Open Source ist und Konkurrenz vorprogrammiert ist.

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