US-Regierung eignet sich fast 70.000 Bitcoin an

Wal. Bild von dani andcoconut via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Das Geheimnis um eine der größten Bitcoin-Wallets lüftet sich – und die US-Regierung wird mal wieder zu einem der größten Bitcoin-Holder. Damit ist sie hervorragend vorbereitet, falls es zu einer neuen Rally kommt.

Manchmal tauchen Wale aus der Tiefe des Ozeans auf, schlagen mit den Flossen und stoßen eine Wasserfontäne aus. Dann tauchen sie wieder ab, und wer sie gesehen hat, schaut ihnen neugierig-verzückt hinterher.

Am 3. November geschah dies auf der Blockchain. Einer der mysteriösesten Wale bewegte gut 69.000 Bitcoin, fast eine Milliarde Dollar. Und zwar handelte es sich um die Adresse 1HQ3Go3ggs8pFnXuHVHRytPCq5fGG8Hbhx.

Die Transaktion der 69.000 Coins nach Blockchain.info.

Coinmarketcap schreibt kurz danach über diese Adresse: „Alles an dieser Wallet ist mysteriös. Niemand weiß, wem sie gehört, wer die Coins bewegt hat und weshalb. Aber die Wallet war genauso beliebt wie mysteriös. Sie war die viert-reichste Bitcoin-Wallet aller Zeiten.“

Angeblich wurde die Wallet-Datei unter Hackern gehandelt, die versucht haben, den Passwortschutz zu brechen. Daher gäbe es, so Coinmarketcap, zwei Szenarien: Erstens, der Besitzer der Wallet habe die Coins überwiesen, um sie vor den Zugriffen der Hacker zu schützen. Zweitens, einer der Hacker hat Erfolg gehabt, vielleicht mit einem geheimen Super-Quanten-Computer, und sich die Milliarde geschnappt.

Das ist natürlich faszinierend – aber vollkommen falsch.

Der Blockchain-Analyst Chainalysis löste gestern das Rätsel: „Heute hat das US-Verteidigungsministerium einen zivilen Bescheid für die größte Beschlagnahmung digitaler Assets aller Zeiten eingereicht: Etwa 69.370,22491543 Bitcoin (BTC), 69.370,10730857 Bitcoin Gold (BTG), 69.370,10710518 Bitcoin SV (BSV) und 69.370,12818037 Bitcoin Cash (BCH), zusammen mehr als eine Milliarde Dollar wert.“

Dabei haben die Strafverfolger Instrumente von Chainalysis genutzt, um den Inhaber der Wallet zu identifizieren und die Illegalität der Coins nachzuweisen.

Und zwar handelt s sich um Bitcoins, die in Verbindung mit der Silk Road stehen, dem ersten modernen Darknet-Marktplatz. Die US-Regierung hat den Admin „Dread Pirate Roberts“ im Herbst 2013 durch einen spektakulären Zugriff in der Science-Fiction-Abteilung einer Bibliothek in San Francisco verhaftet. Der Mann mit bürgerlichem Namen Ross Ulbricht wurde angeklagt und zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Seine Wallets mit mehreren hunderttausend Bitcoins hat die US-Regierung beschlagnahmt und gut ein halbes Jahr später verkauft. An dem dazwischen stattgefundenen Kursanstieg verdiente sie Dutzende, wenn nicht hunderte von Millionen Dollar.

Mit der Beschlagnahmung des neuen Wallets wiederholt sich die Geschichte – nur noch mal eine Nummer größer. Die US-Regierung wird noch mehr am Preisanstieg von Bitcoin verdienen. Durch die langsamen Mühlen der Strafverfolgung und Justiz wurde sie unfreiwillig zum Holder, um Bitcoins, die sie rechtlich schon seit Mitte 2013 beansprucht, bis vermutlich 2021 zu halten, um sie dann mit enormem Gewinn zu verkaufen.

Es handelt sich dabei nicht um Bitcoins von Ross Ulbricht oder der Silk Road direkt. Stattdessen ist ein Hacker in die Server der Silk Road eingebrochen und hat dort die Bitcoins gestohlen. Danach hat er die Coins auf eine für die damalige Zeit vollkommen ausreichende Weise gewaschen, bevor er sie auf der erwähnten Adresse ablegte. Daher war es bislang absolut unbekannt, dass die Adresse mit der Silk Road in Verbindung steht. Stattdessen ging man von einer vagen Verbindung zur ehemaligen Börse Mt. Gox aus.

Allerdings bleiben die Spuren auf der Blockchain für immer bestehen, während die Instrumente, um sie auszuwerten, immer besser werden. Ein Beamter der Steuerfahndung hat Anfang des Jahres die Software von Chainalysis benutzt, um sich Transaktionen um die Silk Road noch einmal genauer anzuschauen. Dabei entdeckte er 54 bislang unerkannte Transaktionen illegaler Gelder. Dies Spur führte ihn zu „Individuum X“, dem Hacker, der der US-Regierung namentlich bekannt ist, aber dessen echter Name nicht in der Anklageschrift auftritt.

Dieses Individuum X hat nun, wohl auf seichten bis schweren Druck der Justiz, eine Zustimmung zur Beschlagnahmung der Coins durch die Staatsanwaltschaft von Nordkalifornien unterschrieben. Anschließend hat er die Wallet der Regierung übergeben, die die Bitcoins mit der erwähnten Transaktion beschlagnahmt hat.

Für die US-Regierung dürfte es ein enormer Glücksfall sein, dass der Hacker der Silk Road gerade aus Kalifornien kommt. Er bleibt vermutlich deswegen unbekannt, weil die Regierung ihm die Anklage wegen Hacking und dem bewussten Besitz von Gelder mit einer illegalen Quelle dafür erspart, dass er ihr den Zugang zu einer ordentlichen Menge Bitcoins veschafft hat.

Die Regierung wird mit den Coins vermutlich dasselbe machen, was sie mit allen beschlagnahmten Gütern macht: Sie übergibt sie an die US-Marshalls, die sie dann versteigern. Damit sind die Coins fürs erste aus dem Verkehr gezogen, da die Prozedur vermutlich ein gutes halbes Jahr dauert.

Sollte es im Lauf des nächsten halben Jahres zu der Rally kommen, von der viele erwarten, dass sie Bitcoin auf höhere fünfstellige, wenn nicht gar sechsstellige Höhen schießt – dann wäre die US-Regierung zumindest schon mal hervorragend aufgestellt.

Über Christoph Bergmann (1902 Beiträge)
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5 Kommentare zu US-Regierung eignet sich fast 70.000 Bitcoin an

  1. Paul Janowitz // 6. November 2020 um 13:03 // Antworten

    Danke für die Aufarbeitung, mir fehlt aber ein wichtiges Detail.
    Der Hacker hat die Coins 2013 von der Silk Road gestohlen, 2015 hat er 100 BTC auf der mittlerweile hochgenommenen Börse BTC-e mit russischen Verbindungen und einer damals großen Beliebtheit, um schmutzige Coins ohne Fragen auszucashen. Nachdem diese hochgenommen wurde, sind natürlich auch alle vorhandenen Kundendaten bekannt, von denen wahrscheinlich nur ein Bruchteil kriminell war. Die Transaktion der 100 BTC an die Börse kann man mit jedem Block Explorer nachvollziehen und nach der Hochnahme von BTC-e müsste das eigentlich schon lange aufgefallen sein. Man hat also die Kundeneinzahlungen aus den damals beschlagnahmten Datenbanken durchsucht und landete eben diesen Treffer, der zufällig auch noch in den USA lebte (das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen…).

    Die Regierung wird mit den Coins vermutlich dasselbe machen, was sie mit allen beschlagnahmten Gütern macht: Sie übergibt sie an die US-Marshalls, die sie dann versteigern. Damit sind die Coins fürs erste aus dem Verkehr gezogen, da die Prozedur vermutlich ein gutes halbes Jahr dauert.

    Das stimmt nur teilweise.

    The Department considers the use of AECs
    to be a high-risk activity that is indicative
    of possible criminal conduct. In most
    circumstances, the Department does not
    liquidate seized or forfeited AECs, as doing
    so allows them to re-enter the stream of
    commerce for potential future criminal use.

    AECs sind „Anonymity Enhanced Currencies“, namentlich Zcash, Dash und Monero. Diese sollen der „kriminellen Nutzung“ entzogen werden, was ein Treppenwitz ist, denn das Justizministerium wird damit zum HODLer dieser und steigert so potenziell den Wert der verbliebenen Coins. Den größtmöglichen Schaden könnten sie wohl zufügen, wenn sie alle auf einmal auf entsprechenden Börsen zum Marktpreis verkaufen, denn dann gibt es nicht genug Buy Orders und der Preis würde ins Bodenlose krachen (vorausgesetzt die Menge ist relevant). Wahrscheinlicher in meinen Augen ist, dass diese in irgendeiner Form selbst genutzt werden, ob für „Testkäufe“ oder um Informanten zu bezahlen.

    Jeder, der eine transparente Chain nutzt, sollte sich auf jeden Fall im klaren sein, dass jedes einzelne Wallet, von dem er etwas erhalten hat oder an das er etwas geschickt hat für die Ewigkeit mit dem eigenen auf der Blockchain öffentlich verbunden ist. Dazu gehört auch eine Spende an Wikileaks oder das Tor Projekt.

    • Interessantes Detail. Für Bitcoin trifft das aber nicht zu, oder?

      • Paul Janowitz // 6. November 2020 um 14:09 //

        Nein, die werden weiterhin versteigert.

        Das einzige, was mir in diesem Zusammenhang mit AEC zu Bitcoin untergekommen ist, war Wasabi und Samourai, die als problematisch eingestuft werden und auf einer Ebene mit AECs stehen, aber nicht in diesem Paper und nicht mit beschlagnahmten Funds. Ach und noch die IRS, die Lightning tracken will, da gab es mindestens von noch einer Behörde eine Ausschreibung, Chainalysis ist auf jeden Fall überall dabei, auch beim Versuch AECs zu tracken.

      • Paul Janowitz // 7. November 2020 um 8:20 //

        Aktuell (wahrscheinlich) nicht, aber wer kann die zukünftige Entwicklung abschätzen? Siehe den aktuellen Krieg gegen sichere Verschlüsselung und Kommunikation in Australien… Die Spenden waren nur ein einfaches Beispiel, jedem sollte klar sein, dass die Daten für immer gespeichert bleiben und technisch immer besser für jeden zugänglich werden. Eine Zahlung an einen Erotik Online Shop kann dann unter Umständen vom zukünftigen Arbeitgeber entsprechend beurteilt werden.
        Die transparente Blockchain bietet meist auf den ersten Blick genügend Privatsphäre, da man oft nicht sofort erkennt, was die eigentliche Zahlung und was das Wechselgeld war. Mit der Zeit wird das aber meist immer deutlicher erkennbar, nämlich dann, wenn die UTXOs in neuen Transaktionen verwendet und mit anderen verschmelzt werden, das kann sogar erst nach mehreren Zwischenschritten erfolgen, aber wenn z.B. die Change nach fünf Zahlungen wieder mit einem eindeutig zuordenbaren Output verbunden wird, kann man die ganze Historie dazwischen viel besser zuordnen.

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