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Eine Lightning-Paywall für WordPress

Das Lightning-Netzwerk soll Micropayments zu Bitcoin bringen. An sich funktioniert das gut – doch ein vor kurzem herausgebrachtes WordPress-Plugin für Lightning-Paywalls zeigt, welche Hürden Publisher und ihre Leser noch zu überspringen haben.

Man darf es ja gerne eine positive Entwicklung nennen, wenn die Kollegen von WELT, FAZ oder ZEIT mittlerweile genügend Selbstvertrauen haben, ihre Leser auch für online veröffentlichte Artikel zur Kasse zu bitten. Drei Screenshots von einer typischen digitalen Morgenlektüre deutscher Zeitungen verdeutlichen aber, wie groß der Haken ist, den die Verlage und ihre Leser dabei schlucken müssen:

Man würde schon gerne wissen, wie Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer über seinen Satire-Versuch spricht und wie das sein Parteigenosse Cem Özdemir kommentiert. Man würde auch gerne erfahren, was hinter dem Streit mit Marokko steckt, weshalb Chinas Bevölkerung auch ohne 1-Kind-Politik schrumpft und wie man in den Megatrend Cybersicherheit investieren kann.

Aber, ach!, wer all das wissen möchte, müsste tief in die Tasche greifen und ein Abo bei allen drei Zeitungen abschließen. Bei der WELT fallen dafür 9,99 Euro im Monat an, bei der FAZ 2,95 je Woche, und bei der ZEIT 5,40 je Woche. Und selbst wenn man das bezahlt, muss man sich immer noch mit einem lästigen Account herumschlagen, mit potentiell privaten Daten, die Hacker abgreifen können – und wenn man etwas bei Spiegel Plus und so weiter lesen will, schaut man weiterhin blöd in die Wäsche.

Das ganze ist so suboptimal, für Leser wie für Verlage, dass man es einfach nur k***e nennen möchte: Wir Leser lesen vieles nicht, was wir gerne lesen möchte, und ihr Verlage, ihr verkauft viele Inhalte nicht, für die wir Leser vielleicht doch bezahlen würden. Die einzigen, bei denen das Abo-Modell Freude entfacht, sind die sogenannten alternativen Medien, welche all jene Leser mit offenen Armen begrüßen, die an der Abowall abprallen.

Eine Lösung wäre es, möglicherweise, die Artikel einzeln zu verkaufen. Oder eben drei, vier, fünf davon, anstatt gleich ein Abo. Aber dazu braucht es Zahlungen von 10 Cent oder weniger, also ein Mikropayment, und das ist mit PayPal, EC oder Kreditkarten nicht zu machen.

Was also tun?

Dank Lightning könnte Bitcoin trotz der hohen Gebühren in der Lage sein, solche Mikro-Zahlungen zu verarbeiten. Und mit der neuen Lightning-Paywall von coincharge können zumindest WordPress-Blogger direkt loslegen und eine einfach zu benutzende Paywall einzurichten.

Wir hier haben unser Blog bei WordPress.com gehostet, weshalb wir nur eingeschränkt Plugins installieren können. Daher können wir die Paywall hier nicht testen, sondern müssen sie trockenschwimmend präsentieren.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Paywall funktioniert – sowohl auf der Demoseite als auch auf einer Seite von BTC21. Ich konnte für 10 oder 50 Satoshi – weniger als 2 Cent – einen Artikel freikaufen. Keiner kann also behaupten, es sei nicht möglich.

Allerdings ist auch festzustellen, dass das Handling für Mikrozahlungen doch etwas sperrig ist: Man klickt auf einen Button, dann öffnet sich etwa 2 Sekunden später ein Feld mit Details zur Zahlung. Als Electrum-User musste ich dort die Lightning-Zahlungsaufforderung kopieren, in Electrum einfügen, auf Senden klicken, und nach etwa 2 Sekunden kam die Zahlung an. Das sind etwa 5-6 Klicks und mindestens 5 Sekunden zuviel. Deutlich einfacher geht es beispielsweise mit MoneyButton für Bitcoin SV (BSV), wo man tatsächlich mit einem einzigen Klick bezahlen kann.

Beeindruckend ist hingegen die tiefe Integration der Paywall in WordPress: Man kann sie sowohl als Shortcode einfügen, als auch als Block in den (vollkommen verhunzten) Guttenberg Editor, sowie mit Elementor oder der WPBakery. In dieser Beziehung hat Coincharce eine beeindruckende Arbeit geleistet.

Allerdings ist es für Blogger doch noch etwas aufwändiger. Das Einfügen der PayWall in einen Artikel ist der einfachste Teil. Schwieriger ist es, erst einmal so weit zu kommen. Denn die Voraussetzung für die Paywall ist der BTCPayServer, eine Art selbsgehostetes Bitpay, das eigentlich entwickelt wurde, um Bitcoin-Zahlungen in Online-Shops zu bringen, ohne dass diese sich in Abhängigkeit von einer dritten Partei begeben müssen.

Wie kann man einen solchen Server hosten? Man kann das lokal machen, etwa mit einem Node wie NODL oder dem RaspiBlitz, doch das dürfte nur etwas für hartgesottene Bitcoiner sein. Naheliegender – und auch sicherer – ist es, den BTCPayServer auf einem VPS oder sonst einem Server zu hosten. Das ist ab etwa 10 Euro im Monat möglich, verlangt aber mehr Computerkenntnisse als die Nutzung einer Webseite mit WordPress.

Man darf also festhalten: Die Lightning-Paywall funktioniert. Aber leider muss man auch konstatieren, dass sie sowohl für Publisher als auch Leser noch recht sperrig ist. Dennoch denke ich, dass zumindest deutschsprachige Bitcoin-Medien, die WordPress benutzen, die Paywall zumindest einmal ausprobieren sollten. Irgendeiner muss ja anfangen, auch wenn es am Anfang noch ein wenig kneift und kratzt.

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4 Kommentare zu Eine Lightning-Paywall für WordPress

  1. Ich denke da sollte es hingehen für gut recherchierten Journalismus und lobbyfreie Artikel.

  2. Hm, anonyme Mikropayments fände ich toll. Mich hindert eher die fehlende Anonymität am Bezahlen von journalistisch anspruchsvoller Arbeit, als die blosse Paywall. Dass Journalisten ihre Arbeit vergütet bekommen müssen finde ich logisch, sonst bekommen wir halt Journalismus ála Sun, Bild, etc… mit viel (Schleich-)Werbung auch im Content.

    Allerdings finde ich das *anonyme* Abo als zusätzlich weitere Möglichkeit durchaus sinnvoll. So ist ein Journalist weniger abhängig davon, auschliesslich Mainstreamartikel oder versteckte Werbung zu produzieren. Und Artikel können dann auch ungefähr das Gleiche kosten, unabhängig von der Beliebtheit des Contents.

    Aber das ist alles ist keine Kritik, die Richtung stimmt. Und Dir Christoph vielen lieben Dank für Deine journalistische Arbeit hier, die nach wie vor ganz ohne Paywall auskommt.

  3. Paul Janowitz // 13. Mai 2021 um 16:30 // Antworten

    @Andres
    die Ironie bei Bild ist, dass es auch da Bild+ gibt, an der Qualität des Contents ändert das aber nichts 😀

    Wenn die Verlage nicht bald in die Pötte kommen und eine gemeinsame Lösung wie bei iTunes finden, die einem ermöglicht, mit einem Abo / pro Artikel auf die Angebote verschiedener Verlage zuzugreifen, möglichst auch anonymisiert, dann wird jemand einen Service bauen, der die Paywalls umgeht, entweder kostenlos oder für einen kleinen Obulus wie das bei anderem Content bereits oft der Fall ist. Die Verlage werden dann natürlich versuchen, die rechtliche Keule zu schwingen, aber wie Erfolg versprechend das in einem globalen Internet ist, sieht man an der Geschichte der Onlinepiraterie, die erst dann abnimmt, wenn ein attraktives legales Angebot existiert. Ich kenne kaum noch jemand, der seine eigene MP3-Sammlung pflegt, die meisten haben sich für ein legales Streamingangebot entschieden. Bei Filmen wiederum ist dies trotz Netflix & Co. noch lange nicht so, denn die Plattformen sind auch Insellösungen mit jeweils exklusiven Inhalten, wenn man einen Film gezielt sucht, muss man trotz dreier Abos nochmal die Kreditkarte zücken.

    Es ist auch ziemlich frech, dass die Digitalabos z.B. bei Spiegel in etwa genauso viel kosten wie die gedruckten, der Content wird jeweils wiederverwendet und wenn man alle paar Tage einen interessanten Artikel sieht, sind 20€ monatlich ohnehin Wucher, beim gedruckten Spiegel kann man sich je nach aktuellem Inhalt dafür oder dagegen entscheiden.

    Guter Journalismus will natürlich bezahlt werden, aber es kann sich schlichtweg nicht jeder leisten, neben der allgemeinen Zwangsabgabe noch mehrere Abos zu bezahlen, mit Streaming kommt man schnell auf 100€ monatlich und mit jedem zusätzlichen Service habe ich nicht mehr Zeit für den Konsum, sondern konsumiere anteilig die anderen weniger.

    • Ich meinte das Abo nur als zusätzliche Möglichkeit zum Kauf eines Einzelartikels, falls Einzelartikelverkauf für einen Verlag nicht so tragfähig erscheint.
      Bei Seiten wie Stiftung Warentest zum Beispiel verkaufen sich einzelne Onlineartikel, obwohl fast so teuer wie ein ganzes Heft, recht gut, weil Leser i.d.R. gerade mehr an an dem Test einer bestimmten Produktkategorie interessiert ist, als allgemein alle Testberichte der Ausgabe lesen zu wollen.
      Eigentlich sollte jeder Verlag durchaus selbst entscheiden welches Modell für sie am sinnvollsten ist, mir ging es mehr um das *anonyme* Lesen. Das ist gewissermassen der Kolateralschaden einer Paywall, man liest keine Artikel mehr anonym.
      Verlage die anonyme Zahlungen z.B. via Kryptowährung akzeptieren, könnten m.E. die Akzeptanz für Paywalls erhöhen. Ob Abo oder Einzelartikelabruf ist da erstmal egal.

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