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Europa wird zur wichtigsten Krypto-Region – dank der DeFi-Wale

Europa aus dem All. Bild von woodleywonderworks via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Eine Untersuchung eines Blockchain-Analysten zeigt, dass Europa Südostasien als größte Krypto-Region abgelöst hat. Treiber ist dabei ein Trend, der das Ökosystem immer stärker spaltet.

Wir klagen hier ja gerne, dass Europa im generellen und Deutschland im speziellen auf dem absteigenden Ast sitzen, was Krypto angeht, und immer weiter hinter Amerika und Asien zurückfallen. Weil EZB und BMF die Branche zu Tode regulieren. Weil Europa weniger hungrig ist als die anderen Kontinente, weil wir uns zwar viel auf Technik einbilden, aber trotz allem eher konservativ sind. Und so weiter.

Daher heute mal eine gute Nachricht: Das stimmt so nicht. Die Region „Zentral-, Nord- und Westeuropa (ZNWE)“, also grob, aber nicht exakt das Gebiet der EU vor dem Brexit, wurde zur stärksten Kryptowährungs-Wirtschaft der Welt. Das zumindest schreibt der Blockchain-Analyst Chainalysis, die die Branche regelmäßig mit spannenden Berichten versorgt.

Die ZNWE-Region hat also „die größte Kryptowährungs-Ökonomie der Welt. 2021 hat die Region mehr als eine Billion Dollar in Kryptowährungen erhalten. Das entspricht gut 25 Prozent der globalen Aktivität.“ Grund für diese Top-Position ist ein starkes Wachstum seit Juli 2020 und der relative Abstieg Ostasiens, überdeutlich erkennbar an der sinkenden rosa Linie und vermutlich darauf zurückgehend, dass Kryptowährungen in China ein immer schärferer Wind entgegenweht.

Aber es wäre unfair, Europa als bloßen Nutznießer der zunehmend autoritären Gangart der kommunistischen Partei Chinas darzustellen. Unser Kontinent verzeichnet auch aus eigener Kraft ein starkes Wachstum, durch das er sich spürbar von Nordamerika abgesetzt hat. So wurde ZNWE imLauf des vergangenen Jahres für jede andere Region der Welt zum wichtigsten „Kryptowährungs-Handelspartner“. Beispielsweise flossen 34 Prozent aller Transaktionen aus Nordamerika nach Europa.

Woher aber rührt das starke Wachstum der europäischen Krypto-Ökonomie? Und gibt es spezielle Bereiche, die besonders stark wachsen?

Mit diesen Fragen kommen wir zum spannendsten Teil der Analyse.

Dezentral toppt zentral, Ethereum überholt Bitcoin

Es gibt nämlich in der Tat einen Bereich, der das Wachstum der Krypto-Wirtschaft Europas stärker trägt als alle anderen. Man erkennt das an einem Chart, der zeigt, wohin die Europäer ihre Kryptowerte hin überweisen.

Noch im Juli und August 2020 gingen die meisten Überweisungen an klassische Börsen, etwa Binance, Huobi oder Kraken. Dieses Bild hat sich im Verlauf eines Jahres vollständig geändert. Heute spielt unter den klassischen zentralisierten Börsen allenfalls noch Binance eine (kleine) Rolle. Die Musik spielt vor allem auf den neuen, dezentralen Börsen – auf den DeFi-Plattformen.

DeFi ist die Abkürzung für „Dezentralized Finance„. Das meint ein Bündel an Finanzdienstleistungen, die als Smart Contract auf einer Blockchain abgebildet werden, vor allem Darlehen, Token-Wechsel und Derivate. DeFis sind selten vollkommen dezentral, doch in der Regel ist der Einfluss der Mittelsmänner deutlich beschränkt und oft auch auf sogenannte DAOs verteilt – Dezentrale Autonome Organisationen.

Seit Mitte 2020 wurde DeFi zum Großtrend. In Europa ging dies offenbar schon so weit, dass DeFi zur wichtigsten Krypto-Anwendung wurde, was Chainalysis aus dem Itinerar der Transaktionen ableitet. Die meisten Werte fließen heute an DeFi-Plattformen wie Uniswap, Aave, Compound, Instadapp oder dYdX.

Eine der kaum mehr vermeidbaren Folge davon ist, dass in Europa Ethereum Bitcoin überholt hat. Es hieß lange, dass Bitcoin ein Geld mit einer Blockchain sei, aber Ethereum eine Blockchain mit Geld, und dass daher der Aufstieg von Ethereum, der Blockchain, nicht dazu führe, dass auch Ether (ETH), das native Token von Ethereum, mit aufsteige. Ganz im Gegenteil: Je mehr Token und DAOs und Smart Contracts die Blockchain verstopfen, desto schlechter funktioniert ETH als Geld. Ethereum kann siegen, aber Ether abstürzen.

Dies entpuppt sich als Irrtum. Europäer überweisen heute mehr Werte in Ether als in Bitcoin – und dabei sind Token und Stablecoins noch gar nicht eingerechnet. Das Flippening ist schon längst passiert, auch wenn Bitcoin weiterhin mehr wert ist als Ether.

Der Aufmarsch der Wale und Institutionen

Wenn man 2013 von Kryptowährungen redete, meinte man Bitcoin, und wenn man fragte, was die Europäer mit Bitcoin tun, dachte man meistens an die Silk Road, jener erste große Darknet-Bazaar für Drogen. Heute hingegen meint man mit Kryptowährungen eine Vielzahl von Währungen, sogar schon eher Ether als Bitcoin, und der Treiber des Wachstums ist kein Underground-Drogenmarkt, sondern dezentrale Finanzdienstleister. So viel hat sich geändert.

Aber das ist noch nicht alles. Es gibt noch einen weiteren drastischen Wandel des letzten Jahres, der sich ebenfalls in Europa stärker abzeichnet als in anderen Regionen: Der Aufstieg der institutionellen Investoren. Wenn man 2013 Hippies, Idealisten, Druffies und Geeks als klassische Krypto-Anwender sah, sind dies heute – Banker und Fondsmanager.

Mit den institutionellen Investoren meint man juristische Personen, die über gehörige Mengen Kapital verfügen und dieses auf eine mehr oder weniger regulierte Weise investieren. Es kann sich um Banken, Vermögensverwalter, Versicherungen, Rentenfonds und andere handeln. Bei ihnen geht man davon aus, dass sie, anders als Privatanleger, über hinreichend Erfahrung und Wissen verfügen, um Risiken angemessen zu beurteilen, weshalb bei ihnen nur ein sehr begrenzter Anlegerschutz greift.

Diese Investoren treiben also, schenkt man Chainalysis Glauben, mittlerweile den Kryptomarkt in Europa. Der Blockchain-Analyst erkennt dies an der Größe der Transaktionen. Sobald eine Transaktion mehr als 10 Millionen Dollar umfasst, weist Chainalysis sie den „riesigen institutionellen Investoren“ zu.

Während solche riesigen Transaktionen im Juli 2020 noch eher eine Nebenrolle spielte, stieg ihr Anteil der durch Kryptowährungen überwiesenen Werte rapide an: von 1,4 Milliarden im Juli 2020 auf 46,3 Milliarden im Juli 2021. Damit machen diese „riesigen Institutionen“ bereits die Hälfte der Krypto-Aktivität in der ZNWE-Region aus.

Sind es Banken – oder Early Adopter?

Aber was sagt uns das? Kann man institutionelle Investoren ausschließlich an der Größe der Transaktion erkennen?

Jeder weiß, dass die Krypto-Wale in den letzten Jahren unheimlich reich wurden. Wer 2011 in Bitcoin, 2015 in Ethereum und 2020 in DeFi-Token investiert hat, hat gute Chancen, heute mehr liquides Kapital zu haben als manch eine Bank oder Versicherung. Ein paar hundert richtig investierte Euro konnten zum Samen eines gewaltigen Vermögens werden. Dennoch bleibt der Krypto-Wal ein Individuum und keine Institution.

Woher wollen wir also wissen, wer das Wachstum wirklich antreibt? Sind es Banken und andere institutionelle Investoren – oder Early Adopter, die Teile ihres Vermögens in DeFi-Protokolle stecken? Haben neue, mächtige Figuren das Spielfeld betreten – oder sind lediglich dieselben alten Player, aber aufgegangen wie ein Hefeteig?

Chainalysis hat sich auch mit dieser Frage beschäftigt. David Gogel, „Growth Lead“ bei der DeFi-Börse dYdX, erklärt, es seien vor allem „Händler mit hoher Skalierung,“ die DeFi antreiben, „Individuen, die profesionell operieren, bis zu Kryptowährungs-Hedge-Fonds“. Insgesamt ziele DeFi derzeit auf „Krypto-Insider.“

Das kann sowohl das eine wie das andere bedeuten. Ähnlich verwaschen bleibt ein Artikel in Cointelegraph, den Chainalysis zitiert. Ihm zufolge wenden jene institutionellen Investoren, die Kryptowährungen schon vorher in ihre Fonds und Portfolien aufgenommen haben, sich nun verstärkt DeFi zu. Grund dafür ist vor allem das Staking. Dieses „erlaubt Investoren, einen Cash-Flow zu generieren, ohne ihre Crypto-Assets zu verkaufen, was es zu einer guten Quelle von Einkommen für diejenigen macht, die halten wollen.“ Man könne das Staking mit DeFi-Protokollen mit Geldmarktkonten verleihen, wenn auch mit geringeren Gebühren und Reibungen.

Die Frage, ob Early Adopter oder Institutionelle, bleibt also vorerst offen. Vermutlich spielen beide eine Rolle, und vermutlich ist es, etwa bei Krypto-Hedge-Fonds, nicht immer klar auseinanderzuhalten.

Die Märkte driften auseinander

Die Dynamik in Europa spiegelt die globale Dynamik der Krypto-Märkte. Dies bestätigt Chainalysis „Global DeFi Adoption Index„. Dieser Index misst die Verbreitung und Akzeptanz von DeFi weltweit anhand mehrerer Metriken. Diese berücksichtigen nicht nur das reine Volumen, sondern setzen es auch in Relation zur Wirtschaftsleistung je Einwohner.

Auf den ersten Blick widerspricht der DeFi-Index der starken Stellung Europas. Auf dem ersten Rang ist die USA, gefolgt von Vietnam, Thailand und China. Nordamerika und Südostasien also. Europäische Länder finden wir dann erst im Mittelfeld, angeführt von Großbritannien und den Niederlanden, gefolgt von Frankreich und der Schweiz. Deutschland und die Länder Skandinaviens sind in den Top-20 dagegen nicht zu finden.

Ansonsten bestätigt der DeFi-Index, was wir schon für Europa wissen: Ab Mitte 2020 explodierte das Volumen der DeFi-Plattformen. Gleichzeitig stieg der Anteil der Wale mit Transaktionen von mehr als 10 Millionen Dollar heftig an. Mittlerweile macht er bereits gut 60 Prozent des DeFi-Volumens aus.

Diese Entwicklung – mehr DeFi, mehr institutionelle Investoren – zeigt eine Verschiebung der Schwerpunkte in Krypto. Chainalysis nennt sie „eine Geschichte von zwei Coins“: Die Märkte driften auseinander.

„Die Daten zeigen, dass riesige Transaktionen einen viel größeren Anteil an der DeFi-Aktivität haben. DeFi ist offenbar überproportional beliebt bei größeren Investoren im Vergleich mit Kryptowährungen im Allgemeinen.“ Im zweiten Quartal 2021 machten Transaktionen über 10 Millionen US-Dollar in DeFi mehr als 60 Prozent aus, in der gesamten Krypto-Ökonomie dagegen weniger als 50 Prozent.

DeFi scheint zum Markt der Wale zu werden. Reich gewordene Early Adopter und institutionelle Investoren reichen sich die Hand. Daher ist DeFi auch besonders in Ländern verbreitet, die bereits eine hohe Krypto-Verbreitung sowie ein starkes Finanzwesen haben, etwa die USA, China, Großbritannien und die Niederlande. DeFi ist eher die Folge von Krypto – der Zustand, auf den Kryptowährungen hinauslaufen – als deren Ursache.

Die finden wir in Graswurzelbewegungen in Schwellenländern. Diese treiben die Verbreitung. Die Menschen dort wenden sich Kryptowährungen zu, vor allem Bitcoin, weil es notwendig ist,“entweder, um ihre Ersparnisse vor der Abwertung zu schützen, oder um Auslandsüberweisungen vorzunehmen, die ansonsten nicht möglich oder umständlicher wären.“ Man sieht das an Venezuela, Nigeria, El Salvador oder auch Vietnam.

Damit freilich ist DeFi unter den eigenen Ansprüchen geblieben. Die Idee war einmal, Banken und Fonds und andere Dienstleister überflüssig zu machen. Die „Bankless“, die Menschen ohne Bankkonto, sollten nicht nur ein elektronisches Geld wie Bitcoin bekommen, sondern auch Bankdienstleistungen wie Zinsen oder Darlehen, und all das, ohne von US-Großkonzernen mit Überwachungsambitionen abhängig zu werden. DeFi könnte extrem befreiend wirken und damit gerade für Schwellenländer interessant zu werden. Aber das scheint bisher kaum passiert zu sein. Stattdessen wurde es zum Spielplatz, auf dem die Reichen noch reicher werden können. Anstatt der Bankless sind es die Banken, die von DeFi profitieren.

Chainalysis fragt, „ob wir in den kommenden Jahren bei DeFi dasselbe Muster sehen werden wie bei Kryptowährungen, bei denen immer bereitere Bevölkerungsschichten beginnen, sie auch jenseits von Spekulation und Investment zu benutzen.“ Das wäre zu wünschen.

Über Christoph Bergmann (2115 Artikel)
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