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Oh du Jahr 2022, wohin wirst du gehen? Teil 1: Wo wir stehen

Nachdenklich stehender Spielzeugroboter. Bild von OiMax via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die Jahreseröffnung 2022 wird ergründen, was für einen Bullen- und was für einen Bärenmarkt spricht, und wie extrem diese in diesem Jahr ausfallen können. Im ersten Teil verorten wir aber, wo das Jahr beginnt.

Vielleicht übertreibe ich ja etwas. Aber mal ehrlich: Wann begann ein Jahr zuletzt so voller Ungewissheit wie 2022?

Da ist Corona, die Impfungen, die Querdenker-Spaziergänge. Dort Russland, Kasachstan, die Ukraine, China. Das milde Neujahrswetter – ein Symptom des Klimawandels? Wird der Strom weiter teurer? Werden auch Lebensmittel teurer? Braut sich im Nahen Osten und der Türkei die nächste Katastrophe zusammen?

Kaum weniger ungewiss startet 2022 für Kryptowährungen. Ich weiß nicht, was passieren wird. Aber ich weiß vielleicht, welche Fragen man stellen kann und bei welchen Entwicklungen man die Lauscher spitzen sollte.

Im Kern geht es um diese Frage: Wird 2022 ein Jahr der Bullen oder ein Jahr der Bären? Werden die Zahlen steigen oder sinken? Wird es besser oder schlechter? Darum rotiert alles.

In dieser Jahreseröffnung werde ich daher Gründe sammeln, die für einen Bären- oder Bullenmarkt sprechen. Danach werde ich ausloten, wie hoch oder tief diese gehen können, und schließlich erörtern, welche Ereignisse und Trends für Bullen und Bären von Bedeutung sind. Dies werde ich in den nächsten vier Artikeln präsentieren.

Zuerst aber – in diesem Artikel – möchte ich einige Worte zum aktuellen Standort verlieren. Es geht dabei fast rein um Charts und Kurse. Mit den echten Ereignissen, die rund um Bitcoin, Ethereum und Krypto stattfinden, werden wir uns in den folgenden Artikeln beschäftigen.

Marktkapitalisierung und Einhörner

Ich werde nur zwei Maße verwenden, um zu verorten, wo Kryptowährungen Anfang 2022 stehen: Marktkapitalisierung und Einhorn-Index.

Die Marktkapitalisierung meint den gesamten Wert aller Token zum aktuellen Preis. Wenn Bitcoin 37.988 Euro wert ist und es 18.926.881 Bitcoins gibt, beträgt die Marktkapitalisierung von Bitcoin etwas über 719 Milliarden Euro. Der Indikator der Marktkapitalisierung hat seine Schwächen, er bleibt aber alternativlos, um die Größe einer Kryptowährung zumindest vage zu bestimmen.

Der Einhorn-Index baut auf der Marktkapitalisierung auf. Er meint die Anzahl der Kryptowährungen, deren Marktkapitalisierung größer ist als eine Milliarde. Der Einhorn-Index kann helfen, die Kraft, aber auch eine Überhitzung des Marktes sichtbar zu machen.

Rund ein Drittel abgegeben

Wir beginnen mit der Marktkapitalisierung von Bitcoin:

Quelle für diesen und die folgenden Charts: Coinmarketcap.com

Der Jahreswechsel verlief hier recht eindeutig: Von rund 860 Milliarden Euro Ende Dezember humpelte die Marktkapitalisierung auf gut 700 Milliarden. Immerhin sprang der Kurs bei etwa 680 Milliarden Euro deutlich hinauf.

Noch unschöner sieht die 3-Monats-Perspektive aus:

Anfang November erreichte die Bitcoin-Marktkapitalisierung ein Allzeithoch von 1,1 Billionen Euro. Seitdem ist sie konsequent und kontinuierlich um mehr als ein Drittel gefallen, etwa 36 Prozent. Das sieht insgesamt nach einem schwachen Jahresauftakt aus.

Ähnlich ist die Lage bei Ethereum:

Ende Dezember betrug die Marktkapitalisierung noch 430 Milliarden Euro, heute liegt sie bei 340 Milliarden. Anfang November erreichte sie sogar 500 Milliarden. Auch Ethereum hat seit dem Höhepunkt rund ein Drittel abgegen.

Zuletzt zur Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen zusammen.

Alle Kryptowährungen zusammen sind aktuell etwa 1,8 Billionen Euro wert. Ende Dezember waren es noch gut 2,1 Billionen, im November sogar 2,6 Billionen.

Das sind die Größenordnungen, von denen wir reden. Der gesamte Markt hat zwischen November und heute rund 800 Milliarden Euro abgegeben. So schnell kann sich der Markt in wenigen Monaten füllen und leeren.

Vermutlich wird 2022 ähnlich heftige Marktbewegungen sehen. Gut möglich, dass der Markt nochmal 800 Milliarden Euro abwirft, aber ebenso möglich, dass er noch 1,2 Billionen Euro aufnimmt.

Das einzig Sichere, das man sagen könnte, ist: Es gab in den letzten drei Monaten kaum einen so günstigen Zeitpunkt, um Bitcoins zu kaufen, wie jetzt, Anfang 2022. Und das ist eine gute Nachricht – allerdings ist ebenso klar, dass der Preis noch durchaus sinken kann.

Von den vielen Arten der Einhörner

Der Einhorn-Indikator ist für zwei Erkenntnisse nützlich. Erstens zeigt er, wie kraftvoll ein Markt ist. Wenn ein Markt viele Einhorn-Startups (oder -coins) hervorbringen kann, hat er viel Energie. Allerdings zeigt er auch, wenn ein Markt überhitzt ist: Wenn es viele Projekte gibt, die zwar keine nennenswerte ökonomische Aktivität erreichen, aber die, rein wegen ihres Potenzials, mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden.

Also: Einhörner durch Handel und Umsatz — gut; Einhörner durch Spekulation und Marketing — schlecht. Um den Einhorn-Indikator richtig zu deuten, muss man als nicht allein die nackte Zahl anschauen, die Quantität, sondern auch die Qualität der Coins.

Insgesamt gibt es laut Coinmarketcap aktuell 90 Einhörner. Secret (SCRT) ist das 90. und letzte.

21 dieser Einhörner sind Supereinhörner mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 10 Milliarden Dollar.

Grob gesagt kann man die Einhörner in mehrere Kategorien einteilen:

  • „echte Kryptowährungen“ wie Bitcoin, Litecoin, Bitcoin Cash
  • Memecoins wie Dogecoin und Shiba Inu
  • Privacycoins wie Monero, Zcash, Dash, Mina
  • Smart-Contract-Coins wie Ethereum, aber auch Binance Coin, Polkadot, Avalanche, Cardano, Solana, Cosmos und viele mehr.
  • DeFi-Startups wie Uniswap, Compound, Yearn, Curve, Maker
  • Stablecoins wie USDT, USDC, DAI, UST …
  • „Andere Blockchains“ und „Tangles“: Ripple, Stellar, IOTA …

Die Supereinhörner dagegen findet man in diesen Kategorien

  • „echte Kryptowährungen“ (Bitcoin)
  • Smart-Contract-Plattformen (Ethereum, BNB, Solana, Cardano, Terra, Polkadot, Avalanche, Polygon, Near)
  • Stablecoins (USDT, USDC, BUSD, UST)
  • „Andere“ (Ripple)
  • Memecoins (Dogecoin, Shiba Inu)
  • DeFi / Dapp (Chainlink, Uniswap, Wrapped Bitcoin)
  • Startup (Crypto.com)

Es lohnt sich, über diese immer größer werdende Herde von Einhörnern nachzudenken. Die Klassen bilden die Bereiche ab, in die der Kryptomarkt sich mittlerweile ausgefächert hat, und es ist faszinierend, zu sehen, wie breit der Markt 2022 aufgestellt ist. Ein paar Gedanken dazu:

  • Es ist wichtiger, innerhalb eines Segmentes auf den richtigen Coin zu setzen, als auf das richtige Segment.
  • Die Segmente sind unterschiedlich dynamisch. Einige sind stabil, andere in ständiger Bewegung. Die einen sind gut für ein langfristiges Investment, die anderen eher für Spekulationen.
  • Echte Kryptowährungen machen nur einen sehr geringen Teil der Einhörner aus, und Bitcoin steht hier unangefochten an der Spitze. Dieses Segment wirkt statisch und wenig überhitzt.
  • Braucht es tatsächlich Memecoins im zweistelligen Milliardenwert? Vielleicht weist dies auf die Überhitzung des Segments, aber vielleicht auch auf eine Stärke des gesamten Marktes hin. Memecoins können rasch fallen und rasch steigen, was für spielerische Naturen interessant sein könnte.
  • Alle sind sich einig, dass Privacycoins nützlich und gut sind, doch tatsächlich genutzt wird allenfalls Monero, und das auf eher geringem Niveau. Wenn Coins wie Mina oder Secret, die eher Proof of Concept als echte Währung sind, mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden, weist das auf eine Überhitzung hin.
  • Andererseits sind Privacycoins als Ganzes eher gering bewertet. Es gibt nicht ein Supereinhorn.
  • Smart-Contract-Plattformen wie Ethereum sind extrem nützlich. Das ist nach 2020 und 2021 erwiesen. Ebenfalls erwiesen ist, dass Ethereum alleine den Bedarf nicht stemmen kann. Daher ist das Feld der „Ethereum-Killer“ ein dankbarer Markt.
  • Doch die schiere Menge an Ethereum-Killern, die ohne ein echtes Ökosystem – und teils ohne überhaupt funktionierende Smart Contracts – den (Super-)Einhorn-Status erreichen, sollte ein Warnsignal sein. Der Markt ist bereit, extreme Summen auf Coins zu setzen, die noch fast reines Potenzial sind. Es wird hier Gewinner geben, aber auch blutige Verlierer.
  • DeFi könnte die Zukunft des Finanzwesens sein. Es ist absolut angemessen, wenn einzelne DeFi-DAOs eine Bewertung in der Größenordnung von Banken erhalten. Daher scheint die Überhitzung hier eher gering zu sein, vielleicht sind die Titel bisher noch unterbewertet. Allerdings wird es Tops und Flops geben, neue Einhörner werden entstehen und alte werden vergehen. Das Segment ist extrem dynamisch.

Auf den ersten Blick weist ein Einhorn-Index von 90 darauf hin, dass der Markt grob überhitzt ist. Wenn man näher hinschaut, zeigt sich aber, wie vielfältig der Markt mittlerweile ist. Wenn er überhitzt ist, dann nur auf einzelnen Segmenten. Allerdings kann eine Korrektur und Auskühlung auch andere Segmente anstecken.

Auf der einen Seite liegen in Einhorn-Token viel Potenzial. Ein Coin, der eine Milliarde schafft, schafft auch 2, 3, 5 oder gar 12 Milliarden Dollar. Dafür braucht er noch nicht mal ein echtes Ökosystem, wenn das Segment gerade trended, wie es unter anderem Cardano, Polkadot, Dogecoin oder Shiba Inu gezeigt haben. Die Krypto-Märkte sind in der Lage, ein reines Versprechen mit mehreren Zehnmilliarden Dollar aufzublasen.

Darin liegen Chancen – aber auch extreme Risiken: So rasch wie ein Coin zum Super-Einhorn wird, so rasch kann er auch wieder in den Staub fallen. Gerade in den dynamischeren Segmenten sollte man sich dies stets vor Augen führen.

Aber all das is eine Momentaufnahme: Sie friert ein, wenn wir uns der Gegenwart nähern. Sie reicht nicht in die Zukunft.

Der werden wir uns in den folgenden Teilen der Jahreseröffnung widmen.

Über Christoph Bergmann (2257 Artikel)
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6 Kommentare zu Oh du Jahr 2022, wohin wirst du gehen? Teil 1: Wo wir stehen

  1. Ich bin nicht überhaupt nicht überzeugt von der Aussagekraft von Marktkapitalisierung und Einhorn-Index. Warum? Weil wir schlicht keinerlei Vergleichsmaßstab haben, was im Falle von Kryptowährungen und -token als hohe und was als niedrige Kapitalisierung zu werten ist, denn etwas Vergleichbares hat es in der Geschichte der Menschheit eben noch nicht gegeben. Kryptowährungen sind keine Aktien, daher ist auch die Übertragung dieses „Einhorn“-Status sinnfrei und vollkommen willkürlich gewählt: Warum sollen Kryptos ausgerechnet ab 1 Milliarde als überbewertet gelten? Warum nicht schon ab 100 Millionen, oder erst ab 10 Milliarden? Wir haben schlicht keinen Maßstab. Bei den Aktien haben wir den, denn wir können Kurs und Marktkapital in Relation setzen zu Umsatz, Gewinn, Dividende, Wachstumsraten usw. Und wir blicken auf mehrere Hundert Jahre Wirtschaftsgeschichte zurück mit etablierten Maßstäben für ebendiese Relationen.

    Bei Kryptowährungen und -token müssen diese Maßstäbe erst noch gefunden und historisch etabliert werden – und zu finden sind diese Maßstäbe dann außerdem nicht generell über die gesamte Branche hinweg, sondern nur, indem man die vom jeweiligen ganz konkreten Projekt tangierte Ökonomie analysiert:

    Es gibt Projekte, deren Tokenomics so gestaltet sind, dass die Besitzer der jeweiligen Governance-Token Erlösanteile aus Gebühren der Plattform erhalten, wie z.B. bei manchen DeFi-Exchanges. Deren Bewertung könnte man am ehesten noch vom Aktienmarkt ableiten, entsprechend dem Verhältnis von Kurs/Marktkapitalisierung und Dividende.

    Reine Kryptowährungen wie BTC hingegen haben völlig andere Tokenomics: hier nimmt die Spekulation die mögliche künftige Marktkapitalisierung, die sich aus der Nutzung ergeben wird, vorweg. Welches Maß aber an künftiger Nutzung realistisch ist, ist kaum zu taxieren, zumal sich mehrere Kryptowährungen nebeneinander etablieren könnten, die sich gegenseitig Anteile in den Bereichen POS-Zahlung, Vermögenstransfer und Store of Value streitig machen.

    Dann gibt es die vielen Scam-Projekte, deren Token im Grunde nur dazu dienen, die Gründer reich zu machen, die aber keinerlei inhärente Funktion besitzen. (Z.B. wenn man Gebühren für die Benutzung von SmartContracts genauso gut in ETH oder USDT bezahlen lassen könnte.)

    Kurz: Kryptowährungen und -token nach der Marktkapitalisierung bewerten zu wollen, und das auch noch gleichermaßen über alle Marktsegmente hinweg, ist wie den Geschmack von Bananen und Zitronen nach dem Grad der Salzhaltigkeit bewerten zu wollen: nämlich komplett willkürlich und sinnfrei.

    • Volle Zustimmung. Die Werte sind supoptimal. 1-Mrd-Dollar ist eine willkürliche Schwelle. Ich verwende sie einfach mangels besserer Alternativen.

      Vielleicht hat die Marketcap den Wert, dass sie uns eben die Unterschiede zwischen Kryptowährungen und Startups vor Augen führen?

    • „Reine Kryptowährungen wie BTC hingegen haben völlig andere Tokenomics: hier nimmt die Spekulation die mögliche künftige Marktkapitalisierung, die sich aus der Nutzung ergeben wird, vorweg.“ Das passiert aber auch bei vielen Aktien, bsp. Amazon oder Tesla.

  2. Ja, und sie zeigt uns die völlig irrationale, extreme Divergenz zwischen den Bewertungen unterschiedlicher Krypto-Projekte, für die sich kein realer/ökonomischer Grund finden lässt. Es gibt reine Spaß- oder Nachahmerprojekte im Supereinhorn-Bereich, und im Gegenextrem Projekte unterhalb von 10 Millionen (!) mit realem Use Case und durchaus großem Zielmarkt. Also zum Beispiel:

    Shiba Inu (SHIB): 17,5 Milliarden USD
    –> ein Nachahmerprojekt eines Spaßprojekts

    SpankChain (SPANK): 5,5 Millionen USD
    –> ein Projekt, das zensurresistente und anonyme Zahlungssysteme für Nutzer und Sex Worker der Adult-Branche entwickelt — ein Markt, der einerseits milliardenschwer ist und der andererseits häufig mit Zensur der etablierten Zahlungsdienstleister konfrontiert ist, der also einen offensichtlichen, realen Bedarf an einer Krypto-Lösung haben könnte.

    Unabhängig davon, wie man die Erfolgschancen beider Projekte einschätzen mag: Eine Marktkapitalisierung, die ein Spaßprojekt wie SHIB mit mehr als dem 3.000-Fachen bewertet im Vergleich zu einem Projekt mit potentiell realem Nutzen wie SPANK — das ist absurd. Dafür, aber auch nur dafür, ist der Maßstab Marktkapitalisierung von Nutzen.

    • Nachtrag: Das Posting bezog sich auf Christophs Antwort …

      Und ich muss zugeben, im Beispiel auch Äpfel mit Birnen verglichen zu haben, nämlich eine reine Kryptowährung (auch wenn sie ein Spaß-/Nachahmerprojekt ist) mit einem Governance Token. Vielleicht häte ich SPANK besser einem Projekt wie ICP gegenübergestellt.

    • Absurd, ja. Darüber grübele ich auch schon eine Weile nach.

      Was ist ein „realer/ökonomischer Grund“? Wenn ein Coin ein Meme mit einem funktionierenden Ledger verbindet und es einen Markt dafür gibt – ist das ein realer ökonomischer Grund?

      Und wenn die Kapitalisierung zwischen Shiba Inu und SpankChain so weit auseinandergeht – hat SpankChain vielleicht einfach das falsche Modell gewählt? Zeigt die extreme Kluft nicht gerade eben, dass die Form der Finanzierung wichtiger ist als der Inhalt?

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