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Liquidieren russische Oligarchen derzeit in Dubai Bitcoins im Miliardenwert? Eher nicht.

Dubai 2012. Bild von Julien Mattei via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Reuters berichtet „exklusiv“, wie geflohene Russen in Dubai Bitcoins im Wert von Milliarden eintauschen. Sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Ente.

Krypto-Unternehmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten werden, so der Mediendienst Reuters, mit Anfragen geflutet, „Milliarden von Dollar in virtuellen Währungen zu liquidieren, während Russen einen sicheren Hafen für ihr Vermögen suchen.“ So berichteten es Quellen der Szene und Manager der Krypto-Unternehmen.

Einige der Kunden der Unternehmen nutzten Kryptowährungen, um in den Emiraten Immobilien zu kaufen, während andere ihr virtuelles Geld in echtes Geld tauschen wollten. Reuters berichtet von einer Firma, die angeblich im Lauf der letzten zehn Tage zahlreiche Anfragen von Brokern aus der Schweiz erhalten habe, deren russische Kunden derzeit fürchteten, dass die Schweiz ihre Assets einfrieren. Ein Manager habe erzählt, dass es in keiner der Anfragen um weniger als zwei Milliarden Dollar gegangen sei. Bisher sei aber noch kein Geschäft abgeschlossen worden.

Der Broker erzählt: „Wir hatten einen Kerl – ich weiß nicht, wer er ist, aber er kam über einen Broker – und der so: ‚Wir wollen 125.000 Bitcoins verkaufen‘. Und ich: ‚Was? Das sind 6 Millionen, Leute‘. Und er dann: ‚Ja, wir werden es an ein Unternehmen in Australien senden.“

Sanktionen gelten auch für Kryptowerte

Reuters hat sich danach in der Schweiz umgehört, was dran ist an den sanktionierten Kryptowährungen.

Das Wirtschaftsministerium gab zwar keine Auskunft über tatsächliche Sanktionen für Krypto-Wallets, bestätigte aber, dass sie Subjekt derselben Sanktionen seien, die für andere russische Assets gelten. Quellen in Dubai wiederum bestätigten, dass gerade zahlreiche Russen und Belarussen in die Emirate zogen und „mitbringen, was sie bringen können, auch in Krypto“, und dass sie Kryptowährungen nutzten, um sich dort Immobilien zu kaufen.

Zugleich haben die großen Börsen, etwa Coinbase oder Binance, begonnen, den Handel von Russen mehr oder weniger weit einzuschränken und deren Coins, mehr oder weniger weitflächtig, einzufrieren. Die meisten Börsen von Rang betonen, verhindern zu werden, dass Russen Sanktionen mithilfe von Kryptowährungen unterwandern.

Die Aussicht, dass dies geschieht, alarmiert offenbar westliche Politiker. So bemerkt Reuters, dass Länder wie Deutschland oder Estland nach Wegen suchen, solche Schlupflöcher zu schließen, während Diplomaten zwar versuchen, auf die Emirate einzuwirken, sich den Sanktionen anzuschließen, aber wenig Hoffnung auf Erfolg haben. Die FATF hat die Emirate Anfang März auf die graue Liste gesetzt, womit das Land und seine Anfälligkeit für Geldwäsche intensiv beobachtet werden wird.

Insgesamt klingt die Geschichte mit den Russen, die Kryptowährungen im Wert vieler Milliarden abstoßen, plausibel, oder?

Freilich, es gibt ein paar Lücken.

Wenig sinnvolle Transaktionen

Zunächst: Haben die Russen all diese Bitcoins nach Ausbruch des Krieges gekauft?

Es müssen viele Coins gewesen sein. SEHR viele. Die Broker erzählen von vielen Anfragen – mehr als jemals zuvor –, die alle Beträge von MEHR als zwei Milliarden Dollar betreffen. Selbst wenn wir annehmen, dass Reuters Bescheid über sämtliche Versuche weiß, und selbst wenn alle Russen, die in Krypto geflüchtet sind, in demselben Zeitfenster auscashen wollten – beides eher unwahrschenlich – selbst dann wäre der Vorgang unrealistisch: Erstens sind so viele Bitcoins nicht auf den Märkten verfügbar, und selbst wenn, würde ein solcher Erwerb die Preise gewaltig anheben. Unmöglich, dass eine so massive Einkaufstour unbemerkt geblieben ist.

Die Russen müssten diese Bitcoins also schon zuvor gehabt haben. Das wiederum ist gut möglich, da Russen nach Schätzung des Kremls Kryptowährungen im Wert von rund 200 Milliarden Dollar halten oder gehalten haben. Dass viele diese nun nutzen, um das Land zu verlassen und sich woanders eine Existenz aufzubauen – das ist äußerst wahrscheinlich und zeigt, welche Rolle Bitcoins in zeitgenössischen Konflikten und Fluchtbewegungen spielen. Es wird nie wieder so sein wie früher. Leute, die vor Gewalt und Krieg und Autokraten fliehen, müssen ihr Vermögen nie wieder komplett zuhause lassen.

Sehr viel weniger wahrscheinlich ist aber, dass Russen nun plötzlich SÄMTLICHE Bitcoins, die sie über die Jahre hin angehäuft haben, auf einen Schlag verkaufen. Ein Verkauf von 125.000 Bitcoins würde, selbst außerbörslich, die Preise umwerfen. Weiter wäre eine Summe von sechs Milliarden Dollar nicht ohne weiteres in Immobilien zu stecken, ohne deren Preise deutlich zu erhöhen. Es wäre also ein gewaltiges Verlustgeschäft, das offenbar ohne Not heraus geschieht: Wer braucht schon SOFORT sechs Milliarden Dollar oder Immobilien in diesem Wert?

Und vor allem: Wer will die Bitcoins in Fiatgeld wechseln, um sie nach Australien zu senden, das sich in die Sanktionen einreiht – weil er Sanktionen vermeidne will?

Wenn überhaupt, dann ergibt dies alles nur Sinn, wenn die absolute Not keine andere Option zulässt: wenn die entsprechenden russischen Milliardäre einen Anlass haben, in blanke Panik zu verfallen. Wenn noch der schlechteste Deal die beste Option ist. Reuters schließt diese Lücke durch die Aussage, die Russen tragen Sorge, dass ihre Kryptowährungen in der Schweiz eingefroren werden.

Spätestens an der Stelle sollte ein Leser aufmerksam werden. Halten die Russen Kryptowährungen in Milliardenwerten auf den Konten Schweizer Börsen? Und sie sind in der Lage, sie an Broker in die Emirate überweisen – aber nicht an eine eigene Wallet, die sicher vor Konfiszierungen ist?

Kein Asset ist so sicher vor einer Konfiszierung wie eine Kryptowährung. Wenn ein russischer Oligarch in Dubai Cash oder Immobilien besitzen kann, dann kann er auch Bitcoins halten und tauschen.

Die Geschichte wird damit schon etwas weniger plausibel. Sie schrammt schon an der Grenze zur Unglaubwürdigkeit. Den Todesstoß gibt ihr aber eine andere Beobachtung.

Ein lange bekannter Scam

„Ok“, schreibt jemand auf Twitter, „diese 100k plus BTC ‚deals‘ über die die Leute derzeit reden, sind Betrug.

Es sind Treuhand-Scams, bei denen sie versuchen, dich dahin zu bringen, eine Sicherheit für einen Trade an einen Treuhänder zu übergeben, mit dem sie unter einer Decke stecken. Diese Scams waren schon immer da und verkleiden sich derzeit einfach nur als Russen, um echter zu wirken.“

Ein anderer bestätigt: „Das macht keinen Sinn – warum sollte man Bitcoin zu Fiat liquidieren, um es nach Australien zu schicken – dies klingt wie ein Betrugsversuch. Ich erinnere mich an diese verrückten OTC Anfragen aus dem Frühjahr 2018“.

OTC meint „Over the Counter“ und bezeichnet den außerbörslichen Handel.

Jemand anderes erzählt, solche Geschichten aus Dubai nun schon seit vier Jahren zu hören.

Und Jesse Powell von Kraken bestätigt: Er habe solche Versuche im Lauf der Zeit so oft erlebt. Kein einziger war legitim, kein einziger habe bewiesen, Zugriff auf eine Wallet mit so vielen Coins zu haben.

Und so weiter. Es scheint also ziemlich offensichtlich, dass Reuters – und auch die beteiligten Broker – hier einer Ente auf den Leim gingen. Nun wird auch verständlich, warum keiner der Deals zustande gekommen sei: Die Coins waren niemals da, und die Broker nicht bereit, auf die Bedingungen der angeblichen Verkäufer einzugehen.

Bitcoins spielen dennoch eine große Rolle

Um das ganze nicht falsch zu verstehen: Es gibt mit großer Sicherheit Russen, die viele Bitcoins besitzen. Viele dieser Russen sind mit großer Sicherheit mit diesen Bitcoins aus dem Land geflohen, und viele werden sie auch verkaufen, und ja: sie werden sie gegen Fiatgeld wechseln, damit Immobilien tauschen, und vielleicht auch an Unternehmen in Australien senden.

Der Einfluss russischer Bitcoins sollte nicht unterschätzt werden. Das Vermögen, das Russen derzeit vor Sanktionen, Inflation und Wirtschaftskollaps durch Kryptowährungen retten, kann in der nahen und mittleren Zukunft der russischen Geschichte eine enorme und bedeutungsvolle Rolle spielen. Es kann, wie wir bereits beschrieben haben, die Hyperbitcoinisierung in Russland massiv beschleunigen und zum Ausverkauf der russischen Volkswirtschaft an Bitcoin-Barone führen.

Dass aber hunderttausende russischer Bitcoins auf einen Schlag bei Brokern in den Emiraten und der Schweiz aufschlagen, ist äußerst unglaubwürdig.


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