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Wie Chinesen NFTs benutzen, um die Zensur zu umgehen

Aus dem Video "Voices of April".

NFTs sind weithin als Hype bekannt – als Hype, der es immerhin Künstlern ermöglicht, durch Token auf der Blockchain Geld zu verdienen. Sehr viel weniger bekannt ist, dass NFTs in China eine zunehmend wichtige Rolle darin spielen, die Great Firewall zu brechen.

Das Wall Street Journal berichtete vor kurzem ausführlich darüber, wie Chinesen Non Fungible Token (NFTs) verwenden, um die allgegenwärtige Internetzensur zu unterwandern.

Besonders wichtig wurde dies im Zuge des Mega-Lockdowns von Shanghai. Während hierzulande der Konsens herrscht, dass Corona „vorbei“ ist, weil wir alle geimpft sind und die Sonne scheint, hält die Kommunistische Partei (KP) an ihrer Zero-Covid-Strategie fest. Als in Shanghai die Fallzahlen stiegen, riegelte sie promnpt die gesamte Stadt ab. Die 26 Millionen Einwohner – mehr als in Baden-Württemberg, Niedersachen und Hessen zusammen leben – wurden in ihre Wohnungen gesperrt, Nahrungsmittel gab es nur noch auf Bestellung, und dann zum Teil auch eher knapp als üppig.

Am 22. April ging das Video „Voices of April“ in den sozialen Medien viral. Es zeigt die leeren Straßen Shanghais, während dazu die Gespräche und Klagen der Einwohner zu hören sind. Die chinesische Führung regierte wie stets auf Kritik – sie zensierte das Video, ganz nach Orwell: Wer die Zukunft beherrschen will, muss die Vergangenheit beherrschen.

Aber diesmal kam sie damit nicht durch. Denn die chinesischen Internetuser benutzen schon seit einiger Zeit NFTs, um Medien davor zu bewahren, vergessen zu werden.

Die Blockchain nimmt den Gewinnern die Macht, Geschichte zu schreiben

Auf OpenSea sind zahlreiche NFTs unter dem Titel „Voices of April“, auf chinesisch siyuezhisheng, gelistet. Die damit verbundenen NFTs verweisen auf das Video.

Darüber hinaus findet man NFTs mit Fotos, Videos und Audiodateien, die die Erfahrungen der Chinesen mit den letzten Lockdowns dokumentieren. Ebenso findet man NFTs zu Li Wenliang, jenem Arzt, der als erster Corona entdeckte, bevor er an Covid-19 verstarb. Die chinesische Regierung unterdrückt das Andenken an ihn, die NFTs erhalten es.

Die alte Weisheit, dass Geschichte von den Gewinnern geschrieben wird, könnte damit an ihr Ende gelangen. Orwells Rede, dass derjenige die Vergangenheit beherrscht, der die Gegenwart beherrscht, greift ebenfalls nicht mehr ganz, wenn es einen Teil der Gegenwart gibt, der sich der Beherrschbarkeit entzieht – eine Blockchain. Die Verlierer haben einen Raum, in dem sie ihre Erfahrungen auf eine Weise dokumentieren können, dass die Gewinner sie nicht aus dem Gedächntis tilgen können. Ihre Erinnerungen und Stimmen überdauern.

Aber wie funktioniert es? Schaffen NFTs wirklich dauerhafte Zensurresistenz? Und bleiben die Erinnerungen in einem Zirkel an Nerds, die per Tor und VPN sowieso im Internet des Westens surfen – oder erreichen sie jedermann? Und überhaupt – warum benutzt man NFTs?

Unlöschbare Dateien

Zunächst einmal kann man ein NFT tatsächlich nicht löschen. Es ist ein Token auf einer Blockchain, das mit Informationen verbunden ist. Im einfachsten Fall wäre diese Information ein Foto, eine Nachricht oder ein Video.

Wenn man Nachrichten direkt auf der Blockchain ablegt, bräuchte man aber kein Token. Die großen Blockchains, wie Bitcoin oder Ethereum, sind dafür natürlich viel zu teuer. Aber es gibt zahlreiche kleinere Blockchains, oder Blockchain-Projekte, die für das zensurresistente Speichern von Informationen konzipiert sind. In China scheinen derzeit Arweave und LikeCoin beliebt zu sein; sie verzeichnen ein rasantes Wachstum seit Beginn der Pandemie. China dreht die Zensur auf, die chinesischen User strömen zu Blockchains.

LikeCoin hat sogar ein WordPress-Plugin, durch das man Posts permanent auf der Blockchain abspeichern kann. Es wird angeblich von 8.000 Webseiten in China genutzt und hat mehr als zwei Millionen Artikel archiviert, darunter auch zahlreiche von Apple Daily, einer ehemalige Hongkonger demokratischen Zeitung, die von der Regierung im vergangenen Jahr geschlossen wurde.

Allerdings braucht man nicht zwingend eine Blockhain hierfür. Netzwerke wie das Interplanetary File System (IPFS) speichern Informationen und Dateien ebenfalls dezentral ab, was die Zensur zwar nicht unmöglich macht, aber doch erschwert. Es gibt Berichte, dass das IPFS in China durch die Great Firewal gesperrt sei, aber auch andere Berichte, dass es verfügbar sei.

Aber wozu dann ein NFT? Und warum wurden NFTs sogar zum Goldstandard bei der Umgehung der Zensur?

Das NFT als Anker

Die Antwort findet man in einer weiteren Frage: Wie findet man die Dateien? Blockexplorer, zumal bei kleineren Blockchains, haben selten direkte Suchfunktionen; das IPFS speichert Dateien durch eine Hash ab. Die einen wie das andere machen es zwar möglich, Informationen einfach und sicher zu speichern – aber sie machen es schwer, sie zu finden.

Und nun kommen die NFTs ins Spiel. Sie speichern nicht die Dateien ab – diese liegen in der Regel im IPFS – sondern einen Link dorthin. Sie verknüpfen den Link mit einem einfach zu findenden Suchwort, etwa „Voices of April“.

Am einfachsten ist die Suche über OpenSea, den größten NFT-Marktplatz. Der aber ist von der Great Firewall blockiert, weshalb man ein VPN braucht, um ihn zu betreten. Man könnte daher sagen: Wer ein VPN benutzt, der kann gleich eine Datei auf Google-Drive speichern. Aber das stimmt nicht ganz. Denn ein NFT auf der Ethereum-Blockchain beispielsweise kann man über eine Vielzahl an Plattformen finden.

Wenn die KP OpenSea blockiert, dann geht man eben auf SuperRare, und wenn das auch gesperrt ist, dann auf NFT-Stats und so weiter. NFTs sind wie die Nadel, die durch die Firewall bricht – man kann die Löcher zwar flicken, aber nicht verhindern, dass sie wieder und wieder durchsticht.

Katz und Maus oder Durchbruch?

Die Kombination von NFTs und IPFS macht es unmöglich, unliebsamen Content vollständig zu beseitigen, und es macht es sehr schwer, es zu verhindern, dass dieser Content auf eine einigermaßen nutzerfreundliche Weise geteilt wird. Sobald ein Stichwort steht – etwa „Voice of April“ – reicht es aus, einen nicht-zensierten NFT-Explorer zu kennen, um den Content zu finden.

Vielleicht handelt es sich dabei nur um eine weitere Runde des üblichen Katz-und-Maus-Spiels zwischen Zensur und Volk. Vielleicht ist es aber auch ein Durchbruch, der die Machtverhältnisse dauerhaft zuungunsten der Zensoren verschiebt.

Eine weitere, nicht ganz bedeutungslose Nebenerkenntnis ist übrigens, dass Chinesen weiterhin Kryptowährungen benutzen. Man braucht Ether, um NFTs zu prägen, und wenn man sie auf einer Sidechain wie Polygon veröffentlicht, weil das günstiger ist, braucht man MATIS-Token. Allen Verboten zum Trotz schaffen es Chinesen offenbar weiterhin, den Handel mit Kryptowährungen am Leben zu halten.

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5 Kommentare zu Wie Chinesen NFTs benutzen, um die Zensur zu umgehen

  1. Sehr interessant, das sich hier das IPFS durchsetzt und Cryptos weiter ihren Zweck in China erfüllen.

    Ich frage mich nur warum die dezentrale Cloud des Sia Netzwerks sich hier nicht durchsetzten kann.
    Wahrscheinlich weil IPFS weniger kostet.

    • Wenn ich raten müsste – Sia ist zu umständlich zu benutzen? Zu wenig Adoption?

    • Oder gar Filecoin, als Blockchainnachfolgeprojekt von IPFS…

      Wahrscheinlich brauchen Chinesen aber keine zusätzlichen wirtschaftlichen Anreize, um die Inhalte über IPFS zu vervielfältigen. IPFS ist ja ebenfalls sehr dezentral, wenn das Interesse an den Dateien stark genug ist. Proof of Storage ist dafür gar nicht nötig.

  2. China ist – wider Erwarten – auch wieder auf Platz zwei der BTC-Hashrate, nach den USA: https://www.jbs.cam.ac.uk/insight/2022/bitcoin-mining-electricity-update-new-data/

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