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Token, die an einer Seele kleben

Schwerpunkt NFT

World of Warcraft. Bild von hmomoy via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Soulbound-Token sind eine sehr spezielle Art von NFT: Sie sind nicht übertragbar. Das macht sie für zahlreiche Anwendungen enorm interessant.

Vitalik Buterin ist dafür bekannt, nicht nur ein Informatikgenie zu sein, sondern auch ein oder zwei Dutzend Sprachen zu beherrschen.

Vor kurzem demonstrierte der Mitgründer von Ethereum, dass er sich auch mit Computerspielen auskennt. Genauer gesagt: mit World of Warcraft. Denn dieses diente ihm als Inspiration, um sein Konzept der Soulbound-Token vorzustellen.

„Ein Feature von World of Warcraft“, das außerhalb von Insidern kaum diskutiert werde, erklärt Vitalik, sei „das Konzept von Soulbound Items. Ein Soulbound Item kann, nachdem es einmal aufgenommen wurde, nicht an andere Spieler weitergeben oder verkauft werden.“

Die meisten richtig mächtigen Items in World of Warcraft, die, die jeder haben will, seien „an eine Seele gebunden“. Man kann sie nicht kaufen, sondern muss einen mächtigen Obermotz plattmachen, um sie zu haben.

Soulbound-Items sind eine Auszeichnung, die man sich nicht kaufen, sondern nur verdienen kann.

Es geht nicht immer nur ums Geld

NFTs sind bisher wie die normalen Items bei World of Warcraft.

„Wenn jemand dir zeigt, dass er ein NFT hat, das man erhält, wenn man X tut“, schreibt Vitalik, „dann kannst du nicht sagen, ob er X selbst getan oder nur jemand anderes dafür bezahlt hat.“ In vielen Fällen ist das kein Problem. Wenn jemand derzeit etwa einen Bored Yacht Ape als Twitter-Avatar verwendet, signalisiert er nur eines – dass er es sich leisten kann. Und das ist in Ordnung.

„Aber was, wenn du ein NFT schaffen willst, bei dem es nicht darum geht, wer das meiste Geld hat, sondern das tatsächlich etwas signalisiert?“ Als Beispiel nennt Vitalik POAP, das „Proof of Attendance Protokoll“, zu deutsch: „Protokoll, um die Teilnahme zu beweisen“. POAP ist, so die Selbstbeschreibung, „eine neue Art, zuverlässige Aufzeichnungen über Lebenserfahrungen zu schaffen. Jedes Mal, wenn POAP-Sammler an einem Event teilnehmen, bekommen sie eine einzigartige Auszeichnung, die durch kryptographische Aufzeichnungen dokumentiert wird. Diese Auszeichnungen sind Nicht-Fungible Token (NFT).“

Mit POAP können Projekte NFTs versenden, die zeigen, dass jemand an einem bestimmten Event teilgenommen hat, beispielsweise einem Workshop für World of Warcraft. Oder einem Erste-Hilfe-Kurs. Oder an einer Modeshow in Italien.

Die Anwendungen dafür leuchten unmittelbar ein: Jemand kann den Motor eines Bootes nur anwerfen, wenn er einen Kurs besucht hat. Jemand kann einen Chat nur betreten, wenn er zuvor einen Workshop zum Thema besucht hat. Und so weiter.

Das NFT von POPA soll ausdrücklich nicht signalisieren, dass jemand genügend Geld hat, um es sich zu kaufen – sondern dass jemand persönlich etwas getan hat. Doch was, wenn man die Token einfach verkaufen kann?

Es gibt bereits Hinweise darauf, dass dies bei POAP geschieht. Allein die Möglichkeit entwertet das Protokoll.

Demokratie statt Timokratie

Soulbound-Token sind offensichtlich für viele Anwendungen interessant. Eine davon sind Abstimmungen, Wahlen und „Regierung“ (Governance).

Er habe, meint Vitalik, „ad nauseam“ darüber geschrieben, dass „sehr schlimme Dinge passieren können, wenn man Governance-Mechanismen benutzt, aber die Macht einfach übertragbar ist.“ Wenn man eine Abstimmung durch Token organisiert, sollten diese nicht verkäuflich sein. Ansonsten wäre man in einer Timokratie anstatt einer Demokratie.

Soulbond-Token könnten es möglich machen, sogar demokratische Wahlen durch Token auf einer Blockchain abzuhalten.

Eine weitere Anwendung bringt die Börse Binance ins Spiel: Sie kündigt an, Soulbound-Token an User zu verteilen, die ihre Identität vollständig verifiziert haben. Dies soll ihnen in einem ersten Schritt erlauben, bei verschiedenen Projekten teilzunehmen. Langfristig könnte aber ein solches „KYC“-Token helfen, die lästige Verifizierung durch Selfies mit Ausweis loszuwerden. Warum nicht ein Soulbound-Token, das bestätigt, dass man seine Identität bei einer bestimmten Stelle verifiziert hat? Das könnte den digitalen Ausweis ersetzen.

Soulbound-Token sind definitiv interessant. Aber wie würden sie technisch funktionieren?

Der Account als Seele

Technisch sind Soulbound-Token nicht übermäßig komplex. Sie sind weniger ein neuer Standard, sondern eine Ergänzung bestehender Standards.

Bisher sind sie noch nicht im Einsatz. Vitalik Buterin hat mit E. Glen Weyl und Puja Ohlhaver ein Whitepaper über sie veröffentlicht; die ersten echten Anwendungen werden noch für dieses Jahr erwartet.

Es gibt bereits mindestens fünf Ethereum Improvement Proposals (EIP) zu Soulbound Tokens. Diese erlauben etwa, ein NFT an eine Seele zu binden. Man kann sie sich wohl wie eine Radklemme vorstellen: Sie fesseln das NFT an einen Account.

Ein Account bzw. eine Ethereum-Adresse wird damit zur „Seele“. Sie sammelt Soulbound Token.

Die heikle Frage nach der Privatsphäre

Aus Datenschutzgründen sollte man die Identitäts-Adresse natürlich von der Finanz-Adresse strikt trennen. Da man die Token nicht transferieren kann, ist es an sich noch nicht mal nötig, Ether auf diese Adresse zu senden.

Man hat die Soulbound-Token nicht in seiner Wallet, um etwas mit ihnen zu machen. Man möchte lediglich durch eine Signatur beweisen, dass man ihr Besitzer ist.

Aber natürlich dürften Soulbound-Token erst richtig Spaß machen, wenn man sie mit finanziellen Transaktionen verbindet. Man könnte beispielsweise ein Soulbound-Token als Berechtigung dafür nutzen, eine bestimmte Transaktion auszuführen. Etwa indem man eine Versicherung vorweist, ein Zertifikat, älter als 18 Jahre zu sein, oder die Mitgliedschaft in einem Club.

Unter Umständen könnte man ein Soulbound-Token auch in Smart Contracts verarbeiten, wenn dabei die Weitergabe unmöglich bleibt, beispielsweise um sich Geld zu leihen und eine tokenisierte Hypothek – oder ein Ausbildungszeugnis – als Sicherheit hinterlegt. Die Summe der Soulbound Token könnte automatisiert über die Kreditwürdigkeit entscheiden.

In solchen Fällen wird man in derselben Wallet, die die Seele bildet, auch Geld verwahren. Das kann unter Gesichtspunkten der Privatsphäre äußerst heikel sein.

Ein Vorschlag, den Vitalik in Stellung bringt, verdeutlicht unfreiwillig das Ausmaß dieses Problems. Vitalik rät dazu, Tornado Cash nutzen, um die Historie des Geldes zu verschleiern. Da aber Tornado vor kurzem mit Sanktionen des US-Finanzministeriums belegt wurde, dürfte das für die meisten nicht gehen. Selbst wenn, wäre es brandgefährlich – denn es würde ja die Seele selbst auf die Sanktionsliste setzen.

Für die Privatsphäre ist es also heikel, Soulbound-Token mit Geld zu verbinden. Es könnte auch heikel sein, zuviele Token einer Seele zuzuordnen. Wer will schon, dass die Börse, bei der man sich mit seinem Identitätstoken einloggt, weiß, dass man bei einem Biertrinkwettbewerb den ersten Platz abgeräumt hat? Und so weiter.

Daher wäre es wohl besser, man bildet mehrere Seelen. Idealerweise hat man je Seele nur ein Token.

Das aber führt in einen Zielkonflikt.

Vertrauen und Reputation

Zu verhindern, dass jemand ein Token überweist, ist ein technisches Problem. Das lässt sich onchain auf der Ebene der Smart Contracts leicht lösen.

Aber wie verhindert man, dass jemand seine Wallet verkauft? Technisch gibt es keine Möglichkeit, jemanden daran zu hindern, einen privaten Schlüssel zu verkaufen. Es handelt sich hierbei um ein soziales Problem.

Das ist auch Vitalik bewusst. Er schlägt unter anderem vor, es zu lösen, indem man die Soulbound-Token an eine ENS-Domain knüpft, etwa „wirklichich.eth“. Er geht davon aus, dass dies einen Anreiz abgibt, seine Adresse nicht zu verkaufen.

Tatsächlich dürfte es kaum eine andere Möglichkeit geben, als das Gewicht einer Seele zu erhöhen, um das Risiko zu senken, dass diese verkauft wird. Man erlaubt es demjenigen, der das Soulbound-Token akzeptiert, die Reputation einer Seele zu bewerten. Und je mehr solide, gute Token, desto glaubwürdiger die Seele, und desto größer das Vertrauen, das man ihr entgegenbringt.

Eine Seele, die lediglich einen einstündigen Online-Kurs absolviert hat, verkauft man ohne starkes Bedauern. Eine Seele dagegen, die einen Obermotz von World of Warcraft besiegt hat, die ein Abzeichen für das Besteigen des Mt. Everest enthält und mit einer verifizierten Identität und einer Autosicherung verbunden ist – so eine Seele dürfte niemand ohne weiteres verkaufen.

Eine solche Seele mit vielen Token führt uns aber wieder zurück zum Thema des Datenschutzes. Mit jedem weiteren Token verliert die Seele ein Stück Privatsphäre. Irgendeinen Preis muss man eben bezahlen.

Über Christoph Bergmann (2408 Artikel)
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6 Kommentare zu Token, die an einer Seele kleben

  1. Das „Seele verkaufen“ ist das Eine. Ich finde das „Seele verleihen“ viel problematischer. Wenn meine Seele nachweist, dass ich Film XY auf Netflix für immer gekauft habe, was hindert mich dann daran, diese Seele an meinen besten Freund zu verleihen, damit dieser sich den Film auch umsonst ansehen kann?

    • Wenn mit „leihen“ gemeint ist, die privaten Schlüssel zu überlassen, muss man schon extrem viel Vertrauen in den Freund haben. Wer einmal die Schlüssel aus der Hand gegeben hat, besitzt sie nie mehr allein.

      • Stimmt. Aber wenn ich bspw. eine „Netflix-Seele“ habe, habe ich da vielleicht weniger Skrupel, das zu verleihen. Aber stimmt – das kann ich immerhin nicht bspw. durch eine Passwortänderung wieder zurückziehen.

  2. „Verkaufen“ geht auch nicht, da der Käufer nie sicher sein kann, ob der Verkäufer nicht eine Kopie des Schlüssels behält.

  3. Aber im Auftrag von jemand anderem für dessen Geld den World of Warcraft Boss überwinden geht immer, dafür muss man dessen private Key nicht kennen, wenn man das gut abgestimmt mit dem organisiert.

    So gesehen, kann man seine Seele leider immer verkaufen.

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