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Mehr als 50 Prozent der Ethereum-Validatoren setzen Blacklist der US-Regierung um

Der Aufstieg der OFAC-konformen Blöcke (rote Fläche). Quelle: mevwatch.com

Mehr als die Hälfte aller Ethereum-Validatoren filtert Transaktionen gemäß einer Blacklist des US-Finanzministeriums. Wird Ethereum damit effektiv zensiert? Und wurde dies durch Proof of Stake erst möglich?

Um Finanzsanktionen durchzusetzen, führt die OFAC am US-Finanzminsterium Blacklists mit Personen oder Unternehmen, mit denen kein US-Bürger Geschäfte machen kann. Auf diesen Blacklists findet man mittlerweile auch Ethereum-Adressen, etwa von Tornado.Cash, einem dezentralen Mixer.

Mittlerweile werden mehr als die Hälfte der Ethereum-Blöcke auf eine „OFAC-konforme“ Weise gebildet: Die Validatoren bestätigen nur Transaktionen, die nicht auf den Blacklists stehen.

Eine tatsächliche Zensur findet allerdings noch nicht statt. Der Router von Tornado Cash sendet weiter Transaktionen, und diese Transaktionen werden weiter bestätigt.

Dennoch bereitet diese Entwicklung der Ethereum-Szene Sorgen – und sorgt unter Bitcoinern für eine gewisse Schadenfreude. Haben sie nicht schon immer gesagt, dass nur Proof of Work zensurresistent ist?

Aber ist dem wirklich so?

MEV-Booster

Das Ökosystem der Staker bei Ethereum ist extrem bunt. Mit 32 Ether sind die Anforderungen an einen Validator zwar nicht trivial, aber doch niedrig genug, um eine große Anzahl individueller Validatoren zu erlauben.

Die Ethereum-Staker nach etherscan.io

Diese Validatoren setzen die Blacklist nicht persönlich um. Stattdessen übernehmen sie sie duch die sogenannten MEV-Booster.

MEV-Booster sind Dienstleister, mit deren Hilfe Staker „Blockspace an einen offenen Markt von Block-Buildern verkaufen“ können. Dies erhöht nach manchen Angaben den Ertrag des Stakings um mehr als 50 Prozent, weshalb rund 60 Prozent der Validatoren ihre Blöcke von einem MEV-Booster bekommen, einem sogenannten „Relay“.

Der mit Abstand größte Relay ist Flashbots, der rund 80 Prozent aller MEV-Boost-Blöcke ausliefert. Flashbots filtert Transaktionen durch die OFAC-Blacklist. Auch andere, kleinere Relays handhaben dies so, etwa Blocknative und Eden Network.

Andere Relays verweigern sich der OFAC-Blacklist. Etwa BloXroute und Manifold. Allerdings stellen sie zusammen kaum mehr als 10 Prozent der durch MEV-Boost gebildeten Blöcke.

Die Webseite MEV Watch empfiehlt Validatoren, die Zensur verhindern wollen, diese MEV-Booster zu verwenden.

Noch keine Zensur

Bisher ist das Problem eher theoretisch. Wenn der eine Validator die Transaktion nicht bestätigt, macht es eben der andere. Die Transaktionen kommen durch, brauchen aber etwas länger.

Selbst im ungünstigsten Fall ist die Dauer verschmerzbar. Bei einer Filterrate von derzeit 50 Prozent dürfte es keine 30 Sekunden brauchen, bis eine Transaktion in einem Block landet; selbst wenn die Rate auf 80, 90 oder gar 95 Prozent steigt, werden es kaum mehr als 5 Minuten werden.

Dabei greift ein interessanter spieltheoretischer Mechanismus: Wenn jemand eine nicht OFAC-konforme Transaktion sendet, kann er Validatoren bzw. MEV-Booster durch eine höhere Gebühr dazu motivieren, sie zu bestätigen.

Validatoren, die sich dem Filter verweigern, werden profitabler arbeiten; Pools, die nicht filtern, können höhere Erträge auszahlen.

Wie Zensur entstehen kann

Bisher findet noch keine Zensur statt. Es hat sich lediglich etwas mehr als die Hälfte der Staker entschieden, keine Transaktionen zu bestätigen, die einen Ursprung haben, den das US-Finanzministerium für illegal erklärt hat.

Daran ist an sich nichts verwerflich. Redefreiheit bedeutet nicht, dass jeder jede Nachricht teilen und veröffentlichen muss. Wenn Validatoren gezielt filtern, kann dies positive Effekte haben. Ein Beispiel dafür ist es, wenn BloXroute anbietet, „Frontrunning“ zu filtern.

Damit aus dem Filter eine Zensur wird, muss etwas Entscheidendes passieren: Die OFAC-konformen Relays oder Validatoren dürfen nicht nur bestimmte Transaktionen ablehnen – sondern müssen die anderen Validatoren dazu zwingen, dies ebenfalls zu tun.

Technisch wäre dies möglich: Die Validatoren müssten sich weigern, auf einem Block aufzubauen, der gegen die OFAC-Blacklist verstößt. Dies würde allerdings die Blockchain vorübergehend forken, und es käme zu einem Wettrennen zwischen den beiden Versionen, der zensierten und der unzensierten Blockchain.

Gewinnen kann ein zensierender Validator dieses Rennen nur, wenn er mehr als 50 Prozent der Validatoren hinter sich hat. Ein gescheiterter Versuch dürfte riskant sein, da empfindliche Strafen durch das Slashing drohen.

Auf der anderen Seite dürfte bereits die Ankündigung ausreichen, um andere Validatoren davon abzuschrecken, Transaktionen von der Blacklist in einen Block zu bringen.

Proof of Work vs Proof of Stake

Bitcoiner fühlen sich durch die Nachricht im Recht. Sie haben ja schon immer gesagt, dass Proof of Stake nicht funktioniert. Nur Proof of Work sei zensurresistent. Aber ist es das wirklich?

Im Grunde existiert das Problem unabhängig vom Konsens-Mechanismus. Auch bei Bitcoin kann ein Miner die OFAC-Blacklist umsetzen, und es gibt Hinweise, dass einige Pools tatsächlich Transaktionen zensieren.

Und wie bei Ethereum ist es bei Bitcoin möglich, dass Miner einen Block ablehnen, die Blockchain forken und ein Rennen um die gültige Version machen. Bei Bitcoin Cash geschah dies bereits, um zu verhindern, dass unmittelbar nach einer Hardfork ein Fehler ausgenutzt wurde.

Die Unterschiede zwischen Bitcoin und Ethereum liegen eher in Details. Bei Proof of Work gibt es kein Slashing, weshalb das Risiko für Miner geringer ist, wenn sie versuchen, eine Zensur durchzusetzen. Sie haben im schlimmsten Fall umsonst gearbeitet. Dagegen macht Proof of Stake Akteure, die große Mengen ETH verwalten, zu einflussreichen Validatoren, wie etwa die Börsen Coinbase, Kraken oder Binance. Diese Börsen können nicht einfach den Standort wechseln und sind bereits reguliert. Es dürfte für die Aufsicht viel einfacher sein, sie anstatt die Miner zu zwingen,  Blacklists durchzusetzen.

Mein Eindruck ist, dass das Risiko tatsächlicher Zensur bei Ethereum größer ist als bei Bitcoin. Doch dieser Eindruck ist schwer zu versachlichen. Noch findet auf keiner Blockchain Zensur statt; möglich ist sie, theoretisch, auf beiden.

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3 Kommentare zu Mehr als 50 Prozent der Ethereum-Validatoren setzen Blacklist der US-Regierung um

  1. Noch findet auf keiner Blockchain Zensur statt; möglich ist sie, theoretisch, auf beiden.

    Man könnte einer potenziellen Zensur auch jegliche Grundlage entziehen und z.B. keine Adressen oder Beträge veröffentlichen, nur so als Idee…

    Bei Monero gibt es eine einzige Möglichkeit der Zensur: Ein Akteur, der die Mehrheit der Hashrate erlangt könnte alle Transaktionen zensieren und leere Blöcke minen, gezielt einzelne Akteure zu zensieren ist schlichtweg nicht machbar. Auch ein Akteur ohne die Mehrheit könnte so agieren und einzelne leere Blöcke einstreuen, aber der Schaden wäre dabei ziemlich überschaubar, erst bei einer tatsächlichen Mehrheit mit 100% zensierter Transaktionen gäbe es ein Problem.

    Anders als Christoph sehe ich den Einsatz bei Proof of Work ziemlich groß, insbesondere bei Bitcoin muss man sich entsprechende ASICs kaufen, die bei einem erfolgreichen Angriff eher an Wert verlieren dürften, bei Monero sind es CPUs, die auch ein Motherboard, Speicher etc. brauchen, aktuell ca. eine halbe Million Ryzen 7 Pro, die wahrscheinlich nicht so einfach aufzutreiben wären. Durch Börsen mit Leverage sind Verluste allerdings nicht mehr rational nachvollziehbar, egal ob bei PoW oder PoS, denn wenn jemand das angegriffene Projekt mit x100 shortet, ist sein ursprünglicher Einsatz nicht mehr so relevant im Vergleich zum potenziellen Gewinn.

  2. Bastian Lipp // 31. Oktober 2022 um 6:35 // Antworten

    Den spieltheoretischen Mechanismus „wer sich der Zensur entziehen will, kann höhere Gebühren zahlen, das macht zensurresistente Validatoren profitabler“ hat weiterhin die Schattenseite, dass die Kosten für unerwünschte Transaktionen immerhin steigen, solange ein hoher Anteil an Validatoren zensiert.
    Das Ethereum-Netzwerk ist damit faktisch Teil der klassischen Finanzmärkte, und man sollte ernsthaft in Erwägung ziehen, es nicht länger als „Kryptowährung“ zu bezeichnen.

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