Friert Binance die Accounts ALLER Palästinenser ein?
Blick auf Gaza aus einer anderen, besseren Zeit. Bild von Marcin Monko via flickr.com. Lizenz: Creative Commons
Es gibt Behauptungen, die große Börse Binance friere auf Anordnung Israels die Accounts aller Palästinenser ein. Die Börse dementiert dies, doch die Rechtslage spricht dafür, dass es nicht ganz so einfach ist.
Angeblich hat Binance, die größte Krypto-Börse der Welt, die Guthaben von „allen Palästinensern auf Anfrage der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) konfisziert.“ Dies schreibt Ray Youssef, Gründer von Paxful dann Nooone, auf Twitter (heute X).
Ray postet ein Foto der Nachricht, die angeblich die Grundlage der Konfiszierung ist. Die Nachricht ist auf hebräisch. Es liegen verschiedene Übersetzungen vor, ich habe dank ChatGPT eine weitere hinzugefügt. Der Inhalt bleibt aber dennoch etwas kryptisch. Offenbar hat jemand – Binance? – Einspruch gegen die Beschlagnahmung von Kryptowährungen eingelegt. Eine israelische Anti-Terror-Behörde hat diesen Einspruch mit Verweis auf das Gesetz zum Kampf gegen Terrorismus abgelehnt.

Dieses Gesetz erlaube es dem Verteidigungsminister, anzuordnen, dass Eigentum beschlagnahmt werde, wenn es einer offiziellen Terrororganisation gehöre oder im Zusammenhang mit Terror verwendet wurde. Die in dem Fall zugrundeliegende Anordnung baue auf zuverlässigen Geheimdienstinformationen über Kryptowallets auf, die zeigen, dass Gelder zu oder von einer Terrororganisation versendet wurden, der „Dubai Exchange Company in the Gaza Strip“. Diese wurde bereits im März 2022 zur Terrorganisation erklärt. Sie ist eine von 189 Accounts auf Binance, die Israel seit 2021 einfrieren ließ.
Ray Youssef versichert nun, er habe dieses Schreiben von verschiedenen Quellen erhalten. „ALLE Palästinenser sind betroffen, und wenn es danach geht, wie die Dinge derzeit laufen, werden alle Libanesen und Syrer dieselbe Behandlung erfahren.“ Er empfiehlt, nicht ganz unparteiisch, anstatt Binance NoOnes zu verwenden, seine eigene P2P-Börse, die von Dubai und Afrika aus betrieben wird.
Zahlreiche User auf Twitter (heute X) widersprechen ihm. Es handele sich um einzelne User, die eben an Terrororganisationen gespendet hatten, nicht um alle Palästinenser. Auch Binance erklärt offiziell, dass Statements wie die von Ray Youssef irreführend seien. „Nur bei einer kleinen Anzahl an Accounts, die mit kriminellen Geldern verbunden sind, werden Transaktionen blockiert.“ Binance gehe konform mit international akzeptierten Sanktionen, so wie jede andere Finanzinstitution.
Tatsächlich könnte die Lage aber wesentlich komplexer sein, und es spricht vieles dafür, dass Ray Youssef dennoch recht hat. Binance hat auf Ansuchen des israelischen Verteidigungsministeriums seit 2021 189 Accounts konfiziert. Wie die Times of Israel am 5. Mai 2023 berichtet, gehörte die absolute Mehrheit dieser Accounts drei Krypto-Unternehmen: Al Mutahadun For Exchange, Dubai Company for Exchange, and Al Wefaq Co. For Exchange. Diese drei Unternehmen – dem Namen nach offensichtlich Kryptobörsen – wurden zu Terrororganisationen erklärt, weil sie Geld an die Hamas weitergeleitet haben.
Wenn nun Binance Accounts von Usern einfrieren muss, deren Wallets mit Terrororganisationen interagiert hat, betrifft dies also jeden, der mit den drei Börsen zu tun hatte. Ohne allzu viel über die Krypto-Branche in den palästinensischen Gebieten zu wissen, könnte dies prinzipiell jeder sein, der dort Bitcoin oder andere Kryptowährungen gekauft hat. Generell dürfte es nicht allzu viele Börsen in Gaza geben, und im generellen dürfte jede Börse, die in Gaza operiert, auf die eine oder andere Weise auch Gelder an die Hamas senden, da diese ja in Gaza die Regierung stellt.
Mit dieser Regelung dürfte Israel sehr wahrscheinlich das Recht haben, die Coins von jedem, der in Gaza Bitcoins, Tether, Ether und so weiter kauft, zu konfizieren.
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Hm, ist die deutsche Bank dann auch eine Terror-organisation?
Schliesslich hat sie schonmal Geschäfte mit dem amerikanischen Clan der Bush’s gemacht, dessen jüngster Spross mal einen einen bis heute ungerechtfertigten Angriffskrieg gegen ein souveränes Land geführt hat und damit verantwortlich für den Massenmord an tausenden Irakern ist.
Sofort alle Privatkonten bei der deutschen Bank einfrieren!
Von einem Recht kann man da wirklich nicht mehr ernsthaft reden. Ein Recht das seinen Namen verdient ist etwas, dass allen gleichermassen dient.
Tja, da sieht man, was aus der Zensurresistenz von Bitcoin und co geworden ist. Weil es eben so gut wie niemand, so wie anfangs gedacht, als be your own Bank nutzt. Sondern eben doch alle irgendwelche Drittparteien, als Mittelsmänner nutzen, die dann von anderen unter Druck gesetzt werden können.
BTW sind eigentlich schon die Konten aller Israelis gesperrt worden? Ich meine ja nur, die müssen ja alle Steuern zahlen. Und da ja die israelisch Regierung den größten Terror in der Region verbreitet, unterstützen sie damit alle eine Terrororganisation.
Der Blog wird mehr und mehr zum politischen Thema, wo es doch um Technologie gehen sollte. Die Post sind ja auch auf Linked-In, wo man weiter sich auslassen könnte. Israel und Russland sind im Moment politisch heisse Themen, die hohen Bias und gefühlte Wahrnehmungen besitzen, wie zuvor bei Corona kräftig geübt. Vielleicht – Christoph – ist es möglich(er), die Berichterstattung von (westlichen?) Werten mehr zu befreien, dass wir am Ende hier nicht allzuweit abrutschen?
Politik und Kryptowährungen sind nicht zu trennen. So gut wie jedes politische Ereignis spielt irgendwie hinein. Es wäre töricht, so zu tun, also wäre es nicht so. Aber ich kann verstehen, dass dich andere Themen mehr interessieren, und versichere dir, dass ich sie auch priorisiere.
Generell habe ich den Anspruch, politische Themen hier ausschließlich von der Krypto-Seite her zu behandeln. Russland und die Finanzsanktionen sind meiner Meinung nach ein extrem spannendes Thema. Den Boykott gegen Binance finde ich weniger spannend, aber auch relevant, im MIndesten, weil er zeigt, wie dieses Thema in unsere (Krypto-)Welt hineinfließt.
Eine Frage habe ich aber noch: Magst du mir erklären, wo in diesem Beitrag „westliche“ Werte waren? Nicht dass ich mich für westliche Werte schämen würd — ich liebe sie und wir, als westliche Menschen, sollten stolz darauf sein. Aber ich meine, den Beitrag ausschließlich faktenbasiert geschrieben zu haben, die Interpretation des Schreibens richtet sich eher gegen Israel, indem ich Argumente für einen ansonsten völlig unbegründetgen Verdacht gebe, oder?
Ich stimme Christoph zu, dass es schwer ist, Politik von diesem Gebiet zu trennen. Letztlich ist Politik auch innerhalb der Gebiete relevant (Entscheidungsprozesse in Bitcoin ist ja nur ein Beispiel). Und eine Willensbildung ist an vielen Stellen in Bezug zur Gesellschaft wichtig. Die Frage wäre für mich eher, wie man es schafft, das in einer Form durchzuführen, die nicht zu Emotion und Spaltung führen.
Ich stimme Dir aber insgesamt zu, dass wir versuchen sollten, politische Bias (auch die wertebasierte Berichterstattung) soweit wie möglich rauszulassen, um unterschiedliche Positionen möglichst rational zu diskutieren zu können. Heutzutage färben unterschiedliche Positionen und deren Bewertung (egal wie sie entstanden sind) zu schnell auf Bewertung von Personen ab. Leider kann man Subjektivität nie ausschließen.
Wie auch immer, Christoph schreibt und bestimmt. Danke, dass er so aktiv ist :-).
An dieser Stelle Kudos an @Kranich für die sehr freundliche Art, andere Sichtweisen entgegenzustellen.
Wie man an den Diskussionen hier sieht, ist Bitcoin als Technologie erstmal wertneutral. Es wird sowohl für Dinge genutzt die wir unterstützen, wie auch für Dinge die wir ablehnen. Damit ist es gleichzeitig im Einzelnen sehr politisch und in der Gänze ziemlich unpolitisch.
Politisch ist also erstmal nur das, was wir damit tun.
(Und genau das ist natürlich sehr berichtenswert, und Christophs Business hier)
Technologie ist allerding auch niemals gänzlich neutral. Nicht neutral ist eine Technologie, wenn im Umgang mit ihr assymmetrisch ein gewisses Verhalten mehr gefördert als es gleichzeitig gebremst wird.
Z.B. fördern „soziale Medien“ als Technologie – zumindest im Moment – assymetrisch eher die Spaltung der Gesellschaft statt ihre Durchmischung. Sie erleichtern es ihren Nutzern – stärker als früher möglich, Gleichgesinnte zu finden und divergenten Meinungen gleichzeitig zu blockieren oder auch – mangels verbliebener Zeit und Aufmerksamkeit – einfach auszublenden.
Technologie ändern also schon sehr fundamental unsere erlebte Realität, aber in ganz anders als es die politischen Kommentare – mit Blick auf die Vergangenheit – so befürchten.