Touristen, nehmt Bitcoins mit nach Griechenland!

"periptero - athens - omonia" von Giacomo Gasperini via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Griechenland steht kurz vor dem Grexit und hat Kapitalkontrollen eingeführt. Die EZB weigert sich, den griechischen Banken weiter Notfallkredite zu geben, die Bankautomaten spucken nur noch 60 Euro je Tag und Person aus, die Athener Börse bleibt geschlossen und Kreditkarten funktionieren in Griechenland derzeit wohl auch nicht mehr. Kann der Bitcoin dabei helfen, die Krise zu überwinden?

Je mieser die Situation, desto mehr braucht man Experimente – aber desto weniger kann man sie sich leisten, und desto schwerer wiegt das Scheitern eines Experiments. Für Griechenland scheint dieses Problem nun relevant zu sein. Es ist dringend Zeit für neue Wege, aber jeder Schritt ist irgendwie der falsche und kann ein Fiasko auslösen.

Grexit und Kapitalkontrollen

Am Wochenende hat Griechenlands Premier Tsipras zuerst ein Referendum verkündet, in dem das griechische Volk darüber entscheidet, ob es die Vorgaben der Gläubiger annimmt oder sie – mit allen Konsequenzen – ablehnt. Da Tsipras der Bevölkerung zugleich geraten hat, gegen die Vorgaben zu stimmen, hat das angekündigte Referendum die europäischen Politiker empört oder entsetzt oder fassungslos gemacht. Kurz darauf hat die Europäische Zentralbank (EZB) zufälligerweise die Notfallkredite für die griechischen Banken beendet.

Die griechischen Banken sind damit faktisch pleite – sie haben zu wenig Scheine, um die Automaten zu bestücken bzw. alle Auszahlungswünsche zu erfüllen. Um diese Pleite solange zu verzögern, bis sie – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr da ist, hat die griechische Regierung kurzerhand Kapitalkontrollen verhängt. Die Maßnahmen wirken surreal und monströs für ein freiheitliches europäisches Land. Sie entsprechen einer vorübergehenden Enteignung von 10 Millionen Menschen.

  • Bis Montag-Nachmittag können Geldautomaten nicht benutzt werden
  • Anschließend können Griechen maximal 60 Euro je Tag abheben
  • Ausländer werden wohl nicht betroffen sein
  • Online-Überweisungen funktionieren, aber nicht ins Ausland
  • Banken sollen bis zum Referendum am 5. Juli geschlossen bleiben
  • Kreditkarten werden in dieser Zeit vermutlich auch nicht funktionieren
  • Die Athener Börse bleibt ebenfalls vorerst geschlossen

Eine Insolvenz Griechenlands am ersten Juli gilt als nahezu ausgeschlossen. Jedoch ist es schwer zu kalkulieren, ob es über den Sommer hinweg doch zu einer Insolvenz kommt, ob Griechenland dann noch in der Euro-Zone bleiben wird oder nicht und überhaupt: wie es abläuft, wenn ein Mitglied der Euro-Zone pleite geht.

Die Wirkung der Kapitalkontrollen dagegen lässt sich schon heute ganz gut erkennen: Rentern warten in Schlangen vor Geldautomaten, um ihre täglichen 60 Euro zu bekommen, es finden Hamsterkäuf statt, das Benzin wird knapp und so weiter. Ob die Kapitalkontrollen tatsächlich nur vorübergehend sind und ob einzelne Maßnahmen bereits nach dem Referendum gestoppt werden, ist derzeit nicht zu sagen. In Zypern und Island, wo ebenfalls Kapitalkontrollen eingesetzt worden sind, hielten diese mehrere Jahre an.

Plan B(itcoin)

Da Griechenland und seine Einwohner offensichtlich ein Problem mit dem Geld haben, müssen wir fragen: Könnte der Bitcoin Griechenland bzw. den Griechen aus der Misere helfen? Und falls ja: wie?

"We remain in Europe": Pro-Europa-Demo vor griechischem Parlament. Foto von alk_is via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

“We remain in Europe”: Pro-Europa-Demo vor griechischem Parlament. Foto von alk_is via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Als Parallelwährung

Beginnen wir mit der Parallelwährung. Es wurde und wird ja von verschiedenen Seiten (Bernd Lucke, AFD; Werner Abelshäuser, Wirtschaftshistoriker; v.m.) vorgeschlagen, dass Griechenland eine Parallelwährung einführt, um die Abhängigkeit vom Euro zu mildern und die verheerenden Schläge eines Staatsbankrotts abzufedern.

Dass eine solche Währung eine Kryptowährung ist, sollte selbstverständlich auszuschließen sein. Denn eine echte Währung hat für alle zu sein, für den 5- und für den 90-Jährigen, für den Philologie-Professor und den pensionierten Fischer. Der Bitcoin nun ist zwar prinzipiell mehr eine “Währung für alle” als jedes andere Geld der Welt, aber praktisch gesehen ist er doch (noch) eine Währung für wenige. Um mit ihm bezahlen zu können, benötigt man ein Smartphone; er funktioniert nur, wenn man Internet hat; und ganz allgemein fordert er seinen Benutzern eine gewisses technische Versiertheit auf. Griechenland sollte also weder den Bitcoin als neue Staatswährung verwenden noch auf dem Blockchain-Prinzip eine digitale Drachme zur neuen Währung hernehmen. Aber …

"Unfuck Greece": Demo gegen Austerität in Athen. Bild von: Alehins, via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

“Unfuck Greece”: Demo gegen Austerität in Athen. Bild von: Alehins, via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

… es spricht nichts dagegen, dass Griechenland eine Kryptowährung als Zweit-Währung benutzt. Warum nicht eine digitale Drachme, die vorerst dem Euro assistiert und im Falle einer Währungsreform zum digitalen Pendant der Papier-Drachme wird? Eine solche digitale Währung könnte der Bitcoin sein oder wie er mit der kontrollierten Schöpfung inflationssicher sein und damit die Rolle eines digitales Goldes übernehmen – oder sie könnte eine stark inflationierende Währung wie der Dogecoin oder der Freicoin werden, das Gsell’sche Freigeldexperiment auf eine ganze Volkswirtschaft übertragen und versuchen, durch eine kontrollierte Inflation die darbende Wirtschaft anzutreiben.

Eine Kryptowährung kann also (derzeit) noch kein primäres Zahlungsmittel sein – aber als sekundäres Zahlungsmittel zu einem nützlichen Steuerungsinstrument werden. Dies wäre für Griechenland eines jener Experimente, die notwendig, aber vorsichtig zu gehen sind.

Um die Kapitalkontrollen zu umgehen

Nun … die jetzt in Griechenland eigeführten Kapitalkontrollen zeigen einmal mehr, wem “dein” Geld tatsächlich gehört, wenn du es auf der Bank lässt. Auch wenn die Kontrollen nötig sein mögen, um zu verhindern, dass das Bankensystem zusammenbricht und zu viele Griechen ihr Vermögen ins Ausland schleusen – sie dürften auch viele Leute hart treffen, den Handel mit dem Ausland stark beeinträchtigen und die Wirtschaft im Inneren lähmen. Wir soll eine Volkswirtschaft funktionieren, wenn die Leute kein gutes Banking haben, keine großen Barsummen abheben, nichts ins Ausland überweisen und keine Kreditkarte verwenden können? Kapitalkontrollen werfen ein Land in geldmäßige Mittelalter zurück.

Der Bitcoin könnte nun die Wirtschaft trotz der Kapitalkontrollen mit einem flüssigen Zahlungsmittel zu versorgen. Etwa um Geld nach Griechenland zu schicken (so, dass es sofort und nicht in 60-Euro-Tagessätzen verfügbar ist), um Geld von Griechenland herauszuschicken (für den Handel, nicht für die Kapitalflucht) oder um bis zum Referendum am 5. Juli überhaupt ein funktionierendes Zahlungsmittel zu haben. Falls die Kapitalkontrollen wie in Zypern oder Island nicht nur über einen kurzen Zeitraum, sondern über Jahre hinweg andauern, könnte sich sogar ein Bitcoin-Markt bilden, der ihre schlimmsten Auswirkungen abfedert.

Touristen wird derzeit empfohlen, reichlich Bargeld nach Griechenland mitzunehmen. Wir ergänzen dies darum, einige Bitcoins mitzunehmen. Schaden kann es nicht.

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3 Comments on Touristen, nehmt Bitcoins mit nach Griechenland!

  1. Wie hieß es so schön auf r/buttcoin.
    “40% of posts on /r/bitcoin front page are about Greece…….a country with 0 bitcoin exchanges, 0 bitcoin ATMs, and 9 total localbitcoins.com sellers.”

    Auf dem Boden bleiben…

  2. Irgendwie verstehe ich das sowieso alles nicht. Die Griechen müssen Geld zurück geben damit sie neues bekommen? Mit Logik hat das nichts zu tun. Und wenn sie das Geld nicht auf die Bank bringen muss es auch nicht aus dem Automat kommen. Daran sieht man das Geld nur eine Fatamorgana ist.

  3. grüner Flamingo // 1. July 2015 at 20:12 // Reply

    Ääääh ja…. coole Idee!
    Die Griechen sollen ja nicht nur unsere Euros haben sowie gigantische Gold, Erdöl- und Erdgas-Reserven, sondern noch zusätzlich die Bitcoins… clever!

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