„Und sie sagte, wenn Bitcoin immer mehr benutzt wird, dann behandeln wir ihn wie jede andere Währung: Wir nehmen ihn in unseren geldpolitischen Werkzeugkasten auf.“

In Kanada sieht man die Sache mit den Kryptowährungen lockerer. Bild: Polar Bär in Toronto, von Rick Ligthelm via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Blockchain-Autor Alex Tapscott erklärt, weshalb die Kanadische Zentralbank womöglich bald Bitcoins in den Korb der Reservewährungen packt, warum Europa vermutlich auch diesen Zug verpassen wird und wie die Blockchain-Revolution das Wesen der Firma verändern wird.

Ein Blockchain-Guru zu sein ist harte Arbeit. Alex Tapscott ist diese Woche von Kanada nach Australien und von Australien nach Deutschland geflogen, um in München die deutsche Übersetzung des Buches „Blockchain Revolution“ vorzustellen. Alex hat es gemeinsam mit seinem Vater, dem Bestseller-Autor Don Tapscott, geschrieben hat. Es ist ein relativ dicker Wälzer, der, auf den ersten Blick betrachtet, sehr viele schlecht übersetzte Floskeln enthält. Aber ich werde ihn mir noch gründlich zur Brust nehmen.

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Zunächst gibt es ein Interview mit Alex Tapscott, das überraschend spannend ist. Zumindest wird es das nach einigen Minuten.

“Alle Firmen haben die Wahl: Entweder sie werden überrumpelt oder sie kannibalisieren andere Märkte.”

Alex Tapscott erzählt, wie die Blockchain das Wesen der Firma an sich verändert. Hier wird die Sache interessant: Firmen machen nämlich im Kern nichts anderes, als Transaktionen zu prozessieren, Verträge zu schreiben, diese durchzusetzen und Vertrauen aufzubauen. Dank des Internets können Firmen wie Uber oder Amazon und so weiter diese Dienstleistung zentralisieren und als Plattform alle anderen Firmen, die dasselbe anbieten, auffressen.

Das war die Revolution des Internets. Alex Tapscott meint, dass sie im Kern nicht viel verändert hat. Eine Firma sieht heute nicht grundsätzlich anders aus als vor zwanzig Jahren. Sie macht Verträge, prozessiert Transaktionen, baut Vertrauen auf. Die Blockchain ändert das nun. Sie kann den Firmen diese Aufgaben entreissen. Zentrale Über-Mittelsmänner wie Uber oder Amazon können unnötig werden. Alex Tapscott nennt die Blockchain daher den „Disruptor der Disruptoren“.

Wer werden die Verlierer der Blockchain-Revolution sein?

Bitte, was?

Du meinst, die Blockchain ist ein Disruptor der Wirtschaft. Also muss es Verlierer geben. Wer sind sie?

Es ist jeder, der in der Mitte sitzt und Gebühren dafür verlangt, nicht wirklich viel zu leisten.

Wer?

Eine Menge Firmen in der Finanzbranche.

Banken?

Einige von ihnen. Es ist aber ein großes Missverständnis zu denken, dass die Blockchain Banken überflüssig macht. Vielen von ihnen schaffen große Werte, indem sie etwa Kredite vergeben oder Risiken versichern. Aber das Prozessieren von Transaktionen und das Bezahlen für das Verwahren von Ersparnissen wird wegfallen. Nasdaq ist ein anderes Beispiel. Die Firma bietet eigentlich Finenzdienstleistungen an, entwickelt sich aber dahin, Technologien rund um Wertpapiere zu entwickeln.

Ist Nasdaq einer der Verlierer?

Nein. Nasdaq verliert vielleicht auf dem einen Gebiet, kann aber auf dem anderen gewinnen. Sie sind ein Anbieter von Technologie, und beginnen nun zum Beispiel, es Leuten in Kalifornien zu ermöglichen, selbst produzierte Energie zu handeln, indem sie die Energie mithilfe der Blockchain zu Wertpapieren machen und eine verteilte Plattform bauen, auf der diese gehandelt werden.

Ist es also so, dass die Blockchain das Kerngeschäft von Nasdaq frisst und Nasdaq das der Energieanbieter?

Der Punkt ist, alle Firmen haben derzeit eine Wahl: Entweder sie werden gefressen, oder sie kannibalisieren die anderen.

An dieser Stelle bin ich elekrisiert. Friss oder stirb! Das ist mal eine Aussage. Der beste Teil unseres Interviews kommt aber erst noch. Einige Sätze über Innovation und Innovatoren und so weiter später erreichen wir den Teil, in dem die kanadische Zentralbank Bitcoins kauft, während Europa mal wieder den Zug verpasst.

“Ich denke, Europa wird die zweite Generation des Internets genauso verpassen wie die erste.”

Wird die Disruption sanft verlaufen?

Sie verläuft niemals sanft.

Wird es blutig?

Vielleicht.

Meinst du, sie werden kämpfen und versuchen, Bitcoin und Kryptowährungen zu verbieten?

Nein, das ist lächerlich. Das übertreibt den Einfluss von Unternehmen. Sie haben Einfluss, ja, aber es sind die Regierungen, die die Gesetze machen.

Aber sind Regierungen nicht auch die Verlierer der Blockchain-Revolution?

Nein, nein. Das ist ein riesiges Missverständnis. Sie können die größten Gewinner sein.

Meinst du nicht, dass Kryptowährungen die Fähigkeit von Regierungen einschränken, die finanziellen Ströme ihrer Bürger zu kontrollieren und Steuern einzutreiben?

Lass mich ein Beispiel erzählen. Ich habe mich mit der stellvertretenden Chefin der kanadischen Zentralbank unterhalten, und ich habe gefragt: Begrenzt Bitcoin denn nicht eure Fähigkeit, die Wirtschaft zu beeinflussen, Steuern einzuziehen und zu regulieren? Und sie sagte, vielleicht, aber wenn Bitcoin immer mehr verwendet wird, dann behandeln wir ihn wie jede andere Währung, wie den Franken, den Yuan oder den Australischen Dollar: Wir nehmen ihn in unseren geldpolitischen Werkzeugkasten auf. Und das ist die Meinung der Zentralbank von Kanada. Es ist ein riesiges Missverständnis, zu denken, die Regierungen stünden Kryptowährungen feindlich gegenüber. Das machen sie nicht.

Kann sein, dass das bei der Kanadischen Zentralbank zutrifft. Die Europäische Zentralbank (EZB) scheint weniger offen zu sein. Zumindest hat sie kürzlich ein Papier veröffentlicht, das wenig Sympathien für Kryptowährungen zeigt. Soweit ich es sehe, möchte die EZB nicht, dass Kryptowährungen weitläufiger benutz werden …

Es überrascht mich nicht sonderlich, dass die EZB einen rückwärtsgewandten Ansatz hat, während die Bank of England und die Kanadische Zentralbank sagen, dass die Blockchain die Zukunft der Wirtschaft ist. Ich denke, Europa wird die zweite Generation des Internets – die Blockchains – genauso verpassen wie die erste.

Autsch. Das hat gesessen. Alex Tapscott gibt noch die gute alte Geschichte vom Red Flag Gesetz zum Besten: In Großbritannien, als das Auto noch neu war, wurde ein Gesetz erlassen, das besagte, dass vor einem Auto ein Mann herlaufen musste, der eine rote Flagge schwenkt. Soweit ich weiß, ist das weitgehend ein Mythos, aber in der Bitcoin-Szene gehört es zum guten Ton, diese Geschichte zum Besten zu geben, um die Borniertheit des etablierten Finanzwesens zu demonstrieren. Dann erzählt Alex noch, wie die USA beschlossen hat, das Internet nicht zu regulieren und damit zur führenden Internet-Ökonomie wurde.

Schließlich geht das Interview zu Ende. Ich fahre nach Hause. Alex Tapscott genießt den Rest des Tages in der europäischen Metropole München.

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2 Comments on „Und sie sagte, wenn Bitcoin immer mehr benutzt wird, dann behandeln wir ihn wie jede andere Währung: Wir nehmen ihn in unseren geldpolitischen Werkzeugkasten auf.“

  1. plz s/Australian/Australien/g
    thx

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