Von der Gemeinsamkeit eines Bitcoin Nodes mit einer Münzwaage

In gewisser Weise rekonstruiert Bitcoin das jahrtausendealte System des Edelmetallgeldes im digitalen Raum. Der Bitcoin Client, der einen vollwertigen Knoten aufbaut, kommt dabei der Münzwaage gleich.

Von der Erfindung der Münze im sehr sehr alten Griechenland bis zur Etablierung des Papiergeldes irgendwann im 19. Jahrhundert waren Münzen aus Edelmetallen auf der ganzen Welt das dominierende Zahlungsmittel. Gold- und Silbermünzen hatten die Vorteile, dass sie nicht nur gut haltbar und leicht zu transportieren waren, sondern auch, dass man ihre Qualität relativ einfach prüfen konnte. Man brauchte nicht mehr als eine Münzwaage dafür.

Bitcoin, die Kryptowährung, ist mehr oder weniger der digitale Nachfolger des Edelmetallsystems. Die wenigsten Menschen begreifen dies wirklich – und die, die es begriffen haben, werden meist zu Bitcoin-Fans: Bitcoin ist viel viel mehr “echt” im Sinne einer Münze, als es das Geld auf der Bank ist. Bitcoins sind mit physikalischer Macht begrenzt, und wenn sie einmal verloren oder gestohlen sind, kann man sie nicht wiederherstellen. Sie verhalten sich, sowohl im Gebrauch als auch in der Knappheit, viel stärker wie Münzen als wie Geld auf dem Bankkonto.

Was früher die Münzwaage war, ist heute ein Bitcoin-Client

Das alte Geldsystem hatte gegenüber dem Banksystem eine entzückende Eigenschaft, die sich in der Münzwaage manifestiert. Jeder Händler konnte mithilfe eines relativ einfachen Gerätes zwei Tatsachen verifizieren: Er konnte zum einen prüfen, ob das Geld, das man ihm gibt, echt ist, und zum anderen, ob die fürstliche Münzpresse ehrlich war.

Das Siegel auf den Münzen, das die Münzpresse eines Fürstens wiedergab, war lediglich das Versprechen darauf, dass der Fürst die korrekte Menge Gold oder Silber in eine Münze gegossen hatte. Es war ein Versprechen darauf, dass ein Händler, wenn er sagen wir einen Rheinischen Gulden entgegennimmt, Gold im Gewicht von einem Karat (etwa 4,5 Gramm) erhält. Mithilfe der Münzwaage konnte jeder Händler dieses Versprechen kontrollieren – und damit prüfen, ob die Münze, die er erhält, tatsächlich den Wert hat, den eine zu verkaufenden Ware kostet. Ob die Münze von diesem oder jenem Fürsten geprägt wurde, ist an sich egal. Solange sie ihr Gewicht in Gold enthält, hat der Händer eine korrekte Zahlung erhalten. Bei einer Banküberweisung muss man sich hingegen darauf verlassen, dass die Bank diesen Sachverhalt korrekt prüft.

Mit demselben Akt konnte der Händler durch die Münzwaage noch eine zweite Tatsache verifizieren: Er kontrolliert die Arbeit der fürstlichen Münzpresse. Wenn ein Fürst das Gewicht einer Gold- oder Silbermünze nach unten manipulierte – wie es ziemlich oft geschehen ist, etwa beim Rheinischen Gulden, der im Lauf der Jahrhunderte auf etwa 3,5 Gramm abwertete – konnte ein Händler dies durch seine Waage feststellen. Es war Gang und Gäbe, dass dies geschah. In der Regel haben die Händler darauf reagiert, indem sie eine solche Münze nicht annahmen oder ihr einen geringeren Wert zuschrieben. So ermächtigte die Parallelität verschiedener, in Gold oder Silber dotierter Münzen, sowie die Existenz von Münzwaagen, die Kaufleute dazu, die Arbeit der Münzpresse zu kontrollieren und auf Manipulationen zu reagieren.

In einem System wie dem Gegenwärtigen, indem es keine parallelen gültigen Geldeinheiten und kein ihnen zugrundeliegendes Edelmetall gibt, sondern nur eine Währung, wie den Euro, gibt es solche Mechanismen nicht. Klar, man kann kontrollieren, ob ein Geldschein echt ist, indem man verschiedene Prüfungen vornimmt. Aber man kann nicht kontrollieren, ob etwa unverhältnismäßig viel Geld gedruckt wird. Dies erfährt man erst, wenn der Euro im Vergleich zum Dollar an Wert verliert oder generell alles teurer wird.

Der Client prüft Zahlungen und Regeln

Nun zum Bitcoin Client. Jeder, der einmal einen “echten” Bitcoin Client installiert hat, weiß, was für ein Aufwand das ist. Man muss die Blockchain nicht nur komplett herunterladen – was mittlerweile mehr als 100 Gigabyte sind – sondern sie auch noch Block für Block prüfen. Der Grund dafür ist, dass es kryptographisch derzeit nicht möglich ist, hieb- und stichest zu beweisen, dass man wirklich eine Zahlung empfangen hat, ohne alle vorhergegangenen Transaktionen zu kennen. Mit dem Bitcoin Client prüft man also, ob man eine echte Zahlung erhalten hat.

Gleichzeitig prüft der Bitcoin Client aber auch die Währungspolitik der Miner. Denn der Client erkennt nur Transaktionen in Blöcken an, wenn diese Blöcke nach allen Regeln des Netzwerkes gebildet worden sind. Wenn nun beispielsweise ein Miner gegen diese Regeln verstößt, indem er sich selbst 25 anstatt 12,5 Bitcoin für einen gefundenen Block gutschreibt, erkennt ein Client dies. Besser gesagt: er verwirft den Block als ungültig. Auf diese Weise prüfen Clients nicht nur, ob es bei der Gelderzeugung mit rechten Dingen zugeht, sondern sie sanktionieren Verstöße gegen die Regeln auch, indem sie einem ungültigen Block nicht helfen, im Netzwerk anerkannt zu werden.

Wie eine Münzwaage stellt ein Client an sich aber lediglich ein Instrument zur Verifizierung dar. Keines der beiden Werkzeuge stellt an sich irgendeine Art von Macht und Einfluss dar. Weder ein Händler noch ein Bitcoin-User wird durch eine Münzwaage oder den Client an sich in die Position versetzt, irgendeinen Einfluss auf die füstliche Münzpresse oder die Regeln des Systems zu haben. Macht entsteht nicht durch eine Waage oder einen Client, sondern durch Besitz und Einfluss. Die Waage oder der Client sind nicht Ursache, sondern Instrument der Macht.

In den Händen eines einfachen Tischlers konnte eine Münzwaage nichts gegen den Missbrauch des Münzmonopols eines Fürstens ausrichten; in den Händen eines Jacob Fuggers konnte sie helfen, Königshäuser zu stürzen. Dasselbe trifft auf einen Bitcoin Client zu: Wenn ein einfacher User feststellt, dass die Miner betrügen, kann er nicht viel dagegen unternehmen. Er kann sich weigern, den Block weiterzuleiten, aber wenn dieser dennoch den Weg zu einer Börse findet, hilft dies nicht viel, und der User kehrt Bitcoin entweder den Rücken oder akzeptiert die neue “Wahrheit”. Anders ist es hingegen, wenn eine große Börse oder ein Payment-Provider sich weigert, einen Block zu akzeptieren. In den Händen solcher einflussreichen Akteure wird ein Client zu einem Mittel der Machtausübung bzw. Machtbeschränkung.

Dies schmälert jedoch nicht die Rolle eines Clients. Er ermächtigt die Einzelnen zu Prüfungen, die ihnen im System der Banken versagt bleiben.

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3 Comments on Von der Gemeinsamkeit eines Bitcoin Nodes mit einer Münzwaage

  1. Es gab übrigens eine Zeit (ca. 1100 -1500) in der es Blechgeld gab, welches 2 mal im Jahr eingezogen und neu geprägt mit ~25% Abzug wieder ausgegeben wurde.
    Dadurch war das Geld durchgehend im Umlauf weil niemand auf die Idee gekommen ist das Geld zu horten.
    In dieser Zeit hat die “Wirtschaft” floriert. Soziale Unterschiede waren gering wie sonst nie.
    Das goldfreie goldene Mittelalter

    • Davon habe ich mal gehört, es aber ein wenig in richtung monetäre Mythen eingeordnet. Gibt es dafür Belege, Bücher? Würde mich sehr interessieren.

      Als Historiker würde ich pauschal mal sagen, dass konkrete Aussagen zu sozialen Unterschieden für diesen Zeitraum unmöglich sind, weil es bestensfalls äußerst sporadische und extrem lückenhafte Quellen zu den allgemeinen Vermögenszuständen gab. Das ist so ähnlich, wie zu behaupten, man wisse, welches Tempo ein Takt im Mittelalter gehabt hat … oder welche Farbe Dinosaurier hatten …

  2. Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben.
    Außer für die letzten 50 Jahre wird es uns unmöglich sein, die Vergangenheit umfassend zu begreifen. (Viele begreifen ja nicht mal die Gegenwart, allerdings haben wir seit paar Jahren die Möglichkeit unser Spektrum stark zu erweitern. Der Bitcoin ist einer dieser Phänomene.)
    Einem Cäsar oder Jesus könnte es schon gegeben haben aber was wir heute davon denken zu wissen oder “glauben”..
    Also selbst wenns ein Mythos ist, ist es wenigstens schöner und sinnvoller als irgendeine Legende.:)

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