Tether-Preis bleibt stabil, aber Bitcoin-Kurse werden unsynchron

Der Tether-Kurs der letzten 7 Tage. Quelle: coinmarketcap.com.

Trotz der schlechten Nachrichten ist der Kurs der Tether-Dollar nicht gefallen, sondern hat wieder mehr als 99,5 Cent erreicht. Einige Merkmale der Unsicherheit durch die Tether-Probleme sind jedoch in den Börsenkursen erkennbar.

Nachdem Ende vergangener Woche herauskam, dass die Reserven des Dollar-Token Tether angebrochen wurden, um Dollar-Auszahlungen der Börse Bitfinex aufrecht zu erhalten, sind die Preise aller Kryptowährungen kurz eingeknickt. Allerdings blieb es bei einem kurzen Knick; schon am Wochenende fand eine Erholung statt. Das Erstaunlichste dabei ist aber, dass die Tether-Dollar ihre Parität zum Dollar beinah uneingeschränkt erhalten haben. Es gab zwar einen kurzen Fall auf 98 Cent, doch mit heute 99,6 Cent scheint Tether das Drama unbeschadet zu überstehen.

Wie kann das sein? Die Nachrichten letzte Woche haben unmissverständlich klar gemacht, dass Tether nicht länger vollständig mit echten Dollar gedeckt ist. Müsste es dann nicht die unvermeidbare Reaktion der Märkte sein, Tether abzuwerten? Es ist jedoch offensichtlich, dass dies nicht geschah. Also muss es eine Erklärung dafür geben.

Natürlich kann man nur spekulieren. Eine Erklärung wäre, dass die Märkte eine Teilreserve der Tether-Dollar hinnehmen. Selbst wenn die Tether nur zu 70 Prozent durch Dollar gedeckt sind – oder auch nur zu 50 oder weniger – so ist dies immer noch deutlich mehr als bei den Euro auf dem Bankkonto. Viele Banken haben eine Teilreserve, die bei weit unter 10 Prozent der Kundeneinlagen liegt. Warum sollte das, was für die Banken funktioniert, nicht auch für Tether gehen?

Zum anderen könnte man Tether als „too big too fail“, also „zu groß, um Scheitern zu dürfen“, einordnen. Die Dollar-Token sind auf zu vielen Börse die wichtigste Gegenwährung, als dass sich die Börsen es leisten könnten, sie kollabieren zu lassen. Die meisten Altcoin-Börsen verdienen sehr viel Geld und haben vermutlich die Reserven, um Tether zu stützen. Dass Bitfinex dabei die eigenen Probleme auf die anderen Börsen sozialisiert, dürfte der kleinere Schaden sein als die Alternative. Dementsprechend wird Tether nicht nur durch Dollar gedeckt, sondern auch durch die Bereitschaft und Fähigkeit des Ökosystems, seinen Wert zu erhalten. Es ist für das Kollektiv der Krypto-Börsen von sehr großem Wert, Dollar-Token handeln zu können, ohne mit Banken zu tun zu haben.

Allerdings ist die Affäre noch nicht ausgestanden. Die Ermittlungen der US-Regulierer laufen an, und sowohl Bitfinex als auch Tether stehen im Visier der Aufsicht. Es dürfte für die Banken, die die Tether-Dollar verwahren, weiterhin problematisch sein, Auszahlungen zu verarbeiten. Es gibt keine Garantie, dass sich die Probleme nicht wiederholen.

Preise von Bitcoin gegen reine US-Dollar (USD). Quelle: Coinmarketcap.com

Ein Stückchen Misstrauen können wir auf dem Markt beobachten – die Preise für Bitcoin in Dollar. Zum einen sind die für reine US-Dollar (USD) erzielten Preise für Bitcoin mit etwa 5.130 Dollar ein Stückchen geringer als die Preise für Tether-Dollar (USD), von denen ein Bitcoin rund 5.230 Dollar kostet. Das ist ein Aufschlag von beinah zwei Prozent und liegt damit deutlich über der Differenz zwischen einem Tether und einem Dollar. Ferner sind die Bitcoin-Preise für US-Dollar auf Bitfinex deutlich höher als die sonstigen Dollar-Preise. Auf der Börse wird ein Bitcoin in diesem Moment für 5.400 Dollar gehandelt, was im Vergleich zu anderen US-Dollarn ein Bonus von gut 5 Prozent darstellt. Diese fünf Prozent spiegeln die Unsicherheit wieder, die US-Dollar von Bitfinex auch tatsächlich aufs Bankkonto zu bekommen.

Bitcoin-Preise gegen Tether-Dollar (USDT). Quelle: ebenfalls Coinmarketcap.com.

Die mangelnde Liquidität der Dollar auf der Börse schlagen sich auch im Arbitragehandel nieder. Man könnte zum Beispiel einen Bitcoin auf einer Börse kaufen und auf der anderen verkaufen, um dann 5 Prozent vermeintlich risikolosen Gewinn einzuholen. Da die Dollar aber auf Bitfinex festhängen, ist ein reibungsfreier Arbitrage-Handel nicht möglich, und allein der Versuch geht mit dem Risiko einher, Dollar auf unabsehbare Zeit – oder bis zum Wiedereintausch gegen Bitcoins – auf Bitfinex liegen zu haben.

Wir kennen diese Dynamik noch vom Fall von Mt. Gox Anfang 2014. Schon in den Monaten zuvor lagen die Bitcoin-Preise auf Mt. Gox über denen auf anderen Börsen, weil Mt. Gox Probleme mit den Auszahlungen hatte. Kurz vor dem Kollaps von Mt. Gox erreichte dieser Bonus immer neue Höhen, bis die Börse auch die Bitcoin-Auszahlungen abdrehte, woraufhin sich der Mechanismus umkehrte. Soweit ist es bei Bitfinex allerdings noch lange nicht. Sollte diese Börse es mit einem intakten Tether durch die Krise schaffen, könnte es durchaus sein, dass sie selbst wie auch das gesamte Ökosystem unbeschadet davon kommt.

Über Christoph Bergmann (1587 Beiträge)
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5 Kommentare zu Tether-Preis bleibt stabil, aber Bitcoin-Kurse werden unsynchron

  1. Warum hat USDT eigentlich ein Quasimonopol? Die BTC-Dominance wurde im Laufe der Jahre doch auch von 100 auf beinahe die Hälfte reduziert.

    Wenn es Alternativen zu USDT ähnlich schaffen würden die Dominance von USDT zu brechen könnten die Marktteilnehmer doch viel beruhigter sein. Offensichtlich scheint (noch?) kein Interesse an relevanten Konkurrenzprodukten bzw. noch nicht genügend Interesse vorhanden zu sein auf andere „Stablecoins“ zu wechseln…- oder täusch ich mich?

  2. Laber laber laber wie kaputt ist denn unser altes Finanzsystem.
    Hier steht es um einiges schlimmer oder🤔❓

  3. Auf Binance kann man sich vor Stablecoins garnicht retten, ich verstehe die ganze Aufregung nicht. USDT ist halt ungedecktes Geld, so wie der Dollar auch, so lange die Menschen glauben sie bekommen noch was für ihre Tether sind 70% Deckung ganz schön gut. Bei einem Zusammenbruch des Tether ergeben sich gut Kaufchancen, ich würde mich also freuen.

    • Nixgeschenkt // 29. April 2019 um 23:36 // Antworten

      Wenn USD nicht gedeckt ist und USDT mit USD gedeckt sein soll, worüber regen wir uns dann eigentlich auf? 😁🤔

  4. Für mich sind Tether und alle sogenannten „Stablecoins“, auch Ripple (obwohl kein klassischer Stablecoin) Krebsgeschwüre der Kryptowährungen.

    Bitcoin war als dezentrales Geldsystem ohne Vertrauensvorschuss gedacht, welches ohne Vertrauen funktioniert. Ein „Stablecoin“ erfordert hingegen volles Vertrauen in den Herausgeber, dessen Dienstleister (Banken) und nicht zuletzt den Staat, der hinter der eigentlichen Währung steht. Alle dieser Akteure haben gewisse Anreize zum Betrug und statt weniger Risiken als bei FIAT haben wir mehr…

    Ich kann durchaus verstehen, dass es für Exchanges verlockend ist, wenn sie nicht direkt auf Banken angewiesen sind, aber gerade dieser Hebel befeuert die Spekulation in Kryptowährungen statt tatsächlich Nutzen für diese zu schaffen. Leider beißt sich die Katze irgendwie auch in den Schwanz, denn illiquide Märkte sind noch anfälliger für Manipulationen und immerhin hat USDT ziemlich viel Liquidität eingespült…

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