Bitcoins mit krimineller Vergangenheit werden immer öfter auf Börsen gewechselt

Die Blockchain-Analyse-Firma Chainalysis veröffentlicht einen Auszug aus ihrem Crypto Crime Report für 2020. Der Auszug wirft ein Licht darauf, wie Bitcoins vor allem an zwei Börsen gewaschen werden. Er ist einer detailliertesten und spannendsten Einblicke in die Krypto-Geldwäsche, den man derzeit finden kann.

Sobald ein Krimineller, schreibt Chainalysis, einen Stoß von Kryptowährungen aus illegaler Herkunft in seiner Wallet habe, stelle sich die Frage: Wie wandelt man die Coins in Fiatgeld um, ohne verhaftet zu werden? Es sei daher eine Kernaufgabe von Blockchain-Analysen, Geldwäsche zu identifizieren.

Chainalyses hat nun Bitcoin-Transaktionen im Wert von 2,8 Milliarden Dollar identifiziert, durch die 2019 Gelder aus illegaler Herkunft an Börsen überwiesen wurden. Dabei fällt auf, dass Börsen im Verlauf der Jahre zu einem immer beliebteren Ziel von „schmutzigen“ Bitcoins wurden. Während 2016 noch kaum mehr als 10 Prozent der identifizierten Coins auf Börsen aufliefen, und 30-40 Prozent zu „riskanten Services“ wie P2P-Börsen oder Mixer gingen, hat sich Anfang 2020 das Bild komplett umgedreht: Rund 50 Prozent der Coins fließt zu Börsen, kaum mehr als 10 Prozent zu den „riskanten Services“. Trotz der anziehenden Regulierung der Kryptobörsen wurde es für Kriminelle offenbar immer einfacher, ihre Einnahmen über Börsen zu waschen.

Wie ist dieser merkwürdige Befund zu erklären?

Zunächst fällt auf, dass rund 50 Prozent der 2,8 Milliarden Dollar in Bitcoin bei zwei Börsen aufschlugen: Binance und Huobi. Das scheinen also die Zentren der Bitcoin-Geldwäsche zu sein.

Für Chainalysis war dies zunächst eine Überraschung, da sowohl Binance als auch Huobi KYC-(Know-Your-Customer)-Verfahren nutzen, um ihre Kunden zu identifizieren. Dies sollte eigentlich für Kriminelle extrem abschreckend sein. Also haben die Analysten sich die Zahlungsströme zu diesen beiden Börsen genauer angesehen.

Insgesamt haben rund 300.000 einzelne Accounts auf Binance und Huobi im Jahr 2019 Bitcoins mit krimineller Vergangenheit empfangen. Allerdings konzentriert sich der Großteil der Handelsaktivität auf 2.196 Accounts, die im Jahr 2019 beinah 27,8 Milliarden Dollar in Bitcoin empfangen haben. Die kriminellen Einkünfte stellten nur einen kleinen Teil der eingehenden Zahlungen dar – stiegen aber im Wert kontinuierlich an. Aufgrund dieser Daten geht Chainalyses davon aus, dass es sich um OTC Broker handelt.

OTC steht für „Over the Counter“ und meint einen außerbörslichen Handel. Solche Broker wechseln Bitcoins für Käufer und Verkäufer, die kein Konto bei einer Börse eröffnen wollen oder können. Für viele Händler sind OTC-Deals praktisch, weil sie große Mengen Bitcoins zu festen Preisen kaufen oder verkaufen können, während sie auf Börsen risikieren, in einen schwer zu kalkulierbaren Liquiditätsengpass zu rutschen. Solche OTC-Broker sind eine wichtige Liquiditätsquelle für die Kryptobörsen; wie groß ihr Markt genau ist, ist schwer zu sagen, aber Analysen gehen davon aus, dass er riesig ist.

Die meisten OTC-Broker, erklärt Chainalysis, betreiben ein legitimes Gewerbe. Einige hätten sich aber darauf spezialisiert, Geldwäschedienstleistungen für Kriminelle anzubieten. Sie haben gegenüber ihren eigenen Kunden viel geringere KYC-Anforderungen als die Börsen, auf denen sie selbst handeln. Aufgrund der Analysen meint Chainalysis, dass es eine Gruppe von mindestens 100 sehr großen OTC-Brokern gibt, die solche Geldwäsche-Dienstleistungen anbieten. Diese 100 Broker haben seit 2017 ihr Handelsvolumen auf Huobi und Binance erheblich gesteigert. Sie sind aktive Händler und haben „einen riesigen Einfluss auf das Ökosystem der Kryptowährungen.“ Die Gelder, die sie derzeit erhalten, machten ein Prozent der gesamten Aktivität des Bitcoin-Ökosystems aus.

Den Ablauf der Geldwäsche-Transaktionen stellt Chainalysis an einem Beispiel vor. Es gibt Bitcoins, die aus kriminellen Einkünften stammen. Sie gehen erst auf eine Zwischenwallet, und von dort aus zu zwei OTC-Brokern, die beide in der Liste der 100 oben genannten Broker sind. Diese transferieren die Guthaben dann zu Huobi, wo sie vermutlich gegen Dollar oder Yuan gewechselt werden.

Diese Geldwäsche-Infrastruktur durch OTC-Broker ist ein Pfeiler „fast aller anderen Arten von Verbrechen“, die der Bericht von Chainalysis anspricht. „Wenn es keine Wege für schlechte Akteure gibt, Kryptowährungen zu wechseln, die sie aus illegalen Quellen haben, würde es viel weniger Anreize geben, Verbrechen zu begehen. Das würde nicht nur bedeuten, dass es weniger Opfer der Verbrechen geben würde, sondern auch die Reputation von Kryptowährungen erhöhen …“ Daher empfiehlt Chainalysis den Börsen, Regulierern und Ermittlern, diese Art der Geldwäsche entschieden zu bekämpfen. Glücklicherweise gebe es Wege dazu.

„Es beginnt alles mit Transparenz. Geldwäsche wird, vor allem in der Fiatwelt, üblicherweise als eine schwarze Box gedacht, die man nur öffnen und verstehen kann, wenn man einen Durchsuchungsbericht und Einsicht in die Bankaufzeichnungen hat.“ Mit Blockchain-Analysen – wie denen von Chainalysis – sei dies anders. „Wir können Transaktionen auf der Blockchain untersuchen und viel schneller herausfinden, wie Kriminelle Geld waschen.“ Sowohl Ermittler als auch Regulierer sollten, empfiehlt die Firma, zu Experten im Umgang mit der Technologie werden.

Börsen dagegen sollten ihre Sorgfaltspflichten hinsichtlich der OTC-Broker noch strenger erfüllen. Sie sollten nicht nur die Identität von ihren Kunden prüfen, sondern auch von OTC-Brokern einfordern, dass diese gegenüber ihren Kunden ebenfalls KYC-Prozesse verhängen.

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4 Kommentare zu Bitcoins mit krimineller Vergangenheit werden immer öfter auf Börsen gewechselt

  1. Das hier ist ein nettes Analyse tool:
    https://oxt.me/

  2. Paul Janowitz // 18. Januar 2020 um 15:15 // Antworten

    Das Tracking von offensichtlichen Beispielen, wie es Chainalysis explizit erwähnt, bei der eine Tx auf zwei Broker gesplittet wird, ist trivial und durchaus für alle Transaktionen automatisiert durchführbar, dafür braucht man aber keine Rocket Science wie sie Chainalysis besitzt. Für die detaillierte Analyse fortgeschrittener Techniken über etliche Hops, CoinJoins bedarf es allerdings schon eines Experten, der die Tools bedienen kann und das wäre allenfalls bei einem begründeten Anfangsverdacht für die Börsen leistbar.

    Dass gerade Binance und Huobi in diesem Bericht herausstechen wundert mich nicht, da sie mit die größten realen Handelsvolumina unter nicht US-Börsen haben dürften. Mit „real“ meine ich tatsächliche Trades und kein Bot-generiertes Fake Volumen. An Kraken und Coinbase dürften sich viele OTC und auch sonstige Trader alleine wegen dem US Standort nicht wagen, da sie (teils willkürliches?) Einfrieren von Guthaben riskieren.

    Börsen dagegen sollten ihre Sorgfaltspflichten hinsichtlich der OTC-Broker noch strenger erfüllen. Sie sollten nicht nur die Identität von ihren Kunden prüfen, sondern auch von OTC-Brokern einfordern, dass diese gegenüber ihren Kunden ebenfalls KYC-Prozesse verhängen.

    Klassisches Marketing Geblubber: Ihr braucht uns, weil Ihr Euch sonst verdächtigt macht und Geldwäsche unterstützt. Dabei kosten die Lizenzen afaik ab 6-stellig pro Jahr…

    Ist es nicht viel mehr pervers, dass jede „Klitsche“ eine Software zum Tracking von allen Teilnehmern eines Netzwerks entwickeln kann? Das wäre vergleichbar, als hätte jeder ähnlich dem BND/NSA & Co. Zugriff auf jeglichen Traffic, der über den DeCix läuft. Der ist generell auch pseudonym, denn IP-Adressen sind erstmal nicht personenbezogen, bis man sich irgendwo mit Real-Daten registriert / identifiziert.

    • Eine IP-Adresse kann eindeutig einem Anschluss zugeordnet werden. Pseudonym würde ich das nicht nennen.

      • Paul Janowitz // 19. Januar 2020 um 21:56 //

        Wie denn? Kannst Du das machen? Ich jedenfalls nicht…

        Selbst für Ermittlungsbehörden: Wie lange, wenn überhaupt? Es ist tatsächlich ein Pseudonym, hinter dem je nach NAT Einstellungen (z.B. bei Mobile) sogar Tausende Teilnehmer gleichzeitig stehen können.

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