Pleitegeier über dem Schweizer Crypto Valley

Der Truthahngeier. Bild von U.S. Fish and Wildlife Service Headquarters via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Das Schweizer Crypto Valley ist einer der Hotspost der ICO-Branche. Nachdem die Krypto-Startups nun angeblich wegen der Corona-Krise heftig angeschlagen sind, wollen sie, dass der Staat zu Hilfe springt. Umfragen zufolge erwartet das Crypto Valley in den kommenden Monaten eine Pleitewelle, die etwa die Hälfte der Startups ausradieren wird.

Die Stimmung im Schweizer Crypto Valley ist derzeit ziemlich trüb. „Das Crypto Valley und die gesamte Schweizer Blockchain-Szene,“ mahnt das Blog des Valleys am 7. April,  „steht aufgrund der durch die Corona-Pandemie verursachten Einschränkungen vor einer existenziellen Gefahr“. Kurz vorher hatte die Schweizer Blockchain Association eine Umfrage mit 203 Mitgliedern des Crypto Valleys durchgeführt. Die Ergebnisse zeichnen eine Branche in Panik.

In einem Update am 28. April wiederholt das Blog, dass die Startups wegen der Corona-Krise schwer zu kämpfen hätten. Allerdings besteht nun immerhin die Hoffnung, dass ein Finanzierungsfonds von der Regierung und privaten Investoren das Schlimmste verhindern kann. Dieser Fond soll Startups retten, die „durch die Corona-Problematik in eine finanzielle Schieflage geraten sind und nicht auf die bereits beschlossene COVID19 Überbrückungshilfe des Bundesrates Zugriff erhalten.“ Denn nichts benötigt das Crypto Valley derzeit so sehr wie Investitionen und Kredite. Auf der einen Seite drosseln private Investoren derzeit ihre Finanzierungsrunden an Blockchain-Startups, und auf der anderen Seite erfüllen die wenigsten der Startups die Bedingungen, um die COVID19-Notkredite der Regierung zu erhalten.

Die Umfrage der Blockchain Association mit 203 Startups wirft ein düsteres Licht auf das Crypto Valley. Beinah 50 Prozent der Befragten gaben an, zu 100 Prozent im Lauf der nächsten sechs Monate insolvent zu gehen. Nur ein winziger Teil, vielleicht 5-10 Prozent verfügt über die notwendigen Reserven, um eine Insolvenz in diesem Zeitraum sicher abzuwenden. Gut 67 Prozent der Befragten haben Kurzarbeit beantragt, knapp 60 bemühen sich um einen COVID19-Kredit, ebenso viele haben bereits Mitarbeiter entlassen.

In den individuellen Zitaten, in denen die Unternehmen ihre Probleme schildern, ist sehr oft zu lesen, dass sie keinen Kredit bekommen, weil sie noch keine Einkünfte haben, dies aber die Voraussetzung dafür ist. Bei vielen Zitaten winkt Panik durch: „Wir fühlen uns hilflos. Wenn nichts geschieht ist das Crypto Valley in einem halben Jahr das Death Valley“. Oder: „Wir haben Angst. Alle hier im Crypto Valley haben Angst“.

Für einen offenbar sehr großen Teil der Startups stellt sich die Situation wohl so dar: Sie haben keine Einnahmen, es sind keine Investoren in Sicht, und staatlichen Kredite erhalten sie nicht. Also zehren von den bisherigen Investments, die im Lauf der kommenden Monate erschöpft sein werden.

Dass diese Startups nun Staatshilfe wegen der Corona-Krise beantragen, ist aus einer ganzen Reihe von Gründen surreal.

ICO-Profiteure im Steuerparadies

Erstens hat Corona von so gut wie keinem der Startups das Geschäftsmodell angeschlagen. Falls die Unternehmen überhaupt ein bereits aktiviertes Geschäftsmodell haben, findet dieses digital statt. Corona ist hier lediglich die Ausrede dafür, mit einem Startup gescheitert zu sein, und die Hoffnung, im Zuge der Wirtschaftsrettungen ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Ähnliches wird auch von Deutschland berichtet, wo die Regierung die Regeln für Kurzarbeit gelockert hat.

Zweitens ist das Zuger Crypto Valley ein Steuerparadies. Vor allem internationale Unternehmen, die ihre Einkünfte im Ausland erwirtschaften, kommen besonders gut weg. Daher wurde die kleine Gemeinde Zug zu einem Magnet auch für sehr große Unternehmen, die ein Pro-Forma-Büro in Zug unterhalten – oder zumindest einen Briefkasten. Dass gerade diese Unternehmen nun eine Staatshilfe verlangen, ist nicht ganz unironisch.

Drittens ist das Zuger Crypto Valley der globale Hotspot der ICO- und Token-Wirtschaft. Es gibt keinen Ort, an dem so viele Herausgeber von Token auf so dichtem Raum beheimatet sind. Die allermeisten dieser Token wurden vor einigen Jahren mit dem Versprechen, ein lukratives Geschäft zu entwickeln, an arglose Investoren verkauft, die in fast allen Fällen heute mit Verlusten von mehr als 90 Prozent zurückbleiben. In Zug genießen die Token-Startups ein angenehmes Umfeld. Nicht nur bleiben sie mit einem Investmentmodell, das in anderen Ländern vor Gericht führen würde, von der Regulierung weitgehend unbehelligt – sie bezahlen für die Einnahmen auch noch kaum Steuern. Dass sie nun, nachdem sie daran gescheitert sind, die den Investoren gemachten Versprechungen umzusetzen, und die üppigen Einnahmen aus den Tokenverkäufen verbrannt haben, nach Staatshilfen rufen, ist absurd.

Viele Gelegenheiten für Anleger, um Geld zu verbrennen

Ein gutes Beispiel für eines der Crypto-Valley-Startups ist Bitcoin Oil, das nach einem Bericht von Zentralplus.ch vor kurzem insolvent ging. Die Firma hatte nur einen Briefkasten in Zug.

Bitcoin Oil hat eine Fork von Bitcoin produziert, die „eine breite Spanne längst überfälliger Verbesserungen in Bitcoin implementiert.“ Darunter die Preisstabilität durch geschickte Anreize, weniger Energieaufwand durch POS, mehr Privacy durch etwa Confidential Transactions sowie „Smart Sidechains“. Um das durchzuziehen, haben sie je echtem Bitcoin 1.000 BTCO erzeugt und diese in einer ICO verkauft. 2 der 21 Milliarden BTCO-Token blieben dabei im Besitz der Firma, die damit die Entwicklung antreibt. Wenn ein solches Startups pleite geht, hat dies rein gar nichts mit Corona zu tun, sondern mit einer Minimal-Vernunft der Märkte.

Das Crypto Valley meint eigentlich den steuerparadiesischen Kanton Zug. In Übersichten fließen dabei aber auch Crypto-Startups aus der ganzen Schweiz ein. Eine Übersichtsseite nennt mehr als 800 Startups. Ein wenig Orientierung erbringt der Top-50-Bericht über das Crypto-Valley, in denen die 50 größten Startups vorgestellt werden. Darin findet man die Foundations von Ethereum, Cardano und Tezos, die durch die ICO prall gefüllte Kassen haben, mit denen sie die Entwicklung der Währung finanzieren.

Daneben findet man zahlreiche ICO-Geldgräber: Golem, Cosmos, Waves und Polkadot sind einigermaßen bekannt, weniger bekannt sind Santiment (SAN), Aeternity (AE), Concordium, HDAC, Status, Securosys (SET). Einige zufällige Klicks auf der Crypto-Valley-Karte führten mich noch weiteren Token made in Swiss: LQD, PLR, RPZX, der berüchtigte Swisscoin sowie und Stone Coin. Es dürfte noch viele weitere geben. Der absolute Großteil dieser Token hat gemein, dass auf Basis von meist viel zu optimistischen Whitepapers Investoren angelockt wurden, die mit dem Kauf der Token Verluste von 90 Prozent oder mehr gemacht haben.

Natürlich haben auch seriöse Startups und Stiftungen ihre Heimat im Crypto Valley. Zumindest Ethereum und Tezos sind seriöse Projekte, Status ebenfalls, und Cardano an sich auch. Dazu kommen noch Börsen wie Bittrex, Wallets wie Lykke oder BRD, Investment-Unternehmen, die Anlegern helfen, Kryptowährungen zu kaufen, und Tech-Unternehmen, die Banken dabei unterstützen, ihre Wertpapieren und Finanzprodukte auf eine Blockchain zu bringen und damit technisch effizienter zu machen. Wenn diese Unternehmen ihren Job gut machen und ein echtes Geschäftsmodell entwickelt haben, dürften sie durch Corona so gut wie keine Probleme bekommen haben. Sie gehören vermutlich zu den gut 10 Prozent der Befragten, die die Wahrscheinlichkeit, im Lauf der kommenden sechs Monate pleite zu gehen, mit 0 oder 20 Prozent angeben.

Viele Startups im Valley versuchen zudem, mal mit, mal ohne ICO, den Brückenschlag zwischen Blockchain und anderen Bereichen zu schlagen, etwa zur Supply Chain, zur Kunst, zur Medizin und so weiter. Für sie könnte die Situation eng werden, wenn auch nicht wegen Corona, sondern weil in diesem Bereich eine sehr starke Konkurrenz herrscht, aber die Wirtschaft selbst erheblich zögert, Blockchain-Lösungen tatsächlich umzusetzen. Es gibt also viele Mitbewerber, die um einen sehr kleinen Kuchen rangeln müssen. Dementsprechend entspricht es dem natürlichen Lauf der Dinge, dass ein Großteil von ihnen über kurz oder lang pleite geht. Die Corinakrise ist hier, wie so oft, maximal der Auslöser, vermutlicher aber vielmehr die Ausrede.

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2 Kommentare zu Pleitegeier über dem Schweizer Crypto Valley

  1. Interessanter Artikel! Ich sehe das nahezu genauso, also dass die allermeisten die jetzt Corona als Grund für die kommende Pleite nennen lediglich die Chance nutzen um die Verantwortung dafür von sich weisen zu können.

    Eine interessante Frage ist dennoch wie sich die Wirtschaftskrise, die Corona m.A.n. nicht verursacht sondern „nur“ auslöst, auf Crypto insgesamt und einige Projekte im Speziellen auswirken könnte. Das Thema ist wahnsinnig komplex. Eine „simplifizierte“ Frage wäre natürlich, ob Bitcoin – gemacht für Krisen – tatsächlich zu dem sicheren Hafen wird wie es manche/viele erhoffen. Möglicherweise beschleunigt die Krise sogar einige Entwicklungen in der Finanzbranche, etwa staatliche Stablecoins oder Projekte wie Libra (wobei die Angst der Staaten vor so etwas vielleicht durch eine Krise eher noch steigen würde) oder vielleicht sogar steigende Adoption im Handel.

    Das Problem ist, vorherzusehen wie genau die Krise verlaufen wird, also ob es z.B. zu einer massiven Entwertung staatlicher Währungen kommen wird oder nicht, ob jene die dazu neigen in Crypto zu investieren das in Zukunft überhaupt noch können usw.

    Ich vermute es kommt sowohl Gesamtwirtschaftlich und in Crypto sowieso zu einer großen „Marktbereinigung“: Pleitewellen von kleinen und großen Firmen, Kreditausfällen, Probleme von Banken, deutliche Zunahme der Arbeitslosenzahlen und damit verbunden auch wieder zu Kreditausfällen usw.. Staaten werden noch mehr Geld in die Hand nehmen müssen um zu retten, sich dadurch noch mehr verschulden usw.

    Aber… das Thema ist so komplex dass ich mich frage wer sowas wirklich berechnen kann.

    • Paul Janowitz // 2. Mai 2020 um 16:09 // Antworten

      Dass Bitcoin wie auch Gold relativ zu Fiat steigt ist eigentlich ein No-Brainer, wenn man sich die Notenbankpressen aktuell ansieht, aber das Thema ist sehr komplex und wenn es zu Liquiditätsengpässen kommt, ist eine Kryptowährung eher schneller zu Geld zu machen als z.B. eine Immobilie. Das einzige Problem bei Bitcoin sehe ich bei einem möglichen neuen Bull-Run, auf den Bitcoin heute genauso schlecht vorbereitet ist wie Ende 2017, Blöcke würden voll werden, Gebühren unberechenbar und Transaktionen mitunter tagelang feststecken, wenn die Coins nicht gerade Off-Chain auf Börsen liegen, aber das war nicht der Sinn und Zweck Bitcoins. Gerade diejenigen, die Bitcoin „not your keys, not your coins“ leben, würden abgestraft und jeder Bull-Run dürfte dadurch abgewürgt werden. Eigentlich ein Armutszeugnis… Wahrscheinlich dürften dabei Altcoins profitieren, wobei eine Pleitewelle im Crypto Valley vielleicht zu einer Bereinigung des Marktes von den offensichtlichen Scams führen könnte.

      Passend dazu hat eine Community Workgroup um Monero einen Dokumentarfilm mit einem älteren Vortrag erstellt und diesen in einigen Kinos per Online Vorstellungen laufen lassen, so dass er lustigerweise in den Kino Charts letztes Wochenende in den Staaten auf #2 gelandet ist und ganz gut für Publicity gesorgt hat:

      Das alles mit einem niedrigen 4-stelligen Budget…
      https://www.vice.com/en_us/article/jgewky/how-a-random-guy-made-the-2-movie-in-america-for-dollar1000

      Da man von einer schleichenden Inflation ausgehen kann wenn man sich weltweit die Notenbanken ansieht, werden begrenzte Werte gemessen in Fiat eher steigen, Immobilien eher sinken, da Kreditausfälle deutlich häufiger werden dürften und diese durch ihre immobile und perfekt dokumentierte Eigenschaft am einfachsten mit einer Vermögenssteuer belegt werden können. Wahrscheinlich wird ein Brötchen in wenigen Monaten nicht mehr 20-30 Cent kosten, sondern eben bereits einen Euro. Gemessen in Bitcoin oder den soliden Altcoins dürfte eher Wertstabilität erhalten bleiben, vorausgesetzt wir fallen nicht in eine komplette Rezession, die auch Whales dazu zwingt, ihre Positionen in Crypto zu verkleinern.

      Langfristig könnte die Krise aber auch eine Chance zu sein, von diesem ganzen Hamsterrad-Kapitalismus wegzukommen, aber wenn ich nach der kürzlichen Öffnung der Läden Leute mit 5 riesigen Tüten aus den Textildiscountern rauskommen sah, sehe ich da schwarz. Vielleicht sollte man sich doch darauf besinnen, dass ein lokal hergestelltes T-Shirt für 30 Euro nachhaltiger ist, als 10 irgendwo hergestellte für je 2 Euro. Das gilt auch für andere triviale Produkte wie Schutzmasken… Es gibt natürlich Produkte, die wir nicht lokal herstellen können wie Kaffee usw., aber wenn man alles globalisiert, kommt es eben ziemlich schnell zu einer Krise unserer globalisierten Gesellschaft, wenn einzelne Regionen plötzlich wegfallen.

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