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Wenn Krypto zu groß für eine ganze Volkswirtschaft wird: Bedroht Bitcoin das Finanzsystem von Nigeria?

Laguna Lagos. Bild von Heinrich-Böll-Stiftung via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die Zentralbank von Nigeria verbietet es Banken, Überweisungen in Zusammenhang mit Kryptowährungen zu verarbeiten. Die Zentralbank behauptet, damit das Finanzsystem Nigerias schützen zu müssen — was in diesem Fall vielleicht sogar gar nicht so unwahr ist. Bitcoin hat in Nigeria eine Wucht erreicht, die die nationale Währung, den Naira, an die Wand drückt — oder seinen Niedergang beschleunigt.

Die Zentralbank in Nigeria (CBN) hat am 5. Februar einen öffentlichen Brief an alle Banken und anderen Finanzinstitionen geschrieben.

In diesem Brief erinnert sie die Institutionen an eine schon 2017 erlassene Warnung vor den Risiken im Zusammenhang mit Kryptowährungen und erklärt, dass es allen regulierten Finanzinstitutionen verboten sei, mit Kryptowährungen zu handeln oder Zahlungen für Krypto-Börsen auszuführen. Jede Bank müsse Personen und Unternehmen identifizieren, die Transaktionen an Kryptobörsen anweisen, diese betreiben oder als solche fungieren, und deren Konten unverzüglich schließen. Die Nichterfüllung dieser Direktive wird ernsthafte regulatorische Strafen nach sich ziehen.

Börsen, die in Nigeria operieren, verlieren damit das Bankkonto für Ein- und Auszahlungen der nationalen Währung Naira, und Nigerianer, die Bitcoins kaufen oder verkaufen wollen, werden es nun schwer haben, Naira auf elektronischem Wege zu einer Börse zu überweisen oder mit privaten Käufern oder Verkäufern zu wechseln. Die Börse Binance, die ebenfalls in Nigeria operiert, schaltete die Einzahlung von Naira ab und rief ihre Kunden auf, Guthaben in dieser Währung so schnell wie möglich auszuzahlen, um Probleme zu vermeiden.

Die nigerianische Börse Quidax kommentiert den „Krypto-Liebesbrief“ der CBN. Weder Ein- noch Auszahlungen von Naira seien möglich. Die Zahlungspartner der Börse hatten keine andere Möglichkeit, also die Anweisungen der Zentralbank umzusetzen. Die letzten zwei Tage seien hart gewesen für die Börsen, „aber wir sind in harten Umständen geboren und uns durchzukämpfen ist das, was wir schon immer getan haben.“ Man sei bereits dabei, den Notfallplan umzusetzen, den man extra für solche Fälle entworfen habe, können aber zur Zeit noch nichts konkretes sagen.

Die offizielle Erklärung

Das Vorgehen der CBN hat in Nigeria einen großen Wirbel verursacht. „Vor allem die generelle Öffentlichkeit“ verlange, schreibt die Zentralbank kurz darauf, das sie ihre Entscheidung genauer begründe. Diese Begründung sowie alle weiteren Erklärungen, die seitdem an die Öffentlichkeit gerieten, sind extrem spannend. Sie zeigen, was passiert, wenn Bitcoin größer als eine ganze Volkswirtschaft wird.

Die Zentralbank erinnert zunächst daran, dass es Banken in Nigeria bereits seit Anfang 2017 verboten ist, mit Kryptowährungen zu arbeiten. Ferner sei es nicht ungewöhnlich, dass Zentralbanken gegen Kryptowährungen vorgehen. So haben die Zentralbanken in China, Kanada, Taiwan, Indonesien, Algerien, Ägypten, Marokko, Bolivien, Kirgisien, Ecuador, Saudi Arabie, Jordanien, dem Iran, Bangladesch, Nepal und Kambodscha allesamt „ein gewisses Maß an Restriktionen“ gegenüber Finanzinstitutionen im Zusammenhang mit Krypto-Transaktionen erlassen.

Die konkreten Gründe für die CBN sind jedoch die folgenden: Erstens verstößt die Herausgabe und damit auch die Nutzung von Kryptowährungen in Nigeria gegen das Gesetz, welches vorschreibt, dass lediglich die Zentralbank Währungen oder Währungssubstitute herausgeben oder deren Herausgabe lizensieren darf. Zweitens missbrauchen Kriminelle die Anonymität oder Pseudonymität von Kryptowährungen für ihre Aktivitäten, „darunter Geldwäsche, Terrorfinanzierung, Waffenkauf und Steuerhinterziehung.“ Drittens werden Kryptowährungen weniger als Zahlungsmittel denn als Spekulationsobjekt benutzt und seien als solche extrem volatil, wodurch sie das Finanzsysrtem gefährden könnten.

Die Anordnung an die Banken sei daher notwendig, um „das Finanzsystem und die Nigerianer im generellen“ vor den Risiken durch Kryptowährungen zu schützen, „die in der letzten Zeit eskaliert sind, mit entsetzlichen Konsequenzen für die Integrität unseres Finanzsystems und der finanziellen Stabilität.“

Allerdings ist die von der Zentralbank gelieferter Begründung nur ein Teil. Sie besteht im Grunde ja nur aus einer juristischen Formalität, den beiden üblichen Vorwürfen, der Nutzung durch Kriminelle sowie der hohen Volatilität, leitet daraus aber eine Bedrohung für das gesamte Finanzwesen ab. Bläst sie hier etwas auf, um einen Vorwand zu haben? Oder verschweigt sie etwas?

Schwache Finanzen, starke Kryptos

Grundsätzlich gibt es in Nigeria eine extreme Disbalance zwischen Kryptowährungen und dem normalen Finanzsystem, di ein dieser Wucht vielleicht einzigartig ist: Das Land hat ein kleines, schwaches, kränkelndes, marodes, überreguliertes Finanzsystem – und einen großen, sehr aktiven und dynamischen Kryptomarkt.

Das hohe Interesse der Nigerianer an Bitcoin lässt sich durch verschiedene Metriken feststellen:

Im August 2020 meldete das Wirtschaftsmagazin Nairametrics, dass Nigeria das weltweit stärkste Interesse bei Google an Bitcoin zeige. Die 200-Millionen-Einwohner-Nation sei der wichtigste Marktplatz für Kryptowährungen in Afrika, und global gesehen einer der am schnellsten wachsenden.

Beim Wallet-Anbieter blockchain.com stellten Nigerianer seit April 2020 die am stärksten wachsende Kundengruppe dar. Die Anzahl der User aus Nigeria hat sich zwischen April und August 2020 um 60 Prozent erhöht.

Paxful, eine Plattform für P2P-Börsen, betreibt einen sehr aktiven Markt in Nigerien. Einem Bericht der Plattform aus dem Sommer zufolge war Nigeria nach den USA der weltweit zweiaktivste Marktplatz für Kryptowährungen. Im November 2020 berichtet das Blog der Plattform, dass der Markt in Nigeria schon zuvor um 20 Prozent im Jahr gewachsen sei, seit 2020 (und Corona) sogar um 30 Prozent. Allein 2020 seien 451 Millionen Dollar oder 20.500 Bitcoins gehandelt wurden, die Anzahl der Neuanmeldungen sei um 137 Prozent gestiegen.

Die Zahlen für das Handelsvolumen in Nigeria sind eher fragmentarisch und insgesamt wenig zuverlässig. So berichtet Paxful laut einer anderen Quelle, dass im vergangenen Jahr in Niveria rund 600.000 Bitcoins gehandelt wurde; BuyCoins gab ein monatliches Handelsvolumen von 200 Millionen Dollar an; das Magazin Stears Business hingegen nur 141 Millionen Dollar im Jahr. Die Zahlen, die verfügbar sind, gehen also sehr weit auseinander.

Allerdings verbucht die Aktienbörse von Nigeria weniger als 200 Millionen Dollar im Quartal. Selbst wenn man von den geringsten Schätzungen zum Handelsvolumen ausgeht, ist der Anteil von Kryptowährungen an nigerianischen Finanztransaktionen enorm groß.

Wie erklärt man vor diesem Hintergrund das Verbot durch die Zentralbank?

Bitcoin verschärft die Schwäche des Naira

Die Währung Nigerias, der Naira, inflationiert. Seit 2016 ist der Kurs gegen den Dollar um mehr als die Hälfte gefallen. Im vergangenen Jahr blieb der Naira zwar offiziell stabil, doch Ausbrüche in den Wechselquoten zeigen, dass diese Stabilität sehr wackelig ist.

Ein großer Teil des Tausches von Naira gegen Dollar und andere Devisen läuft über Schwarzmärkte ab, wo der Kurs im vergangenen Jahr auf ein Allzeittief gefallen ist. Die offiziellen und „parallelen“ Preise haben sich im vergangenen Jahr noch weiter entkoppelt, was nicht eben für die Gesundheit der Währng spricht.

Der einstürzende Preis für Rohöl im vergangenen Jahr sowie die Corona-Krise im generellen haben die Devisen in Nigeria knapp gemacht. Devisen meint allgemein Fremdwährungen, in der Regel aber den Dollar. Man braucht Devisen, um Importe aus dem Ausland zu bezahlen und die eigene Währung zu stabilisieren, weshalb eine Devisen-Knappheit extrem beunruhigend ist.

Um der Knappheit Herr zu werden, griff die Zentralbank Ende 2020 zu einem rabiaten Mittel: Sie ließ die Naira-Bankkonten von Dienstleistern schließen, die Überweisungen von nigerianischen Gastarbeitern prozessierten, welche Geld aus dem Ausland an ihre Familien schicken. Damit wollte sie die Unternehmen zwingen, Dollar anstatt Naira ins Land zu schicken.

Die Folge war jedoch, dass die nigerianischen Gastarbeiter zunehmend begannen, Kryptowährungen zu verwenden. Abiodun Keripe, der geschäftsführenden Direktor von Afrinvest, erklärt The National, dass dies zu einem Trend geworden sei, welcher für die Zentralbank gefährlich werde: Die Finanzflüsse aus dem Ausland werden vollkommen unreguliert in Kryptowährungen umgeleitet. Sie entziehen sich der Kontrolle der Zentralbank.

Die offiziellen, durch regulierte Dienstleister vorgenommenen Rücküberweisungen aus dem Ausland sind im vergangenen Jahr dramatisch gefallen. Von 5 Milliarden Dollar im zweiten Quartal fielen sie auf 3 Milliarden im dritten; insgesamt sind die Geldflüsse auf einem Vierjahrestief angelangt. Im Vergleich mit 2019 haben sie sich von 24 Milliarden auf weniger als 10 Milliarden Dollar reduziert. Die Abnahme ist so dramatisch, dass sie, so Keripe, einen Einfluss auf die Devisenreserven des Landes und damit die Stabilität der Naira nehmen könnten.

Dass immer mehr Gastarbeiter Bitcoin und andere Kryptowährungen für Rücküberweisungen nutzen, trocknet nun, so Keripe, „den Markt für Devisen weiter aus und lässt die Raten zwischen offiziellen und parallelen Märkten weiter auseinanderklaffen. Dies wird es schwierig machen, die notwendigen Reserven zu halten, um eine lokale Währung zu stützen.“

Eine ähnliche Erklärung präsentiert das Magazin Stears Business. The National fasst diese zusammen: „Als der Kryptomarkt boomte, haben mehr und mehr Nigerianer ihre Naira gegen Kryptowährungen wie Bitcoin oder Dogecoin getauscht. Individuen zahlen Naira auf den Börsen ein und kaufen die Coins direkt. Diese Unternehmen allerdings kaufen Dollar vor allem auf Parallel-Märkten [=Schwarzmärkte], um mit diesen auf den internationalen Märkten Kryptowährungen zu kaufen. Je mehr Leute also Kryptowärhungen kaufen, umso mehr Dollar werden Nigeria entzogen.“

Bitcoin wird offenbar zum Katalysator: Ein Instrument, das es den Menschen ermöglicht, aus einem maroden Finanzsystem auszubrechen und dessen Niedergang damit zu beschleunigen.

Die Sache mit der Kriminalität

Experten wie Keripe bestätigen zum Teil das Argument der Zentralbank, dass Bitcoin von Kriminellen verwendet wird. Keripe wie auch der Finanzexperte Yakub Aliyu berichten The National, dass Hacker vor kurzem eine nigerianische Bank mit Ransomware infiziert und die Kundendatenbank gestohlen haben. Um sie nicht zu veröffentlichen, haben die Hacker ein Lösegeld in Bitcoin verlangt.

Die Zentralbank könne, meint Aliyu, „nicht die Hände zusammenfalten und zusehen, wie Kryptowährungen das gesamte Bankensystem zerstören, mit all den widerwärtigen Konsequenzen einer Krise der Banken und deren Rettung.“ Auch die Türkei habe Bitcoin verboten, weil es „ein Kanal für Geldwäsche in einer unvorstellbare Größe“ geworden sei.

Etwas nüchterner betont Keribe, dass der Zentralbank die Technologie fehle, um Kryptowährungen und Börsen effektiv zu überwachen und damit eine feinmaschige Regulierung durchzusetzen. Die Alternative wäre dementsprechend wohl das Vorgehen mit dem Holzhammer.

Allerdings deuten Recherchen von THISDAY an, wie weit das Ausmaß krimineller Transaktionen tatsächlich gehen könnte. Laut dem Journal habe das FBI eine Betrugswelle aufgedeckt, die vor allem im Zusammenhang mit Covid-19-Wirtschaftshilfen stand, und in deren Zuge hunderte von Millionen Dollar aus den USA und Europa mittels Kryptowährungen nach Nigeria gesandt wurden.

Der Geldstrom war so breit, dass er laut FBI-Analysten nicht mehr durch die normale Wirtschaftskraft von Nigeria zu erklären gewesen sei. Laut einer Quelle handelte es sich um 200 und 300 Millionen Dollar je Woche. Sowohl die USA als auch die Zentralbank von Nigeria hätten befürchtet, dass diese Geldmenge das Finanzsystem von Nigeria destabilisiert.

Über Christoph Bergmann (2120 Artikel)
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5 Kommentare zu Wenn Krypto zu groß für eine ganze Volkswirtschaft wird: Bedroht Bitcoin das Finanzsystem von Nigeria?

  1. Der Artikel ist sehr interessant, nur das Timing ist unglücklich. Im Moment schauen alle gebannt auf den noch nie dagewesenen Kurssprung beim Bitcoin…

  2. Im schlimmsten Fall hast du das Szenario oben dargestellt, du braucht nur noch EZB einsetzen…

    Aber vorher wird noch ordentlich verdient… 😉

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