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Europa gegen das Darknet

25 Jahre Polizei Spa. Bild von Klaus Nahr via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Koblenz, Kempten, Göteburg: In Europa geht die Polizei derzeit massiv gegen kriminelle Aktivitäten im Darknet vor. Dank der schönen Bitcoin-Preise dürfte das oft ordentlich Geld in die Staatskassen spülen – wenn man denn das Passwort für die Wallets hat.

Manchmal lohnen sich Verbrechen – für die Regierungen, die sie bekämpfen. Etwa wenn ein Drogendealer Drogen im Wert einiger Zehntausend Euro gegen Bitcoin vertickt, die Coins hortet, bis sie das hundertfache wert sind, und die Polizei sie schließlich beschlagnahmt, nachdem sie dem Dealer auf die Schliche gekommen ist. Da die Bitcoins kriminell erworben wurden, gehören sie dem Staat, der sie dann verkauft.

Inwieweit Europol aber im Zuge des letzten Schlages gegen das organisierte Verbrechen im Netz Bitcoins beschlagnahmt hat, verrät die aktuelle Pressemitteilung leider nicht. Ermittler der europäischen Polizeibehörde haben am Dienstag acht Kriminelle festgenommen, um sie wegen Sim-Swapping anzuklagen. Die Gang hat sich im Laufe des vergangenen Jahres Zugang zu den Telefonnummern von tausenden Opfern verschafft, darunter zahlreiche US-amerikanische Influencer, Sportstars, Musiker und andere Prominente, und diesen nach Kenntnis von Europol mehr als 100 Millionen Dollar in Kryptowährungen gestohlen.

Sim Swapping meint, dass ein Krimineller die Kontroller über eine Telefonnummer übernimmt. Dazu manipuliert er den Mobilfunkanbieter – durch Lügen oder Insider – so dass dieser die Original-SIM deaktiviert und den Zugang zur Telefonnummer auf die SIM des Kriminellen weiterleitet. Sobald er nun Zugriff auf eingehende SMS des Opfers hat, erhält er Zugang zu dessen durch 2-Faktor-Authentifizierung geschützten Accounts. Beispielsweise Kryptobörsen oder Krypto-Wallets. Derlei Sim Swaps waren ein großes Thema nach dem Ledger-Hack, von dem Hunderttausende von Krypto-Benutzern betroffen waren, darunter sicherlich auch zahlreiche Prominente. Ob es hier jedoch einen Zusammenhang gibt, ist der Pressemitteilung nicht zu entnehmen.

Auch beim jüngsten Schlag der Staatsanwaltschaft Koblenz gegen einen Darknet-Drogendealer ist nicht bekannt, ob und in welcher Höhe dabei Bitcoins konfisziert wurden. Nachdem Zollfahnder in Briefzentren in Frankfurt und Gießen mehr als 180 Postsendungen mit Drogen entdeckten, spürte die Polizei eine Bande von Drogenhändlern auf, die in den Niederlanden Amphetamin, Ecstacy und andere Drogen gekauft und über einen Darknet-Marktplatz im Internet verkauft haben. Bei einem Zugriff in Rheinland-Pfalz, Bayern und Nordrhein-Westfalen beschlagnahmte die Polizei Drogen im Wert von rund 250.000 Euro sowie die Computer der Beschuldigten – auf denen sie vermutlich noch Wallets entdecken werden.

Im Kampf gegen den Drogenhandel aus dem Darknet scheint die Koblenzer Landeszentralstelle Cybercrime mittlerweile eine führende Rolle einzunehmen. Erst im Januar hatte sie für Schlagzeilen gesorgt, als ein internationales Team unter ihrer Leitung den „DarkMarket“ zumachte, zu seiner Zeit einer der größten, wenn nicht der größte Marktplatz im Darknet. Dabei wurde ein Australier als mutmaßlicher Administrator an der deutsch-dänischen Grenze festgenommen. Die Pressemitteilung der Polizei verrät zwar, dass auf dem Marktplatz Drogen im Umfang von rund 140 Millionen Euro in Bitcoin und Monero gehandelt wurden. Ob die Polizei aber auch Kryptowährungen beschlagnahmt hatte, bleibt erneut im Dunklen. Je nach Dauer der Operation könnten die vereinnahmten Handelsgebühren mittlerweile deutlich im Wert gestiegen sein.

Im westfälischen Herford hingegen hat gestern der Gerichtsprozess gegen drei Drogendealer begonnen, die über einen eigenen Online-Shop sowie Darknetmärkte die verschiedensten Drogen, von Haschisch bis Heroin, vertrieben haben. Beschafft hatten die Dealer die Drogen ebenfalls in den Niederlanden, die Einnahmen von insgesamt etwas mehr als 500.000 Euro erzielten sie überwiegend in Bitcoins. Doch auch in diesem Fall verschweigen die Meldungen, ob die Staatsanwaltschaft Kryptowährungen beschlagnahmt hat.

Nicht minder verschwiegen gibt sich die Polizei im schwedischen Göteburg, die vor kurzem eine Bande überführte, die mit Kokain gehandelt hatte. Die Drogen wurden zum Teil auf der Straße verkauft, zum Teil über das Darknet im ganzen Land.  Doch auch hier bleibt unbekannt, ob Bitcoins konfisziert wurden.

Interessant an allen Fällen ist, wie alles miteinander zusammenhängt: Die Koblenzer Polizei konnte die Drogendealer aufspüren, weil sie über Informationen aus dem Schlag gegen den DarkMarket verfügte, wo die Dealer unter anderem gehandelt hatten. Den DarkMarket wiederum brachten Kenntnisse zu Fall, die die Polizei gesammelt hatte, als sie 2019 den ebenfalls rheinland-pfälzischen Cyberbunker hochnahm, von dem aus wichtige Teile des Darknets gehostet wurden. Eines führt zum anderen. Nicht viel anders verlief es in Schweden, wo es den Ermittlern half, dass die Drogendealer den verschlüsselten Messanger Encrochat benutzt hatten, der bei Kriminellen beliebt war, bis ihn die französische Polizei im letzten Jahr geknackt hatten. Und im Herforder Fall spürte die Polizei die Dealer unter anderem deswegen auf, weil sie Drogen auf dem Marktplatz Wallstreetmarket verkauft hatten, den das BKA im vergangenen Jahr geschlossen hatte.

Eindeutiger ist die Lage hingegen in Kempten. Dort hat die Polizei schon 2014 einen 29-Jährigen wegen Computerbetrug verhaftet und dabei über 1.800 Bitcoins konfisziert. Auf 86 davon konnten die Beamten zugreifen. Nachdem die rechtlichen Formalitäten die Staatsanwaltschaft gezwungen hatte, die Bitcoins für einige Jahre zu halten, konnte sie sie 2018 für die doch anständige Summe von 500.000 Euro verkaufen. Das Warten hat sich gelohnt. Nun bleiben aber noch 1.730 Bitcoins in einer verschlüsselten Wallet, welche heute knapp 65 Millionen Euro wert wären – was rund ein Viertel des geplanten städtischen Haushaltes für 2021 ausmachen würde. Gerade nach dem harten Corona-Jahr 2020 dürfte die Stadt ein solches Vermögen gut gebrauchen können. Doch ohne Passwort stehen die Chancen dafür nicht besonders gut.

Nachdem sich die Polizei und die Justiz schon so lange und zum Teil auch so ergiebig mit Cybercrime beschäftigt, plant die Bundesregierung nun, den Tatbestand des Betreibens eines Darknet-Marktplatzes ins Gesetzbuch aufzunehmen. Dem Gesetz zufolge soll es mit bis zu 10 Jahren Haft bestraft werden, eine Handelsplattform im Internet zu betreiben, „deren Zweck darauf ausgerichtet ist, die Begehung von rechtswidrigen Taten zu ermöglichen oder zu fördern.“ Neben den Administratoren der Plattformen zieht das Gesetz auch die Hoster, wie eben jenen berüchtigen Cyberbunker, in die Verantwortung. Wer wissentlich die Serverinfrastruktur für Darknet-Marktplätze oder vergleichbare Plattformen bereitstellt, wird mit Feiheitstsrafen von bis zu fünf Jahren bestraft.

Über Christoph Bergmann (2075 Artikel)
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