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Das digitale Klondike am Schwarzen Meer versucht, keine Mining-Supermacht mehr zu sein

Sochumi, die Hauptstadt von Abchasien. Bild von Clay Gilliland via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die Region Abchasien an der kaukasischen Schwarzmeerküste ist einer der attraktivsten Orte für das globale Bitcoin-Mining. Derzeit versucht die Regierung allerdings, die Branche durch ein Verbot loszuwerden. Doch es scheint gar nicht so einfach zu sein, die Stellung als Mining-Großmacht abzulegen.

Unter Minern gilt Abchasien als das neue Klondike. Die formal zu Georgien gehörende unabhängige Republik am schwarzen Meer zieht Bitcoin-Miner an wie seinerzeit der Fluss Klondike die Goldgräber.

Attraktiv machen das 250.000-Einwohner-Gebiet vor allem die niedrigen Strompreise von etwa 0,5 Dollar-Cent je Kilowattstunde. Der Strom stammt überwiegend aus dem Enguri-Staudamm, den sich Georgien und Abchasien teilen. Der Staudamm stellt mehr als genügend Strom für die Volkswirtschaft, die seit dem postsowjetischen Kollaps von Landwirtschaft und Tourismus dominiert wird.

Ein Bonus für Miner ist der großzügige Immobilienbestand. Viele Fabrikgebäude wurden in der Sowjet-Zeit errichtet und danach, zur Zeit der Bürgerkriege mit Georgien, verlassen. Dazu kommen aufgegebene sowjetische Krankenhäuser sowie leere Wohnhäuser. Denn von den rund 500.000 Menschen, die hier zu Sowjetzeiten lebten, ist nur gut die Hälfte geblieben.

Die beiden wichtigsten Kostenfaktoren für Miner – Strom und Miete – sind in Abchasien unschlagbar günstig. Dies zieht seit etwa 2016 zahlreiche Miner an, vor allem aus Russland. Laut Experten wurden zehntausende Asic-Miner in Abchasien in mindestens 625 Mining-Farmen aufgestellt.

Doch auch Privatleute schürften Bitcoins. „In so gut wie jedem Haushalt stehen einige Mining-Maschinen“, erzählt der Abchasier Tengiz Jopua dem Magazin Coindesk. Die Leute würden ihr Vieh und ihre Autos verkaufen, um Mining-Geräte zu erwerben. „Für manche wurde es zur einzigen Einkommensquelle. Die soziale und politische Situation ist derzeit ziemlich kompliziert. Viele Leute haben ihre Jobs verloren, viele Unternehmen sind nicht profitabel, und die Pandemie-Restriktionen machen alles noch schlimmer.“

Viele Abchasen verdienen am Mining-Boom auch, indem sie ihre Immobilie an Miner vermieten oder als Nachtwächter die Farmen bewachen.

Von der Hoffnung zum Verbot und wieder zurück

Man darf annehmen, dass das Mining einen signifikant hohen Anteil am Bruttosozialprodukt der Region einnimmt, das laut der letzten Schätzung von 2011 etwa eine halbe Milliarde Euro beträgt. Vielleicht ist es heute ein wenig höher, doch möglicherweise steckt das Land durch Corona und die anhaltenden Probleme mit Georgien mittlerweile auch tiefer in der Krise.

Das Bitcoin-Mining erschien zunächst wie ein Geschenk des Himmels. 2017 schwärmte der Wirtschaftsminister des Landes, Adgur Ardzinba, von einer einzigartigen Chance: Das Mining sollte Abchasien aus der Krise führen und Bitcoin sogar die nationale Währung werden.

Doch es kam, leider, anders. 2018 wurde das Mining verboten und damit in den Graumarkt gedrückt. Erst Mitte 2020 legalisierte die neue Regierung unter Präsident Aslan Bzhania das Mining wieder. Gemeinsam mit dem Innenminister besichtigte der Präsident vor laufenden Kameras eine Farm mit 300 Asics. Er erkannte offenbar, welche Chancen das Mining bot.

Doch schon im Dezember erneuerte die Regierung das Verbot. Anfang April hat sie es bis Mai 2022 verlängert und die Strafen für illegales Mining verschärft.

Was ist passiert? Warum verzichtet Abchasien freiwillig auf die Einnahmen durch das Mining?

Günstiger Strom allein reicht nicht aus

Der Grund liegt darin, dass günstige Strompreise allein nicht ausreichen, um zur Mining-Supermacht zu werden. Dies mussten in den letzten Jahren auch wesentlich größere Länder wie der Iran oder Venezuela erfahren.

Notwendig ist auch eine starke und zuverlässige Strominfrastruktur: eine sichere Versorgung und ein leistungsstarkes Netz. Hilfreich dürfte auch die administrative Kompetenz sein, den Zuzug der Miner zu steuern, um zu verhindern, dass sie die Stromnetze ausplündern, so, wie die Armee des Xerxes auf ihrem Weg nach Griechenland angeblich ganze Seen leersoff.

Für das Mining-Klondike Abchasien war das Jahr 2020 sicherlich hochprofitabel. Doch es erwies sich auch als verheerend für die Stromversorgung.

Schon 2016 bis 2019 stieg der Strombedarf der Republik um 30 Prozent an, was vor allem dem Mining zugeschrieben wird. Bereits in diesen Jahren musste Abchasien immer wieder Strom aus Russland importieren, weil die Stromleitungen vom Staudamm aus nicht stark genug waren. Im vergangenen Jahr ist der Strombedarf laut der Regierung um weitere 20 Prozent gestiegen.

Da weder Miner noch Regierung die Erträge genutzt hatten, um in ein besseres Stromnetz zu investieren, waren die Folgen des Minings im vergangenen Jahr für viele Bürger der Republik deutlich zu spüren.

Im Winter fällt der Strom aus

Die Region mit den günstigsten Strompreisen der Welt schlitterte in eine Versorgungskrise. Die Energiefirma der Region, Chernomorenergo, führte Ende November rotierende Blackouts ein, um einen Kollaps zu vermeiden.

Dennoch waren die Stromnetze im Dezember so überladen, dass einige Kraftwerke in Flammen aufgingen. Auch Stromlieferungen aus Russland konnten nicht verhindern, dass der Hauptstadt der Republik, Sochumi, der Strom ausging. Über mehrere Tage hinweg gab es mal Strom für eine Stunde, dann wieder keinen für mehrere Stunden. Mitte des Monats kam dann noch ein Sinken des Wasserspiegels beim Enguri-Staudamm hinzu, wodurch dieser ausgeschaltet oder gedrosselt wurde – was das Problem der Stromknappheit natürlich noch verschärfte.

Da der Stromversorger Chernomorenergo den Bitcoin-Minern die Schuld an den Engpässen gab, wurde dies zu dem Moment, in dem die Regierung beschloss, das Mining wieder zu verbieten. Die Polizei begann, Mining-Farmen aufzuspüren, private Wohnungen, verlassene Fabriken, Garagen und sogar Restaurants nach Minern zu durchsuchen und deren Stromkabel durchzuschneiden. Dabei hat sie laut Innenministerium einen Bedarf von 25 Megawatt abgeklemmt.

Da es aber noch keine Strafen für illegales Mining gibt, haben viele Miner ihre Hardware wieder angeschlossen, kaum dass die Polizei wieder weg war. Neben den maroden Stromnetzen dürfte dies mit ein Grund sein, weshalb die Berichte über Stromausfälle bis heute anhalten. An jedem Tag gehen an einem anderen Ort die Lichter aus.

Die neuen Strafen mit bis zu 8000 Dollar je Megawatt sollen dem Verbot nun Nachdruck verleihen. 8000 Dollar mag nicht viel klingen, stellt aber in der Region das 20-fache des jährlichen Mindestlohns dar.

Ob das Verbot aber tatsächlich Wirkung zeigt? Mining ist in Abchasien schon seit längerem in einer Grauzone. Weder das Verbot von 2018 noch das von Dezember 2020 hinterließ einen bleibenden Eindruck bei den Minern. Das zeigt sich schon daran, dass die Polizei noch in der ersten Märzwoche, also Monate nach dem Erlass des Verbots, hunderte Miningsfarmen aushob.

Es ist nicht einfach, zu einer Mining-Supermacht zu werden. Allerdings ist es offenbar auch nicht einfach, keine mehr zu sein, wenn einige Kernvoraussetzungen stimmen.

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2 Kommentare zu Das digitale Klondike am Schwarzen Meer versucht, keine Mining-Supermacht mehr zu sein

  1. Armut setzt Kräfte frei.

  2. gewerblichen (>4 kW) Strompreis erhöhen und mit den Mehreinnahmen das Netz ausbauen… funktioniert überall und bringt Benefit für alle

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