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„Wenn man ein finanzielles Ökosystem sucht, das schlecht für Kriminelle ist – dann wäre das Bitcoin.“

Volle Transparenz: Ein Dodekaeder aus Glas. Bild von fdecomite via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Ein ehemaliger CIA-Direktor untersucht, wie sehr Bitcoins von Kriminellen verwendet werden. Nach der Analyse sorgt er sich nicht länger vor den illegalen Aktivitäten durch Bitcoins – sondern davor, dass die USA wegen falscher Bedenken den Anschluss verliert. Das Paper, das er geschrieben hat, sollte zur Pflichtlektüre auch europäischer Politiker werden.

Michael Morell hat 33 Jahre lang bei der CIA gearbeitet, zeitweise auch als kommissarischer Direktor. Der 63-Jährige ist einer der führenden ehemaligen Geheimdienstler der USA, der nach seinem Abschied aus der CIA unter anderem Präsident Obama beraten hat.

Michael Morell. Bild Secretary of Defense via Wikipedia. Lizenz: Creative Commons

Nun hat Morell ein Paper über Kryptowährungen und deren illegale Nutzung geschrieben. Gesponsort wurde die Arbeit an dem Paper vom Crypto Council for Innovation, einer Lobby-Gruppe von US-amerikanischen Krypto-Unternehmen, etwa Coinbase oder Square. Bedingung war aber, betont Morell, „dass ich es so darstellen würde, wie ich es sehe, mit Gründen und Transparenz, so, wie ich es während meiner gesamten Karriere als Analyst im Nachrichtendienst gehandhabt habe.“

Seine Motivation erklärt er am Anfang des Papers: „Neue Technologien gehen fast immer mit signifikanten Vorteilen für eine Gesellschaft einher – aber auch mit negativen Externalitäten.“ Die Regierung habe die Pflicht, eine Politik zu gestalten, die die Vorteile fördert, aber vor den Nachteilen schützt. „Wie ich während meiner 33-jährigen Karriere bei der Central Intelligence Agency (CIA) aus erster Hand gelernt habe, kann der Prozess, während dem die Regierung die richtige Balance findet, frustrierend langsam sein, aber am Ende gelingt es ihr üblicherweise.“

Beispielsweise sei Online-Banking 1994 eingeführt worden, doch erst 1999 habe die Regierung die Standards gesetzt, die die rechtlichen Grundlagen für elektronische Dokumente und Unterschriften gesetzt haben. Die einen tendieren dazu, Technologie mit Optimismus zu begegnen, die anderen neigen eher zur Skepsis. So auch bei Kryptowährungen: Die einen „preisen sie als Zukunft des Finanzwesens an, während andere Sorgen über die Implikationen für illegale Finanzen“ verlauten lassen. Gemeinsam mit zwei Kollegen wollte Morell dieser Frage auf den Grund gehen – und der Regierung helfen, die richtige Balance zu finden.

Dafür hat er mit „einer diversen Gruppe von Experten“ gesprochen, von Managern von Blockchain-Unternehmen über Regulierer und Strafverfolger zu Finanzdienstleistern, Geheimdiensten und Investoren.

Die Ergebnisse seiner Recherche haben ihn selbst überrascht.

Das konventionelle Wissen trügt

Morell begann mit Erwartung „dass ich eine Menge Fakten finden würde, die das konventionelle Wissen über das Thema bestätigen.“ Das konventionelle Wissen – das meint die weit verbreitete Meinung, „dass die Bitcoin-Märkte voll mit illegalen Aktivitäten sind.“ Man erinnert sich an die Silk Road, bei der 2013 26.000 Bitcoins beschlagnahmt wurden, oder an AlphaBay, wo bis 2017 400.000 Menschen mit Bitcoins Drogen kauften. Oder an die WannaCry-Ransomware, die 200.000 Computer auf der ganzen Welt infizierte. Und so weiter. Bitcoin war sogar im Spiel, als Trump-Anhänger im Januar dieses Jahres den Capital Hill stürmten.

Dieses „konventionelle Wissen“ wird „bestätigt durch öffentliche Statements von Regierungsvertretern auf beiden Seiten des Atlantiks, die immer wieder nahelegen, dass Bitcoin vor allem für illegale Dinge genutzt wird.“ Auch Morell sah das so – Kryptowährungen sind „vor allem eine größtenteils anonyme Methode, um Geld zu versenden.“

Zahlreiche Gespräche mit Experten später weiß er vor allem eines: Er lag mit dieser Ansicht ebenso falsch wie all die Medien und Beamten, die nicht müde werden, das Märchen zu erzählen, Bitcoins seien ein Geld der Kriminellen.

Nicht nur werde „die Nutzung von Bitcoin für illegale Finanzen deutlich überschätzt“. Die Blockchain sei auch ein wertvolles, weitgehend verkanntes Werkzeug für digitale Forensik den Kampf gegen Kriminalität.

Wie aber kam Morell zu dieser Einsicht?

Anteil der Kriminalität bei Fiat-Währungen viel höher

Zunächst hat er sich mit den Studien der Blockchain-Analysten Chainalysis und CipherTrace beschäftigt.

Chainalysis kam zum Schluss, dass zwischen 2017 und 2020 weniger als ein Prozent der Gesamtaktivität bei Kryptowährungen im Allgemeinen kriminelle Hintergründe habe. CipherTrace schätzt für Bitcoin im Speziellen die illegale Aktivität sogar nur auf 0,5 Prozent des Transaktionsvolumens.

Zwar räumt Morell ein, dass die Analysten nur die kriminellen Transaktionen aufzeichnen, von denen sie wissen. Doch sowohl Chainalysis wie auch CipherTrace versicherten ihm, dass die Dunkelziffer relativ klein sei, maximal so viel, wie sie schon kennen. Selbst großzügig gerechnet kommt man damit bei Bitcoin auf keine zwei Prozent.

Verglichen mit Dollar und Euros sind Kryptowährungenein regelrechtes Saubergeld: Das geschätzte Volumen illegaler Transaktionen in traditionellen Währungen liegt bei 2-4 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Dies verdeutlichen Zahlen der FinCEN und wurde Morell auch von ehemaligen CIA-Analysten bestätigt. Auch ein BAE-Bericht, der von SWIFT in Auftrag gegeben wurde, kam 2020 zum Schluss, dass die identifizierten Fälle an Geldwäsche durch Kryptowährungen im Vergleich zu traditionellen Methoden relativ gering sind. Auch die verfügbaren Analysen zur Terrorfinanzierung landen bei diesem Ergebnis – Kryptowährungen machen einen minimalen Anteil aus.

Immerhin konstatiert Morell eine gewisse Gefahr durch anonymere Kryptowährungen, wie Monero. Bei diesen sei der Anteil krimineller Transaktionen „viel größer“ als bei Bitcoin, und es gibt zahlreiche Hinweise, dass Kriminelle sich zunehmend solchen Währungen zuwenden.

Für traditionelle, transparente Blockchains hingegen gilt eher das Gegenteil.

„Ein mächtige forensisches Werkzeug“

Nach seinen Recherchen sieht Morell Bitcoin nicht länger als Werkzeug für Kriminelle. Vielmehr ist „die Blockchain-Technologie ein mächtiges, aber viel zu wenig genutztes forensisches Werkzeug, durch das Regierungen illegale Aktivitäten erkennen und Kriminelle vor Gericht bringen können.“ Ein Experte nannte Blockchain sogar einen „Segen für die Überwachung“.

Auch die CFTC, die mit der Aufsicht von Optionen und Futures beauftragte Behörde, bestätigte ihm dies. Es sei einfacher, illegale Aktivitäten zu verfolgen, wenn die Täter Bitcoin anstatt Banküberweisungen benutzen, und sehr viel einfacher im Vergleich zu Bargeld. Andere Experten gingen sogar so weit, dass man alle illegalen Aktivitäten ausmerzen könnte, wenn jeder Blockchain benutzen würde.

„Aufgrund dieser Analysen komme ich zu der Überzeugung, dass wenn man ein finanzielles Ökosystem sucht, welches so schlecht für Kriminelle ist, dass es die Chancen der Strafverfolgung maximieren würde, sie zu identifizieren – dann wäre das Blockchain.“

Sorge vor falschen Bedenken

Angesichts dieser so eindeutigen Ergebnisse – warum findet man überall alarmistische Artikel und Äußerungen zu den Gefahren durch Bitcoin?

Morell erklärt dies damit, dass vielen Leuten das Verständnis für die neue Technologie fehlt, „und die meisten reagieren mit Furcht auf das, was sie nicht verstehen.“ Darüber hinaus machen schlechte Nachrichten einfach bessere Schlagzeilen als gute.

Die Folgen dieser Asymmetrie findet er besorgniserregend. Gegenüber dem Magazin Forbes erklärt er, dass „wir aufpassen sollten, um zu vermeiden, dass die Arbeit der Forensik und der Strafverfolgung die Notwendigkeit für die USA überschreibt, bei finanziellen Innovationen mit China Schritt zu halten.“ Schon jetzt sei die USA weit hinterher, etwa wenn es um die Entwicklung eines digitalen Dollars geht; Morell fürchtet, dass die unnötigen Sorgen vor der kriminellen Nutzung den Rückstand noch mehren.

Über die Europäische Union redet er nicht. Das dürfte gut so sein. Denn gefühlt sind hier die Bedenkenträger noch viel stärker vertreten.

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1 Kommentar zu „Wenn man ein finanzielles Ökosystem sucht, das schlecht für Kriminelle ist – dann wäre das Bitcoin.“

  1. Gunnar Eberlein // 15. April 2021 um 19:46 // Antworten

    Meiner Meinung nach bietet Bitcoin nur Erpressern Vorteile. Die können sich die erpressten Beträge auf eine neu generierte Adresse transferieren lassen und dann in aller Ruhe warten, bis die Verjährungsfrist von fünf Jahren abgelaufen ist. Ein Erpresser könnte dann zwar nicht mehr bestraft, aber dennoch ermittelt werden. Damit riskiert er, vom Geschädigten privat verfolgt zu werden.

    Andere Kriminelle werden kaum in Lage sein, erbeutete Bitcoins gefahrlos abzugreifen. Einen Coinmixer zu verwenden ist keine gute Idee. Man stelle sich einmal vor, Terroristen verwenden unwissentlich einen Coinmixer, der von der CIA oder dem BKA betrieben wird.

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