Wird die Türkei zum ersten Land der Welt, in dem die Regierung zur Bitcoin-Bank wird?

Viele Leute sagen, Istanbul sei die spannendste Stadt Europas. Foto von Moyan Brenn via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die türkische Lira fällt, die Leidenschaft für Bitcoin steigt – und zwei Krypto-Börsen im Land kollabieren. Die Regierung will nun einschreiten und die User mit einem schaurig-schön-sensationellen Plan beschützen.

Nachdem in der Türkei zwei Bitcoin-Börsen zusammengestürzt sind, hat die Regierung eine entschlossene Regulierung des Marktes angekündigt. Im Gegensatz zu anderen Regulierungsplänen versetzt der türkische die internationale Bitcoin-Szene aber in Verzückung – wenn auch aus teilweise zweifelhaften Gründen.

Die Regierung kündet nämlich an, einen bisher beispiellosen Tatbestand zu schaffen: Wie Bloomberg berichtet plant sie „eine zentrale Treuhandbank aufzubauen, um die Risiken durch Vertragspartner zu eliminieren.“

Ja, das könnte genau das heißen, wonach es klingt: Die türkische Regierung will die Bitcoins der Börsen verwahren. Damit würde sie zur ersten Regierung weltweit werden, die als „Bitcoin-Bank“ agiert. Details sind allerdings äußerst rar, Anfragen von Bloomberg und anderen Medien blieben bisher unbeantwortet. Das regulatorische Rahmenwerk solle in wenigen Wochen fertig sein; Finanzministerium, der Kapitalmarktsrat und die Finanzaufsicht seien bereits involviert – und das war’s an Infos.

Zwischen Himmel und Hölle

Ist es nun phantastisch, dass die türkische Regierung Bitcoins halten will? In gewisser Weise ja, in gewisser Weise nein.

Nein, weil der türkischen Regierung die notwendigen Kompetenzen fehlen dürften, um Kryptowährungen sicherer zu verwahren als Börsen. Und nein, weil es keine Gewähr gibt, dass die türkische Regierung diese Macht nicht missbraucht, um sich widerrechtlich Bitcoins anzueignen. Beispielsweise, um damit Lücken im derzeit geplagten Budget oder Devisenhaushalt zu stopfen.

Offensichtlich will die türkische Regierung durch das Vorhaben stärker in die Krypto-Märkte eingreifen als jede andere Regierung. Sie will den Börsen das Recht verwehren, ihre eigenen Schlüssel zu speichern, und sie möchte sich einen Zugriff auf die Bitcoins ihrer Bürger verschaffen.

Wenn es darum geht, Kontrolle auszuüben, ist die Einrichtung einer verpflichtenden Verwahrstelle in Regierungshand ein Plan, der so simpel wie effizient ist, dass man ihn nur für seine Eleganz bewundern kann. Allerdings versteht sich von selbst, dass eine solche Regulierung allem widerspricht, wofür Bitcoin steht.

Und dennoch begegnen ihm einige Bitcoiner mit kaum verhohlenem Jubel. Denn wenn eine Regierung Bitcoins verwahrt – dann ist das ein Schritt in die Richtung, die Bitcoiner für unvermeidbar halten: dass Bitcoins zur Reservewährung der Zentralbanken werden. Und wenn eine Regierung verlangt, Zugriff auf die Bitcoins ihrer Unternehmen zu haben – dann ist das ein Zeichen dafür, dass Bitcoin die Begehrlichkeiten der Regierung geweckt hat.

Eine derart autoritäre Regulierung ist an sich nichts schönes. Aber sie ist ein Symptom für etwas, das Bitcoiner schön finden.

Zwei Börsen, zwei Zusammenbrüche – und ein Grund?

Falls die Regierung wirklich ein Interesse an Bitcoins hat – sagen wir, um eine stille Reserve zu haben, durch die sie potenziell die Staatsfinanzen oder die Lira stabilisieren kann – könnte der Tumult um die beiden Börsen Thodex und Vebitcoin nur ein Vorwand sein.

Die Börsen sind beide in der letzten Woche kollabiert, und zwar aus beinah identischen Gründen.

Am 23. April wurde gemeldet, dass die Börse Thodex überraschend offline ging. Der Chef, Faruk Fatih Ozer, hat sich nach Albanien abgesetzt, angeblich mit zwei Milliarden Dollar an Kundengeldern. Sein Anwalt lässt ausrichten, dass die Börse aufgrund eines Hacks Probleme bekommen hatte, Auszahlungen und Verkaufsforderungen zu bedienen, dass die zwei Milliarden Dollar Phantasiezahlen seien, und dass Ozer geflohen sei, um der unangenehmen Wahl zwischen Selbstmord und Gefängnis zu entkommen. Die türkische Polizei hat einen Haftbefehl gegen ihn ausgestellt und 83 Mitarbeiter der Börse in verschiedenen Städten verhaftet und verhört.

Am 26. April traf es die Börse Vebitcoin. Sie gab auf ihrer Webseite bekannt, den Handel einzustellen, weil es zu finanziellen Engpässen gekommen sei. Türkische Behörden hatten kurz zuvor die Bankkonten der Börse gesperrt und vier Mitarbeiter verhört. Weitere Infos sind rar.

Laut Datenplattformen hatte Vebitcoin vor dem Kollaps ein tägliches Handelsvolumen von 60 Millionen Dollar, Thodex sogar mehrere hundert Millionen Dollar. Bei beiden Börsen sollte man diese Zahlen mit Vorsicht genießen: Börsen mit einem so hohen Umsatz schlittern nicht über Nacht in finanzielle Engpässe, aber viele Börsen manipulieren ihre Zahlen, um den Eindruck hoher Relevanz zu erwecken.

Möglich wäre, dass die Börsen die Kryptowährungen, die sie verkauften, gar nicht wirklich hatten, sondern, ähnlich wie Banken, ein System der Teilreserve betrieben, um das Bitcoin-Fieber in der Türkei zu bedienen, welches im vergangenen Monat geradezu sprunghaft aufgeflammt ist.

Ebenso denkbar wäre allerdings, dass beide Börsen nicht an hausgemachten finanziellen Problemen gescheitert sind – sondern am Druck der Regierung. Ist es Zufall, dass beide Börsen mit einem Abstand von wenigen Tagen aus beinah denselben Gründen zusammenbrechen? Welche Rollen spielen durch Behördenwillkür eingefrorene Konten und andere verdeckte Sanktionen?

Und hat, möchte man fragen, die Regierung durch Strafmaßnahmen eben jenen Zustand erzeugt, gegen den sie nun vorgeht? Oder basteln wir gerade eine Verschwörungstheorie, die auf dem konstant-negativen Bild aufbaut, das deutsche Medien von der türkischen Regierung zeichnen?

Wissen und Nichtwissen

Man weiß nur – nichts. Es könnte so sein, oder so – oder auch ganz anders.

Was man aber weiß, ist das folgende: Die Türkei schlittert in immer tiefere Währungsprobleme. Die türkische Lira, durch die Probleme an der Spitze der Zentralbank ohnehin geschwächt, hat Anfang der Woche noch weiter verloren, was laut FAZ an einem Kommentar von US-Präsident Joe Biden zum Völkermord an den Armeniern sowie an einer Behauptung von Notenbankchef Sahap Kavcioglu zu (keinen) Zinserhöhungen lag. Mit 10 Euro-Cent erreichte die Lira einen neuen absoluten Tiefpunkt.

Was man ebenfalls weiß: Die Krise der Lira hat in der Türkei eine neue Begeisterung für Bitcoin ausgelöst hat. Zumindest steht dem Allzeittief der Lira ein Allzeithoch der Google-Suchanfragen gegenüber, und Berichten zufolge auch ein Allzeithoch des Handelsvolumens türkischer Börsen.

Wenn man sich durch die Zahlen auf Coingecko klickt, scheint aber der Höhepunkt des türkischen Bitcoin-Handels am 16. April erreicht worden zu sein. Dies war einen Tag bevor die Zentralbank das Verbot erließ, Kryptowährungen als Zahlungsmittel zu verwenden. Die Regierung scheint also durchaus in der Lage zu sein, den Markt zu beinflussen.

Und egal welche der vielen Varianten zutrifft, die einen möglichen Weg durch das Dickicht der unvollständigen Informationen weisen – in der Türkei könnte derzeit rund um Bitcoins aus mehr als einem Grund Geschichte geschrieben werden.

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2 Kommentare zu Wird die Türkei zum ersten Land der Welt, in dem die Regierung zur Bitcoin-Bank wird?

  1. Was soll daran Verschwörungstheorie sein? Die türkische „Führung“ haut natürlich mit allem, was sie hat, auf den Bitcoin drauf, da sie im absoluten Panik-Modus sind und ihre Untertanen so lange wie möglich im System gefangen halten müssen, was – wie wir hier alle wissen – ein Kampf gegen Windmühlen ist.

  2. JohnMKeynes // 6. Mai 2021 um 9:49 // Antworten

    Spannend und tragisch-komisch wie Herr Erdogan verzweifelt versucht der Zukunft hinterher zu rennen. Die althergebrachten Mittel wirken einfach nicht mehr, vielleicht mal den Zentralbankchef auswechseln? Mist, hat er ja gerade dreimal.
    Und jetzt legt er sich mit einen guten Teil türkischer IT Experten an. Wenn die jetzt nicht mal richtig sauer sind.

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