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„Bitcoin wird Tether überleben, aber der Vertrauensverlust wird immens sein, und ihn zu reparieren Jahre dauern.“

"Tethered" ist englisch grob für "angekettet". Bild von Magnus Hagdorn via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die Tether-Debatte , Teil 1: Der Journalist Philipp Mattheis erklärt, warum er den Dollar-Token misstraut und fürchtet, dass Tether Bitcoin massiv schaden wird. 

Tether steht eigentlich für zwei Probleme. Das erste ist das offensichtlichere und bekannte: Es wurden mehr Stablecoins ausgegeben als US-Dollar eingenommen.

Das Unternehmen hat das übrigens selbst zugegeben. Im Februar 2019 änderte sich der Text auf der Website von „Every USDT is backed by one USD“ in „Tether is 100% backed by its reserves“. Bisher ist es dem Unternehmen allerdings gelungen, den Kurs stabil zu halten. Das Kursversprechen, wonach 1USDT immer gleich 1USD ist, hält. Durch eine gute Vernetzung mit der Szene, aggressiver Pressearbeit und einer weitgehend unkritischen Öffentlichkeit ist es Tether gelungen, ausreichend Vertrauen in den Kurs aufrechtzuerhalten.

Und das führt zum zweiten, eigentlich größeren Problem: Bitcoin ist eine Geburt aus den Trümmern der Finanzkrise. Zu der war es 2008 gekommen, weil Banken Schulden und Kredite bündelten, neu verpackten und untereinander handelten, bis ein völlig intransparentes System entstanden war. Das Ausmaß dieses Chaos kam erst ans Tageslicht, als die Blase geplatzt war.

Bitcoin trat 2009 an, um es besser zu machen: Sound money, hartes Geld, soll die Banken entmachten und den Weg in eine neue, gerechtere Welt ebnen. Don’t trust, verify!, lautet der Schlachtruf der Bewegung. Anstatt zentralisierten Organisationen zu vertrauen, dass diese schon das Richtige mit dem eigenen Geld tun und dessen Kaufkraft nicht durch eine schleichende Inflation entwerten, steht die Blockchain: Klar, transparent, unfälschbar. Das ist genial und seit der Monetarisierung von Gold die wohl größte Revolution der Finanzgeschichte.

Das Unternehmen Tether wird immer wieder als die „Zentralbank der Krypto-Industrie“ bezeichnet, die das Schmiermittel produziert, um das Wachstum des Ökosystems zu beschleunigen. Das Tragische daran ist: Tether hat exakt dieselben Missstände reproduziert, gegen die Bitcoin 2009 angetreten ist. Eine zentralisierte Organisation produziert eine Blase aus nichtgedeckten Shitcoins, gibt keine Auskunft über ihr Tun, und fordert stattdessen „Vertrauen“, dass schon alles mit rechten Dingen zu geben.

Absurd ist, dass es der Crypto-Community seit 2015 nicht gelungen ist, diese offensichtlichen Missstände selbst zu beseitigen. Es wäre leicht gewesen: die Finger von USDT lassen, Börsen meiden, die die Stablecoins halten, Fragen stellen und vor allem Betrug beim Namen nennen. Dass Szene-Größen jahrelang das Unternehmen und seine Machenschaften deckten und berechtigte Kritik als „No Coiner FUD“ abtaten, wirft kein gutes Licht auf die Selbstreinigungskraft der Gemeinschaft.

Mittlerweile ist es zu spät. Die Ausmaße des Tether-Systems haben staatliche Regulatoren aufgeschreckt. Die arbeiten langsam, und vielleicht geht die Gelddruckerei aus dem Nichts (bzw. die bruchteilige Deckung mit „Commercial Papers“) noch ein paar Monate weiter. Wie es enden wird, wissen wir alle. Bitcoin wird Tether überleben, aber der Vertrauensverlust wird immens sein, und ihn zu reparieren Jahre dauern.

Philipp Mattheis ist Herausgeber von BlingBling, einem wöchentlichen Newsletter über Bitcoin, Gold und Geld, der auf blingbling.substack.com kostenlos abonniert werden kann.

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4 Kommentare zu „Bitcoin wird Tether überleben, aber der Vertrauensverlust wird immens sein, und ihn zu reparieren Jahre dauern.“

  1. Dass der Peg hält, ist auch durchaus rational. Man kann Tether ja effektiv zu diesem Peg einlösen, da für die ersten Einlösenden noch genug Geld bei Tether da ist.

    Wenn die Musik ausgeht, dann finden nur die letzten keinen Stuhl. Bis dahin könnte man einen abweichenden Peg per Arbitrage ausnutzen und die Abweichung so auflösen.

  2. ähm und wann kommen rationale Argumente?

    Ich halte selbst nicht sonderlich viel von Tether und würde mir wünschen, dass ein anderer Stablecoin, zb USDC in erster Linie genutzt würde, aber dieser Artikel enthält keinerlei Informationen/Argumente. Weder warum Tether schlecht ist, noch warum es schlecht wäre, wenn Tether „platzen“ würde. Das hätte man sich auch sparen können 😀

    Der „Kurs“ von Tether hat rein gar nichts mit Vertrauen zu tun. Sondern nur damit, ob/wie gut es möglich ist die USDT tatsächlich wieder in USD bzw. umgekehrt umzuwandeln. Als Bitfinex/Tether Probleme mit ihren Banken hatten, hat man das deutlich an Kurssschwankungen gemerkt. Da ging es nicht um Vertrauen, sondern man konnte schlicht nicht mehr vernünftig umtauschen.
    (Man könnte behaupten, dass die Leute ja „vertrauen“ dass man es 1:1 umtauschen kann, also hat es ja doch mit Vertrauen zu tun. Aber da braucht es kein Vertrauen, es kommt schlicht auf die Realität an, da gibt es nur „geht“ oder „geht nicht“. Und das wird tagtäglich von den sehr großen Arbitrage Kunden von tether.io überprüft)

    USDC ist deutlich simpler, in jeder beliebigen Menge und völlig kostenlos (zb direkt bei coinbase) 1:1 tauschbar in USD und umgekehrt. Während man bei Tether einen extra account bei tether.io braucht, mindestens 0.1% Gebühren zahlt (oder 1000€, je nach dem was mehr ist) und eine Mindesthandelsmenge von 100.000€ hat.
    Das ist mein Kritikpunkt an Tether und weshalb ich USDC besser finden würde.

    • Paul Janowitz // 3. August 2021 um 8:52 // Antworten

      Muss Dir leider zustimmen, die beiden Artikel sind leider ziemlich schwach. Ich habe meinen Kommentar bereits beim Follow-Up von Christoph abgegeben, in dem er fragt, „warum Tether denn gefälschte USDT“ ausgeben sollte. Erstmal sind es nicht gefälschte, sondern wenn, dann durch nichts oder unzureichend gedeckte Token und die Frage ist eher, „warum sollte es Tether nicht machen?“. Es funktioniert ja blendend. Der Vergleich mit der Reise nach Jerusalem ist perfekt.

  3. Passend zu dem Thema hat der Internationale Währungsfonds gerade entschieden, seine „finanzielle Schlagkraft“ durch die Ausgabe von Sonderziehungsrechten (SDR) im Umfang von 650 Milliarden US-Dollar zu erhöhen. Wie alle anderen Fiatwährungen auch, entsteht dieses Weltgeld gänzlich aus dem Nichts. Investigativ-Journalist Mattheis könnte dies in seinem nächsten Bling-Bling-Newsletter einmal genauer untersuchen.

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